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Smash137 lackiert Basels neustes Hotel und landet einen Coup in Frankreich

Joel Gernet am Mittwoch den 17. September 2014

Kaum in Betrieb, schon versprayt: Zur offiziellen Eröffnung des neuen Basler Novotels gestaltet der Basler Graffiti-Künstler Smash137 zwei Wände. Und in Frankreich wird der Sprayer ab kommender Woche in tausenden Anwaltsbüros vertreten sein.

Abstraktion eines Namens: Die Arbeitsversion eines Smash137-Bildes im Novotel.

Abstraktion eines Namens: Die Arbeitsversion eines Smash137-Bildes im Novotel.

Die Mittagssonne kommt Graffiti-Künstler Smash137 gar nicht gelegen: Der harte Schattenwurf lässt sein entstehendes Bild an der porösen Wand in einem kantigen und körnigen Licht erscheinen. «Ich male nicht nach Farben, sondern nach Kontrast», erklärt der Basler. Angewöhnt hat er sich diese Praktik vor über zwei Dekaden als seine Sprayer-Laufbahn nachts an der Basler Bahnhofseinfahrt begann. Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte: Der 35-Jährige gehört inzwischen zur weltweiten Elite im Bereich der urbanen Kunst – und er etabliert sich langsam auch im grossen Kunstbetrieb abseits der Streetart- und Graffiti-Nische.

Adrian Falkner aka Smash137 im Novotel Basel. Foto: Lucian Hunziker.

Adrian Falkner aka Smash137 im Novotel Basel.
Foto: Lucian Hunziker.

Jetzt steht Adrian Falkner, so der bürgerliche Name von Smash137, also vor der Sichtbetonmauer auf der Rückseite des frisch eröffneten Novotels an der Basler Grosspeterstrasse und macht sich Gedanken zum Schattenspiel auf seinem Bild. Die Basler Bahnhofseinfahrt, wo sein schwungvoller Graffiti-Stil damals seine ersten Blüten trieb, liegt nur wenige Schritte entfernt. Hier, hinter Basels jüngstem Hotel, rollen allerdings nicht täglich Tausende Pendler an seinen Werken vorbei.

Hier kommen Geschäftsleute zum Zug: Die beiden Bilder von Smash137 sind von den Konferenzräumen im Untergeschoss aus zu sehen. Aus deren Perspektive wirken die Aussenbilder wie Gemälde an der Zimmerwand – eine raffinierte architektonische Lösung in Anbetracht der wenig anschaulichen Strassen und den engen Platzverhältnissen rund ums Hotel.

Ausufernd in alle Richtungen: Ein typisches Smash137-Graffiti.

Ausufernd in alle Richtungen: Ein typisches Smash137-Graffiti.

«Vom Stil her sind die Bilder ein Mischung aus meinen Innen- und meinen Aussenarbeiten», erklärt Smash137. Ein Blick auf die Wand zeigt, was er meint: An ihren Rändern lässt der Künstler seine Werke weitläufig ausklingen, wie man es von den typischen Smash137-Graffitis her kennt. In der Bildmitte hingegen werden die Strukturen verdichtet – und zwar in dem von Innen sichtbaren Bereich.

Während seiner Arbeit im Novotel geniesst Smash137 den vollen Komfort des Business- und Lifestyle Hotels. «Ich habe eine wunderbare Zeit – Ferien in der eigenen Stadt, das kann ich jedem nur empfehlen», findet der Basler, den es inzwischen ins Hotelrestaurant verschlagen hat. Vor ihm ein Clubsandwich und ein Pinot Noir von der Aescher Domaine Nussbaumer.

Verantwortlich für den regionalen Wein im Sortiment und die regionale Kunst an der Wand ist der junge Hoteldirektor Robin Deb. Der Kunstliebhaber versucht, das Quartier und die Stadt so gut wie möglich in sein Haus einzubinden. Erstaunlich und erfreulich, dass der Hotelmanager im Neubau an der Münchensteinerbrücke über so viel Freiheit verfügt – schliesslich gehören das Novotel und das angegliederte Ibis-Hotel zum weltweit agierenden Hotelgiganten Accor.

Das künstlerische Konzept des kreativen Hoteldirektors war für Smash137 ausschlaggebend für die Teilnahme. Als Vermittler hatte der Basler Streetart-Kenner und Artstübli-Betreiber Philipp Brogli seine Finger mit im Spiel. Der Auftrag im Novotel ist für Smash137 der erste Basler Auftrag seit längerer Zeit. «Ich lehne bedeutend mehr Anfragen ab, als ich annehme», erklärt der 35-Jährige. Ein Privileg, das nicht jedem Künstler zuteil wird. Wen oder was der Basler berücksichtigt, hängt auch von dessen Jahresplanung ab: Herzstück neben diverser Gruppen-Projekten sind im besten Fall eine grosse Einzelausstellung im Frühling und im Herbst (auch keine Selbstverständlichkeit).

Parkhausdach: Das Smash137-Projekt «The Z» in Detroit. Foto: Sal Rodriguez

Parkhausdach: Das Smash137-Projekt «The Z» in Detroit.
Foto: Sal Rodriguez

Vor einem Jahr war das etwa in Detroit mit der Solo-Show «Disclosure» der Fall: Smash137 erschuf sämtliche Werke vor Ort und sorgte zudem für Aufsehen, als er die Spitze eines brandneuen Parkhauses grossflächig bemalte: Dieses wurde von Dan Gilbert erbaut, ein führender Kopf beim Wiederaufbau der heruntergekommenen Auto-Metropole und Besitzer der Cleveland Cavaliers.

