Beiträge mit dem Schlagwort ‘Krimi’

Wenn sich Film und Fernsehen näher kommen: Top of the Lake

Luca Bruno am Donnerstag den 10. Oktober 2013
Tui Mitcham (Jacqueline Joe)

Tui Mitcham (Jacqueline Joe)

Mit dem Bild der 12-jährigen Tui Mitcham, die bis zum Bauch im eiskalten Wasser des Bergsees von «Laketop», Neuseeland steht, beginnt die Miniserie «Top of the Lake». Wie sie in diese missliche Lage geraten ist und ob sie sich im See etwa umbringen wollte, verschweigt sie. Als jedoch bei der nachfolgenden Untersuchung von Ärzten festgestellt wird, dass das junge Mädchen schwanger ist, schaltet sich die Polizei, allen voran Kommissarin Robin Griffin, ein, um herauszufinden, was dem Mädchen wirklich zugestossen ist. Denn auf die Frage, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes sei, antwortet Tui lediglich «No one». Keine zehn Minuten vergehen und man ist als Zuschauer bereits mittendrin in der hochspannenden Ermittlung rund um den Fall der Tui Mitcham.

Hinter «Top of the Lake» steht die neuseeländische Regisseurin Jane Campion (u.a. «The Piano»), welche bei der Miniserie, eine englisch-neuseeländisch-amerikanische Koproduktion, nicht nur Regie geführt hat, sondern sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeigen darf. Nach einer umjubelten Urauführung am «Sundance»-Festival und Ausstrahlungen sowohl im amerikanischen, als auch im britischen Fernsehen im März respektive Juni dieses Jahres wird «Top of the Lake» nun auch zum allerersten Mal einem Schweizer Publikum zugänglich gemacht. Diesen Samstag, dem 12. Oktober 2013 zeigt das Bildrausch Filmfest Basel die rund sechsstündige Miniserie ab 15:00 im Stadtkino Basel – und zwar in voller Länge. Diesen Beitrag weiterlesen »

Gestatten: Maxim Charkow, Mordkommission Zürich

Fabian Kern am Montag den 16. September 2013

BuchcoverEine Kirche in der Adventszeit – das klingt besinnlich. Eine nackte Leiche in der Zürcher Liebfrauenkirche während der Adventszeit ist aber ganz und gar nicht besinnlich, sondern vielmehr entsetzlich. Das ist schlecht für das Opfer, aber gut für den Schweizer Krimileser, denn er lernt einen nicht ganz neuen Ermittler nochmals neu kennen: Vorhang auf für Maxim Charkow, einen im Bünderland aufgewachsenen Halbrussen. Den Chefermittler der Mordkommission Zürich hat Autor Marcus Richmann zwar bereits 2009 eingeführt, «Die Augen der Toten» ist dem breiten Schweizer Krimipublikum aber nicht aufgefallen. Charkow trifft der neuste Fall zum denkbar unglücklichsten Zeitpunkt, denn er hat mit seinem Privatleben schon genug Sorgen. Seine hoffnungsvolle Beziehung steht auf wackligen Beinen, nachdem seine Freundin schon nach wenigen Monaten auf einer Paartherapie besteht.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Damit ist der Ton in «Engelschatten» schon gegeben. Es menschelt sehr in Marcus Richmanns Krimi, was einen sofort in die Geschichte hineinzieht. Charkows junge Assistenten sind nicht im Reinen miteinander, und in Charkows Beziehungskiste mischt sich dessen beste Freundin, die Pathologin Francine ein. Da ist der Tote in der Kirche schon fast zweitrangig. Aber auch da finden sich spannende Ansätze, denn der Ermordete ist Russe und eine grosse Nummer im Rotlicht-Milieu. Ist die Tat also religiös motiviert? Oder steckt jemand aus der katholischen Kirche mit drin? Charkows russische Wurzeln bringen ihn zunächst schnell voran. Als aber während der Ermittlungen noch weitere Menschen ums Leben kommen, führen die Spuren schon bald in Richtung einer in der Schweiz nicht ganz unbekannten Sekte…

