Beiträge mit dem Schlagwort ‘Halle Berry’

Bei Anruf Spannung

Fabian Kern am Mittwoch den 10. Juli 2013

Filmplakat

«The Call» läuft ab 11. Juli im Kino Pathé Küchlin.

«Gebt niemals ein Versprechen ab. Ihr werdet es nicht halten können.» Als Jordan Turner (Halle Berry) den grossäugigen Rookies in der Ausbildung zum 911-Telefonisten diese Worte einbläut, ahnt der routinierte Kinogänger schon, dass sie bald ihre eigene Regel brechen wird. Und tatsächlich: Einige Stunden später verspricht sie der jungen Casey (Abigail Breslin), alles werde gut enden. Die Teenagerin liegt gefangen im Kofferraum ihres Entführers und sieht einem unschönen Schicksal entgegen. Ihre einzige Hoffnung ist das versteckte Handy und somit die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung. Für Jordan selbst bedeutet dieser Fall die Aufarbeitung eines Traumas. Bei einem ähnlichen Fall ein halbes Jahr zuvor wurde ein Mädchen umgebracht – weil Jordan falsch reagierte. Nun muss sie, die eigentlich nur noch als Ausbildnerin tätig ist, selbst einspringen und Casey betreuen. Damit ist der Puls an beiden Enden des Drahts etwa gleich hoch.

Jordan Turner

Bekämpft ihr Trauma: Jordan. (Bilder: Rialto)

Der Eindruck täuscht nicht: «The Call» bedient viele Klischees und erfindet den Entführungs-Thriller nicht neu. Dennoch ist der Indie-Film – Halle Berry steht nicht mehr für die grossen Studios vor der Kamera – sehenswert. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens baut Drehbuchautor Richard d’Ovidio, der selbst unter Klaustrophobie leidet, geschickt die Spannung auf. Man kann sich gut in Caseys ungemütliche Situation im engen, heissen Kofferraum hineinversetzen. Und da wären wir auch schon bei Grund zwei: Das Duo Berry/Breslin funktioniert hervorragend und beweist, dass auch in einem Thriller Charakterdarstellerinnen nicht schaden können. Besonders Abigail Breslin, die vor sieben Jahren noch als etwas pummlige «Little Miss Sunshine» verzauberte und nun zu einem attraktiven Teenager herangewachsen ist, liefert eine Glanzleistung ab. Sie wird uns in den nächsten Jahren wohl noch viel Freude bereiten.

Michael und Casey

Täter und Opfer: Michael und Casey.

Der letzte Grund schliesslich, der für gelungenes Spannungskino sorgt, ist der Bösewicht. Einmal mehr ist der Entführer ein psychisch gestörter Typ, den an einem schweren Kindheitstrauma leidet. Der mit dem absoluten Durchschnittsgesicht ausgestattete Michael Eklund spielt ihn sondern mit einem gewissen Realismus. Er lässt sich aus dem Konzept bringen, als Casey zu fliehen versucht und wird zunehmend hysterisch. Die Figur ist eine angenehme Abwechslung zu jenen berechnenden Über-Tätern, die trotz geistiger Verwirrung immer an alles gedacht haben. Allgemein verhalten sich die Personen zwar immer noch Kino-gerecht, aber auf glaubwürdige Art. Regisseur Brad Anderson hat somit genau die Vorstellungen des Drehbuchautors um, der die emotional unglaublich anspruchsvolle Arbeit der 911-Alarmzentrale ins Zentrum seiner Geschichte rücken wollte. Versprechen sollten die echten Telefonisten aber wirklich nicht abgeben – erst recht nicht in einer Millionenstadt wie Los Angeles.

«The Call» läuft ab 11. Juli im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 11. Juli: Despicable Me 2, Now You See Me, First Position, Sommerzeit, The Grandmaster.

Grösser als ein Leben

Fabian Kern am Dienstag den 27. November 2012

Filmplakat

«Cloud Atlas» läuft ab 29. November in den Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Wie «Cloud Atlas». Ein Versuch sei trotzdem gewagt. Die Erwartungen an den mit 80 Millionen teuersten unabhängig finanzieren Film aller Zeiten waren riesig. Und sie wurden erfüllt, ja sogar übertroffen. Die Wachowski-Geschwister haben es nach der Matrix-Trilogie einmal mehr geschafft, einen als unverfilmbar geltenden Stoff auf die Leinwand zu bringen – zusammen mit dem deutschen Regisseur Tom Tykwer. Und das Wunder ist nicht, dass sie das in einer Art und Weise getan haben, die einen über drei Stunden nicht loslässt und David Mitchell, den Autor der Romanvorlage, zu einer Aussage verleitete, die einem Ritterschlag gleichkommt: «Das könnte einer jener Filme sein, die besser sind als das Buch.»

