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Neugier besiegt Vernunft

Fabian Kern am Montag den 11. Juni 2012

Das SeilEin Seil bringt das behütete Dorfleben durcheinander. Plötzlich liegt es da und führt in den Wald hinein. Doch wie weit, und wer hat es zu welchem Zweck da hingelegt? Eine erste Erkundung des Seils bringt einen Verletzten, aber keine Erklärung. Deshalb macht sich die Mehrzahl der Männer auf die Reise zur Erkundung des Geheimnisses. Die Suche nach dem Ursprung, zuerst einfach nur willkommene Abwechslung zum grauen Arbeitsalltag, wird immer mehr zur heiligen Mission, der alles untergeordnet wird. Unter dem Kommando des Lehrers Rauk lassen sich die Bauern völlig vom Seil vereinnahmen. Sie werfen alle Prinzipien über Bord, werden zu gewalttätigen Plünderern und setzen die Existenz ihres Dorfes aufs Spiel. Anstatt die Ernte einzubringen, ziehen die Männer lieber durch den Wald und schlafen im Freien, alles unter dem Vorwand der unglückseligen Mission. Die braven Bauern verlieren durch die Suche nach dem Unbekannten ihre Unschuld.

Stefan aus dem Siepen

Starke Sprache, schwacher Plot: Stefan aus dem Siepen. (Bild: dtv)

Bewusst sind weder Ort noch Zeit definiert. Die Geschichte ist eine Parabel auf Religion, Politik oder Wissenschaft und könnte sich irgendwann irgendwo abspielen. Das Seil steht für den Reiz des Unbekannten, der die Bauern erkennen lässt, in welch engem Radius sie bisher ihr Leben verbrachten – geografisch wie geistig. Die Neugier besiegt die Vernunft und wird zur Obsession. Schliesslich hat sie die Menschheit dahin gebracht, wo wir heute stehen. Im positiven wie im negativen Sinn. Das Problem am sprachlich starken Buch von Stefan aus dem Siepen ist denn auch weniger die Idee als vielmehr der vorhersehbare Plot, der leider wenig Überraschendes bietet.

Stefan aus dem Siepen: «Das Seil». DTV Premium, München 2012. 180 Seiten, ca. Fr. 20.-.