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Hat selbst Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Gern wäre man während der ganzen 376 Seiten so nahe an den Schicksalen der Protagonisten geblieben, wie zu Beginn. Der Rache-Krimi gewinnt aber zusehends an Fahrt und einen realen Bezug hinzu. Mit dem Link zu den Sonnentemplern, die durch einen Massenselbstmord im Jahr 1994 im Kanton Freiburg eine dunkle Marke in der Schweizer Geschichte setzten, vermischt Richmann geschickt Realität und Fiktion. Auch wenn das Ende etwas abrupt und konventionell ausfällt, macht «Engelschatten» Lust auf mehr. Mehr von der persönlichen Lebensgeschichte des interessanten Ermittlers Maxim Charkow. Für all jene, die «Die Augen der Toten» noch nicht gelesen haben, die Gelegenheit, das nachzuholen. Für alle anderen heisst es: Warten.

Marcus Richmann: Engelschatten. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 376 Seiten, Fr. 17.90.

Wer sich für Maxim Charkows ersten Fall interessiert, hier eine Lesung aus «Die Augen der Toten» von Marcus Richmann:

Ein süsser Abschluss

Fabian Kern am Dienstag den 16. Juli 2013

BuchcoverKrimiserien sind nicht nur im Fernsehen beliebt, sondern auch in Buchform. Unglaublich, welche Fülle von Polizisten, Detektiven und Hobby-Sherlocks sich bücherregalmeterweit durch den deutschen Sprachraum ermitteln. Bei manchen steht der jeweilige Fall im Vordergrund, bei anderen die persönliche Geschichte der Figuren, wieder andere gewichten beides gleich stark. Zur zweiten Kategorie gehört sicherlich Paul Lascaux mit seiner inzwischen sechs Bücher umfassenden Serie um die Berner Detektei Müller & Himmel. Es ist der letzte Fall des ungleichen Erfolgsduos.

Wildschweingehege im Tierpark Dählhölzli

Tatort: Das Wildschweingehege im Berner Tierpark Dählhölzli.

Ein Banker wird im Wildschweingehege des Tierparks Dählhölzli in Bern gefunden. Verstümmelt und herzlos – wörtlich gemeint. Kurze Zeit später kommt ein talentierter Konditor in seinem eigenen Betrieb zu Tode, ebenfalls mit fremder Hilfe. Die beiden Morde scheinen zusammen zu hängen. Nur wie? Störfahnder Spring und seine junge Kollegin werden mit der Aufklärung betraut, doch wieder einmal kommt er nicht weit. Die Unterstützung der Detektei Müller und Himmel ist gefragt. Doch auch das bewährte Gespann hat seine liebe Mühe mit der Aufklärung. Die Motivationsprobleme von Nicole Himmel und Spring sind dabei auch nicht gerade hilfreich. Heinrich Müller ist zunehmend auf sich allein gestellt und muss sich zusammenreissen, um den Täter zu entlarven.

Paul Lascaux

Vom Bodensee an die Aare: Paul Lascaux alias Paul Ott.

Angefangen hat alles im Emmental. Vor fünf Jahren führte Paul Ott, seit 1974 in Bern wohnhafter Ostschweizer, unter dem Pseudonym Paul Lascaux seinen Detektiv Heinrich Müller in der Provinz mit der Ethnologie-Studentin Nicole Himmel zusammen. Weil die beiden auf Anhieb eine perfide Mordserie aufklärten, nahm Heinrich die aufgeweckte Nicole in seine Detektei auf. Seither hat das – rein berufliche – Paar praktisch im Jahrestakt einen Fall mit jeweils kulinarischem Hintergrund gelöst. War im ersten Fall Käse das bestimmende Thema, so drehte sich in der Folge alles um Wurst, Schnaps, Brot und Wein. In «Schokoladenhölle» findet die Serie nun ihren süssen Abschluss. Das Sujet Schokolade zieht sich konsequent durch das Buch. An allen Ecken und Enden knabbern die Figuren an der süssen Köstlichkeit. Und natürlich bewegen sie sich wieder in gemächlichem Tempo durch die Geschichte – passend zu Bern.

