Beiträge mit dem Schlagwort ‘Gmeiner Verlag’

Rechtsextreme schlagen Öko-Terroristen

Fabian Kern am Mittwoch den 7. Mai 2014

Buchcover StrahlenmeerBuchcover WahlschlachtSeit Martin Suter sind Schweizer Autoren im deutschen Sprachraum beliebt, vorzugsweise Krimis. Immer mehr nationale Titel finden den Weg in den an Kriminalromanen übersättigten Markt Deutschlands. Vor allem der Gmeiner Verlag, der sich auf Krimis mit hohem Regionalbezug spezialisiert hat, nimmt immer wieder Schweizer unter Vertrag. Der Ostschweizer Markus Matzner, Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen, hat dieses Jahr schon seinen zweiten Krimi veröffentlicht. Auf «Wahlschlacht» (2013), in dem eine rechtsextreme Vereinigung einen Anschlag auf die Nationalratswahl-Sendung im «Deutschschweizer Fernsehen» plant, folgt «Strahlenmeer». Nun sind es Öko-Terroristen einer oskuren Sekte names «Children of Gaia», welche die Welt mit Gewalt verbessern wollen. Dabei spielt auch der grösste Schweizer Nuklearunfalle eine entscheidende Rolle. Ein Vergleich:

Der Thurgauer Markus Matzner, Jahrgang 1964, arbeitet als TV-Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen und lebt in der Region Zürich.

Der Thurgauer Markus Matzner, Jahrgang 1964, arbeitet als TV-Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen und lebt in der Region Zürich.

1. Figuren

Matzner setzt auf das bewährte Rezept der Wiedererkennung. In «Strahlenmeer» begegnen wir wieder den bereits altbekannten Figuren aus «Wahlschlacht»: dem pensionierten TV-Mann Nico Vontobel und seinem jungen Ex-Kollegen Mario Ettlin sowie deren Partnerinnen Hanni Pulver und Sara Feldberg und dem Polizei-Personal, bestehend aus dem Zürcher Kripo-Chef Severin Martelli und dem starrköpfigen Altmeister Jean-Jacques Trümpi. Obwohl es natürlich richtig ist, die eingeführten Charaktere zu pflegen, befriedigt die Weiterentwicklung der persönlichen Geschichten, die in Krimiserien oft mehr interessieren als der jeweilige Fall, leider nicht wirklich. Zu verzettelt ist die Story mit Schauplätzen vom Zürcher Unterland über Basel bis nach Südfrankreich, zu wenig klar ist der Lead verteilt. Stand im Erstling klar Nico Vontobel im Mittelpunkt, ist es nun eigentlich Mario Ettlin. Doch leider hetzt dieser nur von einer Recherche zur nächsten, weshalb man nur wenig mehr über den ehrgeizigen Journalisten erfährt. Matzner scheint lange nicht zu wissen, welche Rolle Nico Vontobel spielen soll, weshalb dieser und Hanni Pulver erst in der Schlussphase in die Handlung eingreift. Schade, denn das alternde Pärchen hat in «Wahlschlacht» viele Sympathien gewonnen.

2. Stil

Hinsichtlich des pragmatischen Schreibstils hat sich Matzner nicht verändert. Weiterhin dominiert eine eher einfache Sprache, welche wohl dem beruflichen Hintergrund Matzners zugrunde liegt. Die vielen Helvetismen, die Lokalkolorit vermitteln sollen, wirken etwas bemüht und auch unnötig. Man erhält den Eindruck, immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen zu werden, dass hier Schweizer am Werk sind. Da wäre weniger mehr gewesen.

3. Glaubwürdigkeit

Das Sektenbild der «Children of Gaia» ist etwas schwammig. Man kann sich nicht vorstellen, dass vernünftige junge Menschen dutzendweise dem lächerlich wirkenden Führer mit dem Nickname TAG und dessen rechter Hand MC blind folgen, dabei jegliche Selbstachtung verlieren und sich für kriminelle Handlungen benutzen lassen. Da vermittelten die Rechtsextremen aus «Wahlschlacht» ein viel beklemmenderes, weil realistischeres Szenario. Die braune Szene beschrieb Matzner detailgerecht und glaubwürdig, zudem warf der TV-Mann seine Insiderkenntnisse aus Leutschenbach ins «Deutschschweizer Fernsehen DSF» des Buchs gekonnt einfliessen. Die Geschichte wirkt runder und einheitlicher. Vielleicht liegen uns die Skinheads aus dem Schweizer Mittelland aber auch einfach näher als eine komische Öko-Sekte, die in einem Château in Südfrankreich drogengeschwängerte Orgien feiert und die Nähe zu Mutter Erde sucht.