«Einmal hat mich Dan mit der ganzen Basketballmannschaft Besucht», erinnert sich der Basler. «Das war ein Highlight – schliesslich habe ich wegen Sportmannschaften wie den Cavaliers mit Graffiti angefangen.» Dazu sei gesagt: In den 90er Jahren waren die Klamotten amerikanischer Baseball, Basketball und Football-Teams in der HipHop-Szene das Nonplusultra – US-Sport und Rap wurden auch am Rheinknie quasi in einem Atemzug aufgesogen.

Coup: Das französische Zivilrechtsbuch mit dem Cover von Smash137.

Coup: Das französische Zivilrechtsbuch mit dem Cover von Smash137.

Diesen Frühling hatte Smash137 zudem eine grosse Solo-Ausstellung in Paris, für die er mit rund 50 Bildern überdurchschnittlich viele Werke abliefern konnte. «Im Arrondissement, in dem sich die Galerie befand, gehört Kunstsammeln zum guten Ton», erklärt Adrian Falkner, dem kommende Woche in Frankreich eine ganz spezielle Ehre zuteil wird: Eines seiner Bilder ziert das Titelblatt des neuen Zivilgesetzbuches (Code Civil 2015) und dürfte somit bald im Regal von tausenden Anwälten stehen.

Da kann sich auch Sprayer Smash137 ein Schmunzeln nicht verkneifen. «Viele Pariser Kunstsammler sind Anwälte – anders kann ich mir das nicht erklären. Ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.»

Im Dezember bestreitet der Basler seine nächste Einzelausstellung in Saarbrücken. Die Vorbereitungen laufen. Zuerst aber müssen die beiden Bilder im Novotel beendet werden. Die Mittagssonne hat sich inzwischen verzogen. «Die Sonne ist weg – so geht es schon viel besser», findet Smash137 und setzt zu einer Linie an.

Strassenkunst findet in der Markthalle ein Zuhause

Joel Gernet am Freitag den 27. Juni 2014

Die Urban-Art-Plattform «Artstübli» wird nach jahrelangem Vagabunden-Dasein im Mantelbau der Markthalle sesshaft. Die Eröffnung während der Art Basel verlief vielversprechend.

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Frischer Wind: Der «Artstübli»-Ausstellungsraum im Mantelbau der Markthalle. (Foto: Joël Gernet)

Die Basler Markthalle hat einen Farbtupfer mehr: Neben dem Seiteneingang am Steinentorberg hat sich das «Artstübli» eingenistet. Pünktlich zur Art Basel wurde der Ausstellungsraum eröffnet. Auf 124 Quadratmetern gibts urbane Kunst von Graffiti bis Streetart zu sehen, präsentiert in einem lichtdurchfluteten Raum mit grossen Fenstern, hölzernem Fischgrätparkett und Ausblick auf das Heuwaage-Viadukt. Vor Kurzem befand sich hier ein angestaubtes Antiquitäten-Lager.

«Es war einiges los letzte Woche», sagt Betreiber Philipp Brogli zufrieden. Wie erhofft, haben zahlreiche Art-Besucher spontan vorbei geguckt, was natürlich wesentlich mit der «Volta 10» zusammenhängt. Die Nebenmesse ist dieses Jahr vom Dreispitz in die Markthalle zurückgekehrt. Wer von der Heuwaage her kommt, spaziert fast automatisch ins «Artstübli».

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

«Mr. Artstübli» Philipp Brogli.

Anders als an der Art Basel kann sich hier fast jeder ein Stück Kunst leisten. Die Fine Art Prints und Siebrucke kosten zwischen 100 und 600 Franken. Wer eines der wenigen Originalbilder kaufen will, muss zwischen 2800 und 8000 Franken locker machen. «380 Franken für einen gerahmten und limitierten Druck sind für einen Art-Besucher ein Klacks», findet Brogli. Dass sich der Basler Urban-Art-Förderer bei seinem Angebot auf sogenannte Prints spezialisiert hat, hängt nicht nur mit deren Preis zusammen: Während des «Artstübli»-Aufbaus fehlte Brogli schlicht die Zeit, um sein breites Künstlernetzwerk nach Originalen zu durchkämmen.

Also nutzte der Basler die Chance, um das wachsende Internet-Angebot im Bereich der hochwertigen Prints zu sondieren. Im Netz tummeln sich zahlreiche junge Künstler und Kunstsammler in der Hoffnung auf einen guten Fang. Mit einem glücklichen Händchen finden Kenner und Könner durchaus Perlen, deren Sammlerwert sich mit der Zeit markant steigert. Mit seinem immensen Vorwissen hat Brogli beste Voraussetzungen, um sein «Artstübli» mit preiswerten Preziosen zu schmücken.

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Begehrter Print: «Moonshine» von Etam Cru (PL).

Die Streetart-Institution des Baslers gibt es seit 2004. Was als loses Zusammentreffen gleichgesinnter Kunstfreunde begann, fand bald seine Fortsetzung in einem gleichnamigen Online-Magazin. Beflügelt vom positiven Feedback und den rasant erweiterten Künstlerkontakten fand 2006 die erste «Artstübli»-Kunstmesse «Artyou» statt (damals noch unter dem Namen «Artig»). Diese mauserte sich über die Jahre zur wichtigsten Schweizer Kunstschau im Bereich Urban Art. 2013 legte Brogli die «Artyou» vorläufig auf Eis.

