Beiträge mit dem Schlagwort ‘Matrix’

Grösser als ein Leben

Fabian Kern am Dienstag den 27. November 2012

Filmplakat

«Cloud Atlas» läuft ab 29. November in den Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Wie «Cloud Atlas». Ein Versuch sei trotzdem gewagt. Die Erwartungen an den mit 80 Millionen teuersten unabhängig finanzieren Film aller Zeiten waren riesig. Und sie wurden erfüllt, ja sogar übertroffen. Die Wachowski-Geschwister haben es nach der Matrix-Trilogie einmal mehr geschafft, einen als unverfilmbar geltenden Stoff auf die Leinwand zu bringen – zusammen mit dem deutschen Regisseur Tom Tykwer. Und das Wunder ist nicht, dass sie das in einer Art und Weise getan haben, die einen über drei Stunden nicht loslässt und David Mitchell, den Autor der Romanvorlage, zu einer Aussage verleitete, die einem Ritterschlag gleichkommt: «Das könnte einer jener Filme sein, die besser sind als das Buch.»

Sonmi-451

2144: Der Klon Sonmi-451 kämpft in Seoul um die Freiheit. (Bilder: ASCOTE-ELITE)

Nein, das eigentliche Wunder ist es, dass im gigantischen Werk die einzelnen Geschichten nicht verloren gehen und die bodenständigen Werte sich als Leitfaden durchziehen. Es geht um Mut und Zivilcourage, um Freiheit, Vertrauen und das Hoffen auf bessere Zeiten. Und darum, dass der Einzelne den Unterschied ausmachen kann. Bezeichnend dafür der Vergleich in der Episode aus dem Jahr 1846. Auf den Vorwurf seines skrupellosen Schwiegervaters (Hugo Weaving), sein humanitärer Einsatz sei nur ein Tropfen im Ozean, antwortet Adam Ewing (Jim Sturgess): «Der Ozean ist nichts anderes als die Summer einzelner Tropfen.» Philosophie pur.

Hugh Grant und Jim Broadbent

2012: Hugh Grant (links) mit Jim Broadbent.

Jim Sturgess und Tom Hanks

1846: Tom Hanks (rechts) mit Jim Sturgess.

«Cloud Atlas» ist aber auch ein Paradies für Maskenbildner: Hugo Weaving als Krankenpflegerin, Jim Sturgess als Koreaner, Tom Hanks als vernarbter Londoner Gangster der übelsten Sorte, Halle Berry als Jüdin oder Hugh Grant als blutrünstiger Kannibale – die Schminkkünstler geben alles. Wichtiger als die Masken selbst sind aber die verschiedenen Charakteren, in welche die Schauspieler schlüpfen. Mehrere Rollen haben alle. Hanks, Berry, Weaving, Grant und die Koreanerin Doona Bae bringen es auf sechs Figuren, Sturgess sogar auf sieben. Und das ist der geniale Kunstgriff, mit dem das Regie-Trio Mitchells Buch filmisch umgesetzt hat: Ob 1846, 1936, 1973, 2012, 2144 oder 2346 – alles ist miteinander verbunden. Die Seelen werden in neue Körper hineingeboren und laufen einander im Lauf der Jahrhunderte immer wieder über den Weg. Reinkarnation und Karma sind ein Leitthema, das die Episoden miteinander verknüpft. Die Figuren erleben laufend Déjà-Vus aus ihren früheren Leben.

Hugo Weaving

2346: Hugo Weaving als böser Einflüsterer.

Bezeichnend dafür stehen drei Figuren. Durchwegs böse ist Hugo Weaving, der in der letzten Episode gar als Teufel auftritt. Dann wäre da Tom Hanks, der den fehlbaren Durchschnittsmenschen darstellt. Mal ist er böse, mal ist er gut, mal steht er für seine Werte ein, mal fehlt ihm der Mut dazu. Und schliesslich sind die von Jim Sturgess dargestellten Figuren am idealistischsten: Als amerikanischer Anwalt kämpft er im 19. Jahrhundert gegen die Sklaverei, im futuristischen Seoul des 22. Jahrhunderts führt er eine Rebellion gegen das totalitäre Regime an und bringt den Klon Sonmi-451 (Doona Bae) dazu, wie ein menschliches Individuum zu fühlen und zu denken. Jeder kann den Unterschied ausmachen.

