Beiträge mit dem Schlagwort ‘Konzert’

Nichts für die kalte Jahreszeit

Luca Bruno am Dienstag den 8. Februar 2011


Laura Veirs‘ aktuelles Album «July Flame» erschien zwar letzten Januar, ihre unprätentiösen Folksongs sollte man jedoch, wie uns bereits der Titel des Albums verrät, viel besser im Juli hören. Und auch die Vorgängeralben – seit 1999 sind sieben Alben der Singer/Songwriterin aus Portland erschienen – sind mit ihrem warmen, countryesquen Sound am Besten im Sommer aufgehoben.

Auf «July Flame» steuert My Morning Jacket-Sänger Jim James auf mehreren Songs die Harmonien bei und Colin Meloy, Sänger der Decemberists, bezeichnete das Album gar als sein Lieblingsalbum von 2010. Während Veirs in Folkmusik-Kreisen also ein hohes Ansehen geniesst, blieb ihr der grosse Durchbruch bislang jedoch verwehrt. Zwar würde es nie jemand wagen, ein schlechtes Wort über die warmen Melodien ihrer Songs zu verlieren. Doch auch für so exzellente Alben wie «Carbon Glaciers» (2004) oder «Year Of Meteors» (2005) bleibt es am Ende dann doch beim «7 von 10 Punkten»-Review. Laura Veirs‘ Musik sei zwar «schön», kommt jedoch mit zu wenig Kanten daher, heisst es dann meistens.

Aber wie so oft trügt der erste Blick und sobald man ein wenig genauer hinhört, wird man mit Zeilen wie «I can smell the smoke from your fire, Babe, but I’ll leave you alone and sleep in this lonely cave» konfrontiert. Ziemlich schnell wird klar, dass sich Veirs vor Kanten also keineswegs scheut. Tiefgründige Probleme werden angesprochen. Laura Veirs macht sich jedoch einen Spass daraus, diese in liebliche Melodien zu verpacken. Die Fassade bröckelt und urplötzlich eignet sich «July Flame» doch auch für Wintermonate.

Aber auch wenn Veirs gerne über Gefühle singt, die irgendwo Schiffbruch erlitten haben und auf ihren Pressefotos einen leicht schrulligen Eindruck hinterlässt, haben wir es hier nicht mit einer Einzelgängerin zu tun. Nicht nur tritt sie diesen Mittwoch, dem 9. Februar 2011, im Parterre mit Begleitband auf, im Song «Little Deschutes» singt sie schliesslich auch «I want nothing more than to float with you / I want nothing more than to dance with you». Ab und zu lohnt es sich dann eben auch, ein drittes Mal hinzuschauen.

Laura Veirs, mit Band: Diesen Mittwochabend (9. Februar) Live im Parterre. Beginn: 20:00.

Konzerte im Hinterhof

Luca Bruno am Mittwoch den 26. Januar 2011

Felix Bossel, Betreiber des 1. STOCKs in Münchenstein, behauptete vor ein paar Wochen, dass kulturell wirklich spannende Sachen oftmals an der Peripherie entstehen. Er behält weiterhin Recht. Für gute Konzerte im Raum Basel setzt man sich nämlich noch immer am besten in die Tramlinie 10 und fährt Richtung Münchenstein. Neuerdings kann man allerdings bereits ein paar Tramstationen früher aussteigen.

Vor einem Jahr liess sich die Hinterhof Bar am Soon-to-be-Kulturhotspot Dreispitz nieder, und während man sich im ersten Jahr dort hauptsächlich der elektronischen Tanzmusik fürs Wochenende verschrieben hatte, dürfen wir mit einem Blick aufs aktuelle Programm nun erfreut feststellen, dass man im neuen Jahr vermehrt auf Livekonzerte setzen möchte. Möglich gemacht hat das ein grosszügiger Umbau über die Jahreswende, bei welchem unter anderem eine grössere Bühne entstanden ist. Unsere Befürchtung, dass uns in Basel die Konzertbühnen ausgehen, scheint sich also doch nicht zu bewahrheiten.

Besonders das Wochenende vom 4. und 5. März gilt es rot im Kalender zu markieren. Am 4. März wird uns Hendrik Weber alias Pantha du Prince, dessen Album «Black Noise» eines der grossen Highlights von 2010 war, mit seinem Minimal Techno beehren, und nur einen Tag später erwartet uns die dänische Folk-/Post-Rock-Truppe Efterklang, die ja bereits letztes Jahr im 1. Stock begeisterten. Vor dem Konzert von Efterklang wird uns die Band ausserdem ihren Film «An Island» zeigen, der letzten August in Zusammenarbeit mit «La Blogothèque»-Gründer Vincent Moon entstanden ist. Konzert und Screening in einem also.