Wie er jetzt verrät, hatte der Entscheid auch etwas mit dem neuen Ausstellungsraum Markthalle zu tun. Nachdem die Kunstplattform jahrelang ein Vagabunden-Dasein ohne festen Sitz führte, zeichnete sich in den letzten Monaten eine längerfristige Lösung in der Markthalle ab. «Bei der Immobilienverwalterin Wincasa hat ein Umdenken stattgefunden», sagt Brogli und erklärt nicht ohne Stolz, dass die Markhallen-Verantwortlichen sich nun bewusst für seine junge, urbane Kunstplattform entschieden haben – und gegen eine rein kommerzielle Nutzung. Broglis Hartnäckigkeit hat sich nach langem Warten also doch noch ausgezahlt. Neben einer kulanten Miete kann er sich über einen längerfristigen Vertrag freuen. «Viele meinten, dass wir nur während der Art Basel in der Markthalle sind – aber wir bleiben mindestens fünf Jahre», sagt er mit einem schelmischen lachen im Gesicht. «Das ist mehr als eine Zwischennutzung.»

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Offen! Philipp Brogli auf dem roten Teppich vor seinem neuen Ausstellungsraum. (Foto: Andreas Schneider)

Nun ist das «Artstübli» zum ersten Mal sesshaft geworden. Domestizierte Strassenkunst sozusagen. Wer durch die grossen Schaufenster am Steinentorberg 28 guckt, erspäht nun Bilder namhafter Urban-Art-Künstler wie dem französischen Bubble-König Tilt, dem polnischen Duo Etam Cru oder, natürlich, der Basler Graffiti-Koryphäe Smash137. Von ihm ist ein Originalbild zu sehen. Philipp Brogli unterstützt den inzwischen weltweit beachteten Künstler seit Jahren und kann sich nun wiederum auf dessen Support verlassen.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Heimspiel: Bildausschnitt eines Werks von Smash137.

Nach der Art-Woche kann sich Brogli über mehr als ein Dutzend verkaufte Werke und viele neue Kontakte freuen. Etwa zu der in Basel lebenden, international bekannten Fotokünstlerin Vera Isler-Leiner. Wie sich herausstellte, wohnt die 83-Jährige im Hochhaus nebenan. Nach der Eröffnung hat sie das «Artstübli» mit grossem Interesse besucht. «Sie kannte urbane Kunst bereits aus dem Film des Streetart-Stars Banksy und erzählte mir von Strassenkunst, die sie in den 80er-Jahren fotografiert hat», erinnert sich Brogli. «Das war eine schöne Begegnung.»

Wer weiss, vielleicht gibt es im neuem Ausstellungs- und Projektraum (der Begriff Galerie wird gemieden, um Hemmschwellen zu umschiffen) bald Streetart aus den Anfangstagen dieser noch jungen Kunstform zu sehen. Zudem wird Brogli auch abseits seiner neuen Kunststube in der Markthalle aktiv sein. So koordiniert er etwa regelmässig Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Jüngstes Beispiel ist das grossflächige Bild, dass die Graffiti-Künstler Zosen (ARG) und Mina (JPN) in der Art-Woche auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz hinterlassen haben. «Und vielleicht gibt es ja demnächst auch wieder eine Artyou», sagt Brogli.

Artstübli, Steinentorberg 28, 4051 Basel. Ausstellungs-Öffnungszeiten ab Juli: Donnerstag/Freitag, 11 bis 18 Uhr; Samstag, 14 bis 18 Uhr.
www.artstuebli.ch

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

«Artstübli»-Projekt im Öffentlichen Raum: Das Graffiti von Zosen y Mina auf dem IWB-Häuschen am Hohlbeinplatz.

 

Brutale Striche und ein absorbierter Affe

Joel Gernet am Dienstag den 17. Juni 2014

Die Colab Gallery in Weil am Rhein (D) zeigt in ihrer sechsten «Public Provocations»-Ausstellung Grenzen und Grossformatiges.

Kanadische Kartonkunst. Vier Wochen lang hat Laurence Vallières an diesem Affen gearbeitet – ohne Vorlage.

Kanadische Kartonkunst. Vier Wochen lang hat Laurence Vallières an diesem Affen gearbeitet – ohne Vorlage.

Mit gesenktem Blick sitzt der gigantische Affe da, in den Händen einen Tablet-Computer. Der Vernissage-Trubel scheint ihn kaltzulassen. Er würdigt die schicken und schönen Menschen mit ihren Weissweingläsern und den vergnügt spielenden Kindern keines Blickes. Der drei Meter grosse Koloss ist nicht nur wegen seiner Dimension das herausragende Exponat an der Urban-Art-Ausstellung «Public Provocations» in der Colab Gallery. Ansprechende Ästhetik, gekoppelt mit subtiler Gesellschaftskritik – der Affe der kanadischen Künstlerin Laurence Vallières wirkt wie die 3-D-Version eines Bildes von Banksy, dem britischen Street-Art-Superstar, der die Kunstwelt seit Jahren zum Narren hält. Im Gegensatz zu Banksys Werken sind die Skulpturen von Vallières noch bezahlbar: Den Affen gibts für 5000 Euro – hier ist also eher der Platz das Problem.

Vier Wochen hat die Geburt des ­Giganten gedauert: Die junge Kanadierin hat die Skulptur vor Ort zusammengebastelt, intuitiv und ohne Vorlage. Das Baumaterial lieferten alte Kleiderkartons des Carhartt-Outlets, unter dessen Dach sich die Galerie befindet. Einzige Hilfen: ein Teppichmesser und viel Heissleim. Neben dem Affen sind auf diese Weise zwei stattliche Bärenköpfe entstanden, die an unkaschierte ­Basler Fasnachtslarven erinnern.

