Beiträge mit dem Schlagwort ‘Krimi’

Baselbieter Erfolgsautor auf neuem Terrain

Fabian Kern am Mittwoch den 19. Oktober 2016

 

BuchcoverHörten Krimileser bisher den Namen Rolf von Siebenthal, dann stellte sich sofort die Assoziation mit Max Bollag und dem Liestaler Tagblatt ein. Künftig werden sich da wohl noch einige Namen dazugesellen, denn der Baselbieter Krimiautor verlässt sein vertrautes Terrain, die Region Basel, und begibt sich aufs politisch heikle Parkett der Bundeshauptstadt. In Bern ermitteln in «Lange Schatten» offiziell Bundeskriminalpolizist Alex Vanzetti und inoffziell die junge Journalistin Zoe Zwygart sowie deren rüstige Grossmutter Lucy, selbst ehemalige Reporterin. Weil es sich gleich beim ersten Fall, bei dem sich die Wege dieser drei Protagonisten kreuzen, um einen Anschlag auf eine Bundesrätin handelt, ist für gehörig Brisanz gesorgt.

Von Siebenthal verlässt sein gewohntes Terrain also nur geografisch. Wie schon bei der Bollag-Serie werden die polizeilichen Ermittlungen von der Presse unterstützt oder behindert – je nach Perspektive. Diesmal allerdings ist die Hauptperson der Beamte. Vanzetti, ein aufstrebender Ermittler bei der Bundeskriminalpolizei, der sich aufgrund seines verhältnismässig jungen Alters auf höchster Ebene erst noch richtig beweisen muss. Neid und Missgunst stehen Vanzetti Spalier, erst recht, als er die These in den Raum stellt, dass der Mordanschlag, bei dem ein bundesrätlicher Leibwächter erschossen wurde, gar nicht dem Regierungsmitglied gegolten habe, sondern eben dem Sicherheitsbeamten. Derweil ist Zoe Zwygart, die sich bei den Berner Nachrichten ihre Sporen abverdient, der Sonderkommission bereits einen Schritt voraus. Die junge Journalistin erhält immer wieder mysteriöse Hinweise auf einen Serienmörder. Doch von wem und warum?

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist ausgebildeter Sprachlehrer.

Die Anlage der Hauptfiguren ist keine Neuerung. Die beiden Figuren laufen einander immer wieder über den Weg, was eine ambivalente Beziehung nach sich zieht. Ein bekanntes Muster, das von Siebenthal selbst schon bei seiner Bollag-Serie angewendet hat: Hartnäckiger Journalist wird immer wieder in die Schranken gewiesen, ist dem Ermittler aber immer einen Schritt voraus – dennoch sind die beiden am besten, wenn sie zusammenarbeiten. Ungewöhnlich dafür die Figur von Zoe: Eine ehemalige Elitesoldatin, die nun im Journalismus Karriere machen will – ganz nach dem Vorbild ihrer Grossmutter, die früher eine grosse Nummer bei den Berner Nachrichten gewesen ist. Die Figuren sind gut zugänglich, der Anfang einer neuen Serie scheint gemacht.

Damit wären wir wieder beim fremden Terrain. So fremd ist Bern dem Autor nämlich nicht. Von Siebenthal hat in Bern studiert, als Lehrer unterrichtet und fünf Jahre beim Bundesamt für Verkehr gearbeitet. «Zudem bietet mir die Hauptstadt viele Möglichkeiten für einen Krimi», sagt der frühere Journalist. «Ich kann sowohl die Bundesverwaltung als auch das Parlament oder die internationale Politik einbeziehen.» Es gibt also Grund zur Freude, denn «Lange Schatten» unterhält sehr kurzweilig, und man hofft auf ein baldiges Wiedersehen mit Alex Vanzetti und Zoe Zwygart. 2017 soll das nächste Buch aus der Berner Serie erscheinen. Und was ist mit Bollag? Den hat von Siebenthal immer noch im Hinterkopf: «Noch habe ich die Bollag-Serie nicht ganz aufgegeben, Ideen für weitere Bücher hätte ich jedenfalls…»

Rolf von Siebenthal: Lange Schatten. Friedrich Reinhardt Verlag. Basel, 2016. 464 Seiten, Fr. 29.80.

Die Bollag-Krimis von Rolf von Siebenthal: Schachzug (2013), Höllenfeuer (2014), Schlagzeile (2015).

Schwedens nie versiegende Krimiquelle

Fabian Kern am Dienstag den 3. Mai 2016

BuchcoverVier Männer in einer dunklen Ecke einer Bar. Vier Losungsworte. Ein Nazi-Geheimbund in Schweden. Da ist man gleich mittendrin. Ein Mord an einem dreijährigen Mädchen. Da ist man fast wieder draussen. Aber nur fast, denn «Die Strömung» ist der neuste Band der Krimiserie um die ungleichen Ermittler Olivia Rönning und Tom Stilton, was für Kenner Grund genug ist, weiterzulesen. Auch wenn Morde an Kindern – auch erfundene – fast unerträglich sind. Aber eben, auf dem Cover stehen die Namen Cilla und Rolf Börjlind, welche mit ihrem ersten eigenständigen Roman «Die Springflut» vor drei Jahren auch ausserhalb Skandinaviens einen Nerv getroffen haben wie zuletzt Stieg Larsson mit seiner «Millennium»-Trilogie. Das schwedische Ehepaar hatte sich bis dahin als Drehbuchautoren-Team einen Namen gemacht. Dass die beiden das richtige Gespür für Spannungsbogen, Timing und Figuren haben, stellen sie nun aber mit eigenen Krimis eindrucksvoll unter Beweis.

Erfolgreiches Autorenpaar: Rolf und Cilla Börjlind.

Erfolgreiches Autorenpaar: Rolf und Cilla Börjlind.

