Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kaserne’

Ein randvolles Osternest in der Kaserne

Luca Bruno am Mittwoch den 20. April 2011

Die Frage, wieso uns an Ostern eigentlich ausgerechnet ein Hase die Eier bringt, konnten wir vorgestern nicht eindeutig beantworten, wenn er Basel allerdings so zahlreich beschenkt, wie die Kaserne dieses Jahr, akzeptieren wir das gerne und ohne weitere Rückfragen. Schlaglicht mit einer Vorschau auf die vielen bunten Eier, die in den nächsten vier Tagen im Osternest der Kaserne zu finden sind:

Am Gründonnerstag, dem Stiefkind der Osterfesttage, werden zuerst Wildbirds & Peacedrums für den gemächlichen Start ins Festwochenende sorgen. Seit drei Alben bezaubert das schwedische Duo mit ätherischen und ebenso mystischen Balladen, deren Herkunft eigentlich auch das noch nördlich gelegenere Island sein könnte. Unsere Blogkollegen von «KulturStattBern» waren von ihrem Auftritt letzten Oktober jedenfalls restlos begeistert und bezeichneten diesen als «akustischen und visuellen Konzerthöhepunkt».

Während am Donnerstag also noch «Zuhören» angesagt ist, wird es bereits einen Tag später von Vorteil sein, die Tanzschuhe besonders fest zugeschnürt zu haben. Am Karfreitag wird nämlich ein besonders eklektisches elektronisches Musikprogramm, angeführt vom Berliner Duo Modeselektor, die Wände des Rossstalls mit ordentlich viel Bass zum Vibrieren bringen. Als die beiden Berliner zum letzten Mal in Basel zu Gast waren, 2007 auf dem Schiff, hielt sich der Publikumsandrang noch in Grenzen, dieses Jahr wird das, wohl auch dank den Spezialgästen des Abends, garantiert anders sein.

Zum einen wäre da Moritz Friedrich, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Siriusmo, der heimliche Star des Lineups. Nach Jahren unzähliger EP- und Singleveröffentlichungen hat der gebürtige Berliner mit «Mosaik» endlich sein Debütalbum fertiggestellt. Der Titel dieses Albums und das dazugehörige Plattencover könnten dabei passender nicht sein: Über 17 Tracks verteilt, präsentiert uns Friedrich auf «Mosaik» elektronische Popmusik der besonders verspielten Art und verfügt mit «Einmal in der Woche schreien» darüber hinaus noch über einen der besten Tracks des Vorjahres.

Am Karfreitag wird jedoch nicht nur Berlin, sondern auch Bristol in der Kaserne zu Gast sein. Der britische Produzent Joker gilt seit mehreren Jahren als einer der interessantesten Dubstep-DJs und wird an diesem Abend in erster Linie die unteren Frequenzen der PA der Kaserne auf die Probe stellen. Seine fantastische letztjährige Single «Tron» ist uns auf alle Fälle noch immer noch in bester Erinnerung.

Tags darauf wird Cut Chemist, ehemaliger DJ von Jurassic 5 und einer der besten zeitgenössischen Turntablisten, sein Können an den Plattentellern unter Beweis stellen, bevor dann Architecture In Helsinki am Sonntag das Osterfestival der Kaserne abschliessen werden.

«Moment Bends», das neue Album des Quintetts aus Melbourne, deren Mitglieder übrigens weder Architekten noch Finnen sind, kann mit seinem hervorragenden Vorboten «That Beep», welcher bereits vor drei Jahren samt grossartigem Remix von Radioclit auf einer EP die Runde machte, leider nicht mithalten, allerdings hat sich die Band in den vergangenen Jahren einen Ruf als besonders schräge Liveband erarbeitet. Und mit ihren Vorgängeralben «In Case We Die» und «Places Like This» haben die Australier ja ohnehin genügend Hits in der Hinterhand, um das Osterfest stilgerecht abzurunden.

Donnerstagabend (21.4.): Wildbirds & Peacedrums, Combineharvester live. Doors: 22:00.
Freitagabend (22.4.): Modeselektor, Siriusmo, KRSN & Joker. Doors: 22:00.
Samstagabend (23.4.): Cut Chemist (AV-Set), Aim (DJ-Set), DJs Pun & Rainer. Doors: 23:00.
Sonntagabend (24.4.): Architecture In Helsinki, The Russian Futurists live. Doors: 21:00.

Die BScene im Zeichen der Gitarren

Luca Bruno am Montag den 4. April 2011

15 Jahre hat die BScene mittlerweile auf dem Buckel und scheut sich trotzdem nicht davor, Jahr für Jahr weiterzuwachsen. Und damit sind nicht nur die 500 zusätzlichen Zuschauer gemeint, welche der diesjährigen Ausgabe zu einem erneuten Besucherrekord von gesamthaft 8500 Eintritten verholfen haben, oder die indessen 15 Bühnen, welche die über 50 Künstler und Bands dieses Jahr beherbergten, sondern viel eher die blosse Präsenz, welche die BScene mittlerweile in den Köpfen Basler Musikinteressierten und Bands einnimmt. Die BScene ist längst mehr als ein blosses Schaulaufen der gerade angesagtesten Basler Bands und Projekte wie die diesjährige Schlagzeug-Extravaganza «We Are Drums» werden hoffentlich dafür sorgen, dass das Clubfestival in den folgenden Jahren noch mehr Austauschforum für lokale Bands werden wird.