Die Konzertsaison im Hinterhof startet allerdings bereits heute. Das belgische Duo My TV Is Dead macht den Anfang, und Bands wie Soulwax, dEUS oder Ghinzu beweisen ja schon seit Jahren, dass «Belgien» ein Qualitätslabel für gute Popmusik ist.

My TV Is Dead: Diesen Mittwochabend (26. Januar) Live im Hinterhof. Bar ab 20:00, Beginn: 21:30.

Lo-Fi im Parterre

Luca Bruno am Dienstag den 11. Januar 2011
James Legeres

James Legeres

Real Estate, Times New Viking oder Wavves. Nur einige Beispiele aus den letzten 3 Jahren, die beweisen, dass «Lo-Fi » wieder voll im Trend liegt. Schliesslich braucht es für eine gute Platte in erster Linie gute Melodien und für solche reicht auch ein Vierspurrekorder aus. Vergangenen Samstag waren im proppenvollen Parterre mit James Legeres und The Golden gleich zwei Basler «Lo-Fi»-Hoffnungen am Start.

Alain Meyer alias The Golden ist hauptberuflich Gitarrist von Sheila She Loves You. 2008 gewann das Quartett den Sprungbrett-Contest, letztes Jahr veröffentlichten sie mit «Esztergom» ihr vielgelobtes Debütalbum und generell gelten sie als eine der grösseren Pophoffnungen der Stadt. Auf seinem Seitenprojekt The Golden schlägt Meyer jedoch viel ruhigere Töne als seine Hauptband an. So erinnern die Aufnahmen auf seiner selbstveröffentlichen EP «Hidden Mouth» an Sufjan Stevens oder Elliott Smith. An Konzerten tritt The Golden allerdings als komplette Band auf. So wird Meyer von einer Gitarristin und 2 Mitgliedern seiner Hauptband unterstützt.

Live klingen The Golden daher vielleicht nicht mehr ganz so «Lo-Fi» wie auf ihren Aufnahmen, an Authentizität mangelt es jedoch nicht. Herzerwärmenden Zeilen wie «Lay your light in my eyes, you’re all i want to see» mögen auf Papier vielleicht kitschig klingen, wenn man der Band jedoch dabei zuschauen kann, mit wie viel Spielfreude und Charme sie ihre Songs darbieten, erkennt man schnell, wie viel Wertschätzung sie jeder einzelnen Minute ihres Auftritts entgegenbringen. Alain Meyer sagt selbst, dass die relativ seltenen Liveauftritte als The Golden dazu führen, dass er jedes Konzert als etwas ganz Besonderes ansieht. Man merkt es.

Auch James Legeres, die Headliner des Abends, setzen konsequent auf eine «Lo-Fi»-Ästhetik. Und auch für James Legeres ist «Lo-Fi» nicht etwa ein Ausweg, sondern eine bewusste Wahl. Eine Wahl, die sie mit Freude zelebrieren. Drummer Tobias Koch mimt in der Mitte des Sets den Alleinunterhalter und zaubert aus ein paar simplen Keyboard-Presets einen grossartigen Popsong. Man wähnt sich urplötzlich auf einem Kreuzfahrtschiff oder auf einen High School-Abschlussball irgendwo in der US-amerikanischen Provinz. Szenen, wie man sie eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt.

James Legeres‘ Musik ist abwechslungsreich, kreativ und kommt mit sehr viel Charme daher. In ihrem Auftritt finden sich ähnlich viele Ideen wieder, wie auf einer Guided By Voices-Platte. Doch wo Robert Pollard wusste, dass seine Ideen meist nur für zwei Minuten reichen, verpassen es James Legeres einige Male, am richtigen Zeitpunkt die Pointe zu setzen. Das Konzert zieht sich unnötig in die Länge und wird gegen Ende so zu einer Ausdauerübung. Für ein nächstes Konzert wäre es also zu hoffen, dass James Legeres nicht nur ihre Klangästhetik, sondern auch die eigene Setlist minimal halten würden.

The bianca Story zu Hause

Luca Bruno am Samstag den 8. Januar 2011


Seit kurzem ist «Coming Home», die brandneue Single von The bianca Story erhältlich. Zur Taufe dieses Songs veranstaltete die Band nun gestern Abend genau das, was der Titel des Songs vermuten lässt: Ein Homecoming-Konzert im Rossstall der Kaserne Basel.