Da wäre zunächst Olivia Rönning. Die angehende Polizistin hat einen untrüglichen Instinkt, was das Ermitteln angeht. Aber es unterlaufen ihr jene Fehler, die einem mit Anfang zwanzig halt noch unterlaufen. Das macht sie so menschlich wie den Rest der Hauptfiguren. Keiner ist perfekt. Erst recht nicht Tom Stilton. Der ehemals beste Ermittler der Stockholmer Kriminal­polizei ist nach seiner Scheidung komplett abgestürzt und schlägt sich als Penner durch. Es ist Olivia, die ihn in der Gosse aufstöbert («Die Springflut») und wieder ins soziale Netz zurückholt. Toms Ex-Kollegin Mette Olsäter hat ihr dazu geraten. Und da ist auch noch Abbas el Fassis, ein Secondo und ehemaliger Zirkus­artist, den Tom Stilton einst gelehrt hat, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Seine Fertigkeiten als Messerwerfer setzt der schweigsame Marokkaner nur noch dann ein, wenn ein Mitglied seiner zusammengewürfelten «Familie» in Not ist.

Denn eine Familie bilden diese Figuren in gewissem Sinn. Auch wenn sie sich immer mal wieder streiten, einander wochen- oder gar monatelang nicht sehen und hören, weil jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist oder wieder einmal seinen Dickkopf durch­stiert. Wenn es hart auf hart kommt, sind sie füreinander da. Keine Helden, sondern einfach Menschen, die das Herz am richtigen Fleck haben. Für die der gesunde Menschenverstand und Empathie Vorrang vor dem Gesetz haben.

Nun also steigen sie schon in ihren dritten Fall. In dem wie schon in den beiden zuvor den Figuren Zeit eingeräumt wird, zueinander zu finden. Olivia verdient sich in der beschaulichen Provinz Schonen, fernab des vertrauten Stockholm, die Sporen als Polizeibeamtin ab. Bis die Beschaulichkeit wegen des erwähnten Kindermordes dem nackten Grauen weicht. Doch welchen Hintergrund hat die Tat? Bald gerät eine rechtsextremistische Vereinigung in den Fokus der Ermittler, denn das ermordete Mädchen war schwarz. Das Motiv scheint klar. Gleichzeitig stösst Tom auf Hinweise in jenem ungelösten Fall aus seiner Kripo-Karriere, der ihn nie richtig losgelassen hat: dem bestialischen Mord an einer Prostituierten – ebenfalls einer Schwarzen. Das bringt ihn Olivia wieder einmal näher.

Wie bei jeder erfolgreichen Krimireihe macht die richtige Mischung aus spannenden Fällen und den persön­lichen Geschichten der Protagonisten den Reiz aus. Die Börjlinds meistern diese Herausforderung so souverän, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihre Bücher auch hierzulande zu Bestsellern werden. Die schwedische Krimiquelle scheint nie zu versiegen.

Cilla und Rolf ­Börjlind: «Die Strömung», btb Verlag, München 2016, 525 S., ca. Fr. 23.–.

Max Bollags persönlichster Fall

Fabian Kern am Dienstag den 21. Juli 2015

BuchcoverNein, geändert hat er sich nicht. Noch immer kann Max Bollag nicht die Finger von einem Fall lassen, auch wenn es ihn der mürrische Kripochef Neuenschwander zehn Mal verbietet. Vielmehr wird seine Lust am Ermitteln durch Widerstand nur noch mehr angestachelt. Je mehr Leute ihm untersagen, die Nase in eine Angelegenheit zu stecken, umso mehr verbeisst sich der Starreporter des Liestaler «Tagblatt» in einen Fall. Und in diesem neusten Fall, dem dritten seit seiner Erschaffung durch den Baselbieter Krimiautor Rolf von Siebenthal, ist der Widerstand so gross wie noch nie.

Dass der eigentlich in Freundschaft verbundene Neuenschwander nicht möchte, dass Bollag mit seiner vorwitzigen Nase in einem Mordfall herumschnüffelt, ist schon Tradition in den Liestaler Krimis. Doch mit dem Ersten Staatsanwalt Matthias Baumann und dem neuen Tagblatt-Verleger Franz Heusser erwachsen dem Journalisten mächtige Feinde, die durch selbstsüchtige Motive angetrieben werden. Baumann möchte den Erzfeind aus Jugendzeiten um jeden Preis hinter Gitter bringen, und Ständerat Heusser ist scharf auf den Bundesratssitz von Bollags Lebensgefährtin Petra Mangold, weshalb das Tagblatt plötzlich eine Hetzjagd auf seinen eigenen Reporter inszeniert. Denn Bollag ist unter Mordverdacht.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter. (Bild: Lucian Hunziker)

Das wäre dem ehemaligen Bundeshauskorrespondent im Grunde egal, aber nicht in diesem Fall. Denn ermordet wurde mit Tanja Schneider seine Kollegin und Freundin, der er sich als Mentor eng verbunden fühlte. Den Täter zu überführen, das ist er ihr schuldig. In seinen Ermittlungen zu Schneiders Tod – ihre Leiche wurde ihn ihrem Auto im Allschwiler Weiher gefunden – findet er Unterstützung durch die junge Tagblatt-Volontärin Rebecca Tobler. Das ist umso wichtiger, weil Mangold ausgerechnet jetzt von ihrem Regierungsamt überfordert ist und gar keine Zeit für ihren Liebhaber hat. Also stürzt sich Bollag umso wilder in die Arbeit, immer auf der Hut vor der Polizei. Eine Spur führt zur letzten Geschichte, die Schneider recherchierte: Versicherungsbetrug durch absichtlich herbeigeführte Autounfälle. Doch liegt darin wirklich der Grund für ihre Ermordung?