Sei es Hip Hop, Reggae oder Folk-Rock: Seit Jahren kommt an der BScene kaum ein Musikstil zu kurz. Blickt man auf das Lineup und das Logo der diesjährigen Ausgabe, so ist es allerdings noch immer der Gitarrenrock, der an der BScene am meisten vertreten ist. In der ersten Hälfte unserer Reviews beschränken wir uns daher auf ausgewählte Auftritte von Gitarrenbands, bevor wir dann morgen noch auf die elektronische und perkussive Seite der BScene eingehen werden.

My Heart Belongs To Cecilia Winter (Freitag 21:30, Kaserne – Reithalle)

Thom Luz (oder etwa doch ein Patrick Wolf-Double?) Foto: Dirk Wetzel

Festivalbesucher verfügen gerne über eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als normale Konzertgänger. Thom Luz, Sänger und Songwriter von My Heart Belongs To Cecilia Winter, scheint darüber Bescheid zu wissen und trifft daher die weise Entscheidung, die wunderbare Ballade «I Made You A Tape», welche er normalerweise alleine und gegen Ende der Sets der Band darbietet, für einmal zu Beginn eines Konzertes zu spielen. Ein äusserst stimmungsvoller und gelungener Beginn eines Auftritts, der – zumindest am Anfang – allerdings noch vor zu wenig Publikum stattfinden muss. Es ist anzunehmen, dass einige Besucher die Wartezeit an den Bändchenaustausch-Stellen unterschätzt haben.

In Reviews zu ihrem 2010 erschienenen Debütalbum «Our Love Will Cut Through Everything» musste das Trio des Öfteren den Vergleich mit der Band Arcade Fire über sich ergehen lassen. Eine Referenz, die nicht nur unfair, sondern auch einfach falsch ist. Zwar schreiben auch My Heart Belongs To Cecilia Winter gerne euphorische Hymnen, ihr Noise Pop Musik erinnert aber mehr an Bands wie die Raveonettes. Und beim Trio aus Zürich ist es auch heute wieder einmal das stimmliche Zusammenspiel der Vocals von Luz und Bassistin Betty Fischer, welches die meisten Höhepunkte setzt.

Noch verfügen My Heart Belongs To Cecilia Winter aber nicht über genügend Material, um ein Publikum über die volle Distanz bei Laune zu halten. Nach den ziemlich grossartigen «Eighteen» und «Guide Me To The Starts», die in der ersten Hälfte gespielt werden, funktioniert die Gratwanderung zwischen geradlinigen Popsongs und experimentelleren Tracks mit Autoharp nicht mehr. Oder vielleicht war die Aufmerksamkeitsspanne doch einfach zu kurz.

Sheila She Loves You (Freitag 22:50, Kaserne – Reithalle)

Sheila She Loves You (Foto: Dirk Wetzel)

Sheila She Loves You (Foto: Dirk Wetzel)

Während des Überhits «Don’t Give Us Poets, Give Us Bread» kann sich in der Reithalle zwar kein Fuss länger als eine Sekunde auf dem Boden halten, Sheila She Loves You zeigen sich davon allerdings unbeeindruckt. Popsongs? Been there, done that! Anstatt die mittlerweile bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgestopfte Reithalle mit den bereits bekannten Hits zu beliefern, zeigt uns die Band an diesem Abend in erster Linie, wie fest der bandeigene Kosmos seit dem Release ihres Debütalbums «Esztergom» gewachsen ist. So ist bereits der Opener des Konzerts, eine Hommage an den Soundtrack zu «The Lord Of The Rings», die ziemlich schnell in eine brachiale Rockoper ausartet, ein guter Indikator dafür, wie sehr man sich in den letzten zwölf Monaten musikalisch weiterentwickelt hat.

Doch nur weil die an diesem Abend dargebotenen neuen Songs eine vielschichtigere und komplexere Seite der Band zeigen, heisst das noch lange nicht, dass man das Ohr für gute Melodien verloren hat. Nimmt man die neuen Songs als Gradmesser, dann wird das hoffentlich bald erscheinende Nachfolgewerk das Publikum vielleicht nicht mehr so fest zum Tanzen bringen wie die Ohrwürmer der ersten Platte, dafür aber ein umso stärkeres Songwriting repräsentieren. Wir halten die Ohren offen und sind gespannt.

4th Time Around (Freitag 23:59, Kaserne – Rossstall)

«Ladies & Gangsters» heisst das soeben erschienene neue Album von 4th Time Around. Ausser einer Lady, welche die Band an diesem Abend mit einem Cello unterstützt, fehlt von den Gangstern allerdings jede Spur. Viel mehr sind es waschechte Gentlemen, welche da den souveränsten Auftritt der Freitagsbands hinlegen. 4th Time Around schlagen zwar ruhigere Töne als die an gleicher Stelle vor ihnen aufgetretenen 77 Bombay Street und Kapoolas an, halten das Publikum aber dennoch mit Leichtigkeit bei Laune.