Dass Laurence Vallières bereits einen Monat vor Eröffnung der Gruppenausstellung anreiste, ist aussergewöhnlich. Am Tag vor der Vernissage war die ein oder andere Künstlerkoje noch komplett weiss. Jeder der neun geladenen Künstler gestaltet seine Nische spontan vor Ort. Dabei entstehen auch Werke, die nach sechs Monaten wieder übermalt werden. Kunst, so vergänglich wie Street-Art- und Graffiti-Bilder im öffent­lichen Raum. «Es ist gut, dass man nicht alles kaufen kann», sagt Kura­tor Stefan Winterle über die zum Untergang geweihten Wandbilder. Da sich Vallières grosse Skulpturen schlecht in einer Künstler-Koje an die Wand pressen lassen, werden ihre Werke im weitläufigeren Eckbereich zur Schau gestellt, verschont von den alles gleich machenden Farbrollen der Erneuerung.

Schwarzweissmaler: Die Koje des finnischen Künstlers Egs.

Schwarzweissmaler: Die Koje des finnischen Künstlers Egs.

Neben der Kartonkunst der Kanadierin präsentiert der Sprayer Egs seine Werke. Der Finne ist seit über zwanzig Jahren aktiv und hat den Sprung von der Strasse in die grossen Galerien zeitgenössischer Kunst geschafft. Zwar zeugen die zerstäubten und zerlaufenen Striche noch immer von seiner Vandalen-Vergangenheit. Im abstrakten und reduzierten Schwarz-Weiss-Bild lassen sich aber beim besten Willen keine Graffiti-Buchstaben mehr erkennen.

«Egs hat den Ausschnitt einer Weltkarte an die Wand gesprüht», erklärt Winterle. «Viele Sprayer bilden sich ja etwas ein auf die Aussagekraft, den Schwung und die Sauberkeit ihrer Striche – aber die mächtigsten Linien überhaupt sind jene auf der Landkarte, die Landesgrenzen.» In den gerahmten Werken an den Seitenwänden der Koje erkennt man die Bildsprache des Skandinaviers: Kontinente und Landesgrenzen sind deutlich erkennbar. Doch die Linien sind auch hier zerfleddert und zerstäubt. Als wollte der Künstler die Brutalität gezogener Landesgrenzen anprangern. Hier hat Egs nicht zur Spraydose gegriffen, sondern zu Tinte und medizinischen Spritzen.

Steueroasen: Der deutsche Künstler 1010 hat die Grundrisse von 81 Ländern farbenfroh umgesetzt.

Steueroasen: Der deutsche Künstler 1010 hat die Grundrisse von 81 Ländern farbenfroh umgesetzt.

Ebenfalls mit Landesgrenzen beschäftigt hat sich der deutsche Künstler 1010 mit seiner «Abyss»-Serie. Was ­zunächst anmutet wie ein farbenfroher Abgrund aus immer enger gezogenen Tiefen- statt Höhenlinien entpuppt sich als Grundriss einer Steueroase. 81 derartige Bilder hat 1010 gemalt. Eines für jeden Abgrund, in dem Steuergelder verschwinden. «Gerne hätte ich hier auch das Schweiz-Bild gezeigt», erklärt Kurator Winterle, «aber der Künstler hat das Werk bereits verkauft.»

Völlig anders präsentieren sich die Werke des amerikanischen Schablonen-­Künstlers Logan Hicks. ­Seine silbernen und goldenen Totenköpfe bestechen durch eine leicht erschliessbare Ästhetik. Es ist gut erkennbar, warum Hicks neben Banksy und Blek Le Rat zu den Koryphäen der Stencil-Kunst gehört. «Sigi hatte schon früher Kontakt zu ihm, kam aber nicht mehr dazu, ­Logan Hicks einzuladen», erklärt Winterle in Gedenken an den verstorbenen Galeriegründer Sigi von Koeding alias Dare: «Jetzt schliesst sich der Kreis.»

Strencil-Koriphähe: Zwei Kunstfreunde betrachten ein Schablonen-Bild des US-Künstlers Logan Hicks.

Strencil-Koriphähe: Zwei Kunstfreunde betrachten ein Schablonen-Bild des US-Künstlers Logan Hicks.

Colab Gallery, Weil am Rhein. Schusterinsel 9. Bis Oktober.
www.carhartt-gallery.com

Capsules artistes Chromatic | Laurence Vallières from massivart on Vimeo.

Strassenkunst im Konsumtempel

Joel Gernet am Freitag den 13. September 2013

Von Brasiliens Favelas ins Basler Stücki Shopping: Die Streetart-Werke von Zezão passen nicht in den Kleinhüninger Konsumtempel, könnte man meinen. Doch der Spagat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Gosse und Galerie, passt zum Graffiti-Pionier aus São Paolo.

Vor wenigen Wochen musste Zezão auf Samtpfoten durch die unterirdischen Abwasserkanäle von Kassel schleichen, um beim Malen nicht die Aufmerksamkeit von Passanten und Polizei auf sich zu ziehen. In Basel geht der brasilianische Streetart-Künstler weniger diskret zu Werk: Im Brasilea-Atelier wird lautstark gebohrt und gehämmert. Es gilt, die letzten Werke für seine Solo-Ausstellung zusammenzubasteln und, natürlich, anzumalen.