Von Siebenthal bleibt seinem Stil treu. Von Kapitel zu Kapitel springt er von einer Figur zur anderen und erzählt aus deren Perspektive. Das hält den Leser bei der Stange, das Buch liest sich in Windeseile. Ebenso wird der Schatz an Baselbieter Schauplätzen immer reicher. Diesmal kommt vor allem das Unterbaselbiet zum Zug, was Spass macht, wenn man sich in der Region auskennt. Dennoch hätten zwanzig, dreissig Seiten mehr nicht geschadet. Der Streit zwischen dem starrköpfigen Bollag und Petra Mangold ist sehr schnell und ohne grosse Diskussionen beigelegt, und auch einige andere Handlungsstränge sind nicht abgeschlossen. Schade ist auch, dass Bollags ehemaliger Intimfeind Rieder, der inzwischen zum Chefredaktor des Tagblatts aufgestiegen ist, keine aktive Rolle mehr spielt. Dafür hat von Siebenthal den einen oder anderen erfrischenden Twist eingebaut.

Vielleicht sind die kleinen Abstriche dem strengen Jahresrhythmus geschuldet, den sich der Autor auferlegt hat – welcher wiederum beim Leser höchst willkommen ist. Denn nichtsdestotrotz ist «Schlagzeile» dringend zu empfehlen und für die Stammleserschaft ohnehin Pflichtlektüre.

Rolf von Siebenthal: Schlagzeile. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 280 Seiten, ab Fr. 13.20.

Die weiteren Bollag-Krimis: Schachzug (2013), Höllenfeuer (2014).

Kinder, Kinder

Fabian Kern am Donnerstag den 26. März 2015

BuchcoverBuchcoverVerbrechen an Kindern sind die schlimmsten überhaupt. Kinder sind unschuldig, haben das ganze Leben vor sich. Vielleicht deshalb sind sie immer wieder Thema in Krimis – ob Buch oder Film. Weil uns diese Fälle besonders erschüttern. Weil wir besonders mit den Ermittlern mitfiebern. Dennoch sind diese Geschichten über Missbräuche nicht jedermanns Sache. Wer selbst Nachwuchs hat, dem können die Fälle auch schon mal zu sehr an die Nieren gehen. Im deutschen Sprachraum, ja sogar im selben Verlag sind kurz hintereinander zwei Krimis zu diesem Thema erschienen: «Kinderland» von Marco Sonnleitner und «Januskinder» von Marcus Richmann. Wir zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und sagen, ob sie auch für Eltern empfehlenswert sind.

Die Parallelen

Die Gemeinsamkeiten beginnen schon bei den Autoren. Sowohl der Bayer Sonnleitner als auch der Zürcher Richmann legen mit diesen Romanen ihren zweiten Krimi vor, beide Erstlinge erschienen im Jahr 2013 («Blutzeugen» bzw. «Engelschatten»). Beide setzen in ihrem aktuellen Werk auf Missbräuche an Kindern. Entsprechend tief sind die menschlichen Abgründe, in welche die Ermittler mit Grausen blicken müssen. «Kinderland» beginnt mit dem Fund eines Kinderfingers im Bauch eines Fischs, der in der Küche der Hauptfigur aufgeschlitzt wird, kurz darauf findet man den Rest der Leiche in einem See. Richmann geht sogar noch weiter und schockiert mit dem Fund eines erfrorenen Säuglings auf einer Baustelle in Zürich.

Die Unterschiede

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Wurzeln in Georgien und Russland: Roman- und Drehbuchautor Marcus Richmann.

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Damit wären wir bereits bei den Unterschieden. Denn die Geschichten entwickeln sich in völlig andere Richtungen. Im urbanen Zürich werden immer wieder Babys entführt, ohne dass eine Lösegeldforderung folgen würde oder sonst ein Konzept ersichtlich wäre. Südlich von München, in der ländlichen Umgebung des Starnberger Sees hingegen deuten die Entführungen von Kindern zwischen fünf und zehn Jahren schon bald einmal auf einen Kinderhändlerring hin. Auch die Protagonisten sind höchst unterschiedlich. Bartholomäus Kammerlander (welch ein Name!) ist ehemaliger Kriminalkommissar und führt im beschaulichen Berg am Starnberger Sees ein Hotel. Er wird von seinen ehemaligen Kollegen der Kripo München immer dann um Hilfe angefragt, wenn ein besonders kniffliger Fall ansteht. Er ist glücklich verheiratet, trägt aber ein dunkles Geheimnis von einem Fall in den USA, als ihm ein Serienmörder entwischte, mit sich herum.

Demgegenüber ist das Leben von Maxim Charkow von der Kantonspolizei Zürich weniger geordnet. Der Polizist georgisch-russischer Abstammung steht in der Lebensmitte und hat ein Problem mit Liebesbeziehungen. Gerade hat er sich von einer Psychologin getrennt, mit der er aber beruflich zusammenarbeiten muss. Seine Seelenverwandte ist aber eine Pathologin, deren Freundschaft er aber nicht zugunsten einer romantischen Beziehung aufs Spiel setzen möchte, obwohl er weiss, dass sie in ihn verliebt ist. Dass er im Laufe der Ermittlungen im Rotlicht-Milieu auch noch auf eine attraktive russische Clubbesitzerin trifft, die heftig mit ihm flirtet, macht die Sache auch nicht einfacher.

Auch die Erzählstruktur weist Differenzen auf. Sonnleitner setzt auf einen in Deutschland verbreiteten Krimi-Stil, bei dem er immer zwischen Täter- und Ermittler-Perspektive wechselt. Dadurch hält er den Leser bei der Stange. Richmanns Roman hingegen nimmt langsamer Fahrt auf, wird aber immer schneller, dichter und nimmt unerwartete Wendungen. Er installiert viele flankierende Erzählstränge, was den Nebenfiguren mehr Gewicht gibt.

