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Basel hat jetzt eine Sound-Spelunke

Joel Gernet am Freitag den 13. Juni 2014

Am Rheinknie gibts einen neuen Club: Nach langer Vorbereitung feiert dieses Wochenende die «Kaschemme» hinter dem St.-Jakob-Park ihre Eröffnung. Hinter dem Betrieb steht auch einer der bekanntesten DJs der Stadt.

Das «Kaschemme»-Team: Eres Oron alias DJ Montes, Daniel Henke und Marco Schmutz mit Tochter. Wer den neuen Club von Innen sehen will, kann das ab Samstag vor Ort tun.

Das «Kaschemme»-Team: Eres Oron alias DJ Montes, Daniel Henke und Marco Schmutz mit Tochter. Wer den neuen Club von Innen sehen will, kann das ab Samstag vor Ort tun.

Es gibt Leute, die übernehmen einen Club. Andere bauen sich ihr Disco-Paradies lieber selber – so wie Daniel Henke, Marco Schmutz und Eres Oron. In monatelanger Handarbeit hat das Trio eine alte, baufällige Baracke in einen kleinen Club mit Barbetrieb verwandelt.

«Kaschemme» heisst das Kleinod am hintersten Zipfel der Lehenmattstrasse gleich hinter St.-Jakob-Park, Bahndamm und Autobahn. «Mein bester Kumpel nennt sich DJ Kaschemme. Er schlug mir vor, den Club so zu nennen. Nachdem er mir das Wort erklärte, war der Fall klar», schildert Eres Oron – besser bekannt als DJ Montes – die für einen Club ungewöhnliche Namenswahl. Kaschemme, so wurde im 19. Jahrhundert ein verrufenes Wirtshaus in der Gaunersprache genannt. Heute würde man Spelunke sagen.

Im Fall der Basler Kaschemme ist es eine Spelunke mit ordentlich Bumms: Das Soundsystem kommt nämlich vom «Nordstern», dem Techno-Tempel am Voltaplatz. «Agi Isaku vom Nordstern bot uns spontan die alte Anlage seines Clubs an», schildert Oron. Ohnehin hätten die drei Familienväter Basels neusten Club ohne die tatkräftige Mithilfe zahlreicher Freunde – und toleranter Frauen – kaum realisieren können. Der garagenähnliche Schuppen, in dem früher die Lieferungen der Elektro-Firma Haefely angenommen wurden, musste von Grund auf erneuert werden – von der Dach-Isolation bis zum Aushub einer Kanalisation für die neuen Toiletten. Für den feuerpolizeilich einwandfreien Einlass wurde eine Wand eingebrochen. Und was zwischen den schön anmutenden Holzbalken an Gemäuer übrig blieb, wurde so stabilisiert, dass künftig weder Wände noch die wenigen Anwohner unter der potenten Soundanlage zu leiden haben.

Hinter dem Joggeli: Beim «K» ist die Kaschemme zu finden.

Hinter dem Joggeli: Beim «K» ist die Kaschemme zu finden.

Eröffnet wird die Kaschemme am Samstag mit Bass, Bier und BBQ. Draussen rotiert das Fleisch, drinnen die Platten. Hinter den Plattentellern agieren die Kaschemme-Allstar-DJs, zu denen neben Eres Orons DJ-Duo Goldfinger Brothers auch die «Konzeptlos»-Plattendreher um Daniel Henke gehören. Geboten wird gemäss Eigendeklaration «Heavy Black Bass Music» oder, wie Oron konkretisiert, «Musik mit schwarzer Seele».

