Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kunstmuseumsneubau’

Wieviel soll Kultur die Konsumenten kosten?

karen gerig am Mittwoch den 10. August 2011

Eines der aktuellen Gratis-Kultur-Angebote: Das Kulturfloss. (Foto Pino Covino)

Die Aussage einer Bekannten gab mir kürzlich zu denken. In einer Diskussion darüber, dass immer mehr Events kostenlos zu besuchen seien, meinte sie, sie erwarte das inzwischen auch. Sie sei aber auch bereit, dafür etwa höhere Getränkepreise in Kauf zu nehmen. Ich stutzte: Die Erwartung, Kultur gratis zu konsumieren, das war mir neu. Und ich begann mich zu fragen, woher sie kommt. Diesen Beitrag weiterlesen »

«Ein Kulturleitbild soll Vertrauen schaffen»

karen gerig am Montag den 7. März 2011

Rund 80 Stellungnahmen zum Entwurf des basel-städtischen Kulturleitbildes gingen beim Ressort Kultur ein. Aktuell sei man noch dabei, diese auszuwerten und zu diskutieren, sagt Philippe Bischof, Leiter der Abteilung Kultur im Präsidialdepartement. Im Juni dann wird das Kulturleitbild der Regierung präsentiert. Einfach hat Bischof es nicht, seit zwei Monaten ist er im neuen Amt, der Kulturleitbildentwurf stammt noch vom Vorgänger. Ein, zwei Dinge würde er anders anpacken, lässt er im Gespräch denn auch durchblicken. «Das Kulturleitbild ist für mich vor allem die Grundlage für einen zukunftsgerichteten Diskurs, der offen und regelmässig geführt werden muss», sagt er. «Und es soll Vertrauen schaffen und Bewegung zeigen.»

Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur. Foto Roland Schmid

Diskussionsstoff hat das 82 Seiten starke Werk schon geliefert. Sprengstoff bot vor allem die darin formulierte Idee, das Historische Museum mit dem Antikenmuseum zu einem Haus der Geschichte zusammenzuschliessen. Eine Idee, die sich inzwischen weiter entwickelt hat, wie Bischof vorletzte Woche an einem Podium durchblicken liess und nun bestätigt. «Kern der Idee und grosses Anliegen von Guy Morin und mir ist die verstärkte Vermittlung von Geschichte in Basel. Es gibt ja wichtige Themenbereiche, die in der Ausstellung von Geschichte nicht genügend vorkommen. Wir diskutieren daher inzwischen in neue Richtungen», sagt er, «doch grundsätzlich werden mögliche Synergien zwischen Museen durchaus geprüft.»

Jeweils für eine Legislaturperiode soll das Kulturleitbild gelten, so steht es im Kulturfördergesetz. Eine Spanne von vier Jahren also, die das Leitbild sinnvoll füllen soll. Eine kurze Dauer, wenn man bedenkt, dass das letzte Kulturleitbild aus dem Jahr 1996 stammt. Gibt diese kurze Gültigkeitsdauer nicht die Möglichkeit für Experimente? Man könnte meinen, sagt Bischof, Ideen gibt es ja genug, doch für deren Umsetzung ist der finanzielle Handlungsspielraum klein. Zunächst gebe es ein paar längerfristige wichtige Baustellen abzuschliessen. Während der kommenden vier Jahre sehe man, wo man stehe, und könne die Gesamtlage neu beurteilen. An einigen Baustellen mag man bis dann fertig gebaut haben, dafür tun sich sicherlich neue auf. Die Entwicklung auf dem Dreispitzareal etwa werde bis dahin mit wachem Blick beobachtet und interessiert begleitet. Schliesslich engagiert sich der Kanton Basel-Stadt bereits beim Haus für elektronische Künste, weitere Engagements wären durchaus denkbar.

Gelder sind fest gebunden

Nur – woher das Geld dafür nehmen? Schliesslich kämpft die Basler Kulturförderung vor allem mit einem Problem: Fast alle Gelder ihres Fördertopfes sind fest gebunden. Vor allem die grossen Institutionen wie das Theater Basel oder das Kunstmuseum profitieren vom Topf. Gleichzeitig kämpfen diese Institutionen mit den alternativeren und neuen Orten um Besucher. «Doch soll man ihnen allein deswegen Gelder wegnehmen?», fragt Bischof. «Oder andersherum gefragt: Welche aktuellen Kriterien legitimieren die hohen Subventionen an diese Institutionen? Das ist die entscheidende Frage.»