4th Time Around (Foto: Dirk Wetzel)

4 Gentlemen Around (Foto: Dirk Wetzel)

Besonders Tobias Hügin, der sich auch heute wieder die Leadvocals mit Marc Givel teilt, hat sich seit dem Release von «A Morning Prayer» (2007) zu einem äussert souveränen Sänger entwickelt, dessen hervorragende stimmliche Präsenz angenehm an John Darnielle erinnert. Es ist jedoch die ganze Band, die an diesem Band einen sehr positiven und vor allem spielfreudigen Eindruck hinterlässt. Die Songs des neuen Albums sind eine willkommene Ergänzung zum bereits bekannten Material, zeigen eine um einiges abwechslungsreichere Seite der Band und bei «Lost», welches die Band in der Mitte des Sets spielt, sind für einmal sogar Tom Waits-Vergleiche völlig gerechtfertigt.

Reding Street (Samstag 21:30, Volkshaus – Grosser Saal)

Machen unzählige Gitarrensoli, unerwartete Breaks und überraschende Tempowechsel einen Song wirklich besser? Das ellenlange Lied über die Frage, ob die technische Versiertheit ihrer Mitglieder einer Band dabei hilft, bessere Songs zu schreiben, erhält mit dem Auftritt von Reding Street jedenfalls eine weitere Strophe.

Selbstverständlich ist es auf eine Art beeindruckend, wie sich Reding Street technisch einwandfrei und mit nötiger Durchschlagskraft durch ihr Programm wälzen, ihre Version von New Prog bleibt aber dennoch viel zu durchschaubar. Zum einen ist es bereits nach dem zweiten Song eindeutig, dass sich die Band zu fest an ihren Vorbildern Muse orientiert, zum anderen verkommt der rund 45-minütige Auftritt viel zu oft zu einem Showcase für die Fingerfertigkeiten der einzelnen Mitglieder.

Das Quartett wird in Zukunft weiterhin Bandcontests gewinnen und bedenkt man, dass Muse mit Regelmässigkeit auf Platz 1 der Schweizer Hitparade landen, so sieht die Zukunft von Reding Street eigentlich ziemlich rosig aus.

Europa endlos

Luca Bruno am Dienstag den 22. Februar 2011

Mitte 2006 war es, als jeder Besitzer eines gutsortierten Plattenladens notfallmässig ein «Ed Banger»-Regal nahe seines Eingangs installieren musste und an Indie Rock-Parties alle nur noch die neuen Singles von Digitalism oder Justice hören wollten. Elektronische Musik mit «Rockstar»-Attitüde war plötzlich im Trend und auch die Musikpresse, welche in den Jahren zuvor damit beschäftigt war, die wiederauferstandene britische Gitarrenmusik zu zelebrieren, fand Gefallen an dieser neuen Szene. Selbst das britische Musikmagazin NME, bei welchem traditionell die Gitarre immer an erster Stelle steht, sprang ziemlich schnell auf diesen Zug auf, und in den kommenden Monaten grinsten buntgekleidete Bands wie die Klaxons oder Shitdisco vom Frontcover. Das Genre «Nu Rave» war geboren, und schrille Keyboardklänge, treibende Basslinien und Glowsticks gehörten für die kommenden 12 Monate zum Standardrepertoire jeder neuen Band.

Wie immer, wenn der Vorrat an geeigneten Bands für das neugeschaffene Genre im eigenen Land knapp wird, sorgt das europäische Festland unfreiwillig für Nachschub. So wurden kurzerhand auch Bands wie Datarock aus Norwegen oder Goose aus Belgien zu einem Teil dieser „Nu Rave“-Szene ernannt – und das obwohl ihre Debütalben schon seit über einem Jahr erhältlich waren.

Doch wie schon zahlreiche andere Trends zuvor, war auch die Halbwertszeit von «Nu Rave» nur von kurzer Dauer und wenn Goose nun knapp 4 Jahre nach «Nu Rave» ein Gastspiel in der Kaserne geben, stellte sich eigentlich nur eine Frage: Was blieb übrig vom Hype?

Im Pressetext zum Konzert kündigen Goose an, dass die Hauptinspiration für ihr letzten Oktober erschienenes zweites Album «Synrise» die Musik des Discoproduzenten Giorgio Moroder gewesen sei. Schnell dürfen wir an diesem Samstagabend erfreut feststellen, dass für dieses eine Mal der Pressetext auch tatsächlich die Wahrheit sagt. Anstatt mit dem Haudrauf-Electrorock ihres ersten Albums «Bring It On» beginnen die 4 Belgier Ihren Auftritt nämlich mit dem Titeltrack von «Synrise». Dort stapeln Goose nun über 10 Minuten hinweg minutiös genau Synthesizer- und Keyboard-Linien übereinander und lassen ein unaufhaltbares Monster auf das Publikum los. Auch «Can’t Stop Me Now», die Leadsingle ihres neuen Albums, welche in der Studioversion platt und leblos klingt, erwacht kurz danach durch die exakte Arbeit des Quartetts zu neuem Leben. Und als die vier Belgier dann anschliessend mit «Black Gloves» und «Bring It On» die Hits ihres Debütalbums auspacken, ist die Stimmung endgültig auf dem Höhepunkt. Moroder, Kraftwerk und New Order: Während den ersten 25 Minuten machen Goose alles richtig und beweisen eindrücklich, dass sie den Hype überlebt haben. Das Publikum im Rossstall dankt es ihnen während jeder beatlosen Sekunde mit Szenenapplaus.