Mit der Club-Eröffnung geht für die drei Initianten eine lange Vorbereitungsphase zu Ende: Nach einem Hinweis des Basler Städteplaners Matthias Bürgin – in den 90ern Zwischennutzungs-Pionier auf dem nt-Areal, heute Kreativkopf im Büro Metis – warf Daniel Henke bereits vor Jahren ein Auge auf das ehemalige Siemens-Areal. Nachdem die Immobilien-Anlagegesellschaft Creafonds die Parzelle 2012 übernommen hat, reichte Henke ein Zwischennutzungs-Konzept für das knapp 13’000 Quadratmeter grosse Areal ein. Zunächst ohne Erfolg: In der grossen Halle neben der Kaschemme gastiert heute eine Freikirche, gegenüber bräunen bei unserem Besuch die halbnackten Muskelberge des «Indoor Fitness Parcous» (IFP) ihre Adoniskörper in der Sonne. Bei einer Begehung entdeckten Henke und Schmutz schliesslich einen heruntergekommenen Schuppen, der noch nicht zur Nutzung ausgeschrieben war. Und sie schlugen zu. Im Frühling 2013 wurde das Kaschemme-Projekt eingereicht, kurz darauf stiess Eres Oron dazu.

Es folgten zunächst zahlreiche Behörden Be- und Gesuche. Zuletzt war das Trio vor allem in den Basler Baumärkten anzutreffen. Nach monatelanger Knochenarbeit bricht dieses Wochenende nun die Zeit des Party-Machens, der Sommerfeste und des Public Viewings an. Am Samstag wird offiziell eröffnet, danach herrscht den ganzen Sommer über Bar- und Clubbetrieb. Es ist sowas wie eine Testphase, bevor im Herbst dann die Clubsaison richtig losgeht – mit Musikprogramm und Konzerten. Zu Beginn ist aber Spontaneität angesagt: Mobile Tische und Liegestühle laden zum Verweilen ein und sorgen für genügend Flexibilität, dass sich ein gemütliches Feierabend-Beisammensein zu einer rauschenden Party hochschaukeln kann.

Ab Mittwoch wird dann auch der TV-Anschluss funktionieren womit der Übertragung sämtlicher WM-Spiele nichts mehr im Weg steht. Und wenn der Ball in Brasilien nicht mehr rollt, könnte sich die Sound-Spelunke hinter dem Joggeli auch zur perfekten Warmup-Beiz für FCB-Fans werden – auch für die Weiblichen, wie Goldfinger-DJ Eres Oron lachend betont: «Die Väter gehen an den Match und die Mütter können bei einem Drink ihren Kleinen bei der Kinderdisco oder im Sandkasten zuschauen.»

Kaschemme-Eröffnung: Sa. 14. Juni, ab 20h. Ehemaliges Haefely-Areal am Muttenzerweg, Ecke Lehenmattstrasse, 4052 Basel.
www.kaschemme.ch

Im Spannungsfeld zwischen Euphorie und Entsetzen

Joel Gernet am Donnerstag den 12. Juni 2014

Die brasilianischen WM-Ausschreitungen erreichen Basel: Die Multimedia-Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» illustriert die Zerreissprobe des Landes. Zu sehen am Public Viewing im Basler Hinterhof.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Neben den wackligen Strassenkampf-Szenen aus Brasiliens Favelas wird eine WM-Werbung von Coca-Cola an die Backsteinwand projiziert. Man sieht, wie der Getränkemulti junge Menschen in ärmlichen Gegenden mit Cola und WM-Tickets beglückt. Der Slogan: «One World, One Game». Die Unterzeile: «Everybody’s invited». «Die Werbung ist insofern ehrlich, als dass hier der Sponsor sagt, wer eingeladen ist», findet Beni Wyss, Kurator der Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream». Er hat die Multimedia-Installation für das Sportmuseum Schweiz im Basler Hinterhof realisiert. Heute Donnerstagabend ist Eröffnung im Rahmen des Kultur-Public-Viewings im Untergeschoss des Clubs Hinterhof.

