Beiträge mit dem Schlagwort ‘Oslo’

Hoffen und Bangen mit Harry Hole

Fabian Kern am Mittwoch den 4. Dezember 2013

BuchcoverHarry Hole lebt. Wer mit diesem Satz nichts anfangen kann, der sollte gar nicht erst weiterlesen. Alle anderen nämlich sind elektrisiert – falls sie Jo Nesbøs «Koma» nicht schon längst gekauft und verschlungen haben. Zu gross war die Ernüchterung am Ende von «Die Larve», des letzten Bandes der Serie, als Harry von seinem Ziehsohn Oleg niedergeschossen wurde, als dass ein echter Fan jetzt unnötig Zeit verlieren könnte. Und ein echter Fan ist, wer in allen bisherigen neun Büchern mit dem selbstzerstörerischen, aber gutherzigen Suchtmenschen mitgelitten hat.

«Koma» knüpft inhaltlich nahezu nahtlos an seinen Vorgänger an. Die dramatischen Ereignisse rund um den Drogenbaron Rudolf Asajev sind sofort wieder präsent, Harrys Gegenspieler immer noch dieselben. Mikael Bellman ist zum Polizeipräsidenten aufgestiegen, die skrupellose Kultursenatorin Isabelle Skøyen befindet sich weiterhin auf Steigflug in der Osloer Politik. Nur einer kann dem ruchlosen Duo gefährlich werden, weshalb sie ein Attentat auf den unter Bewachung stehenden Mann im Koma planen. Harrys ehemaligen Kollegen sehen sich derweil mit einer schockierenden Mordserie konfrontiert. Ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und bringt Ermittler an den Tatorten ihrer ungelösten Mordfälle um. Das Team um Beate Lønn wünscht sich ihren schwierigen, eigenbrötlerischen aber eben auch genialen früheren Hauptkommissar zurück – im Wissen, dass die Polizeiarbeit auf Harry ebenso fatale Auswirkungen haben kann wie der Alkohol.


Ein Video-Gruss von Jo Nesbø an seine Leser.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer – man traut Nesbø im zehnten Band nicht über den Weg und alles zu. Schliesslich hat er auch in der Vergangenheit vor nichts zurückgeschreckt. Schickt er Harry wieder in die Fänge des Alkohols? Lässt er ihn seine grosse Liebe Rakel endgültig aufgeben, weil Harry Angst hat, ihrer nicht wert zu sein? Wer aus Harrys engsten Umfeld lässt er noch über die Klinge springen? Ist er gar fähig dazu Harry selbst sterben zu lassen? Diese Fragen zehren am Leser, der das Buch deshalb wie getrieben gar nicht mehr beiseite legen kann. Man hofft so sehr, dass Harry endlich die Kurve kriegt und seinem Glück nicht wieder selbst im Weg steht. Doch kann er sich wirklich ändern?


Jo Nesbø spricht 2011 über seinen Krimi-Protagonisten Harry Hole.

Als Weihnachtsgeschenk taugt der Krimi nicht viel, denn Fans werden nicht bis Heiligabend warten wollen, und das Quereinsteigen ist in dieser Serie nicht zu empfehlen. Dabei sei auf Harry Holes ersten Fall, «Der Fledermausmann» verwiesen. Zwar ist jenes Buch das schwächste der ganzen Serie, ist für die ganze Geschichte aber elementar. Das Lesen lohnt sich – auch wenn es Nesbø nicht immer nur gut mit seinem Helden meint. Aber Achtung: Sucht ist nicht nur ein immer wieder kehrendes Thema in den Nesbø-Krimis, sondern sie machen selbst süchtig. Nach dem Buch ist leider schon wieder vor dem Buch. Da macht auch «Koma» keine Ausnahme.

Jo Nesbø: Koma. Kriminalroman. Ullstein Verlag. Berlin, 2013. 608 Seiten, Fr. 36.90.