Zezao_Creenshot7Während der 43-Jährige in den Favelas seiner Heimatstadt São Paolo vom Bettgestell über Autowracks bis hin zu abgefuckten Mauern fast alles lackiert, was ihm vor die Dose kommt, schustert er sich im Kleinhüninger Rheinhafen seine Unterlage selber zusammen.

Die Holz- und Metallabfälle stammen von der Schrottfirma vis-à-vis. Und weil die Recycling-Leinwand nach dem Zusammenschrauben noch zu unspektakulär aussieht, wird sie mit einer Hitzepistole behandelt, bis sie so schwarz ist wie die Vergangenheit des brasilianischen Streetart-Stars.

Aufgewachsen am Rand von São Paolos Favelas unter prekären familiären Verhältnissen und ohne abgeschlossene Ausbildung, zog sich der junge Zezão in den urbanen Untergrund zurück, um über das Malen zu sich zu finden. «Er ist im wahrsten Sinn abgetaucht», sagt Daniel Faust, Brasilea-Direktor und Kurator der Ausstellung. «Das Malen war sein Yoga.» Von Abwasserkanälen und Brückenpfeilern gings Stück für Stück zurück ins Tageslicht und – nach zwanzig Schaffensjahren – ins Rampenlicht. «In Brasilien ist Zezão ein Superstar», findet Faust.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Das Kennzeichen des brasilianischen Graffiti-Pioniers: die blaue Krakelschrift, abgeleitet aus dem Wort vício – Sucht. «Ich benutze dieses Himmelblau, weil es im Dunkeln so schön leuchtet», sagt Zezão. São Paolo sei eine hässliche Stadt, deren System er als junger Sprayer zerstören wollte. «Aber irgendwann realisierte ich: Ich mache meine Bilder, um sie zu verschönern.»

Inzwischen sind seine blauen Hinterlassenschaften in aller Welt zu sehen – in Galerien oder unter Brücken. So auch am Wiesenufer in Kleinhüningen, wo Zezão bei seinem Brasilea-Debut 2010 ein Wasserzeichen setzte. Dass das Bild immer noch steht, verwundert ihn genauso wie der Hinweis, dass es wenige hundert Meter rheinaufwärts ein Favela-Dorf gibt. «Really?!», sagt er irritiert und lässt sich die verrückte Geschichte der Kunst-Baracken erklären.

Wie Tadashi Kawamata mit seinem Favela Café an der Art Basel pendelt auch Zezão zwischen Selbstverwirklichung, Sozialkritik, Kunst und Kommerz. Der Brasilianer unterscheidet zwischen «Graffiti» und «Fine Art», die bei ihm letztlich zwei Seiten der selben Medaille markieren. Einerseits sagt der Sprayer, der auch mit 43 Jahren noch gerne in Abwasserkanälen und Abrissruinen unterwegs ist: «Ich will meine Kunst mit den armen Leuten teilen». Andererseits versucht er mit seinem einzigartigen Talent ein angenehmes Leben zu bestreiten. «Ich versuche meine Energie vom Graffiti-Kontext in diese Umgebung zu transformieren», erklärt Zezão während er sich im Brasilea-Atelier umblickt.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

«Wegen meiner rauhen Strassenkunst meinen viele, ich sei ein harter Typ – dabei bin ich sehr emotional», sagt er und lacht. Die Worte sprudeln aus seinem Mund wie die Bilder aus seinem Handgelenk. «Dein Leben ist ein Kunstwerk, du kannst selber entscheiden, was du damit machst.» Seine Kollegen in Brasilien meinen immer noch, er relaxe in Europa, schildert Zezão. «Aber bin kein Tourist, sondern muss arbeiten!» Vor Ausstellungen wie der Solo-Show in Basel heisst das: 18 Stunden pro Tag planen, basteln und malen. «Ich bin müde – und gleichzeitig glücklich.»

Basel ist nur eine Station auf Zezãos zweimonatiger Europa-Tour. Er kommt von einer Gruppenausstellung in der namhaften Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Und vom Rheinknie aus geht es demnächst ein paar Kilometer den Bach runter nach Köln ans Urban Art Festival CityLeaks, wo er mit Szene-Grössen wie Aryz, Cope2 oder Satone Häuser bis unters Dach bemalen wird.

Zuerst wird aber in der Brasilea-Galerie im Stücki Shopping eine der wenigen Solo-Ausstellungen von Zezão zelebriert. Der unkonventionelle Ort kam vor etwa einem Jahr ins Spiel, als Center Manager Jan Tanner auf Brasilea-Direktor Daniel Faust zukam und ihm eine leere Ladenfläche zu sehr guten Konditionen anbot. Ab Samstag wird deshalb im Stücki Zezãos Leben der Kontraste gezeigt: Zwischen dem Müll der Favelas und dem Glanz der Stadtzentren, ein Tanz zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Licht und Schatten, Oberfläche und Untergrund. Dies übrigens an einem Ort, an dem einst die alte Stückfärberei stand. Eine Farbfabrik, die nach ihrer Stilllegung in den 80er-Jahren zu einem pulsierenden Treffpunkt der noch jungen Basler HipHop-Szene wurde. Natürlich blieben die Wände damals nicht lange grau. Mit Blick auf Zezãos Solo-Show könnte man also auch sagen: Graffiti is coming home.

Zezão – Soloshow. 14. September bis 30. November 2013. Brasilea Galerie, 1. OG Stücki Shopping Basel, Hochbergerstrasse 70. Offen Samstag von 11 Uhr bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung. Vernissage: Sa. 14. September ab 12 Uhr. Hier der PDF-Katalog zur Ausstellung als Free-Download.