Lascaux hat sich entwickelt. Nach wie vor ist er in der vielfältigen Geschichte sehr fein in seiner Sprache, bietet treffende Vergleiche und Beschreibungen und vermittelt dabei viel Lokalkolorit. Im Gegensatz zum Debüt «Salztränen» steht aber nicht mehr der aktuelle Fall im Vordergrund, sondern die Figuren. Deshalb tut man gut daran, sich die Vorgänger zu Gemüte zu führen, bevor man den sechsten Fall liest. Für Einsteiger ist es schwierig – obowhl hinten im Buch alle vorgängigen Fälle kurz zusammengefasst werden. Der Ton ist sehr familiär, die Atmosphäre fast intim – vergleichbar mit einem Theaterstück. Wenn man nicht mit der Vorgeschichte der Figuren vertraut ist, fühlt man sich wie ein Eindringling an einem Familienfest. Denn nicht nur Lascaux hat sich entwickelt, sondern auch dessen Protagonist Heinrich Müller. Vom einsamen Detektiv hat er sich zum Inhaber eines Familienunternehmens gemausert. Ob er sich nach diesen sechs Fällen tatsächlich zur Ruhe setzt? Die Antwort kennt nur Paul Ott, respektive dessen Alter Ego Paul Lascaux.

Paul Lascaux: Schokoladenhölle. Ein feinherber Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 230 Seiten, Fr. 14.90.

Die weiteren Bücher der Serie von Paul Lascaux: Salztränen (2008), Wursthimmel (2008), Feuerwasser (2009), Gnadenbrot (2010), Mordswein (2011).

Der perfekte Ferien-Krimi

Fabian Kern am Donnerstag den 27. Juni 2013

BuchcoverDer weisse Sand rieselt durch die Finger und wird von der leichten Meeresbrise zerstreut. Salzwasser und Seetang würzen die Luft, die Wellen plätschern sanft auf den Strand. Jene Krimileser, die sich nach solchen Sinneseindrücken sehnen, aber vielleicht noch nicht gleich in die Ferien fahren darf, denen sei «Bretonische Brandung» ans Herz gelegt. Die Fans von Jean-Luc Bannalecs erstem Krimi aus der Bretagne, «Bretonische Verhältnisse», werden das Buch längst verschlungen haben.

Denn Bannalecs Beschreibung der «Glénan» ist atemberaubend. Glénan? Bretonischen Nicht-Kennern sei erklärt: Das ist ein Archipel vor der bretonischen Südküste, bestehend aus rund einem Dutzend kleiner und kleinster Inseln mit Traumstränden wie in der Südsee. Und weil an einem dieser Strände drei Leichen angespült werden, ist das ein Fall für den Hauptkommissar von Concarneau, Georges Dupin. Der Kommissar aus Paris, der auch nach Jahren im Département Finistère immer noch als Fremdling behandelt wird, muss sich somit einer seiner grossen Ängste stellen: Booten. Die faszinierende Umgebung der Glénan zieht Dupin aber von Beginn weg derart in ihren Bann, dass ihm die Ermittlungen auf hoher See erstaunlicherweise schon bald nichts mehr ausmachen.

Le Loc'h

Am Strand von «Le Loc'h» werden drei Leichen angespült.

Drei Tage nur dauert dieser zweite Fall von Dupin in Frankreichs Nordwesten. Dennoch ist er viel weniger schnell zu durchschauen als noch jener bei Bannalecs Erstling. Es stellt sich heraus, dass die drei Männer zwar ertrunken sind, dass aber jemand nachgeholfen hat. Dupin muss sich mit den speziellen Verhältnissen auf den Glénan schnell vertraut machen, damit die Spur nicht erkaltet und legt sich dabei wie gewohnt mit diversen Behörden und seinem Intimfeind, dem Polizeipräfekten, an. Trotz der intensiven Ermittlungen lässt sich der kaffeesüchtige Kommissar aber von der Landschaft und dem rauen Charme der Bretonen vereinnahmen – und mit ihm der Leser.