Das Fazit

Sonnleitners «Kinderland» ist gradliniger und dank des bayrischen Humors etwas heller in der Grundstimmung als «Januskinder». Richmann schafft eine etwas trostlose Atmosphäre mit lauter Beziehungen, die keine Zukunft zu haben scheinen. Dafür hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem seiner Romane ein Stück dunkler Schweizer Geschichte anzusprechen. Das Thema Missbrauch an Kindern ist gerade für Eltern aber in beiden Fällen sehr schwierig. Zart Besaitete sollten sich überlegen, ob sie es lesen möchten, denn man leidet mit den Angehörigen der Kindern mit, auch wenn es nur Fiktion ist. Die Entscheidung ist hart, denn auf die Begleitung der tollen Figuren Kammerlander und Charkow möchte man eigentlich nicht verzichten. Und die Fortsetzung derer persönlicher Geschichten zeichnet sich deutlich ab. Kammerlander muss sein Trauma verarbeiten und Charkow endlich zu seiner grossen Liebe findet. Deshalb: Augen zu und durch. Denn auch wenn Kinder als Opfer fast nicht zu ertragen sind, sind sie das in der Realität leider immer wieder.

Marco Sonnleitner: Kinderland. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 373 Seiten, Fr. 18.30.

Marcus Richmann: Januskinder. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 373 Seiten, Fr. 20.90.

Leichen-Leo in Hochform

Fabian Kern am Montag den 2. März 2015

BuchcoverTalente gibt es viele. Eine gar aussergewöhnliche Gabe besitzt Polizeiobermeister Leonhard Kreuthner. Seinen Spitznamen «Leichen-Leo» hat er sich redlich verdient, denn wenn immer im bayrischen Landkreis Miesbach jemand zu Tode kommt, ist Kreuthner derjenige, der die sterblichen Überreste findet. Ein Leichenfund an sich ist schon gruselig genug, aber diesmal geht sogar der hartgesottene Kreuthner der Allerwerteste auf Grundeis, denn der Polizist, der es selbst mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nimmt, ist selbst in den Fall verwickelt. Er hat das betrunkene Opfer mit Kollegen als Strafe für eine Wettschuld selbst in dessen Auto in einen Fluss gesetzt – am nächsten Morgen ist der Bestattungsunternehmer tot.

Doch damit nicht genug im sonst eigentlich beschaulichen Miesbach. Eine junge Frau verschwindet, ihr Auto wird später in der Wolfsschlucht gefunden – aufgespiesst von einem Maibaum. Auch das riecht wieder verdächtig nach Kreuthner, zumindest der Maibaum-Aspekt. Damit aber nicht genug, denn die beiden Fällen weisen nach Aufnahme der Ermittlungen immer mehr Berührungspunkte auf, zu viele, als dass sie nicht zusammenhängen könnten. Kripo-Kommissar Clemens Wallner ist gefordert, und dabei hat er doch schon an der Trennung von seiner Frau Vera zu knabbern und mit seinem Grossvater Manfred ohnehin genug am Hals. Der rüstige Senior hat auch im reifen Alter von 84 Jahren immer noch viele Flausen im Kopf und hält die Polizei auf Trab. Manfreds Schwäche für das weibliche Geschlecht ist im ganzen Dorf bekannt, doch im Falle der attraktiven «Hexe» Stefanie Lauberhalm scheint mehr dahinter zu stecken. Was geht da nur vor in Miesbach?

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Andreas Föhr (Jg. 1958) schreibt auch Drehbücher für TV-Krimis.

Gewisse Formate nutzen sich ab. Bei der einen oder anderen Krimiserie wäre nicht verkehrt, wenn man sie auch mal abschliessen und gut sein lassen würde. Nicht so bei Andreas Föhrs Tegernsee-Krimis, die der gelernte Jurist im Jahrestakt herausgibt. Die verschlingt man innert weniger Stunden und will danach mehr von Wallner, Kreuthner und Co. Der Autor schafft das Kunststück, den Fall und die persönliche Geschichte der Figuren so miteinander zu verstricken, dass beides gleichermassen interessiert. Die Charaktere werden mit nur wenigen Merkmalen so gut skizziert, dass man sofort mit Wallner über seine Kälteempfindlichkeit diskutieren und mit Kreuthner gern die eine oder andere «Halbe» trinken gehen würde. Und das Krimivergnügen leidet überhaupt nicht darunter. Hoffentlich bleibt Miesbach die kriminelle Energie noch lange erhalten. Zumindest in der Fiktion.

Andreas Föhr: Wolfsschlucht. Kriminalroman. Knaur Verlag. München, 2015. 394 Seiten, Fr. 19.45.

Die weiteren Miesbach-Krimis in der richtigen Reihenfolge: Der Prinzessinnenmörder (2011), Schafkopf (2012), Karwoche (2013), Totensonntag (2014).

Dan Brown als Swiss Miniature

Fabian Kern am Donnerstag den 4. September 2014

BuchcoverErstens kommt es anders – und zweitens als man denkt. Eigentlich konnte man davon ausgehen, dass die Krimiserie um die Berner Detektei Müller & Himmel mit dem letztjährigen Band «Schokoladenhölle» abgeschlossen war. Doch nun legt Paul Lascaux ganz unverhofft «Burgunderblut» vor: einen kurzen, knackigen und kurzweiligen Krimi, auf dessen rund 200 Seiten man sich in ein paar Stunden Lesespass auch noch geschichtliches Wissen aneignen kann. Und der zwar die Reihe fortsetzt, sich aber sich von den bisherigen Büchern merklich unterscheidet. Nicht stark, aber grundsätzlich.