Halle Berry und David Gyasi

1973: Krimi mit Halle Berry und Keith David.

Ben Whishaw

1936: Romanze mit Ben Whishaw.

Reinkarnation, Klone, Kannibalen, Teufel – kann das überhaupt ein breites Publikum ansprechen? Ja! «Cloud Atlas» hat für jede der sechs Geschichten ein eigenes Genre gewählt: Vom Drama über die Romanze, den Krimi, Thriller und Abenteuerfilm bis zu Science Fiction wird die ganze Bandbreite abgedeckt. Und auch der Humor kommt glücklicherweise nicht zu kurz, sonst würde einen die Wucht des Films erschlagen. Dass die schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Handlungssträngen nicht als störend empfunden werden, ist faszinierend und spricht für die Stimmigkeit des Werks. Ex-FCB-Mäzenin Gigi Oeri hat ihr zweites Produktionsengagement (nach Tykwers «Das Parfum») wahrlich gut gewählt. Egal, wieviel sie investiert hat, auf diese mutige Produktion kann sie stolz sein. Denn in diesem Epos stehen nicht Special Effects oder die vorzüglichen Masken im Vordergund, sondern die Geschichte selbst. «Es ist eigentlich ein altmodischer Film», sagt Lana Wachowski.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Man muss sie einfach selbst sehen, erleben, bestaunen – am besten auf der grossen Leinwand. Wie «Cloud Atlas».

Irrlauf durch die unterirdische Stadt

the glue am Sonntag den 13. März 2011

Da Montreal, wie wir am eigenen Leibe erfahren durften, sehr oft und sehr schnell von Tonnen von Schnee bedeckt ist, haben sich die Stadtväter überlegt, dass es doch sinnvoll wäre, die wichtigsten Gebäude der Stadt unterirdisch miteinander zu verbinden. Daraus entstanden ist die grösste unterirdische Stadt der Welt. Über 30 Kilometer erstreckt sich das Labyrinth von Gängen, Rolltreppen und Plätzen. Das mussten wir uns natürlich anschauen, zumal es da anscheinend Menschen gibt, die im T-Shirt aus ihrer Wohung kommen und über die unterirdische Stadt ihren Arbeitsplatz erreichen. Nur erwies es sich als  nicht so einfach, diese unterirdische Stadt zu finden. Wir hatten uns natürlich auch eine futuristische Metropole à la Matrix vorgestellt. Die Realität war dann doch etwas ernüchternd. Über relativ karge Gänge sind die grössten Gebäude Downtown miteinander verbunden. Im Untergeschoss erstrecken sich Malls und Restaurants. Um die Sache etwas annehmlicher zu gestalten, wurde das Ganze in einen Art Walk verwandelt, so dass man von Kunstwerk zu Kunstwerk pilgert, während man sich von Gebäude zu Gebäude bewegt. Tatsächlich scheinen dort unten aber Menschen zu leben, denn es begegneten uns einige Leute im T-Shirt.
Fast interessanter erschien uns die oberirdische Stadt. Ein wilder Mix von klassischer Architektur und modernen Hochhäusern. Abends besuchten wir noch das Konzert unseres Gastgebers Michael Zaugg mit seinem St. Lawrence Choir. Zu Stücken von Hindemith, Debussy, Ravel und zwei zeitgenössischen kanadischen Komponisten entwarfen acht Künstler während des Konzertes Gemälde, die die Stimmung wiederspiegelten. Eine spannende Idee, die Ergebnisse schienen uns aber von unterschiedlicher Qualität.  Heute steht uns nächstes Konzert an. Wir spielen im  Centre des Arts KoSA in Montreal.