Beiträge mit dem Schlagwort ‘OpenArt.11’

«Das Beste, was man in Basel bekommt, ist eine Anzeige»

Joel Gernet am Donnerstag den 3. Februar 2011


Bustart gehört zu den bekanntesten und fleissigsten Basler Streetart-Künstlern. Seinen Kindergesichtern, Affen und Schriftzügen begegnet der aufmerksame Flaneur in der ganzen Stadt. Heute Abend startet Bustarts Ausstellung «Off The Street» in der Kleinbasler Carambolage-Bar beim nt-Areal. Die erste Solo-Show des Künstlers ist gleichzeitig auch ein Abschied von seiner Heimatstadt. In wenigen Wochen wird Bustart sein Domizil nämlich nach Amsterdam verlegen, «einem Spielplatz für Erwachsene», wie «Bust» gegenüber Schlaglicht erklärt, während er das Carambolage für seine Ausstellung herrichtet – der Künstler darf fast die gesamte Bar nach Lust und Laune umgestalten. Und weil Bustart offensichtlich gerne grossflächig mit roter Farbe arbeitet, glaubt ein Passant, dass ein Bordell-Schaufenster entstehe. Fast wie in Amsterdam.

Neben London und Barcelona ist Amsterdam eines der Sprungbretter für europäische Streetart-Künstler, wie Bustart sagt. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum er Basel den Rücken kehrt: «Amsterdam ist das krasse Gegenteil der Schweiz.» Wenn er in den Strassen von Amsterdam male, würden die Polizisten bei ihm eine Zigarettenpause machen und sich für das tolle Bild bedanken. «Das Beste, was man in Basel bekommen kann, ist eine Anzeige», sagt Bustart, der sich beim Thema «künstlerischer Freiraum in Basel» regelrecht in Rage redet. Von Seiten der Behörden gebe es zwar viel positives Feedback, schlussendlich bleibe es aber fast immer bei Lippenbekenntnissen.

Kein Wunder, war Bustart irritiert, als vor zwei Wochen im Rheinhafen Streetartists aus São Paolo mit dem Segen der Basler Behörden diverse Wände gestalten durften. «Nichts gegen diese Künstler, aber wir bemühen uns seit Jahren vergebens um Freiräume, und die bekommen sofort eine Genehmigung.» Der Basler reagierte auf seine Weise – indem er bei der Brasilea-Stiftung ein «illegales» Schablonenbild neben das legale Werk des Brasilianers Daniel Melim klebte (siehe links). «Ich hätte mich ehrlich gesagt gefreut, wenn jemand reklamiert hätte», sagt Bustart. Doch eine Auseinandersetzung blieb aus.

Der Basler – er ist übrigens Mitbegründer der Guerilla-Ausstellung OpenArt (wir berichteten) – provoziert gerne mit seinen Bildern. Ihn reizt, dass in der Streetart jeder seine Meinung darstellen kann – ob es den Leuten passt oder nicht. «Bei mir hat jedes Bild eine Aussage», erklärt Bustart. Die ganze Welt sei vollgestopft mit Polit- und Werbeplakaten. «Ich probiere gegenzusteuern, indem ich Werbung mache für etwas, bei dem die Leute nicht wissen, was es ist, und das es nirgends zu kaufen gibt.» Das verbreitetste Bust-Motiv ist das lächelnde Bubengesicht, das fast wie die Wahlplakate der Politiker in der ganzen Stadt zu sehen ist. Das Portrait ist kein Kindheitsfoto von Bust, sondern ein Bild aus dem England der 60er Jahre.

Als Ernst Beyeler im Februar 2010 verstarb, tapezierte Bustart die Innenstadt mit dem Kopf des berühmtesten Basler Kunstsammlers. Und wer ab heute die Ausstellung «Off The Street» besucht, begegnet einem Schablonenbild von Jean Tinguely. Solche Referenzen sind Bust «sehr wichtig».

Off The Street, Carambolage, Erlenstrasse 34, 4058 Basel. Eröffnung: Do. 3. Februar, 18h-22h. Danach jeweils Donnerstag bis Sonntag von 18 Uhr bis Mitternacht. Sämtliche Exponate können via der Homepage von Bustart ersteigert werden.