Das Kunstmuseum, einer der «Leuchttürme» der Basler Kultur. Foto Margrit Müller

Die Antwort darauf ist keine einfache. Man darf nicht nur in ökonomischen Kriterien denken, doch gibt es wirklich objektive, ideologiefreie? Das Kulturleitbild hat sich mit dem Verlangen nach «messbaren Auswirkungen» der Kultur nicht gerade viele Freunde gemacht. In manch einer Stellungnahme wurde kritisiert, Kultur werde wie eine Ware behandelt, die Kulturpolitik merkantil ausgerichtet. Doch innerhalb des Standortmarketings nehmen Institutionen wie das Theater Basel und das Kunstmuseum unbestritten mit die wichtigsten Positionen ein.

Solange die öffentlichen Kulturgelder nicht zunehmen, müssten auch diese Institutionen sparen, um Kantonsgelder freizubekommen. Denn auch Bischof ist sich bewusst: «Es gibt viele potenzielle Engagementbereiche, neue Sparten, die in die Förderung drängen. Und für diese gibt es leider zur zeit wenig Spielraum. Zudem gibt es manche Kultur, die ganz ohne staatliche Förderung stattfindet.» Gottseidank, ist man versucht zu sagen. Denn dass in naher Zukunft der städtischen Kulturpolitik plötzlich aus dem Nichts mehr Gelder erwachsen, ist wohl auszuschliessen. PPP könnte da ein Stichwort sein, die vielgerühmten Private Public Partnerships. Beim Erweiterungsbau des Kunstmuseums soll eine solche erstmals erprobt werden – über die Zusagen von Sponsoren, die sich an den höheren Betriebskosten des Museums beteiligen sollen, hat man allerdings noch keine verbindlichen Aussagen.

Mehr Land für die Stadt?

Wie stünde es denn mit einer tiefergehenden Zusammenarbeit mit dem Nachbarkanton? Mancherorts wird seit dem Baselbieter Nein zum Theater danach verlangt. Angesichts der Tatsache, dass der Kanton Baselland diesen Frühling ebenfalls ein Kulturleitbild erarbeiten wird, wäre der Zeitpunkt vielleicht günstig. Oder etwa nicht? «Sicher. Aber man stellte sich das zuletzt vielleicht einfacher vor als es in Wirklichkeit ist», vermutet Philippe Bischof. Das Baselbiet habe teilweise, wie jetzt sichtbar wurde, ganz unterschiedliche Ansprüche an die Kultur. «Kultur funktioniert auf dem Land offensichtlich anders.» Das sehe man auch in jenen Kantonen, in denen Stadt und Land zwingend zusammenarbeiten müssten, in Luzern etwa oder in Bern. Es mache für die beiden Basel absolut Sinn, weiter so zusammenzuarbeiten zu versuchen, wie man es gewohnt ist: Bei vielen Projekten und beispielsweise in den Fachausschüssen funktionieren das ja sehr gut. Für das Theater müsse neben der städtischen Lösung aber auch eine landschaftliche gefunden werden, das sei dringend notwendig. Das sieht auch das Kulturleitbild vor, das Theater Basel fungiert dort als Baustelle Nummer 15. Als es formuliert wurde, war die Baselbieter Abstimmung noch nicht geführt. Mindestens hier also wird die nächste Version des Kulturleitbildes einen neuen Vorschlag liefern müssen.

Gesucht: Die perfekten Galerieräume

karen gerig am Freitag den 11. Februar 2011

Karin Sutter schliesst die Tür zur Galerie an der St.-Alban-Vorstadt im Sommer für immer.

«Sechseinhalb Jahre sind es schon», sagt Karin Sutter, und ist selbst überrascht. «Im November 2004 hab ich die Galerie aufgemacht, tatsächlich.» Sechseinhalb Jahre und unzählige Ausstellungen später geht das Kapitel jedoch zu Ende: Karin Sutter ist auf der Suche nach neuen Galerieräumen. Spätestens im September müsste sie aus dem Burghof ausziehen – und somit Platz machen für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums. Weil es aber wenig Sinn mache, die Saisoneröffnung Ende Sommer noch in den alten Räumen zu feiern, wird sie die Glastür wohl bereits im Juli für immer schliessen. Schweren Herzens, denn «sowas wie hier finde ich wohl nicht mehr», schätzt sie.