Auf angesprochener neuen Single, welche die Band ihrem verstorbenen Förderer Nigel Paul Day gewidmet hat, präsentieren sich The bianca Story verletzlich und intim. Im dazugehörigen Video schimmert echte Melancholie durch den «Pop-Art»-Vorhang der Band. Umso enttäuschender ist es also, dass sich die Band gestern Abend als komplett austauschbar präsentierte.

Vor 3 Jahren fragte die deutsche Zeitschrift Musikexpress im Review zu ihrem Debütalbum «Hi Society!», ob man aufstrebenden Bands im Jahr 2008 eigentlich noch einen Gefallen tut, wenn man sie mit Bands wie den Strokes oder Franz Ferdinand vergleicht. Drei Jahre später gilt es ernüchternd festzustellen, dass The bianca Story auch weiterhin nichts gegen diese Vergleiche unternehmen. Sänger Elia Rediger hat seinen Alex Kapranos zwar vor längerer Zeit abgelegt, die Post-Punk-Gitarren, die an die Revialwelle von Mitte letzter Dekade erinnern, sind allerdings immer noch da und klingen weiterhin überholt.

Seit den letzten Personalwechseln sitzt nun Lorenz Hunziker, vormals bei Mañana, hinter dem Schlagzeug von The bianca Story. Zweifelsohne eine willkommene Addition zur Band. Er ist es nämlich auch, der sich während der ersten Hälfte des Konzertes allergrösste Mühe gibt, mit seinem druckvollen Schlagzeugspiel den Songs mehr Leben einzuhauchen. Als er gegen Mitte des Sets jedoch zu Höchstform aufläuft, wird er unnötigerweise ans elektronische Schlagzeug verbannt. Getaucht in rotes Licht versuchen The bianca Story nun, mit einem ruhigen Stück Intimität aufzubauen. Sie scheitern. Nur eines von vielen Beispielen, mit denen The bianca Story den Spannungsaufbau ihres eigenen Konzertes sabotieren.

So spielen sie auch ihren Hit «Tick Tack» in einer leicht veränderten Version, welche die Originalversion des Songs nicht verbessert. In der Bridge des Songs tauchen aus dem Nichts knackige «Dance-punk»-Gitarren auf, und für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass die Band nun gleich The Raptures «House Of Jealous Lovers» Tribut zollen wird, aber schon 5 Sekunden später hat sich der Song wieder in sich selbst verloren und wird unter Keyboardflächen zerdrückt.

Die Call-and-Response-Einlagen, die seit Jahren zu einem festen Bestandteil von Konzerten der Band gehören, werden auch dieses Mal wieder euphorisch aufgenommen und gegen Ende des Konzertes gibt es im Rossstall sogar den einen oder anderen Crowdsurfer wahrzunehmen. Die Band hat ihr Publikum ohne Zweifel im Griff und zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass sich die Band auf der Bühne nicht wohlfühlt. Es gibt absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Band auf der Bühne möglichst vielseitig zeigen will, der gestrige Abend hat jedoch gezeigt, dass The bianca Story es zu vielen Recht machen wollen. Anstatt sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen, kratzt man immer noch an zu vielen verschiedenen Oberflächen.

So ist es umso verwunderlicher, wenn die Band im letzten Song des Abends «We are living for a brand new vision» proklamiert. Von welcher Vision die Band da spricht, ist nämlich weiterhin nicht nachvollziehbar.

Hare-Krishna-Rap und ein Vierteljahrhundert Country in Münchenstein

Luca Bruno am Samstag den 11. Dezember 2010

Letzte Woche haben wir vom 1.STOCK in Münchenstein geschwärmt. Ob unsere Behauptung, dass das Lokal momentan über die beste Livemusik-Programmierung der Stadt verfügt, auch wirklich stimmt, können wir in den nächsten 7 Tagen gleich mehrmals überprüfen.

«Sit Down, Man»

«Sit Down, Man»

Den Anfang machen die New Yorker Das Racist, welche diesen Sonntag, dem 12. Dezember, dem 1. Stock einen Besuch abstatten werden. Auf ihrer MySpace-Seite beschreibt sich die Band als «a weed edge/hare krishna hard core/art rap/freak folk music trio». Letztes Jahr bekam die Blogosphäre dank ihrem Track «Combination Pizza Hut and Taco Bell» zum ersten Mal Wind von Das Racist und schnell war man versucht, das Duo als ein weiteres Hipsterprojekt aus Brooklyn abzustempeln. Doch schon ihr erstes Mixtape «Shut Up, Dude», welches diesen März erschien, bewies eindrücklich das Gegenteil.