Sonmi-451

2144: Der Klon Sonmi-451 kämpft in Seoul um die Freiheit. (Bilder: ASCOTE-ELITE)

Nein, das eigentliche Wunder ist es, dass im gigantischen Werk die einzelnen Geschichten nicht verloren gehen und die bodenständigen Werte sich als Leitfaden durchziehen. Es geht um Mut und Zivilcourage, um Freiheit, Vertrauen und das Hoffen auf bessere Zeiten. Und darum, dass der Einzelne den Unterschied ausmachen kann. Bezeichnend dafür der Vergleich in der Episode aus dem Jahr 1846. Auf den Vorwurf seines skrupellosen Schwiegervaters (Hugo Weaving), sein humanitärer Einsatz sei nur ein Tropfen im Ozean, antwortet Adam Ewing (Jim Sturgess): «Der Ozean ist nichts anderes als die Summer einzelner Tropfen.» Philosophie pur.

Hugh Grant und Jim Broadbent

2012: Hugh Grant (links) mit Jim Broadbent.

Jim Sturgess und Tom Hanks

1846: Tom Hanks (rechts) mit Jim Sturgess.

«Cloud Atlas» ist aber auch ein Paradies für Maskenbildner: Hugo Weaving als Krankenpflegerin, Jim Sturgess als Koreaner, Tom Hanks als vernarbter Londoner Gangster der übelsten Sorte, Halle Berry als Jüdin oder Hugh Grant als blutrünstiger Kannibale – die Schminkkünstler geben alles. Wichtiger als die Masken selbst sind aber die verschiedenen Charakteren, in welche die Schauspieler schlüpfen. Mehrere Rollen haben alle. Hanks, Berry, Weaving, Grant und die Koreanerin Doona Bae bringen es auf sechs Figuren, Sturgess sogar auf sieben. Und das ist der geniale Kunstgriff, mit dem das Regie-Trio Mitchells Buch filmisch umgesetzt hat: Ob 1846, 1936, 1973, 2012, 2144 oder 2346 – alles ist miteinander verbunden. Die Seelen werden in neue Körper hineingeboren und laufen einander im Lauf der Jahrhunderte immer wieder über den Weg. Reinkarnation und Karma sind ein Leitthema, das die Episoden miteinander verknüpft. Die Figuren erleben laufend Déjà-Vus aus ihren früheren Leben.

Hugo Weaving

2346: Hugo Weaving als böser Einflüsterer.

Bezeichnend dafür stehen drei Figuren. Durchwegs böse ist Hugo Weaving, der in der letzten Episode gar als Teufel auftritt. Dann wäre da Tom Hanks, der den fehlbaren Durchschnittsmenschen darstellt. Mal ist er böse, mal ist er gut, mal steht er für seine Werte ein, mal fehlt ihm der Mut dazu. Und schliesslich sind die von Jim Sturgess dargestellten Figuren am idealistischsten: Als amerikanischer Anwalt kämpft er im 19. Jahrhundert gegen die Sklaverei, im futuristischen Seoul des 22. Jahrhunderts führt er eine Rebellion gegen das totalitäre Regime an und bringt den Klon Sonmi-451 (Doona Bae) dazu, wie ein menschliches Individuum zu fühlen und zu denken. Jeder kann den Unterschied ausmachen.

Halle Berry und David Gyasi

1973: Krimi mit Halle Berry und Keith David.

Ben Whishaw

1936: Romanze mit Ben Whishaw.

Reinkarnation, Klone, Kannibalen, Teufel – kann das überhaupt ein breites Publikum ansprechen? Ja! «Cloud Atlas» hat für jede der sechs Geschichten ein eigenes Genre gewählt: Vom Drama über die Romanze, den Krimi, Thriller und Abenteuerfilm bis zu Science Fiction wird die ganze Bandbreite abgedeckt. Und auch der Humor kommt glücklicherweise nicht zu kurz, sonst würde einen die Wucht des Films erschlagen. Dass die schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Handlungssträngen nicht als störend empfunden werden, ist faszinierend und spricht für die Stimmigkeit des Werks. Ex-FCB-Mäzenin Gigi Oeri hat ihr zweites Produktionsengagement (nach Tykwers «Das Parfum») wahrlich gut gewählt. Egal, wieviel sie investiert hat, auf diese mutige Produktion kann sie stolz sein. Denn in diesem Epos stehen nicht Special Effects oder die vorzüglichen Masken im Vordergund, sondern die Geschichte selbst. «Es ist eigentlich ein altmodischer Film», sagt Lana Wachowski.

Manche Geschichten sind zu gross, um sie zu beschreiben. Man muss sie einfach selbst sehen, erleben, bestaunen – am besten auf der grossen Leinwand. Wie «Cloud Atlas».