Doch so fulminant wie Goose beginnen, so schnell scheint ihnen in der Mitte des Sets die Puste auszugehen. Die Band interagiert zwar gekonnt mit dem Publikum, doch alle Spielfreude der Welt kann nicht über die Eintönigkeit ihrer weniger bekannten Songs hinwegtäuschen. Spätestens dann aber, als die vier gegen Ende ihres Hauptsets mit «British Mode» zum letzten Feuerwerk ansetzen, bleibt im Rossstall wieder kein Fuss mehr länger als eine Sekunde auf dem Boden.

Nach einer guten Stunde Spielzeit ist kein T-Shirt mehr trocken und die Band verabschiedet sich mit den Worten «Tomorrow, we’re going back to Belgium. The first thing that we’re gonna say to our people is: BASEL ROCKS!». Wir finden: Goose auch.

Ein furzendes Fagott und das fiese Moll

karen gerig am Montag den 7. Februar 2011

Kammerorchester, das sagt dem Kind noch nicht viel. Joseph Haydn kennt es auch nicht, Mozart oder Beethoven hätte es mit Musik verbinden können. Jürg Kienberger wiederum – Nein. Musikclown ist da schon eher ein Stichwort, das zu reizen vermag. Und auf gehts, in die Kaserne, ans Ohrenrauschen, wo Musikclown Jürg Kienberger zusammen mit dem Kammerorchester Basel Haydns «Abschiedssinfonie» vertont, die 45. Sinfonie im «fiesen Moll», so Kienbergers kindgerechte Übersetzung. Und weiter wird kalauert: «Ein Haydn-Spass!»

Jürg Kienberger, vor den noch leeren Stühlen des Kammerorchesters.

Kienberger, bekannt aus Inszenierungen Christoph Marthalers, spielt Klavier und Glasharfe, und selbst einer Bierflasche entlockt er den passenden Ton. Dazu singt der Lockenkopf mit den roten Ohren mit «Engelsstimme», schmettert auch den einen oder anderen Schlager, der zum Thema Abschied passt. Doch immer alles vor dem Hintergrund der klassischen Musik, vor der «Abschiedssinfonie», die das Kammerorchester vorträgt.

Die Vermittlung von klassischer Musik an Kinder, das gibts nicht allzu oft, zumindest nicht in konzertanter Form. Popkonzerte für Kinder stehen häufiger auf dem Programm der Veranstalter, mit Künstlern wie Linard Bardill, Andrew Bond oder Marius und seiner Jagdkapelle, die die Kinder auf andere Art und Weise an die Musik heranführen. Das Basler Sinfonieorchester bietet die mini.musik an – inszenierte Konzerte für Kindergartenkinder mit Musik von Barock, Klassik über die Romantik bis hin zur Moderne. Ein überschaubarer Rahmen soll es den Kindern ermöglichen, jedes Instrument für sich kennenzulernen. Die Kinder sind ausserdem zum Mitmachen eingeladen. Die mini.musik verfolgt damit klar einen pädagogischen Anspruch und wendet sich deshalb auch direkt an die Kindergärten.

Das «Ohrenrauschen»-Konzert in der Kaserne am Sonntagvormittag hingegen war als Unterhaltung für Gross und Klein angedacht. Und unterhalten wurde das Publikum in der proppenvollen Reithalle, auch wenn vielleicht manch ein Kind sich mehr Clown und weniger reine Musikpassagen gewünscht hätte. Und etwas pädagogischer Effekt war dann doch dabei: Zwar kannte das Kind nach dem Konzert Haydn noch immer nicht, aber es wusste immerhin, was ein Kammerorchester ist. Und dass ein Fagott auch furzen kann.

Tanztage Basel 2011: Körper in Ekstase, Teil 1

chris faber am Mittwoch den 2. Februar 2011

Der Februar sollte uns langsam aus dem Winterschlaf erwecken, also kommen die Tanztage gerade richtig, um sich die Sinne verwöhnen zu lassen und den eigenen Körper in Schwung zu bringen.

Erstmals abgerundet mit ausgewählten internationalen Tanzproduktionen wird ein toller Überblick der aktuellen Richtungen im Schweizer Tanz präsentiert. Also ab in die Kaserne und ins Roxy, Workshops mit Schulklassen und Tanzinteressierten sowie Partys nach einigen Auftritten sorgen zusätzlich für eigene Bewegung.

Den Anfang macht heute Abend um 20 Uhr der brasilianische Choreograf  Guilherme Botero, der 15 Tänzer/Innen in der Kaserne durch Beziehungskisten und die menschliche Evolution wirbelt, wenn das kein grosser spannender Themenbogen ist. ALIAS wird diese Formation aus Genf genannt, international sehr gefragt und am noch Freitag um 20 Uhr sowie Morgen um 15 Uhr zu sehen.

Am Donnerstag um 20 Uhr ist dann im Theater Roxy Jérôme Bel mit «Cédric Andrieux» zu sehen. Ein Meister des zeitgenössischen Tanzes, der sich und sein Leben auf der Bühne vorstellt, mit Augenzwinkern und Tanzgeschichte prägend schon seit über 15 Jahren.

Bis zum 13.02.2011 sind über 15 besondere Aufführungen und Konzerte zu sehen, das gesamte Programm könnt Ihr Euch unter www.kaserne-basel.ch anschauen.

The bianca Story zu Hause

Luca Bruno am Samstag den 8. Januar 2011


Seit kurzem ist «Coming Home», die brandneue Single von The bianca Story erhältlich. Zur Taufe dieses Songs veranstaltete die Band nun gestern Abend genau das, was der Titel des Songs vermuten lässt: Ein Homecoming-Konzert im Rossstall der Kaserne Basel.