Das Racist bringen zwar eine wichtige Komponente von Hipstermusik mit: Ihre Lyrics lesen sich wie ein Lexikon zeitgenössischer Popkultur und kommen dementsprechend auch verpackt in jede Menge Ironie daher, ihre musikalischen Referenzen sind allerdings viel zu tief, als dass es sich hier nur um ein blosses Spassprojekt handeln könnte. So ist beispielsweise der erste Track von «Shut Up, Dude» eine clevere Hommage an A Tribe Called Quest und in einem anderen Track wiederum wird Ghostface Killahs Klassiker «Nutmeg» angegangen.

Vor knapp 3 Monaten erschien mit «Sit Down, Man» nun ihr zweites Mixtape und ein kurzer Blick auf die Produzenten- und Gästeliste zeigt, dass sich Das Racist über die vergangenen Monate jede Menge Bewunderer angeschafft haben. Besonders erfreulich ist jedoch, dass sich unter den Gästen nicht nur Hip Hop-Grössen wie beispielsweise El-P befinden, sondern auch zahlreiche junge Brooklyn-Bands wie Chairlift oder KeepAway, die mit Hip Hop normalerweise nichts am Hut haben, die Produzentenrolle auf «Sit Down, Man» übernahmen.

Wir empfehlen das Konzert von Das Racist also allen, die wieder einmal über den Tellerrand hinausschauen möchten und wer sich aus diesem Grund ordentlich vorbereiten will, macht das am besten mit den beiden erwähnten Mixtapes, die sich auf der offiziellen Homepage von Das Racist in voller Länge anhören lassen.

Ein komplett anderes Bild bietet sich uns dann am nächsten Mittwoch. Am 15. Dezember tritt nämlich Alt Country-Grösse Howe Gelb mit seiner Band Giant Sand im nahegelegenen Depot auf. Und wer sich auf dieses Konzert ebenfalls optimal vorbereiten möchte, wird bis nächsten Mittwoch ausgiebig beschäftigt sein: Seit 1985 erschienen nämlich nicht weniger als 25 Alben von Giant Sand.

Das Motto der aktuellen Tour lautet dementsprechend «25 Jahre, 25 Alben Giant Sand» und wir dürfen nebst Stücken aus ihrem sehr gelungenen aktuellen Album «Blurry Blue Mountain» also auch auf den einen oder anderen Klassiker hoffen. Howe Gelb war in den vergangenen Jahren zwar gern gesehener Gast in der Schweiz, sein letzter Auftritt in Basel unter dem Namen Giant Sand liegt jedoch schon einige Jahre zurück. Und wer sich seit 10 Jahren nicht mehr mit Howe Gelb beschafft haben sollte, sei hiermit beruhigt: Auch 2010 steht Giant Sand noch immer für staubigen und intimen Alternative Country – wie man ihn in der Wüste von Arizona schon seit 25 Jahren macht.

«Guitar madness» im Hirscheneck

Luca Bruno am Montag den 29. November 2010
Marnie Stern

Foto: David Torch

Die Zeiten, in denen im Hirscheneck regelmässig Bands wie The National, Patrick Wolf oder Why? zu Gast waren, sind dank immer höher steigenden Künstlergagen zwar seit längerem vorbei. Wer deswegen aber meint, dass am Lindenberg 23 nur noch Hardcore, Deathcore und Sowiesocore-Bands auftreten, täuscht sich gewaltig. Auch 2010 bespielten wieder einige Indie Rock-Perlen die Bühne des Hirschenecks und die grösste Perle des Jahres schaut morgen Abend, am 30. November, vorbei.

Die Rede ist von Marnie Stern, eine 34-jährige Songwriterin aus New York. Wer hinter dem Begriff «Songwriterin» musikalische Untermalung für den nächsten Starbucks-Besuch erwartet, ist bei  Marnie Stern jedoch an der falschen Adresse. Die Homepage des Hirschenecks kündigt das Konzert als «Guitar madness» an und bevor wir näher auf diesen Begriff eingehen, schauen wir uns doch am besten kurz folgendes Video an:

«Guitar madness» trifft es also ganz gut. Und wem dieses Video nur ein emotionsloses Schulterzucken hervorlocken sollte – schliesslich gibt es ja nichts langweiligeres als endlose Gitarrensolos – beruhigen wir mit folgender Tatsache: Marnie Sterns Herz gehört trotz technischer Versiertheit dem Pop. Ihre Songs sind kurz und prägnant und orientieren sich nicht etwa am Classic Rock, sondern viel mehr an Bands wie den Minutemen oder Television.