Fiktiver Tatort, reales Gebäude: Schloss Grandson am Neuenburgersee. (Keystone)

Fiktiver Tatort, reales Gebäude: Schloss Grandson am Neuenburgersee. (Keystone)

Privatdetektiv Heinrich Müller ist wieder einmal knapp bei Kasse. Deshalb kommt der mysteriöse Fremde wie gerufen, der ihm 20’000 Franken für Ermittlungen in einem Mordfall in Aussicht stellt. Hinter dem bizarren Mord in der Folterkammer eines Waadtländer Schlosses soll ein Geheimnis stecken. Ein Geheimnis, das auf die Burgunderkriege zurück geht und die Landesgrenzen in Europa verändern könnte. Weil das eine Kragenweite zu gross ist für den Berner Schnüffler, erweitert er sein Team. Nicht nur seine frühere Partnerin, die Anthropologin Nicole Himmel, kehrt zurück. Sie bringt mit Michelle Broccard gleich auch noch eine junge Frau mit, die in der virtuellen Welt der Computer, die Müller so fremd ist, zuhause ist. Und sogar ein Historiker steht der Ermittlertruppe zur Seite, was in diesem geschichtsträchtigen Fall sehr hilfreich ist. Kein Wunder, kommen Müller, Himmel & Co. in kurzer Zeit weiter als die Polizei mit Markus Forrer, dem Nachfolger von Bernhard Spring. Aber der «Orden vom Goldenen Vlies» geht auf der Jagd nach einem verschollenen Siegel nicht gerade zimperlich mit jenen um, die sich ihm in den Weg stellen…

Paul Lascaux

Paul Lascaux alias Paul Ott.

Lascaux ist mit «Burgunderblut» eine Überraschung gelungen. Nicht nur, dass der der beliebten Detektei ein Comeback gönnt, sondern weil er sich weiterentwickelt hat. Der Krimi ist einer der besten der Serie, weil er homogen daherkommt und mit hohem Tempo glänzt. Das Buch fällt aber dahingehend etwas aus dem gewohnten Rahmen, weil das leibliche Wohl zwar immer noch sehr wichtig ist für die Protagonisten, aber nicht im Mittelpunkt steht. Von «Salztränen» (Käse) über «Wursthimmel», «Feuerwasser», «Gnadenbrot», «Mordswein» bis «Schokoladenhölle» war bei jedem der Vorgänger ein Lebensmittel gar Teil des Titels. Zuletzt entstand gar der Eindruck, dass die Figuren zu sehr im Mittelpunkt stehen, was einem Krimi abträglich ist. Der Fall muss im Vordergrund stehen, und zu dieser Tugend hat Lascaux mit «Burgunderblut» zurückgefunden. Der Fall mit Geheimbünden, die einen historischen Skandal wittern, erinnert gar an einen, der das Genre des historischen Thrillers geprägt hat, wie kaum ein anderer: Dan Brown. Lascaux schreibt nicht so reisserisch, dafür auf hohem sprachlichem Niveau und mit einem herrlich augenzwinkernden Humor. «Burgunderblut» ist quasi ein Dan Brown als Swiss Miniature.

Paul Lascaux: Burgunderblut. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 211 Seiten, Fr. 18.90.

Die weiteren Bücher der Serie von Paul Lascaux: Salztränen (2008), Wursthimmel (2008), Feuerwasser (2009), Gnadenbrot (2010), Mordswein (2011), Schokoladenhölle (2013).

Die Krimistimme des Baselbiets

Fabian Kern am Freitag den 22. August 2014
Buchcover

Max Bollags zweiter Fall: Höllenfeuer.

Glutheisse Sommermonate im Baselbiet mit konstanten Temperaturen weit über 30 Grad – das muss in diesem Jahr definitiv einer blühenden Fantasie entspringen. Richtig: der Fantasie Rolf von Siebenthals. Der frühere Journalist hat ein Jahr nach seinem Krimidebüt «Schachzug» den zweiten Fall um Max Bollag und Heinz Neuenschwander vorgelegt. Wieder ist der Kanton Baselland Schauplatz brutaler Verbrechen, wieder lässt einem die Geschichte keine Ruhe, bis die letzte Seite umgeblättert ist.

In «Höllenfeuer» wird ein renommierter Arzt in seiner Villa in Liestal Opfer eines Brandes. Kripo-Chef Neuenschwander ist schnell klar, dass es sich dabei um Brandstiftung und somit Mord handelt. Doch sowohl Indizien als auch Verdächtige sind sehr rar, geschweige denn ein Motiv in Sicht. Gleichzeitig rollt Bollag einen alten Fall um einen verschwundenen Jungen in Birsfelden auf, und seine Lebenspartnerin, die Bundesrätin Petra Mangold wird von einer aggressiven radikalen Bewegung bedroht. Da kommt keine Langeweile auf rund ums «Stedtli» – im Gegenteil. Bis die Protagonisten erkennen, dass und wie die Fälle zusammenhängen, befinden sie sich bereits in höchster Gefahr.

Der Erstling: Schachzug (2013).

Von Siebenthals Erstling: Schachzug (2013).

«Mein Ziel war es, einen ganz anderen Fall zu beschreiben als noch im ersten Buch», sagt von Siebenthal. Das ist ihm gelungen. Der Krimi rund um gemeingefährliche sektenähnliche Vereinigungen ist hoch spannend und hat einen teilweise erschreckend realistischen Touch. Neben dem Fall interessiert natürlich, wie sich das Leben der Figuren weiterentwickelt. Ob Neuenschwander mit seiner Brigitte tatsächlich das späte Glück findet, ob die Beziehung des Investigativjournalists Bollag mit Bundesrätin Mangold tatsächlich Zukunft hat, und ob Rieder, der unsympathische Lokalchef des «Tagblatts» endlich die verdiente Quittung für seine Arroganz erhält. Nicht alle diese Fragen werden bereits in «Höllenfeuer» beantwortet.