«Wir wollen Sportkultur niederschwellig am Ort des Geschehens präsentieren – hier kann man sich bequem mit einem unbequemen Thema beschäftigen», erklärt Wyss. «Ausgangspunkt war die kritische Auseinandersetzung mit der WM – ohne zu werten.» Der Kontrast zwischen Strassenkampf, Fussball-Euphorie und Kommerz ist gewollt. Die Ausstellung thematisiert jenes Spannungsfeld, dass sich auftut zwischen den unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Perspektiven auf eine Fussball-Weltmeisterschaft.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

12. Juni bis 13. Juli. Hinterhof, Münchensteinerstr. 81, Basel.

Da sieht man etwa eine junge Journalistin mit blutunterlaufenem Auge. Sie wurde an einer Demonstration von einem brasilianischen Polizisten mit Gummischrot beschossen. Oder eine verzweifelte Ärztin, die sich in Anbetracht der Millionen-Ausgaben für neue Fussballtempel über die unhaltbaren Zustände in ihrem Spital beschwert. Ihr wird ein FIFA-Funktionär entgegengesetzt, der jegliche Mitverantwortung an den sozialen Unruhen abstreitet.

Man sieht aber auch FIFA-Präsident Sepp Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff voller Zuversicht bei der WM-Auslosung, euphorische Kinder beim Fussballspielen, brasilianische Musik und Lebensfreude. «Es ist keine Ausstellung über die Schattenseiten der WM, sondern ein kritischer Blick auf die verschiedenen Perspektiven zu diesem Grossanlass», stellt Wyss klar. «Wir sind keine WM-Gegner.»

Gezeigt werden insgesamt zehn Filme, allesamt zusammengestellt mit Videomaterial aus dem Internet. «Kameras sind heute allgegenwärtig und schaffen Sichtbarkeit für alle – sowohl für Sepp Blatter als auch für die Demonstranten auf der Strasse», erklärt Kurator Wyss. «Da gibt es eine komplett neue Gegenöffentlichkeit.» Neben den offiziellen Spots von Veranstalter und Sponsoren hat man deshalb auch aus dem fast grenzenlosen Fundus an Handy-Videos aus der Bevölkerung geschöpft. Um dabei nicht komplett die Übersicht zu verlieren, arbeitete das Sportmuseum Hand in Hand mit den Nichtregierungs-Organisationen Terre des Hommes Schweiz und ANCOP, dem brasilianischen Netzwerk der Bürgerkomitees.

So erreichen die Demos aus Brasilien also via Beamer auch Basel. Es ist ein Transfer von der brasilianischen Realität in die Virtualität des Internets – und zurück in die Realität am Public Viewing im Hinterhof. Die Ausstellung markiert auch die Eroberung des Untergeschosses im ehemaligen Safruits-Früchtelager. «Die Ironie der Vorgeschichte ist, dass vor dieser Ausstellung ein Clochard zwangsumgesiedelt werden musste», schildert Wyss in Anlehnung an die umstrittenen Zwangsumsiedlungen in Brasilien. Der Obdachlose habe während Monaten in den fensterlosen Gemäuern gelebt – in friedlicher Nachbarschaft zu den Hinterhof-Betreibern. Warum der Clochard vom Gebäudeinhaber Basel-Stadt weggewiesen wurde, weiss Wyss allerdings nicht.

Es ist das dritte Mal, dass das auf dem Dreispitz beheimatete Sportmuseum Schweiz mit dem Hinterhof für das Public Viewing eines Fussball-Grossanlasses zusammenspannt. Dass der Event dabei von einer Ausstellung flankiert wird, ist hingegen neu. «Wir haben nicht den Anspruch, Brasilien nach Basel zu holen, aber wir wollen dennoch mit den Ausstellungen unseres Mobilen Museums am Ort des Geschehens zu sein», erklärt Wyss.

Der aktuelle Blick nach Brasilien – die beiden Flughäfen in Rio de Janeiro werden zur Zeit bestreikt – lässt erahnen, dass dass die Ausstellung «Copa>Demo>Video>Stream» auch nach dem Anpfiff der WM nicht an Aktualität verlieren wird. Im Gegenteil: Die brasilianische Zerreissprobe könnte auch nach der Weltmeisterschaft weiter gehen – 2016 führt das Land die Olympischen Spiele durch.

Copa>Demo>Video>Stream – Eine Video-Ausstellung über Brasilien und die Fussball-WM. 12. Juni bis 13. Juli 2014. Hinterhof, Münchensteinerstrasse 81, Basel. Vernissage: Donnerstag, 12. Juni, 20 Uhr.