Marnie Sterns drei Alben sind auf dem traditionsreichen US-Label Kill Rock Stars erschienen. Eine hervorragende Kombination; denn wer beispielsweise ihre Labelkollegen Deerhoof oder Sleater-Kinney mag, wird auch an Marnie Stern Gefallen finden.

«Transparency Is The New Mystery» (aus «Marnie Stern», 2010, Kill Rock Stars)

Marnie Stern: Diesen Dienstagabend (30. November) Live im Hirscheneck. Support von den Longjhons. Doors: 21:00, Beginn: 21:30.

Popstadt Basel – Alles nur Lippenbekenntnisse?

Luca Bruno am Freitag den 26. November 2010

Als vergangenen April Roxy Records, der einzige szene-relevante CD-Laden in der Basler Innenstadt, ankündigte, sein Tore für immer zu schliessen, platzte das Roxy an seinem letzten Tag urplötzlich aus allen Nähten. Wahrscheinlich hatten die meisten, die damals noch kurz vor Schluss eine CD ergattern wollten, das Innere des Roxy seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen. Trotzdem beklagten sich alle darüber, dass Basel nun keinen einzigen unabhängigen CD-Laden in der Innenstadt mehr besässe, und im Nu sprossen zahlreiche Facebook-Gruppen aus dem Boden, in denen alle um das Roxy trauerten oder sogar die Verantwortlichen des Untergangs zu Rechenschaft ziehen wollten.

Foto: Dominik Plüss (BaZ)

Knappe 18 Monate später bietet sich das gleiche Bild: Im Februar 2010 wird bekannt, dass das Volkshaus vor dem Ende steht. 5761 Personen unterstützen das Komitee «Popstadt Basel», welches für Basel u.a. eine Konzerthalle mit einem Fassungsvermögen für 1500 Besucher fordert, mit einer Unterschrift. Als knapp einen Monat später dann die kanadische Band The Hidden Cameras zu Gast ist, sind wieder einmal nur 45 Besucher anwesend. Und das ist nicht etwa ein Einzelfall: CasioKids? 40 Besucher. Hercules And Love Affair (im grossen Saal)? knapp über 100 Besucher. Und diese Liste lässt sich leider beliebig fortsetzen…

Doch als letzten Donnerstag dann der Schwede Kristian Matson alias The Tallest Man On Earth zum vorerst letzten Konzertabend im Volkshaus aufspielt, sind im Unionssaal plötzlich über 400 Leute zugegen. Und wie so oft in Basel hört man dann in den Gängen, wie schade es doch sei, dass es mit den Konzerten im Volkshaus nun schon wieder vorbei sei. Und so weiter…

Offensichtlich werden in Basel also lieber Komitees gegründet und Facebook «Like»-Buttons angeklickt, als an Konzerte gegangen. Es stellt sich also die Frage: Wieso braucht Basel eine Konzerthalle für über 1500 Personen, wenn ein Konzertpublikum dafür gar nicht existiert? Oder existiert es doch und wird in Basel schlicht und einfach das falsche Programm angeboten? Diese und andere Fragen haben wir Heinz Darr gestellt – schliesslich kennt sich wohl kaum jemand anderes mit dem Konzertbetrieb dieser Stadt so gut aus, wie der ehemalige Booker des Volkshauses und der Kaserne. Seine Antworten zu diesem Thema werden wir morgen publizieren – alle Leser sind jedoch herzlich dazu eingeladen mittels Kommentarfunktion schon jetzt ihre persönlichen Meinungen dazu abzugeben.

5 Jahre 1.STOCK – Schlaglicht gratuliert

Luca Bruno am Donnerstag den 25. November 2010

Man könnte meinen, dass uns in Basel langsam aber sicher die Orte für Livemusik ausgehen: Letzten Donnerstag fand das vorerst letzte Konzert im Volkshaus statt, der Kuppel droht momentan die Gefahr, bald von Elefanten des Zoos zertrampelt zu werden und auch das Gerücht, dass es beim Schiff zwangsweise bald “Leinen los!” heissen wird, hält sich seit einiger Zeit wacker. Trotzdem kein Grund, nur Trübsal zu blasen: Seit einiger Zeit erfindet sich die Basler Konzertkultur nämlich am Rande der Stadt gerade neu.