Streetart-Mob stürmt Theater-Passage

Joel Gernet am Samstag den 22. Januar 2011

«Egal wer meine Bilder mitgenommen hat, ich habe eine riesen Freude», strahlt der junge Mann kurz nach ein Uhr nachts in der Theaterpassage. Der Streetart-Künstler ist hin und weg von der Tatsache, dass seine einäugigen Aliens regelrecht von den Wänden gerissen wurden. Was ist passiert? Wir drehen die Uhr rund sechs Stunden zurück…

Es ist kurz vor sieben Uhr abends. Seit knapp einer Stunde laden Basels bekannte Kulturhäuser offiziell zur Museumsnacht. Bei der Elisabethenkirche versammeln sich rund fünfzehn junge Streetart- und Graffiti-Künstler mit ihrem Anhang – nun beginnt ein inoffizieller Teil der Museumsnacht. OpenArt.11 heisst das Projekt. Der Mob läuft die Treppe hinunter zur Theater-Passage und macht sich an den Wänden zu schaffen. Innert kürzester Zeit hängen mehrere dutzend Bilder in der Unterführung (Fotostrecke am Ende des Artikels): Ein Papier-Strassenmusikant mit Gitarre und nachdenklichem Blick klimpert auf seiner Gitarre, davor ein Becher mit realem Geld drin. Ihm gegenüber macht sich eine freizügige Frau in devoter Pose am Hosenbund eines Geschäftsmannes zu schaffen. Nicht weit davon entfernt blickt ein überlebensgrosses Kindergesicht vom einem Plakat. Dazwischen hängen dutzende weniger auffällige, teilweise sehr detailliert gestaltete Bilder, mit denen sich der Betrachter die Zeit bis um ein Uhr vertreiben kann – ab dann dürfen die Kunstwerke nämlich gratis mitgenommen werden.

In der Mitte der Passage pinkelt ein kleiner Junge quer über den Durchgang – als ob er auf seine Weise ein Statement platzieren will: Hier wird den grossen Kulturinstitutionen ans Bein gepisst. Und auch all den Passanten, die mit gesenktem Kopf durch die Passage eilen, jeden Blickkontakt meidend, als könnte es jederzeit zur Konfrontation kommen. Es ist, als ob die vielen Schreckensmeldungen über Gewaltverbrechen in der Stadt ihre Wirkung entfalten. Doch wir sind zum Glück nicht auf dem Albisgüetli und ein Grossteil der Passanten schlendert mit interessiertem Blick zwischen den herumstehenden Jugendlichen durch die Passage, voller Verwunderung über die aussergewöhnliche Guerilla-Galerie, die sich ihnen eröffnet.

Vor vier Jahren nahm eine Hand voll Basler Strassenkünstler an der ersten OpenArt am Jugendkulturfestival (JKF) teil. Im Jahr darauf zog der auf acht Künstler angewachsene Tross unter die Wettsteinbrücke – erstmals im Rahmen der Museumsnacht. Dann zog es die Aktion in die Theater-Passage. Und heute findet sich fast kein freier Platz mehr an den Wänden der Unterführung zwischen den Werken der rund fünfzehn Beteiligten Artists. Dort steht auch auf einem Flugblatt, worum es den anonymen Veranstaltern geht:

Wie immer wollen wir in einem angepassten Rahmen die Kulisse der Basler Gemäuer als Freiluft-Atelier nutzen. Das Interesse und die Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt dieser Stadt wollen wir so mitgestalten. Kunst soll jedem offen stehen. Jeder ist und soll ein Teil der «Kultur-Bewegung» sein.

Gegenüber Schlaglicht beschreibt ein Mitorganisator zudem, warum man den öffentlichen Raum erobert:

Tags, Schablonen und Poster sind ein Abbild der Lebendigkeit. Werbeplattformen beeinflussen die Menschen, welche daraufhin konsumieren. Wir wollen mit unseren Werken ebenfalls wahrgenommen werden. Graffiti, Streetart etc. sind keine Hochkünste, die gegen ein Entgelt gezeigt werden sollen, sondern sie sind eine Ausdrucksform der Gesellschaft. Die Freiräume für kulturelle Entfaltung in Basel sind zwar extrem eingeschränkt, doch mit kreativen Aktionen wie dieser wollen wir uns diese Räume zur Entfaltung zurück erobern.

Kurz vor ein Uhr nachts, wollen ziemlich viele junge Leute Teil der oben genannten «Kultur-Bewegung» sein. Die Unterführung ist gestossen voll. Seit es Mitternacht geschlagen hat, ist die Anzahl der Besucher sprunghaft gestiegen – einige kommen direkt vom Dreiländereck, wo im Brasilea die neue Ausstellung über Streetart aus Brasilien gezeigt wird. Ungeduld macht sich breit. Nicht wenige platzieren sich unauffällig vor ihrem Kunstobjekt der Begierde, schliesslich werden alle Werke bald verschenkt. Das freundliche Gezänk um die Bilder tut der sehr guten Stimmung keinen Abbruch. Punkt ein Uhr werden die Bilder, Collagen, Leinwände und Skizzen von den rund hundert Streetart-Freunden (so viel wie noch nie) von der Wand gerissen. Die Anspannung in den Gesichtern der Kunstjäger weicht einem breiten Grinsen. «So gut wie dieses Jahr war es noch nie», ist von vielen Seiten zu hören. Um fünf nach ein Uhr sind die Wände der Theater-Unterführung wieder leer. Als wäre nichts geschehen.