Auf angesprochener neuen Single, welche die Band ihrem verstorbenen Förderer Nigel Paul Day gewidmet hat, präsentieren sich The bianca Story verletzlich und intim. Im dazugehörigen Video schimmert echte Melancholie durch den «Pop-Art»-Vorhang der Band. Umso enttäuschender ist es also, dass sich die Band gestern Abend als komplett austauschbar präsentierte.

Vor 3 Jahren fragte die deutsche Zeitschrift Musikexpress im Review zu ihrem Debütalbum «Hi Society!», ob man aufstrebenden Bands im Jahr 2008 eigentlich noch einen Gefallen tut, wenn man sie mit Bands wie den Strokes oder Franz Ferdinand vergleicht. Drei Jahre später gilt es ernüchternd festzustellen, dass The bianca Story auch weiterhin nichts gegen diese Vergleiche unternehmen. Sänger Elia Rediger hat seinen Alex Kapranos zwar vor längerer Zeit abgelegt, die Post-Punk-Gitarren, die an die Revialwelle von Mitte letzter Dekade erinnern, sind allerdings immer noch da und klingen weiterhin überholt.

Seit den letzten Personalwechseln sitzt nun Lorenz Hunziker, vormals bei Mañana, hinter dem Schlagzeug von The bianca Story. Zweifelsohne eine willkommene Addition zur Band. Er ist es nämlich auch, der sich während der ersten Hälfte des Konzertes allergrösste Mühe gibt, mit seinem druckvollen Schlagzeugspiel den Songs mehr Leben einzuhauchen. Als er gegen Mitte des Sets jedoch zu Höchstform aufläuft, wird er unnötigerweise ans elektronische Schlagzeug verbannt. Getaucht in rotes Licht versuchen The bianca Story nun, mit einem ruhigen Stück Intimität aufzubauen. Sie scheitern. Nur eines von vielen Beispielen, mit denen The bianca Story den Spannungsaufbau ihres eigenen Konzertes sabotieren.

So spielen sie auch ihren Hit «Tick Tack» in einer leicht veränderten Version, welche die Originalversion des Songs nicht verbessert. In der Bridge des Songs tauchen aus dem Nichts knackige «Dance-punk»-Gitarren auf, und für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass die Band nun gleich The Raptures «House Of Jealous Lovers» Tribut zollen wird, aber schon 5 Sekunden später hat sich der Song wieder in sich selbst verloren und wird unter Keyboardflächen zerdrückt.

Die Call-and-Response-Einlagen, die seit Jahren zu einem festen Bestandteil von Konzerten der Band gehören, werden auch dieses Mal wieder euphorisch aufgenommen und gegen Ende des Konzertes gibt es im Rossstall sogar den einen oder anderen Crowdsurfer wahrzunehmen. Die Band hat ihr Publikum ohne Zweifel im Griff und zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass sich die Band auf der Bühne nicht wohlfühlt. Es gibt absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Band auf der Bühne möglichst vielseitig zeigen will, der gestrige Abend hat jedoch gezeigt, dass The bianca Story es zu vielen Recht machen wollen. Anstatt sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen, kratzt man immer noch an zu vielen verschiedenen Oberflächen.

So ist es umso verwunderlicher, wenn die Band im letzten Song des Abends «We are living for a brand new vision» proklamiert. Von welcher Vision die Band da spricht, ist nämlich weiterhin nicht nachvollziehbar.

Rückblick #7: Feststimmung und politische Debatten

schlaglicht am Samstag den 1. Januar 2011

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Carena Schlewitt, Leiterin der Kaserne Basel, durfte mit ihrem Betrieb das 30-jährige Jubiläum feiern.

Kaserne-Leiterin Carena Schlewitt in der Reithalle. (Foto Dominik Labhardt)

Frau Schlewitt, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Mein kulturelles Highlight 2010 war das 30-jährige Jubiläum der Kaserne Basel. Drei Tage lang feierten Künstler, Mitarbeiter, Wegbegleiter, Förderer und das Publikum in einer grossen Gartenlounge in der Reithalle, an den Bars und auf der grossen Wiese der Kaserne Basel. Es war eine wunderbare, lebendige Stimmung. Musiker, Theaterleute, Filmemacher, Choreografen, Tänzer und Modedesigner liessen die letzten 30 Jahre Revue passieren und fingen in der «Zeitmaschine» Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Kurzperformances ein – das Publikum hatte Spass und die Künstler ebenfalls. Prosit auf die nächsten 30 Jahre Kaserne Basel!

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?
Ich bedaure das mehr Stop- als Go-Verfahren in puncto Entwicklung des Kasernenareals. Ich wünschte mir hier einen ähnlich dynamischen Drive wie bei der Dreispitz-Entwicklung, der Planung des Kunstmuseumanbaus und der Umsetzung von Jazzschule, Bahnhof St. Johann und Aktienmühle. Werden hier keine Entscheidungen getroffen, droht das Kasernenareal zu einem Denkmal der besonderen Art zu verkommen.
Und ich empfinde das Verbot der Wildplakatierung für Kulturveranstaltungshäuser als einen enormen Einschnitt in eine lebendige urbane Kulturwerbung, wie man sie in allen grösseren Städten der Schweiz und Europas findet. Die neue Auflage treibt viele kleinere und mittlere Kulturveranstalter finanziell und gestalterisch an die absolute Grenze ihrer Werbemöglichkeiten.