Les Glénan

Warme Südsee? Nein, kalter Atlantik!

Der unbekannte Autor – Bannalec ist nur ein Pseudonym – hat sich gegenüber von «Bretonische Verhältnisse» gar noch gesteigert. Er legt nicht nur einen zweiten Fall für Dupin vor, sondern entwickelt seine Figuren weiter. Man lernt das Team von Dupin etwas näher kennen. Riwal gibt einiges aus seinem Privatleben preis, und sogar der von Dupin gering geschätzte Kadeg vermag Sympathien zu wecken. Deshalb hat man etwas Mitleid mit den beiden Inspektoren, denn die Zusammenarbeit mit Dupin ist nicht einfacher geworden. Doch man versteht das Verhalten des eigenwilligen Kommissars etwas besser. Neben literweise Kaffee braucht er seine Ruhe, um seine Gedanken ganz auf den Fall zu konzentrieren, weshalb er die Recherchearbeit an sein Team delegiert. Ein kriminalistisches Genie braucht seinen Freiraum, um sich zu entfalten.

Bleibt zum Abschluss die Frage: Bekommt Bannalec eigentlich Geld von «Tourisme Bretagne»? Wenn nicht, könnte er das ungeniert verlangen. Denn wer von seinen Büchern keine Lust auf eine Reise in den faszinierenden Zipfel Frankreichs erhält, der ist ein unverbesserlicher Reisemuffel. Für den Strand oder Balkonien – «Bretonische Brandung» ist der perfekte Ferien-Krimi.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Brandung. Kommissar Dupins zweiter Fall. Kiepenheuer & Witsch. Köln, 2013. 352 Seiten, ca. Fr. 25.-.

Sport ist Mord

Fabian Kern am Montag den 15. April 2013

BuchcoverDie Krimilandschaft im deutschen Sprachraum wurde in den letzten Jahren massiv überbevölkert. Fast in jedem Kaff von Hamburg bis Graz ermittelten Dorfpolizisten, Kleinstadt-Kommissarinnen und Privatschnüffler – jeder in seinem Dialekt. Insofern erfüllt auch der Wiener Krimi «Marathonduell» das Klischee. Doch Autorin Sabina Naber hat es dennoch geschafft, originell zu sein: mit ihren Protagonisten und einer guten Portion Wiener Schmäh.

Das Ermittler-Duo ist zwar einmal mehr charakterlich absolut gegensätzlich, doch Daniela Mayer und Karl Maria Katz wirken authentisch. Und das ist wirklich eine Leistung, wenn man weiss, dass der alternde Chefinspektor Katz ein pragmatischer Freak mit Vaterkomplex und Gruppeninspektorin Mayer eine Lesbe mit viel Talent, aber wenig Ehrgeiz ist. Das klingt arg nach konstruierten Figuren, doch die irrwitzigen Dialoge zwischen den beiden machen «Marathonduell» nicht nur zu einem spannenden, sondern auch enorm unterhaltenden Krimivergnügen.

Sabina Naber

Autorin Sabina Naber, geboren 1965 in Niederösterreich, arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Journalistin.

Da stört es nicht einmal gross, dass der Mordfall nicht allzu knifflig ist. Bald einmal wird klar, wer der Täter ist, der eine Frau während des Wien-Marathons in ihrer Wohnung mit einem Hammer ins Jenseits beförderte. Das Problem ist nur, dass alle Verdächtigen den sportlichen Grossanlass – der fast lückenlos videoüberwacht ist, als Alibi vorweisen können. Chefinspektor Katz, der den Marathon ebenfalls absolviert hat, holt Mayer ins Landeskriminalamt. Diese würde zwar lieber in ihrem Dezernat eine ruhige Kugel schieben. Doch weil sie von ihrer zickigen Geliebten vor die Tür von dessen schicken Penthouse-Wohnung gesetzt wurde, kann sie das bessere Gehalt gut gebrauchen. Und wider Willen entdeckt Mayer im Duell mit dem Marathon-Mörder ihren Ehrgeiz.