Dem Autor ist der zweite Baselbieter Krimi viel leichter von der Hand gegangen als noch sein Erstling. «Ich brauchte nicht so viele Anläufe wie noch beim ersten. Die Figuren, die Sprache, alles war schon da», erklärt von Siebenthal. Der Roman liest sich denn auch viel flüssiger als noch «Schachzug». Nicht, dass der vor einem Jahr erschienene Krimi schlechter wäre – überhaupt nicht. Aber es sind zwei verschiedene Bücher, was die Sache spannender macht. Und das soll noch nicht das Ende der Liestaler Kriminalgeschichten sein. «Ich habe von Anfang an mit drei Büchern geplant», verrät von Siebenthal. Den Rhythmus behält er bei, im Sommer 2015 soll das nächste Buch erscheinen. Auch das wieder mit einem völlig anderen Fall als die zwei Vorgänger.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) wohnt im Oberbaselbiet.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) wohnt im Oberbaselbiet.

Dann will der selbstständige Texter aber wortwörtlich über die Bücher. «Aufwand und Ertrag halten sich überhaupt nicht die Waage. Mein Büro habe ich ziemlich vernachlässigt», erklärt der 53-Jährige. Wer immer dachte, mit Krimis liesse sich eine goldene Nase verdienen, hier die Zahlen: «Schachzug» ging bisher 4500 Mal über den Ladentisch. Von jedem Taschenbuch erhält der Autor etwa einen Franken. «Würde ich das wegen des Geldes machen, dann würde ich besser an einer Ladenkasse arbeiten», sagt von Siebenthal. Es wäre schade, würde der Autor seine Krimiserie mit Suchtpotenzial danach einstellen, macht er doch beste Werbung für die ganze Nordwestschweiz. «Mir haben schon Leser aus Deutschland geschrieben, sie kämen bald in die Region, um sich die Schauplätze anzusehen», meint der frühere Journalist. Baselland-Tourismus hat sich allerdings noch nicht bei ihm gemeldet. «Ich könnte ja die Krimistimme des Kantons Baselland werden», scherzt er. Für viele ist er das schon.

Rolf von Siebenthal: Höllenfeuer. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 352 Seiten, Fr. 18.90.

Rolf von Siebenthal: Schachzug. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 344 Seiten, Fr. 18.90.

Rechtsextreme schlagen Öko-Terroristen

Fabian Kern am Mittwoch den 7. Mai 2014

Buchcover StrahlenmeerBuchcover WahlschlachtSeit Martin Suter sind Schweizer Autoren im deutschen Sprachraum beliebt, vorzugsweise Krimis. Immer mehr nationale Titel finden den Weg in den an Kriminalromanen übersättigten Markt Deutschlands. Vor allem der Gmeiner Verlag, der sich auf Krimis mit hohem Regionalbezug spezialisiert hat, nimmt immer wieder Schweizer unter Vertrag. Der Ostschweizer Markus Matzner, Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen, hat dieses Jahr schon seinen zweiten Krimi veröffentlicht. Auf «Wahlschlacht» (2013), in dem eine rechtsextreme Vereinigung einen Anschlag auf die Nationalratswahl-Sendung im «Deutschschweizer Fernsehen» plant, folgt «Strahlenmeer». Nun sind es Öko-Terroristen einer oskuren Sekte names «Children of Gaia», welche die Welt mit Gewalt verbessern wollen. Dabei spielt auch der grösste Schweizer Nuklearunfalle eine entscheidende Rolle. Ein Vergleich:

Der Thurgauer Markus Matzner, Jahrgang 1964, arbeitet als TV-Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen und lebt in der Region Zürich.

Der Thurgauer Markus Matzner, Jahrgang 1964, arbeitet als TV-Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen und lebt in der Region Zürich.

1. Figuren

Matzner setzt auf das bewährte Rezept der Wiedererkennung. In «Strahlenmeer» begegnen wir wieder den bereits altbekannten Figuren aus «Wahlschlacht»: dem pensionierten TV-Mann Nico Vontobel und seinem jungen Ex-Kollegen Mario Ettlin sowie deren Partnerinnen Hanni Pulver und Sara Feldberg und dem Polizei-Personal, bestehend aus dem Zürcher Kripo-Chef Severin Martelli und dem starrköpfigen Altmeister Jean-Jacques Trümpi. Obwohl es natürlich richtig ist, die eingeführten Charaktere zu pflegen, befriedigt die Weiterentwicklung der persönlichen Geschichten, die in Krimiserien oft mehr interessieren als der jeweilige Fall, leider nicht wirklich. Zu verzettelt ist die Story mit Schauplätzen vom Zürcher Unterland über Basel bis nach Südfrankreich, zu wenig klar ist der Lead verteilt. Stand im Erstling klar Nico Vontobel im Mittelpunkt, ist es nun eigentlich Mario Ettlin. Doch leider hetzt dieser nur von einer Recherche zur nächsten, weshalb man nur wenig mehr über den ehrgeizigen Journalisten erfährt. Matzner scheint lange nicht zu wissen, welche Rolle Nico Vontobel spielen soll, weshalb dieser und Hanni Pulver erst in der Schlussphase in die Handlung eingreift. Schade, denn das alternde Pärchen hat in «Wahlschlacht» viele Sympathien gewonnen.

2. Stil

Hinsichtlich des pragmatischen Schreibstils hat sich Matzner nicht verändert. Weiterhin dominiert eine eher einfache Sprache, welche wohl dem beruflichen Hintergrund Matzners zugrunde liegt. Die vielen Helvetismen, die Lokalkolorit vermitteln sollen, wirken etwas bemüht und auch unnötig. Man erhält den Eindruck, immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen zu werden, dass hier Schweizer am Werk sind. Da wäre weniger mehr gewesen.