2010 feierte die Kaserne ihr 30-Jahre-Jubiläum (Foto D. Ettlin)

Was haben Sie verpasst?
Leider habe ich in diesem Jahr das SHIFT Festival der elektronischen Künste verpasst, das sowohl für die in der Kaserne Basel ansässigen Performing Arts als auch für die Musik inspirierende Anregungen liefert.

Haben Sie etwas vermisst?
In manchen politischen und kulturpolitischen Debatten vermisse ich eine gewisse Verhältnismässigkeit der Diskussion und würde mir wünschen, dass vermehrt über den Tellerrand geschaut wird und auch internationale Referenzen herbeigezogen werden.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Damit das Kasernenareal auch in den schönen Sommermonaten durchgehend kulturell genutzt und bespielt wird, wünsche ich mir die Sicherung des Festivals «wildwuchs» in seiner Stammzeit im Juni, die Etablierung des erfolgreich gestarteten Musik-Open-Airs mit Viva con Agua im August sowie die Weichenstellung für den Neustart des Internationalen Theaterfestivals Basel, welches von 1992 bis 2006 regelmässig im Sommer auf dem Kasernenareal stattgefunden hat!

Es folgt noch ein kultureller Jahresrückblick mit Hirscheneck-Booker Marlon McNeill.

Bereits erschienen: Angelo Gallina, Guy Morin, Thomas Jenny, Smash137, Sam Keller, Tobit Schäfer.

Rückblick #2: (Zu wenig) Zeit für Nostalgie

schlaglicht am Montag den 27. Dezember 2010

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Regierungspräsident Guy Morin hätte gerne mehr gesehen, als seine Zeit zulässt.

Der Basler Regierungspräsident Guy Morin.

Herr Morin, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Es gab so viele, ich kann nur einzelne herauspicken: «Hair» im Theater Basel (ich bin ein Nostalgiker), das Alexanderfest oder die «Macht der Musik» von Georg Friedrich Händel in Augusta Raurica oder «Andy Warhol» im Kunstmuseum.

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?

«Maldoror» von Philipp Maintz war mir zu düster.

Was haben Sie verpasst?
«Wien 1900: Klimt Schiele und ihre Zeit» in der Fondation Beyeler und viele Produktionen in der Kaserne wie «Spot 2010 Basel: Stadt Plan 2020», «Tag der hellen Zukunft» von Thom Lutz oder Aufführungen des Jungen Theaters wie «Punk Rock» oder «Scham» unter Uwe Heinrich.

Haben Sie etwas vermisst?
Zeit, um die vielfältigsten Kulturveranstaltungen und Produktionen unserer Stadt würdigen zu können.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Dass Baselland den zusätzlichen Beiträgen fürs Theater zustimmt, und dass wir mit Unterstützung unserer Bevölkerung die wunderbare Kulturstadt Basel weiterentwickeln können.

Es folgen unter anderem noch kulturelle Jahresrückblicke mit Sam Keller (Fondation Beyeler), Graffiti-Künstler Smash 137, Carena Schlewitt (Kaserne), Tobit Schäfer (Rockförderverein), Thomas Jenny (Radio X) und Galerist Stefan von Bartha.

Bereits erschienen: Angelo Gallina

«Das Volkshaus ist eine riesige Kiste»

Luca Bruno am Mittwoch den 15. Dezember 2010

Seit letztem Donnerstag ist die Katze aus dem Sack: Die neuen Betreiber des Volkshauses heissen Leopold Weinberg und Adrian Hagenbach. Die beiden Zürcher, die sich unter dem Namen «Jugendstil AG» mit ihrem Konzept gegen zahlreiche Bewerber aus Basel durchsetzen konnten, kündigten unmittelbar nach Bekanntgabe des Juryentscheids in einer Medienmitteilung an, auch weiterhin auf die Schwerpunkte «Musik und Konzerte» setzen zu wollen.

Seite 14: Musterbespielungsplan

Wir haben die Bewerbungsmappe der «Jugendstil AG» mittlerweile genauer unter die Lupe genommen und als wir den fiktiven «Musterbespielungsplan Mai 2011» (siehe Bild links) entdeckt haben, sind wir stutzig geworden: Rainhard Fendrich? Maria Mena? «Flames of the Dance»? Entspricht dieses Musterprogramm wirklich den Vorstellungen der neuen Betreibern, dann erwartet uns zukünftig ein Musikprogramm, welches meilenweit vom vielschichtigen und abwechslungsreichen Programm, welches uns Booker Heinz Darr in den letzten 3 Jahren geboten hat, entfernt sein wird. Künstler wie Grizzly Bear, Ghostface Killah oder The Whitest Boy Alive werden den Weg ins Volkshaus wohl nicht mehr finden.

Anfang Jahr haben über 5‘000 Basler eine Petition des Komitees «Popstadt Basel» mit einer Unterschrift unterstützt. Diese Petition forderte nicht nur einen Erhalt des Volkshauses, sondern auch eine attraktive Musikprogrammierung, die sich an Clubs wie dem Fribourger «fri-son» oder der «Laiterie» in Strasbourg orientieren soll – Clubs also, die sich seit Jahren für ihr abwechslungsreiches und vor allem alternatives Musikprogramm auszeichnen. Wir haben bei Lukas Heydrich, Initiator und Vorsteher des Komitees, nachgefragt, was er von den aktuellen Entwicklungen rund ums Volkshaus hält.