«Erster Fall für Mayer & Katz» lautet der Untertitel von «Marathonduell». Gerne, Fortsetzung willkommen.

Sabina Naber: Marathonduell. Erster Fall für Mayer & Katz. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 370 Seiten, ca. Fr. 18.-.

Hier eine Leseprobe von der Autorin selbst:

Mord am Spalentor

Fabian Kern am Freitag den 2. November 2012

Schwarze Rosen

Wer einen neuen Basler Kommissar ins Rennen schickt, provoziert zwangsläufig den Vergleich mit Hansjörg Schneider und seiner Kultfigur, dem Kommissär Hunkeler. Der Bündner Alexander Condrau hat diesen Versuch gewagt. «Schwarze Rosen», der erste Fall von Kommissar Carlo Sarasin, begegnet Schneiders beliebter Krimireihe aber nicht auf Augenhöhe. Dies liegt schon am gewöhnungsbedürftigen Umfang: Einen Krimi mit nur 88 Seiten sieht man selten.

Ein hinterhältiger Schuss – und Harry Thommen ist nicht mehr. Am Spalentor wird der Immobilienmakler erschossen, seine Leiche taucht Tage später im Rhein auf. Das ist die Steilvorlage für Kriminalkommissar Carlo Sarasin. Der Fall entpuppt sich aber als harte Nuss. Lose Indizien deuten auf Verbindungen zur spanischen Mafia hin, aber Sarasin hängt etwas in der Luft. Weil er sich emotional zu sehr auf den Mord am zweifachen Familienvater aus Reinach einlässt, gerät er in eine Depression und wird freigestellt. Erst in seiner Auszeit in Spanien nimmt Sarasin wieder Witterung auf.

Als routinierter Krimileser tut man sich schwer mit Condraus pragmatischem Stil. Die Geschichte wird sehr deskriptiv erzählt, beinahe dokumentarisch, was eine Identifikation mit dem Protagonisten erschwert. Der Autor bemüht sich offensichtlich um Genauigkeit, was die Orte anbelangt. Dabei wird aber offensichtlich, dass er nicht aus der Region stammt. Die Basler Leser werden sich ärgern über den Ausdruck «mit der dreier Tram» oder Schreibfehler wie «Aeschervorstadt» und – eine Todsünde am Rheinknie – «Basler Fastnacht». Zudem ist die erste Auflage durchsetzt mit einigen Fehlern. Am gravierendsten sind Namensverwechslungen, die einen immer wieder verwirren. Der Verlag kündigte zwar an, die Fehler im Nachdruck zu korrigieren, was das Lesevergnügen der «Erstkonsumenten» aber auch nicht wiederbringt.

Die Auflösung des Falls ist schliesslich sehr abrupt. Man würde sich mehr Atmosphärisches wünschen, denn die Aneinanderreihung der harten Fakten ist zum Teil etwas ermüdend. Sarasins seelischer Zustand etwa wird überhaupt nicht behandelt, was dessen Charakter unnahbar macht. Dem Buch hätten etwas mehr Seiten oder sogar die doppelte Länge gut getan. Deshalb hat der Kommissär Hunkeler vorderhand nichts zu befürchten. Carlo Sarasin muss sich mächtig steigern und mehr von sich preisgeben, um zur ernsthaften Konkurrenz für den Basler Platzhirsch zu werden.

Alexander Condrau: «Schwarze Rosen». Literareon, München 2012. 88 Seiten, ca. Fr. 24.-.