Wer sich schon ein mal ins Tram Nr. 10 oder in die S3 Richtung Münchenstein gesetzt hat, um im Hochsommer auf der Terrasse des 1.STOCKs auf dem Walzwerkareal ein Bier zu trinken oder an einem verschneiten Winterabend “The Next Big Thing” zum ersten Mal auf einer Schweizer Konzertbühne Live zu erleben, weiss wovon hier die Rede ist. Ohne schlechtes Gewissen darf man behaupten: Das beste Konzertprogramm aller Basler Clubs wird momentan im 1. Stock in Münchenstein gemacht.

Vor zweieinhalb Wochen feierte der 1.STOCK nun sein 5-jähriges Jubiläum. Grund genug also, nicht nur ein wenig verspätet zu gratulieren und auf die nächsten fünf Jahre anzustossen, sondern auch mit den Machern des 1. Stocks die vergangenen 5 Jahre ein wenig Revue passieren zu lassen. Felix Bossel stand uns Rede und Antwort:

1. Stock, Walzwerkareal Münchensten

Für einige Konzertlocations in Basel und Region sieht es momentan nicht all zu rosig aus. So verwundert es doch eigentlich, dass ihr euer Konzertangebot von Monat zu Monat mit immer mehr bekannteren Acts ausbaut. Womit begründet ihr das?
Felix Bossel: Weil wir nicht auch noch Konzerte machen, sondern vor allem.

Inwiefern seid ihr selbst an euren Aufgaben gewachsen?
Zu Beginn war da kein Masterplan. Eher war es eine spontane Entwicklung in kleinen Schritten, die zu dem führte, was heute ist. Dabei war hilfreich, dass sich im Team von Anfang an für alles Anfallende die passende Besetzung fand: Handwerker, Tontechniker, Gastroerfahrener, Compi-Arbeiter – alles war da und hat sich mitentwickelt. Und auf halbem Wege dieser Entwicklung entstand der Hauptbroterwerb für zwei Drittel des Teams: eine Handwerkergenossenschaft, die uns vieles im baulichen Bereich, besonders was die zeitlichen Ressourcen betrifft, ermöglichte und der ganzen Sache damit nochmals entscheidend Schwung verlieh.

Man kann also durchaus sagen, dass wir an unserer Aufgabe mitgewachsen sind.  Muss man auch, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Agenturen und Musikern konnten wir uns mit guter Arbeit einen Ruf machen, was nun eben dazu führte, dass immer bekanntere Namen den Weg zu uns finden. Kurz gesagt: Antrieb = Leidenschaft.

Orte für Livemusik in Basel, die nicht gerade im Radius von 500 Meter um den Barfüsserplatz stehen, bemängeln regelmässig, dass sich ihr abgelegener Standort nachteilig auswirkt. Ist der Standort Münchenstein für euch eher Vor- oder Nachteil?
Sicher geht auf dem Weg nach Münchenstein der eine oder andere Stadtbewohner verloren. Aber das hat auch seine guten Seiten: Das Publikum besteht somit fast ausschliesslich aus Leuten, die wegen der Musik da sind und nicht einfach auftauchen, weil sie halt grad um die Ecke wohnen. Das macht sich insbesondere bei ruhigeren Shows oder ruhigen Passagen von Shows bemerkbar: Es wird nicht geschwatzt!

Aber natürlich muss man, wenn man etwas ausserhalb zuhause ist, ganz besonders den eigenen Ruf kultivieren. Das aufmerksame Publikum ist beispielsweise so eine Sache, die sich da anbietet. Das macht nicht nur den Musikern jeweils grossen Eindruck.

Obwohl euer Club ja inmitten eines Industriegebietes steht, hattet ihr – wie auch viele andere Basler Clubs – schon mit Lärmklagen zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?
Mittlerweile hat sich die Lage ein wenig beruhigt und wird das hoffentlich weiter tun. Der primäre Lärm war ja noch nie das Problem. An diesem Standort hängt viel mehr vom Verhalten der Besucher ab, denn auf den ersten Blick könnte man wirklich meinen, dass es weit und breit niemanden gäbe, der sich gestört fühlen könnte. Das ist aber nicht der Fall.