Zeitgleich findet in der Stiftung Brasilea an der Westquaistrasse 39 im Rheinhafen bis am 7. November eine 10-Jahr-Retrospektive der vergangenen 42 Ausstellungen statt.

Das temporäre Streetart-Stübli beim Bahnhof

Joel Gernet am Mittwoch den 12. Juni 2013

Kunststübli mit Industriecharme: In der «Artstübli Pop Up Exhibition» treffen Werke wie jene von Rae Martini (rechts hinten) auf das stylische Interieur der Schleifferei. (Fotos: Joël Gernet).

Bröckelnde Wände, Eisenrohre, eine vom Rauch angeschwärzte Decke…mehr urbanen Industriecharme als die «Schleifferei» kann einem ein Ausstellungsraum kaum bieten. In Kombination mit wild durcheinander gewürfelten Kronleuchtern, Stehlampen und Sofas ergibt das den perfekten Ort für die kleine aber feine «Artstübli Pop-Up Exhibition». Die rohen, absichtlich abgefuckten Leinwände der französischen Graffiti-Ikone Tilt oder die vom Flammenwerfer malträtierten Plakatwände des Italieners Rae Martini wirken wie geschaffen für den Eventraum beim Gundeli-Seitenausgang des Bahnhof SBB. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kesse Strassenkunst aus Rom

Joel Gernet am Freitag den 7. Juni 2013

«In der Nacht sprayen? Ich doch nicht – ich bin eine Frau!», sagt Alice Pasquini und lacht. Die Römer Streetart-Künstlerin zieht es vor, auch ihre unbewilligten Wandmalereien bei Tageslicht anzubringen. In Italien ist das mit etwas Erfahrung, Fingerspitzengefühl und einem chicen Auftreten kein grösseres Problem. Im Gegenteil: Es kommt immer wieder vor, dass die kesse Künstlerin bei ihrer Strassenarbeit neue Aufträge reinholt.

Dieses Wochenende ist Pasquini nicht auf den Strassen Roms, sondern in Weil am Rhein (D) unterwegs: als ausstellende Künstlerin an der «Public Provocations». Die fünfte Ausgabe der Ausstellungsreihe präsentiert ab Samstag unweit des Rheincenters zehn internationale Urban-Art-Künstler.

Frau mit Apfel: Pasquinis Werk in Weil am Rhein. (Foto: Jessica Stewart, RomePhotoBlog).

Vor zwei Jahren war Alice Pasquini das erste Mal in Weil am Rhein. Als Begleiterin des französischen Streetart-Stars C215 hinterliess die Römerin damals bei der Carhartt Gallery ein kunstvoll verziertes Verkehrsschild. Inzwischen heisst die auf Urbane Kunst spezialisierte Galerie Colab Gallery – und Pasquini ist nicht mehr Anhang, sondern geladene Künstlerin.

Als wir Pasquini während der Gestaltung ihrer Ausstellungskoje treffen, beschäftigt sich die Italienerin mit der Hintergrundgestaltung ihres Bildes. Es zeigt eine junge Frau mit Apfel und Blumen in den Haaren. Naturfarben wie Braun und Grün dominieren das Motiv. Dass es daherkommt, als hätte es die Patina einer kunstvoll verwitterten Statue, ist kein Zufall. Pasquini mag alte Motive: «Ich habe mich von einer amerikanischen Zeitschriften-Werbung aus dem Jahr 1902 inspirieren lassen.»

Die Römerin beschäftigt sich seit jeher mit Malerei und Bildgestaltung. Nach Abschluss der Kunsthochschule arbeitete sie als Illustratorin, was ihr aber ziemlich rasch verleidete: «Ich war gar nicht mehr am malen», erinnert sie sich. Als sie daraufhin in Madrid Freizeitparks für Kinder gestaltete und deren Begeisterung sah, realisierte Pasquini, dass sie Kunst machen will, die unmittelbar auf den Betrachter trifft. Deshalb brachte sie, die immer schon eine Affinität zur HipHop-Kultur hatte, ihre Bilder vor rund sechs Jahren auch auf die Strassen. Inzwischen blicken ihre Motive – mit Vorliebe sanfte Frauen- und Kindergesichter – an fast allen Ecken dieser Welt von den Fassaden.

Wenn Pasquini ausserhalb Italiens tagsüber ungefragt Wände umgestaltet, geht sie dabei allerdings vorsichtiger vor. Die Passanten reagieren nämlich überall anders, wie folgende Episode aus dem norwegischen Oslo zeigt: «Ich mag, was sie machen», habe da eine Frau zur malenden Pasquini gesagt, «aber jetzt mache ich ein Foto und rufe die Polizei». Kunst im öffentlichen Raum – wir reden hier nicht von Schmierereien – wird halt in gewissen Kreisen immer noch als Provokation wahrgenommen. Daran soll auch der Ausstellungsname «Public Provocations» erinnern. In Weil am Rhein wurde Pasquinis Kunst bis jetzt allerdings noch nicht als störend empfunden – im Gegenteil. Das von ihr verzierte Strassenschild wurde vor zwei Jahren nach wenigen Wochen von einem kunstaffinen Dieb abgeschraubt.

Public Provocations V, Colab Gallery (früher: Carhartt Gallery), Schusterinsel 9, Weil am Rhein. Vernissage Sa. 8. Juni ab 20 Uhr. Die Ausstellung läuft bis Oktober 2013.