Werden sie mit den neuen Betreibern Kontakt aufnehmen und sie an die Petition erinnern?
Lukas Heydrich:
Ganz klar Ja. Wir haben die «Jugendstil AG» bereits kontaktiert und werden mit ihnen diesbezüglich das Gespräch suchen.

Wie lautet ihr Ersteindruck zum Konzept der «Jugendstil AG»?
Wenn ich mir das Konzept anschaue, sehe ich ein sehr überzeugendes Gastro- und Hotellerie-Konzept. Die Bespielung der Säle kommt jedoch noch sehr profillos daher und entspricht überhaupt nicht dem, was wir mit unserer Petition damals erreichen wollten. Da müssen wir auf alle Fälle nachhaken. Grundsätzlich hat das Jahr 365 Tage und die neuen Betreiber sind zweifelsohne an einem erfolgreichen Betrieb interessiert und daher für Drittanbieter offen. Die verschiedenen Räumlichkeiten können also vielseitig genutzt werden. Jetzt geht es darum, dass die regionalen Anbieter dieses Angebot auch annehmen. Die Infrastruktur, die ganz am Anfang der Petition stand, sollte ja nun kein Problem mehr sein.

Der fiktive «Musterbespielungsplan» lässt nicht gerade auf ein kreatives Musikprogramm hoffen. Wären sie mit den anderen eingereichten Konzepten glücklicher gewesen?
Auch «act entertainment» und die «AVO Session» sind nicht gerade für ihr Independent-Programm berühmt. Und ob das Volkshaus von Baslern oder Zürchern geführt wird, ist mir schlussendlich egal. Da wehre ich mich klar gegen dieses zum Teil vorherrschende kleinräumliche Denken gewisser Personen. Man muss den Betreibern einfach darlegen, dass in Basel ein grosses Bedürfnis nach mittelgrossen Acts aus dem Independent-/Alternativbereich besteht und sich ein solches Programm auch erfolgreich durchführen lässt. Die Devise war so oder so, dass wir wachsam bleiben müssen – egal wer am Ende das Rennen machen würde.

Wie sieht für Sie eine realistische zukünftige Nutzung des Volkshauses aus?
Die verschiedenen Konzepte wollten alle auf das Gleiche hinaus: Ein neues Gastro-Konzept muss her, die Verwaltung muss raus und die Säle müssen intensiver genutzt werden. Wenn im Konzept der «Jugendstil AG» beispielsweise Platz für wöchentlich zwei Konzerte im Bereich «Independent» Platz ist und dies auch konsequent als eigenständige Veranstaltungsreihe vermarktet und wahrgenommen wird, dann wäre dies bereits grossartig. Wenn an den restlichen Abenden Emil und Diashow angesagt ist und dies das Stammpublikum so akzeptiert – man darf nicht vergessen, dass eine Location auch über eine gewisse Glaubwürdigkeit verfügen muss – dann kann ich damit gut leben. Auch darf nicht vergessen werden, dass das Volkshaus eine riesige Kiste ist, womit auch ein grosses unternehmerisches Risiko verbunden ist. Es braucht also auch die rein kommerzielle Schiene, wie es übrigens auch bereits unter Heinz Darr der Fall war.

Und falls nun doch alle Stricke reissen sollten und sich die Programmierung der «Jugendstil AG» nicht mit den Forderungen eurer Petition vereinbaren lässt, haben sie Alternativen in der Hinterhand?
Zuerst einmal abwarten und Tee trinken. Wie gesagt: Wir müssen nun auf die Leute zugehen und abklären, was möglich ist – erst dann können wir weiterplanen. Eine Petition ist ja unverbindlich. Notfalls müsste man halt bei der Kaserne nochmals ansetzen. Die Regierung hat ja bewusst ein Projekt gewählt, welches nicht mit der Kaserne konkurrieren soll – das ist für mich der heikelste Punkt. Eigentlich heisst das ja, dass die Kaserne nun das Programm des Volkshauses weiterführen muss – und da sehe ich schwarz.

«Eine Stadt in der Grösse von Basel sollte auf jeden Fall einen grösseren Club haben.»

Luca Bruno am Samstag den 27. November 2010

Kaum jemand anderes hatte in den vergangenen Jahren einen so guten Blick hinter die Konzertkulissen der Stadt Basel wie Heinz Darr. Bis vor kurzem war er Bookingverantwortlicher des Volkshauses und hatte vor ein paar Jahren die gleiche Position in der Kaserne inne.

Gestern haben wir uns gefragt, ob Basler eigentlich einfach nicht gerne an Konzerte gehen. Heinz Darr präsentiert uns seine Sicht der Dinge:

Ist Basel ein gutes Pflaster für Konzerte?
Heinz Darr:
Basel hat eine gute Tradition im Britpop, die bis heute wirkt. Natürlich werden die Konzertgänger älter und neue Generationen wachsen nach. Doch wenn man ein Programm nicht nur für die «Szene» macht und auch Publikum von Deutschland, Frankreich und der Restschweiz generiert, hat man auch in Basel tolle Möglichkeiten.