Lassen wir nun die ersten fünf Jahre 1. Stock ein wenig Revue passieren. Was waren die Highlights und was die eher weniger guten Momente?
Grösstes Highlight und grösste Anstrengung in einem: Friska Viljor mit proppevollem Haus, tropfenden Decken, einer Band in Hochform mit zweistündigem Set plus Zugaben, Crowdsurfing bei 2.30m Raumhöhe (somit wohl eher Ceiling-Surfing), einem völlig durchdrehenden Publikum, welches irgendwann dann auch noch den Sänger von der Bühne reisst und gegen die Decke drückt. Ebenfalls grossartig waren The Wave Pictures, die uns an einem Sonntagabend beinahe volles Haus bescherten und sich mit drei Sets à 60 Minuten – und damit der Livepräsentation ihres kompletten Liedkatalogs – bedankten (am 11. Februar 2011 übrigens mit neuem Album zu Gast).

Zu erwähnen wäre auch noch das allererste Schweizer Konzert von Gisbert zu Knyphausen – ein grandioser Soloauftritt in intimem Rahmen, der sein ganzes Potenzial erahnen liess. Giant Panda gehört definitiv ebenfalls auch auf diese Liste – Hip Hop ganz ohne Allüren und Stereotypen. Resultat: Party, aber friedlich und entspannt – und natürlich das erste Efterklang-Konzert als Premiere im Depot oder Port O’Brien – was für liebe Leute!

Weniger gute Momente gab’s natürlich auch: Die nicht so gut besuchten Konzerte; oder mühsame, weil geldgierige Bands/Managements/Agenturen. Und eine der wohl grössten Enttäuschungen: die mangelnde Unterstützung und auch Anerkennung durch die Institutionen; und das, obwohl alles, was wir haben – sei es Live-Technik, Umbau und Ausbau der Räumlichkeiten, Expansion ins Depot, und für dort wiederum der Kauf von Live-Technik – aus dem Betrieb selber finanziert wurde und der Beweis mittlerweile mehr als erbracht sein dürfte, dass an diesem Ort ernsthaft und professionell gearbeitet wird. Aber so ist das wohl: Die wirklich spannenden Sachen entstehen an der Peripherie und ohne Zuschüsse.

Und wie sehen eure Pläne für die nächsten Monate aus?
Im neuen Jahr gibt’s Umbauten im Depot, damit da ein paar grössere Namen an Land gezogen werden können. Und auch im 1.STOCK werden wir den einen oder anderen Schritt vorwärts machen und ein qualitativ hochwertiges Programm bieten.

Zukünftige Highlights im 1. Stock, von Schlaglicht empfohlen:
Am 12. Dezember erwartet uns die New Yorker Hip Hop-Combo Das Racist, die vor kurzem mit ihrem Mixtape “Sit Down, Man” für mächtig Aufsehen gesorgt hat.

Ausserdem im Dezember im 1. Stock: Howe Gelb’s Band Giant Sand (15.12.) schaut mal wieder in Basel vorbei und Freunde von Folk Rock werden sicherlich auch an The Builders & The Butchers (17.12.) Gefallen finden.

http://www.schoolyard.ch/
http://www.facebook.com/1.stock

Vom Keller ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 24. November 2010

Dass sich Basel in Sachen Pop, Rock und Rap nicht verstecken muss, ist – zumindest am Rheinknie – kein Geheimis. Dass in Basel aber viele, sehr viele Bands ihr Potenzial nicht ausschöpfen – erst recht auf nationaler Ebene – auch nicht. Woran liegt es, dass Herr und Frau Schweizer neben den Lovebugs und Black Tiger, allenfalls noch The Bianca Story oder The Glue, kaum aktuelle Musiker aus Basel kennen? Liegt es an der viel zitierten Basler Bescheidenheit? Sind unsere Bands zu wenig selbstbewusst? Oder nur zu versifft? Wird Basler Sound vom den nationalen Mainstream-Medien totgeschwiegen? Oder sind die Musiker schlicht und einfach zu schlecht?

Da viele ansässige Bands definitiv die Qualität und das Potenzial haben, national was zu reissen, wage ich zu behaupten, dass viele Basler Künstler zu bescheiden sind. Oder zu versifft. Oder beides. Was kann dagegen getan werden? Ganz einfach: Den Finger aus dem Allerwertesten nehmen und sich jetzt für das siebte Jugendkulturfestival (JKF) anmelden, das am 2. und 3. September die Innenstadt wieder Kopf stehen lassen wird. Folgenden fünf Punkte erklären, warum:

  1. Ein konkretes Ziel vor Augen haben: Wer sich stets nur im Bandkeller verschanzt und «für die Mülltonne» oder fürs Internet (was teilweise aufs Gleiche hinausläuft) musiziert, macht niemals die Fortschritte einer Band mit kontinuierlich wachsender Live-Erfahrung. Der Schritt auf die Bühnenbretter – mit echten Zuschauern und so…, nicht mit Clicks – stellt für die meisten Bands eine magische Grenze dar. Eine Grenze, über die sich viele aus falscher Bescheidenheit – oder eben Versifftheit – zu spät wagen. Klar, noch viel mehr Künstler präsentieren sich zu früh, aber das ist ein anderes Thema. Wer sich für einen Basler Grossevent wie das Jugendkulturfestival (oder auch die BScene) anmeldet, setzt sich ein ambitioniertes Ziel und kann dabei nur gewinnen.
  2. Das «Business» kennenlernen: Wer sich die Mühe nimmt, einen Anmeldeprozess wie beim JKF zu durchlaufen, merkt was es braucht, um über den Bandraum hinaus wahrgenommen zu werden: Eine professionell – am besten auch originell – geschriebene Bandbiographie; vernünftige Bandfotos; einen Plan, wer oder was auf die Bühne gehört und – vor allem – Sound der ready ist, vom Publikum gefeiert zu werden. Künstler, die sich angewöhnen, solche administrative Hürden zu überwinden und die sich so mit sich selber auseinandersetzen, haben es später auch leichter bei einer allfälligen Anmeldung zum «RegioSoundCredit», bei dem dreimal im Jahr Geld für vielversprechende Bands aus der Region ausgeschüttet wird. Als Kellerband mit Ambitionen gilt es solche Angebote sowie Wettbewerbe jeder Art zu nützen.
  3. Live-Erfahrung sammeln: Ein Bandprobe kann niemals ein Livekonzert ersetzen. Eine Combo kann noch so eingespielt sein – wenn sie nicht weiss, wie man mit dem Publikum kommuniziert und wie dieses auf die verschiedenen Lieder reagiert, ist diese Routine wenig wert. Ein überzeugendes Auftreten ist – wie fast überall – die halbe Miete. Mit Live-Routine können einem auch die gröbsten Patzer, sofern man diese originell auffängt, Publikums-Sympathien einbringen.
  4. Sich dem Publikum und den Fachleuten präsentieren: Nur wer sich zeigt, kommt ins Gespräch. Nur wer im Gespräch ist, wird auch weiter beachtet. Am Jugendkulturfestival ist halb Basel auf der Strasse (zumindest die musikaffine Peergroup). Zudem werden auch namhafte Komponenten aus der Musikszene unterwegs sein, denen man sich zeigen kann.
  5. Der Durchbruch ist möglich: Wenn eine unbekannte Kellerband an einem Grossevent wie dem Jugendkulturfestival überzeugt, hat sie gute Chancen auf Folgeauftritte. Oder, dass sie beim nächsten JKF nicht am Freitagnachmittag auf einer Nebenbühne, sondern am Samstagabend auf einer Hauptbühne spielen wird. Wer seinen Auftritt zudem via Videobilder (gibt es eine schönere Video-Kulisse als die voll besetzte Basler Innenstadt?) optimal weiter verwertet, kann noch mehr Leute erreichen und beeindrucken. Es soll ja Basler Bands geben, die auch dank einem JKF-Videoclip den nationalen Durchbruch geschafft haben. Also ran an den Speck!
  6. Spass haben: Das Wichtigste zuletzt. Es gibt für eine Band aus der Nordwestschweiz kaum etwas schöneres, als an einem Spätsommerabend in der zum bersten gefüllten Innenstadt zu spielen. Punkt.

Also… seit dieser Woche können sich (nicht nur) Musiker aus der Region für das siebte Jugendkulturfestival anmelden (hier das Formular). Und ich hoffe, dass sich die ein oder andere Kellerband am Riemen reisst und am ersten Septemberwochenende auf einer der JKF-Bühnen steht. Auf dass Basel bald wieder mehr zu bieten hat als eine Handvoll nationale bekannter Musiker. In Anbetracht des lokalen Potenzials kann es doch nicht sein, dass unter den über 300 Bewerbern für das SF-Finale zum Eurovision Song Contest (ESC) nicht einmal ein halbes Dutzend regionale Artists waren (oder sind sie sich zu schade dafür?)! Immerhin: Mit zwei von zwölf Finalisten – The Glue und Anna Rossinelli – ist Basel nun dafür quasi überproportional vertreten in der Finalshow um die Schweizer ESC-Vertretung. Und was ist schon der Konkurs-Concours gegen das Basler Jugendkulturfestival…