Suchen tut sie schon länger, schon seit klar ist, dass das Gebäude weichen muss. Doch geeignete Räume zu finden, gestaltet sich nicht einfach. «Mir gefiel hier einfach alles: Die Lage, der Raum mit der Fensterfront – ich gucke gern raus und seh die Passanten. Und mag es, dass die reinsehen können», sagt sie. Seit sie vergangenen Sommer noch den Projektraum rechts davon dazumieten konnte, war auch das Platzproblem gelöst. «Der Projektraum gab mir mehr gestalterische Freiheit», erzählt sie. Plötzlich waren Doppelausstellungen möglich mit künstlerischen Positionen, die sich schlecht oder gar nicht verbinden liessen, oder es liessen sich spontane Ausstellungen ohne kommerziellen Charakter organisieren oder eine Bar einrichten.

Für ihre neue Galerie wünschte sie sich deshalb auch mindestens zwei Räume, damit sie diese Freiheiten des Ausstellungsmachens weiterführen kann. Sie wolle nicht einfach einen Raum mieten, nur damit gemietet sei, es müsse schon passen. Doch was, wenn sich bis im Sommer nichts Geeignetes finden lässt? «Es gäbe wohl eine interimistische Lösung» sagt sie, «aber spruchreif ist noch nichts.»

Bis im Sommer plant die Galeristin noch vier Ausstellungen in der Galerie und drei oder vier im Projektraum, da ist sie noch nicht ganz sicher. Erstmals wird ab heute Abend aber ein Künstler beide Räume bespielen: Ulrich Muchenberger darf den ganzen Platz für seine Lichtobjekte beanspruchen. Nicht, weil sie besonders gross wären, aber weil sie Raum brauchen für die Betrachtung. Das mehrfarbige Licht dehnt sich nämlich unterschiedlich stark im Raum aus und verändert dadurch die Wahrnehmung.

Konzeptkunst, und das bei Karin Sutter? «Stimmt, ein weiteres Novum» sagt sie und lacht. Bis jetzt lag ihr Ausstellungsschwerpunkt klar auf der Malerei, auf der figurativen. «Das hat sich so ergeben mit der Zeit», erklärt sie. «Unbeabsichtigt. Das entspricht mir wohl am meisten.» Früher zeigte sie auch hauptsächlich regionale Künstler, auch das hat sich geändert. «Mir fehlte früher die Zeit für Atelierbesuche, für die ich weit reisen musste», sagt Sutter, die noch immer zu 70 Prozent bei der Galerie Beyeler angestellt ist und dort seit dem Ableben Ernst Beyelers vor einem Jahr den Galeriebestand liquidiert. «Sag jetzt aber bloss nicht, dass meine Galerie nur mein Hobby ist», warnt sie plötzlich und mit Nachdruck. «Das wäre komplett falsch.» Im  Wissen darum, dass kaum ein Galerist seine Galerie noch ohne Brotjob führen kann, verwenden wir stattdessen das Wort Leidenschaft. Die wird spürbar, wenn die Galeristin über ihre Arbeit spricht. Über die Arbeit mit den Kunstschaffenden. Über die Vermittlungsrolle zwischen Künstlern und Rezipienten, die sie so gerne einnimmt. Nun fehlt nur noch der passende Raum, der sich mit dieser Leidenschaft füllen lässt. Wir wünschen viel Glück bei der Suche.

Vernissage der Ausstellung mit Werken von Ulrich Muchenberger ist heute Freitag um
17 Uhr. Die Ausstellung dauert dann bis zum 12. März.

Halbleere Gänge vs. übervolle Räume: Der Kampf um die Publikumsgunst

karen gerig am Donnerstag den 20. Januar 2011

Bereits haben über 200’000 Leute die Wien-Ausstellung in der Fondation Beyeler besucht – täglich quetschten sich allein in den letzten Tagen und Wochen rund 2000 Besucher durch die Ausstellungsräume. Manch einer findet, das sei zuviel, um die Kunst noch geniessen zu können (vgl. hier). Weniger Probleme hat da der Besucher der Warhol-Ausstellung im Kunstmuseum – hier bleibt vor den Bildern genug Raum für Betrachtung. Genaue Zahlen sind vom Museum allerdings noch nicht in Erfahrung zu bringen.