Was heisst das konkret für die Programmierung einer Location wie das Volkshaus?
Ein grösserer Club, der nur auf eine Richtung spezialisiert ist, sei es Indie, Hip Hop oder Techno, wird auf Dauer Probleme haben. Das was für einen kleinen Club unverzichtbar ist – Ausrichtung auf ein Stammpublikum und Verlässlichkeit in der Programmausrichtung – kann für einen grossen Club zur Falle werden, weil es so unheimlich schwierig wäre, regelmässig 1000 Besucher zu generieren. Deshalb muss man aber noch lange nicht «alles» machen, das hängt dann von der eigenen Kompromissfähigkeit ab.

In Basel beschweren sich Konzertgänger oftmals darüber, dass ein zu kleines Angebot besteht. Trotzdem sind die Konzerte in dieser Stadt chronisch unterbesucht. Woran liegt das?
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es Bands gibt, die in einer vergleichbaren Stadt das Gegenteil bewirken. Das heisst im Klartext: Konzerte, die in Basel kein Publikum anziehen, sind in einer vergleichbaren Stadt auch nicht plötzlich ausverkauft. Es bleibt ein Problem für unbekannte Bands, ein Publikum zu erreichen. Das ist nicht nur in Basel so. Allerdings hatte ich auch schon den Eindruck, dass man hier nicht sonderlich experimentierfreudig ist. Anderseits ist ein grosses Konzertangebot immer vom Publikumszuspruch abhängig: Langfristig wird es nicht 10 Konzerte pro Woche geben, wenn nur eines oder zwei gut besucht werden. Wenn alle die gleiche Rosine picken, wird die Möglichkeit des Rosinenpickens wegfallen.

Ist es in Basel, das nur knapp 50 Zugminuten von Zürich, einer Stadt mit einem viel besseren Konzertangebot, entfernt liegt, überhaupt möglich, ein vernünftiges Konzertprogramm auf die Beine zu stellen?
Natürlich ist Zürich eine Liga für sich, welche die Konzerte bündelt. Die Konkurrenz um eine bekannte Band ist vielfältig, da in der Regel nur ein Termin für die Schweiz zur Verfügung steht. Zürich ist die erste Präferenz, alle anderen Schweizer Städte bewerben sich auch und die Clubs in Basel konkurrieren sich ebenfalls. Aber natürlich gibt es immer wieder Chancen, Bands auch nach Basel zu holen, das zeigt die Vergangenheit.

Das Komitee «Popstadt Basel» fordert eine zusätzliche Konzerthalle für Basel die 1000-1500 Zuschauer fasst. Ist das überhaupt der richtige Ansatz, wenn Konzerte hier so oft nur spärlich besucht sind?
Eine Stadt in der Grösse von Basel sollte auf jeden Fall einen grösseren Club haben. Es gibt ja Schweizer Künstler wie Stress, die Lovebugs oder Sophie Hunger, die nicht mehr unbedingt in einem kleinen Club spielen. Dann sind da deutsche Acts wie Clueso, Sido, BossHoss u.a., die national erfolgreich sind und gerne und oft in der Deutschschweiz spielen. Und internationale Acts von grösserer Bekanntheit würden ohne grössere Konzerthalle so einen Bogen um Basel machen. Und dass grosse Clubs in mittelgrossen Städten funktionieren, sieht man ja in anderen Städten wie Bern, Fribourg oder Solothurn.

Die Kaserne reicht also nicht aus?
Die Reithalle in der Kaserne ist eine tolle Konzertlocation. Durch die zusätzlichen Sparten Theater und Tanz gibt es allerdings zum Einen recht wenig Freitermine für Konzerte und zum Anderen steht die Halle nicht «konzertbereit» mit Bühne, Sound und Lichtanlage zur Verfügung und muss immer erst auf- und nach der Veranstaltung wieder zurückgebaut werden, was jeweils mehrere Tage dauert und sehr kostenintensiv ist.

Nehmen wir mal an, es stünde ein unlimitiertes Budget für die Errichtung einer neuen Konzertlocation in Basel zur Verfügung. Wie sollte diese Location aussehen?
Ich finde das Volkshaus architektonisch und klanglich wesentlich gelungener als viele neue Spielorte, an denen ich war. Einem Neubau fehlt einfach das Flair, wie es ein älteres Gebäude hat. Ich würde also viel Geld in das Volkshaus investieren, bevor etwas Neues gebaut wird. Umgebaute Fabrikhallen haben meist eine gute Atmosphäre, leiden aber oft unter Soundproblemen. Ich war allerdings einmal im Kraftwerk in Rottweil, einem Industriedenkmal, jetzt Veranstaltungslocation. Da dachte ich, das dies in etwa die perfekte Location sei – ausser der Tatsache, dass sie in Rottweil steht (die Rottweiler mögen mir verzeihen).

Auch wenn Ihre Zeit im Volkshaus von eher kurzer Dauer war: Was waren Ihre Highlights?
Das erste Konzert von Sophie Hunger hatte etwas magisches, das sie niemals mehr in dieser Form erreichte. Grizzly Bear waren als Band der Stunde unheimlich schwer zu bekommen und ich war doch ziemlich stolz darauf, dass sie schlussendlich in Basel spielten. Milow war das am schnellsten ausverkaufte Konzert – das hätte man sicherlich auch an drei Tagen vollbekommen. Und die Aftershow-Party von Erobique und The Whitest Boy Alive war unglaublich cool und der wohl schönste Sommerabend, den ich in Basel erlebt habe.