Künstler: Alice Pasquini (I), Amose (F), Case (D), Chris Stain (USA), Gris1 (F), Michael Grudziecki (PL), Orticanoodles (I), Robert Proch (PL), Wolfgang Krell (D). Mehr Infos.

Abrissparty auf dem Dreispitz

Joel Gernet am Freitag den 21. Dezember 2012

Die letzte Stunde der YourGallery rückt näher: Ende Jahr wird das Kleinod des Kunstvereins 0123spitz seine Pforten am Walkeweg für immer schliessen. Bevor es soweit ist, steigt in der Halle neben der 36er-Bushaltestelle eine letzte Abrissparty in Form der Abschiedsausstellung «Les Copins». Heute Freitag wird sie eröffnet.

Daniel Fröhlicher aka Jon Doe, Initiant der YourGallery.

Zum letzten Tanz bitten mit Ynre und Jon Doe zwei der Künstler, die die Geschicke der YourGallery in den vergangenen eineinhalb Jahren leiteten. Während es in der vorletzten Ausstellung von Graffiti-Legende Kron vor allem Bilder mit Gesichtern und Figuren zu sehen gab, bekommen die Besucher nun wieder eine geballte Ladung Buchstaben vorgesetzt – von filigran bekritzelten Leinwänden über saftige Tag-Schriftzüge bis hin zu klassischem Wand-Graffiti.

Und als Abschlussbouquet haben es sich Ynre und Jon Doe nicht nehmen lassen, die Gallery-Mauern bis unters Dach zuzubomben. «Wir wollten durchdrehen und den Raum so bemalen, wie es bisher noch nie der Fall war», sagt Daniel Fröhlicher alias Jon Doe. Der Galeriegründer und Vereinspräsident blickt auf eine ereignisreiche Zwischennutzung mit rund 20 Ausstellungen zurück.

Im Sommer 2011, kurz vor der Art Basel, bekam er Wind von der leerstehenden Garagenhalle – und schlug zu. «Als ich den Raum und den Mietpreis sah, wusste ich: da ist etwas machbar», erinnert sich der 30-Jährige. Ohne Konzept, dafür mit umso mehr Elan, erschufen Fröhlicher und seine Kunstkollegen – alle mit Graffiti-Hintergrund – quasi über Nacht einen neuen Basler Offspace für junge, urbane Kunst. «Es war cool, etwas für Basel machen zu können», sagt Fröhlicher. Als grösster Erfolg wertet er, dass sich die YourGallery während der Zwischennutzung eine treue Fanbasis erarbeiten konnte und in der Öffentlichkeit als Kunstplattform wahrgenommen wurde. Unvergessen auch die Sommernächte im Hinterhof der Galerie – mit Grill, Getränken und Blick auf die Bilder im Innern der Halle.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

Zähne zeigen: Eines der Bilder von Ynre.

«Klar hat uns die Gallery zeitweise auch aufgefressen, schliesslich haben wir sehr viel Zeit investiert – aber ich bereue nichts», sagt Fröhlicher mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Wie es 2013 weitergeht, weiss der 30-Jährige noch nicht genau. Nach alternativen Standorten hat sich der Kunstverein zwar bereits (erfolglos) umgesehen. Man ist sich aber auch bewusst, welche Perle man sich mit der ausrangierten Garage geangelt hat. «Wir waren verwöhnt mit dieser Halle an diesem zentralen Standort », findet Fröhlicher.

Wenn sich eine neue Gelegenheit bietet, ist ein Revival nicht ausgeschlossen – forcieren will man aber nichts. «Wir wollen Spass haben – und nicht eine professionelle Galerie betreiben», erklärt Fröhlicher. Der Kunstverein 0123spitz bleibt jedenfalls auch ohne festes Domizil bestehen. Und voraussichtlich wird es auch 2013 vereinzelte Events geben. Wo auch immer. Bevor es soweit ist, steht jetzt aber eine letzte Ausstellung zweier «Copains» an – und danach bleiben viele farbige Erinnerungen.

Les Copains. YourGallery, Walkeweg 1, Basel, Fr. 21. Dezember bis So. 30. Dezember. Öffnungszeiten

Der Meister der Totenköpfe

Joel Gernet am Freitag den 16. November 2012

Nach über 20 Jahren an der Dose präsentiert Kron mit «Still Standing» seine erste Solo-Ausstellung. Wir haben das Basler Graffiti-Urgestein auf dem Dreispitz besucht.

Zügig lässt Kron den Pinsel über die knallrote Leinwand tanzen. Totenschädel und Banderole mit Gothic-Schrift nehmen langsam Gestalt an, zwei typische Motive das Baslers. Wenn der 37-Jährige am Werk ist, wird nicht lange gefackelt. Nach über zwei Jahrzehnten Graffiti, Airbrush, Grafikdesign und Tätowieren sitzt jeder Strich.

Ganze 24 Jahre hat es gedauert bis zu Krons ersten Solo-Ausstellung, die am Samstag in der YourGallery auf dem Dreispitz Vernissage feiert. Ja, den Basler Graffiti-Pionier gibt’s noch – und er steht nach turbulenten Zeiten aufrechter denn je. Darum nennt er seine Solo-Show auch «Still Standing». Angesprochen auf sein spätes Galerie-Debut meint er grinsend: «Die ganze Stadt ist meine Galerie». Mitentscheidend war auch, dass die Macher der YourGallery der Graffiti-Szene entstammen – Hauptsache kein Schickimicki. Kron ist so bodenständig, dass er sich früher als Breakdancer darauf gewälzt hat.