3. Glaubwürdigkeit

Das Sektenbild der «Children of Gaia» ist etwas schwammig. Man kann sich nicht vorstellen, dass vernünftige junge Menschen dutzendweise dem lächerlich wirkenden Führer mit dem Nickname TAG und dessen rechter Hand MC blind folgen, dabei jegliche Selbstachtung verlieren und sich für kriminelle Handlungen benutzen lassen. Da vermittelten die Rechtsextremen aus «Wahlschlacht» ein viel beklemmenderes, weil realistischeres Szenario. Die braune Szene beschrieb Matzner detailgerecht und glaubwürdig, zudem warf der TV-Mann seine Insiderkenntnisse aus Leutschenbach ins «Deutschschweizer Fernsehen DSF» des Buchs gekonnt einfliessen. Die Geschichte wirkt runder und einheitlicher. Vielleicht liegen uns die Skinheads aus dem Schweizer Mittelland aber auch einfach näher als eine komische Öko-Sekte, die in einem Château in Südfrankreich drogengeschwängerte Orgien feiert und die Nähe zu Mutter Erde sucht.

4. Spannung

Figurenentwicklung hin oder her, bei einem Krimi ist die Spannung die Königsdisziplin. Und da findet der Vergleich der beiden Bücher einen klaren Sieger: «Wahlschlacht» ist ein Buch, das man ungern aus der Hand legt, weil der Spannungsbogen bis zum Schluss hält. «Strahlenmeer» hingegen versucht zwar genauso mit dem Springen von einer Figur zur nächsten, Cliffhanger zu produzieren, es gelingt Matzner aber weniger gut als beim Vorgänger. Die Geschichte ist zwar sehr aufwändig, hat aber zuviele Hänger, die Ereignisse in der Region Zürich und in Südfrankreich sind zu lose verbunden, als dass sie einen bei der Stange halten könnten. Schade, denn der Autor hat offensichtlich viel Zeit in die Recherche investiert.

5. Fazit

Trotz der Kritik: Schlecht ist «Strahlenmeer» nicht. Matzners Problem ist nur, dass er sich am starken Auftakt der Serie messen lassen muss. Und in diesem Vergleich fällt sein neuster Roman ab. Weil die Serie aber hoffentlich weitergeführt wird, ist das zweite Buch für die Anhänger von «Wahlschlacht» dennoch Pflicht.

Markus Matzner: Strahlenmeer. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 377 Seiten, Fr. 18.90.

Markus Matzner: Wahlschlacht. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 315 Seiten, Fr. 18.90.

Hoffen und Bangen mit Harry Hole

Fabian Kern am Mittwoch den 4. Dezember 2013

BuchcoverHarry Hole lebt. Wer mit diesem Satz nichts anfangen kann, der sollte gar nicht erst weiterlesen. Alle anderen nämlich sind elektrisiert – falls sie Jo Nesbøs «Koma» nicht schon längst gekauft und verschlungen haben. Zu gross war die Ernüchterung am Ende von «Die Larve», des letzten Bandes der Serie, als Harry von seinem Ziehsohn Oleg niedergeschossen wurde, als dass ein echter Fan jetzt unnötig Zeit verlieren könnte. Und ein echter Fan ist, wer in allen bisherigen neun Büchern mit dem selbstzerstörerischen, aber gutherzigen Suchtmenschen mitgelitten hat.

«Koma» knüpft inhaltlich nahezu nahtlos an seinen Vorgänger an. Die dramatischen Ereignisse rund um den Drogenbaron Rudolf Asajev sind sofort wieder präsent, Harrys Gegenspieler immer noch dieselben. Mikael Bellman ist zum Polizeipräsidenten aufgestiegen, die skrupellose Kultursenatorin Isabelle Skøyen befindet sich weiterhin auf Steigflug in der Osloer Politik. Nur einer kann dem ruchlosen Duo gefährlich werden, weshalb sie ein Attentat auf den unter Bewachung stehenden Mann im Koma planen. Harrys ehemaligen Kollegen sehen sich derweil mit einer schockierenden Mordserie konfrontiert. Ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und bringt Ermittler an den Tatorten ihrer ungelösten Mordfälle um. Das Team um Beate Lønn wünscht sich ihren schwierigen, eigenbrötlerischen aber eben auch genialen früheren Hauptkommissar zurück – im Wissen, dass die Polizeiarbeit auf Harry ebenso fatale Auswirkungen haben kann wie der Alkohol.


Ein Video-Gruss von Jo Nesbø an seine Leser.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer – man traut Nesbø im zehnten Band nicht über den Weg und alles zu. Schliesslich hat er auch in der Vergangenheit vor nichts zurückgeschreckt. Schickt er Harry wieder in die Fänge des Alkohols? Lässt er ihn seine grosse Liebe Rakel endgültig aufgeben, weil Harry Angst hat, ihrer nicht wert zu sein? Wer aus Harrys engsten Umfeld lässt er noch über die Klinge springen? Ist er gar fähig dazu Harry selbst sterben zu lassen? Diese Fragen zehren am Leser, der das Buch deshalb wie getrieben gar nicht mehr beiseite legen kann. Man hofft so sehr, dass Harry endlich die Kurve kriegt und seinem Glück nicht wieder selbst im Weg steht. Doch kann er sich wirklich ändern?


Jo Nesbø spricht 2011 über seinen Krimi-Protagonisten Harry Hole.

Als Weihnachtsgeschenk taugt der Krimi nicht viel, denn Fans werden nicht bis Heiligabend warten wollen, und das Quereinsteigen ist in dieser Serie nicht zu empfehlen. Dabei sei auf Harry Holes ersten Fall, «Der Fledermausmann» verwiesen. Zwar ist jenes Buch das schwächste der ganzen Serie, ist für die ganze Geschichte aber elementar. Das Lesen lohnt sich – auch wenn es Nesbø nicht immer nur gut mit seinem Helden meint. Aber Achtung: Sucht ist nicht nur ein immer wieder kehrendes Thema in den Nesbø-Krimis, sondern sie machen selbst süchtig. Nach dem Buch ist leider schon wieder vor dem Buch. Da macht auch «Koma» keine Ausnahme.