Genialer Klugscheisser

Fabian Kern am Dienstag den 7. August 2012

Einsteins GehirnKlugscheisser sind nicht sehr beliebt. Auch nicht, wenn sie Genies sind. Das geht Albert Pottkämper nicht anders, auch wenn er durchaus treffend festhält: «Klugscheisserei ist immer Klugscheisserei für den, der keine Ahnung hat.» Das 14-jährige Universalgenie ist in der Schule chronisch unterfordert und bewirbt sich deshalb für eine Assistentenstelle an der Universität. Durch das plötzliche Ableben des Professors, der ein Engagement des halbwüchsigen Intelligenzbolzens durchaus in Betracht gezogen hätte, wird daraus nichts. Immerhin nimmt Albert aber durch die Empfehlung des Akademikers an einer TV-Talkshow teil, was den Beginn einer unglaublichen Odyssee rund um den Globus markiert. Albert schafft es aufs Titelblatt des Time Magazine, ins Weisse Haus und sogar zur Audienz beim Papst. Und das, obwohl er eigentlich nur seine ältere Schwester Anja, die mit einem alternden Schlagerstar durchgebrannt ist, zurück nach Hause holen sollte. Doch was Albert am meisten beschäftigt: Ist er der Sohn von Albert Einstein?

Peter Schmidt

Der deutsche Autor: Peter Schmidt.

«Durchgeknallt!» So bezeichnet sich das Buch «Einsteins Gehirn» selbst im Klappentext. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn was in Peter Schmidts Roman einem 14-Jährigen – Genie hin oder her – alles gelingen will, das geht auf keine Kuhhaut. Andererseits – wer weiss  schon, wie es ist, als Universalgenie durchs Leben zu gehen? Sein umfassendes Wissen in allen, aber wirklich allen Fachgebieten öffnet Albert auf der ganzen Welt Tür und Tor. Nicht einmal sein teils exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum vermag ihn auf das geistige Niveau von Normalsterblichen zurückzuholen. Schade nur für den Leser, dass sich Klugscheisser Albert bei seinen wissenschaftlichen und philosophischen Ergüssen nicht etwas mehr zurückhält. Dadurch ergeben sich einige Längen in der sonst flotten Handlung. Nur, das Buch als Kriminalroman zu bezeichnen, ist doch etwas gar gewagt. Denn das ist es beim besten Willen nicht. Aber eine kurzweilige Lügengeschichte allemal.

Peter Schmidt: «Einsteins Gehirn». Gmeiner Verlag, Messkirch 2012. 308 S., ca. Fr. 18.–.

Im Tal der Rache

Fabian Kern am Dienstag den 10. April 2012

Frische Bergluft tut gut. Sie kann einem vom Alltag ermüdeten Gehirn helfen, die Prioritäten neu zu ordnen. Und beispielsweise zu befinden, dass man ohne den untreuen Ehepartner besser dran ist. Oder dass der Busfahrer genug lange genervt und einen ausgedehnten Mittagsschlaf verdient hat, aus dem er nicht mehr erwacht. Vielleicht löst aber die Reise in eine der beliebtesten Feriendestinationen Österreichs auch ganz speziell Rachegefühle aus. Denn eines lernen wir über das «Mords-Zillertal»: Keine Tat bleibt ungesühnt. Da kann es schon mal passieren, dass sich ein verliebter Hüttenwart sich mit dem Küchenmesser von seiner herrischen Mama emanzipiert oder ein Schweizer Auftragskiller einen singenden Fernsehkoch aus Frankfurt beim Bergsteigen in den Dolomiten für seine Seitensprünge bestraft. Die Zillertaler selbst sind aber auch ein besonderer Menschenschlag. «In Tirol, da geht die Frau nicht nach dem Mann nach Hause», belehrt ein selbstgerechter Macho seine tote Gattin. Aber Vorsicht: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Sonst blüht einem vielleicht das frühzeitige Ableben vor der wunderschönen Kulisse des Zillertals.

Freunde des gepflegten Alpenkrimis lernen in 14 Kurzgeschichten vielleicht den einen oder anderen neuen Autoren kennen.

Jeff Maxian/Erich Weidinger (Hrsg.): «Mords-Zillertal». Gmeiner-Verlag, Messkirch 2012, 270 S., zirka Fr. 15.-.