Seine wahre Berufung aber war und ist das Malen. Zum ersten Mal zur Dose gegriffen hat der in Basel geborene Spanier 1988 als es in der HipHop-Szene noch um einiges rauer zuging als heute. Die berüchtigte Zeit, als man sich in der Steinenvorstadt noch um seine Homeboy-Kleidung fürchten musste, kennt er im Gegensatz zu vielen anderen nicht nur vom Hörensagen. Insbesondere in den 90er Jahren waren seine Schriftzüge, B-Boy-Männchen und Totenköpfe allgegenwärtig auf den Wänden Basels.

Damals führte der Autor, das soll hier nicht verheimlicht werden, eine Art Fernbeziehung mit Kron: Er überspayte meine Bilder – und umgekehrt. Zum Glück kreuzten sich damals unsere Wege nie direkt – der Herr kann nämlich ziemlich ungemütlich werden, hiess es. Ein halbes Leben später ist Kron Hausgrafiker der gemeinsamen Rapcrew TripleNine, bei deren Gigs er seine Spuren nicht selten auf Shirt und Haut der KonzertbesucherInnen hinterlässt. Soviel zur gemeinsamen Geschichte – ich schreibe hier also nicht ganz neutral.

Und jetzt sitzt Kollege Kron also da und arbeitet unter Hochdruck für seine Solo-Show. «Es wird fast keine typischen Graffiti-Schriftzüge geben», erklärt er, «mein Markenzeichen waren immer die Character». Gemeint sind seine typischen HipHop-Männchen mit übergrossen Turnschuhen und Augen so gross wie Hände. Oder seine Totenköpfe und Fratzen mit Eishockey-Maske. Derartige Motive hat Kron in den letzten Wochen auf rund 30 Leinwänden verewigt – Graffiti-Schriftzüge hingegen gehören seiner Meinung nach auf Wände.

Also gibt es bei «Still Standing» etwa Comic-artige Bilder von Puma-State-Sneakers mit dicken Schuhbändeln zu sehen. Oder eine Totenkopf-Fratze, die zur Hälfte von einer echten Eishockey-Maske überdeckt wird – eines der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung. «Am liebsten hätte ich nur Totenköpfe gemalt, aber meine Freundin meinte, das kann ich nicht machen», sagt Kron mit einem Lausbubenlächeln im Gesicht.

Seine Werke wird es für 200 bis 1000 Franken zu kaufen geben. An der Vernissage ist zudem eine Live-Aktion geplant, die unter die Haut gehen dürfte. Zur Einstimmung auf seine erste Solo-Schau zeigt Kron am Samstagnachmittag an einem HipHop-Jam in Winterthur seine Graffiti-Künste – schliesslich hat das Basler HipHop-Urgestein nie vergessen, wo seine künstlerischen Wurzeln liegen. Auch deshalb ist «Still Standing» überfällig. «Diese Ausstellung ist ein Dankeschön für alle, die mich über all die Jahre unterstützt haben – und an die Stadt Basel», sagt Kron. Ein schönes Schlusswort.

Kron – Still Standing. Vernissage: Sa. 17. November 2012, 18 Uhr, YourGallery (0123spitz), Walkeweg 1, Basel. Öffnungszeiten: 17.11. ab 18h, 18.11. ab 16h, 24.11. ab 18h, 25.11 ab 16h.

Der Ackermannshof als Kunst-Kirche

Joel Gernet am Donnerstag den 20. September 2012

Dieses Wochenende wird die St. Johanns-Vorstadt wieder zum Zentrum für urbane Kunst. An der «Artyou» treffen Tattoos aus Frankreich auf Basler Graffiti-Bilder oder gesellschaftskritische Comic-Kunst aus Leipzig.

Ein Triptychon ist ein dreigeteiltes Gemälde mit christlichen Motiven und einklappbaren Seitenteilen. Die grossen Exemplare sind oft Teil eines Flügelaltars. Und sie werden ausschliesslich an Feiertagen aufgeklappt. Heute ist so ein Feiertag – zumindest für die regionale Urban-Art-Szene. Heute nämlich wird der Ackermannshof in der St. Johanns-Vorstadt im Rahmen der 7. Artyou – Urbane Kunst Basel zur temporären Kunst-Kirche – dank dem Doppel-Triptychon, welches das deutsche Duo Doppeldenk auf einem grossen Altar im Herzen der Ausstellung platziert hat. Inklusiv Kerzen, Samt-Bezug und Kirchenbänken zum hinknien. Diesen Beitrag weiterlesen »

Die Bilder vom «Schänzli Jam» 2012

Joel Gernet am Sonntag den 16. September 2012

Der «Schänzli Jam» 2012 ist Geschichte und alle Beteiligten blicken auf einen hervorragenden Jahrgang zurück. Hier einigen der Bilder, welche die über 30 Graffiti-Artists am Samstag auf den Wänden bei der 14er-Tramschlaufe hinterlassen haben.

Unsere Beiträge über die Vorbereitungen sowie den letztjährigen Jam gibt es hier bzw. hier.

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    • Fabian Kern Fabian Kern ist Online-Redaktor bei der Basler Zeitung. Als Kinofan und Leseratte nimmt er sich das Recht heraus, alles rund um Film und Buch zu kommentieren.
    • Fabian Kern Online-Redaktor, Rapper und Graffiti-Freund: Joël Gernet schreibt an dieser Stelle vorzugsweise über Musik und Kunst, meist im urbanen Bereich.
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