Vollgestopfte Räume versus halbleere Gänge, wie kommts? Dürfte man nicht meinen, dass ein Name wie Andy Warhol die Menschen auch scharenweise ins Museum lockt? Wir erwarten ja keine halbe Million wie 2009 bei der «Jahrhundertausstellung» Vincent van Gogh. Doch wieso schaffte es eine Fondation Beyeler, selbst mit einem eher unbekannten Namen wie Jean-Michel Basquiat innert vier Monaten 110’000 Leute anzuziehen, während die Jahresbesucherzahl fürs Kunstmuseum (ohne Museum für Gegenwartskunst) gar nicht so weit darüber liegt? Betrachtet man die letzten zehn Jahre, so spielt das Kunstmuseum mit Namen wie Holbein, Kandinsky, Judd oder auch Gursky doch absolut in der oberen Liga mit.

Würde Andy Warhols Frühwerk in der Fondation Beyeler mehr Besucher anziehen? (Foto Margrit Müller)

Und trotzdem – wir wagen die unverschämte Behauptung: Würde Andy Warhols Frühwerk in Riehen gezeigt, läge die Besucherzahl um einiges höher. Und hätte das Kunstmuseum die Basquiat-Ausstellung gezeigt, hätten keine 110’000 Leute den Weg dorthin gefunden.

An den Eintrittspreisen kanns nicht liegen, diese sind in Riehen um vier Franken pro Person höher als am St. Alban-Graben. Ist die Fondation Beyeler also geschickter, wenn es um die Bewerbung des Museums geht? Machen wir einen Rundgang durch Basel: An den Plakatsäulen scheint das Wien-Warhol-Verhältnis ausgeglichen, und am oberen Ende der Freien Strasse wird fürs Kunstmuseum, am unteren für die Fondation Beyeler geworben. Die SBB bietet für beide Ausstellungen Packages an. Doch auf dem Bahnhofsplatz empfangen die Touristen nur mobile Plakatwände der Fondation mit dem Hinweis, wie man möglichst schnell nach Riehen gelangt. Das Kunstmuseum fehlt. Im Fernsehen wird schweizweit sowohl für die Wien- als auch für die Warhol-Ausstellung geworben, für die Wien-Ausstellung auch am Radio. In den Medien hingegen ist die Fondation Beyeler präsenter, ist öfter mal der Ausflugstipp, und sie wirbt auch stärker über die Landesgrenzen hinaus, vor allem in den angrenzenden Landesteilen – mehr als die Hälfte der Fondation-Beyeler-Besucher (52 Prozent) kommen aus dem Ausland, fast die Hälfte davon aus Deutschland. Doch auch das Kunstmuseum zieht viele ausländische Besucher an – Statistiken sind jedoch keine zu erhalten. Beide Museen werben zielgruppenorientiert.

Die Fondation Beyeler ist beliebtes Ausflugsziel - im Bild das Kaffeehaus in der Wien-Ausstellung. (Foto Pino Covino)

Allein an der Werbung kanns also nicht liegen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt wohl aber die Positionierung der beiden Museen beziehungsweise ihre nationale und internationale Ausstrahlung. Das Kunstmuseum erinnert rein äusserlich an eine Festung und bietet auch im Innern nicht die modernste Architektur. Das ist natürlich wenig schmeichelhaft formuliert, und der Erweiterungsbau könnte hier Abhilfe schaffen – allerdings frühestens im Jahr 2015. Die Schwerfälligkeit der Architektur scheint sich manchmal im Ausstellungsprogramm zu spiegeln – gerade auch in kleineren Präsentationen im Kupferstichkabinett etwa. Überspitzt könnte man sagen, dass das Kunstmuseum ein elitäreres Publikum anspricht als die Fondation Beyeler. Die lichtdurchflutete Fondation liegt zudem harmonisch eingebettet im grünen Umland und bietet sich für einen Sonntagsausflug geradezu an, gerade auch für Tagesausflügler aus dem Ausland. Kommt dazu: Die Figur Ernst Beyeler und dessen herausragende Sammlung – ein populäres Identifikationsmerkmal, das dem Kunstmuseum fehlt. Die Kunst der Klassischen Moderne – der Schwerpunkt der Fondation Beyeler sowohl in Sammlung wie Sonderausstellungen – ist zudem immer noch die weltweit populärste Kunst.