Jo Nesbø: Koma. Kriminalroman. Ullstein Verlag. Berlin, 2013. 608 Seiten, Fr. 36.90.

Erfolgskrimi aus dem Baselbiet

Fabian Kern am Dienstag den 15. Oktober 2013

BuchcoverAngehende Schriftsteller werden sich schon mit Fragen wie diesen auseinandergesetzt haben: Was für ein Buch möchte ich schreiben? Wo siedle ich die Handlung an? Wie sollen meine Figuren sein? Rolf von Siebenthal hat sich entsprechend seiner persönlichen Stärken und Vorlieben entschieden. Als passionierter Krimileser mit Vergangenheit im Bundesamt für Verkehr und im Tagesjournalismus ist sein Erstling «Schachzug» schon fast logisch erklärbar: Ein Journalist ermittelt in einem Mordfall in und um Liestal, der mit dubiosen Machenschaften im Eisenbahn-Geschäft zusammenhängt. «Ich lese gern Krimis. Dieses Genre habe ich mir am ehesten zugetraut», erklärt der Autor, der sich als Journalist und Texter selbstständig gemacht hat.

Von Siebenthal ist kein Freund von langatmigen Einstiegen: «Als Krimileser mag ich es nicht, wenn die Handlung zu langsam vorwärts geht.» Sein bevorzugter Autor ist Michael Connelly. Deshalb lässt von Siebenthal den Leser gleich zu Beginn an der Perspektive des Mörders teilhaben, der auf dem Seltisberg einem Manager aus 600 Metern Entfernung eine Kugel in den Kopf jagt. Das Opfer ist der Schwager von Max Bollag, einem Journalist der Liestaler Zeitung «Tagblatt», der sich sowohl beruflich als auch privat in der Krise befindet. Somit ist der Protagonist schnell eingeführt. Sind da etwa autobiografische Züge auszumachen? «Nein, ich glaube nicht. Die Figuren sind allesamt frei erfunden», erklärt Ex-Printjournalist von Siebenthal nach kurzem Überlegen.

Rolf von Siebenthal, Jahrgang, 1961, wohnt im Oberbaselbiet.

Rolf von Siebenthal (Jahrgang 1961) wohnt im Oberbaselbiet.

Bollag ist denn auch nicht die einzige Hauptfigur. Auch Heinz Neuenschwander ist zentral in «Schachzug». Der «beste Bulle des Baselbiets» ist ein Polizist zum Gernhaben: brummig, manchmal etwas schroff, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Von Siebenthal springt zwischen den Perspektiven von Bollag, Neuenschwander und Doris Lüthi hin und her. Letztere ist als Angestellte einer Firma, die Zugwaggons produziert, einem unlauteren Seilziehen um einen millionenschweren Bundesauftrag auf der Spur. Lange ermitteln die drei unabhängig, bis sich ihre Wege kreuzen, weil die Fälle zusammenhängen – und ab diesem Zeitpunkt kommt der Krimi einem Thriller nahe. Die Handlung nimmt Fahrt auf und steuert einem actiongeladenen Showdown im beschaulichen Sissach entgegen.

Der Wechsel zwischen den erzählenden Figuren ist heikel. Es besteht die Gefahr, den Faden zu verlieren und die Geschichte ausfransen zu lassen. Von Siebenthal passiert das nicht. Die Story bleibt kompakt und verliert überhaupt nicht an Spannung. Im Gegenteil, jedes Kapitel endet in einem kleinen Cliffhanger, der es einem schwer macht, das Buch beiseite zu legen. Wenn von Siebenthal deshalb sagt, dieser Perspektivenwechsel komme in seinem Umfeld mal sehr gut, mal überhaupt nicht an, dann darf man das getrost den individuellen Vorlieben zuschreiben. Formal ist sicherlich nichts auszusetzen. Ebenso wenig am Handlungsort. «Ich habe mir lange überlegt, ob es eine gute Idee ist, Liestal als Schauplatz zu wählen», erklärt der Autor. Da es schon genug Krimis gibt, die in Basel spielen, hat sich der 52-Jährige aber für das «Stedtli» entschieden. Nun ist er froh darüber: «Ich betrachte den ganzen Kanton Baselland als meinen Spielplatz. Das eröffnet mir viel mehr Möglichkeiten und Handlungsorte als die Stadt.»

Mit dem Schreiben von Krimis reich zu werden, erwartet von Siebenthal nicht: «Diese Illusion mache ich mir nicht.» Vier Jahre hat er für seinen Erstling von den ersten Skizzen bis zum fertigen Roman gebraucht. So viel Zeit darf er sich für das nächste Buch nicht lassen, denn die Verkaufszahlen von «Schachzug», seit Juli im Verkauf, sind so gut, dass davon bereits die zweite Auflage gedruckt wird und ihn der Verlag gedrängt hat, den nächsten Liestaler Krimi bereits im nächsten Jahr fertig zu stellen. «Die Handlung wird etwa ein Jahr nach dem ersten Fall spielen, und Bollag und Neuenschwander werden natürlich wieder mit von der Partie sein», verrät von Siebenthal, der etwas überrumpelt wurde, weil er die Fortsetzung eigentlich erst für 2015 geplant hat. Nun dürfen sich die Leser schon auf den kommenden Juli freuen, während der Autor einen arbeitsreichen Winter vor sich hat. Das nennt man ein Luxusproblem.

Rolf von Siebenthal: Schachzug. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 344 Seiten, Fr. 17.90.