Wird der Erweiterungsbau dem Kunstmuseum neue Besuchergruppen erschliessen? (Visualisierung Christ & Gantenbein)

Gerade im Hinblick auf den Erweiterungsbau täte dem Kunstmuseum ein Imageschub gut. Ein Patentrezept, wie dieser zu bewerkstelligen wäre, lässt sich leider nicht so einfach zusammenmixen. Das Wichtigste ist und bleibt, ein attraktives Ausstellungsprogramm anzubieten. Mit der Präsentation der Sammlung im Obersteg und einer Ausstellung zu den Landschaften Max Beckmanns, die für 2011 geplant sind, ist der Kassenschlager aber immer noch nicht in Sicht. Die Fondation Beyeler trumpft dagegen mit Brancusi, Dali, Serra und Louise Bourgeois auf.

Dem einzelnen Besucher können diese Überlegungen ja eigentlich egal sein. Im Gegenteil: wer die Kunst lieber in Ruhe geniesst, ist im Kunstmuseum ja sogar besser dran.

Welches Museum besuchen Sie lieber, liebe LeserInnen? Und warum?

Rückblick #7: Feststimmung und politische Debatten

schlaglicht am Samstag den 1. Januar 2011

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Carena Schlewitt, Leiterin der Kaserne Basel, durfte mit ihrem Betrieb das 30-jährige Jubiläum feiern.

Kaserne-Leiterin Carena Schlewitt in der Reithalle. (Foto Dominik Labhardt)

Frau Schlewitt, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Mein kulturelles Highlight 2010 war das 30-jährige Jubiläum der Kaserne Basel. Drei Tage lang feierten Künstler, Mitarbeiter, Wegbegleiter, Förderer und das Publikum in einer grossen Gartenlounge in der Reithalle, an den Bars und auf der grossen Wiese der Kaserne Basel. Es war eine wunderbare, lebendige Stimmung. Musiker, Theaterleute, Filmemacher, Choreografen, Tänzer und Modedesigner liessen die letzten 30 Jahre Revue passieren und fingen in der «Zeitmaschine» Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Kurzperformances ein – das Publikum hatte Spass und die Künstler ebenfalls. Prosit auf die nächsten 30 Jahre Kaserne Basel!

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?
Ich bedaure das mehr Stop- als Go-Verfahren in puncto Entwicklung des Kasernenareals. Ich wünschte mir hier einen ähnlich dynamischen Drive wie bei der Dreispitz-Entwicklung, der Planung des Kunstmuseumanbaus und der Umsetzung von Jazzschule, Bahnhof St. Johann und Aktienmühle. Werden hier keine Entscheidungen getroffen, droht das Kasernenareal zu einem Denkmal der besonderen Art zu verkommen.
Und ich empfinde das Verbot der Wildplakatierung für Kulturveranstaltungshäuser als einen enormen Einschnitt in eine lebendige urbane Kulturwerbung, wie man sie in allen grösseren Städten der Schweiz und Europas findet. Die neue Auflage treibt viele kleinere und mittlere Kulturveranstalter finanziell und gestalterisch an die absolute Grenze ihrer Werbemöglichkeiten.

2010 feierte die Kaserne ihr 30-Jahre-Jubiläum (Foto D. Ettlin)

Was haben Sie verpasst?
Leider habe ich in diesem Jahr das SHIFT Festival der elektronischen Künste verpasst, das sowohl für die in der Kaserne Basel ansässigen Performing Arts als auch für die Musik inspirierende Anregungen liefert.

Haben Sie etwas vermisst?
In manchen politischen und kulturpolitischen Debatten vermisse ich eine gewisse Verhältnismässigkeit der Diskussion und würde mir wünschen, dass vermehrt über den Tellerrand geschaut wird und auch internationale Referenzen herbeigezogen werden.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Damit das Kasernenareal auch in den schönen Sommermonaten durchgehend kulturell genutzt und bespielt wird, wünsche ich mir die Sicherung des Festivals «wildwuchs» in seiner Stammzeit im Juni, die Etablierung des erfolgreich gestarteten Musik-Open-Airs mit Viva con Agua im August sowie die Weichenstellung für den Neustart des Internationalen Theaterfestivals Basel, welches von 1992 bis 2006 regelmässig im Sommer auf dem Kasernenareal stattgefunden hat!

Es folgt noch ein kultureller Jahresrückblick mit Hirscheneck-Booker Marlon McNeill.

Bereits erschienen: Angelo Gallina, Guy Morin, Thomas Jenny, Smash137, Sam Keller, Tobit Schäfer.