4. Spannung

Figurenentwicklung hin oder her, bei einem Krimi ist die Spannung die Königsdisziplin. Und da findet der Vergleich der beiden Bücher einen klaren Sieger: «Wahlschlacht» ist ein Buch, das man ungern aus der Hand legt, weil der Spannungsbogen bis zum Schluss hält. «Strahlenmeer» hingegen versucht zwar genauso mit dem Springen von einer Figur zur nächsten, Cliffhanger zu produzieren, es gelingt Matzner aber weniger gut als beim Vorgänger. Die Geschichte ist zwar sehr aufwändig, hat aber zuviele Hänger, die Ereignisse in der Region Zürich und in Südfrankreich sind zu lose verbunden, als dass sie einen bei der Stange halten könnten. Schade, denn der Autor hat offensichtlich viel Zeit in die Recherche investiert.

5. Fazit

Trotz der Kritik: Schlecht ist «Strahlenmeer» nicht. Matzners Problem ist nur, dass er sich am starken Auftakt der Serie messen lassen muss. Und in diesem Vergleich fällt sein neuster Roman ab. Weil die Serie aber hoffentlich weitergeführt wird, ist das zweite Buch für die Anhänger von «Wahlschlacht» dennoch Pflicht.

Markus Matzner: Strahlenmeer. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 377 Seiten, Fr. 18.90.

Markus Matzner: Wahlschlacht. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 315 Seiten, Fr. 18.90.

Gestatten: Maxim Charkow, Mordkommission Zürich

Fabian Kern am Montag den 16. September 2013

BuchcoverEine Kirche in der Adventszeit – das klingt besinnlich. Eine nackte Leiche in der Zürcher Liebfrauenkirche während der Adventszeit ist aber ganz und gar nicht besinnlich, sondern vielmehr entsetzlich. Das ist schlecht für das Opfer, aber gut für den Schweizer Krimileser, denn er lernt einen nicht ganz neuen Ermittler nochmals neu kennen: Vorhang auf für Maxim Charkow, einen im Bünderland aufgewachsenen Halbrussen. Den Chefermittler der Mordkommission Zürich hat Autor Marcus Richmann zwar bereits 2009 eingeführt, «Die Augen der Toten» ist dem breiten Schweizer Krimipublikum aber nicht aufgefallen. Charkow trifft der neuste Fall zum denkbar unglücklichsten Zeitpunkt, denn er hat mit seinem Privatleben schon genug Sorgen. Seine hoffnungsvolle Beziehung steht auf wackligen Beinen, nachdem seine Freundin schon nach wenigen Monaten auf einer Paartherapie besteht.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Damit ist der Ton in «Engelschatten» schon gegeben. Es menschelt sehr in Marcus Richmanns Krimi, was einen sofort in die Geschichte hineinzieht. Charkows junge Assistenten sind nicht im Reinen miteinander, und in Charkows Beziehungskiste mischt sich dessen beste Freundin, die Pathologin Francine ein. Da ist der Tote in der Kirche schon fast zweitrangig. Aber auch da finden sich spannende Ansätze, denn der Ermordete ist Russe und eine grosse Nummer im Rotlicht-Milieu. Ist die Tat also religiös motiviert? Oder steckt jemand aus der katholischen Kirche mit drin? Charkows russische Wurzeln bringen ihn zunächst schnell voran. Als aber während der Ermittlungen noch weitere Menschen ums Leben kommen, führen die Spuren schon bald in Richtung einer in der Schweiz nicht ganz unbekannten Sekte…

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Hat selbst Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Gern wäre man während der ganzen 376 Seiten so nahe an den Schicksalen der Protagonisten geblieben, wie zu Beginn. Der Rache-Krimi gewinnt aber zusehends an Fahrt und einen realen Bezug hinzu. Mit dem Link zu den Sonnentemplern, die durch einen Massenselbstmord im Jahr 1994 im Kanton Freiburg eine dunkle Marke in der Schweizer Geschichte setzten, vermischt Richmann geschickt Realität und Fiktion. Auch wenn das Ende etwas abrupt und konventionell ausfällt, macht «Engelschatten» Lust auf mehr. Mehr von der persönlichen Lebensgeschichte des interessanten Ermittlers Maxim Charkow. Für all jene, die «Die Augen der Toten» noch nicht gelesen haben, die Gelegenheit, das nachzuholen. Für alle anderen heisst es: Warten.

Marcus Richmann: Engelschatten. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 376 Seiten, Fr. 17.90.

Wer sich für Maxim Charkows ersten Fall interessiert, hier eine Lesung aus «Die Augen der Toten» von Marcus Richmann:

Genialer Klugscheisser

Fabian Kern am Dienstag den 7. August 2012

Einsteins GehirnKlugscheisser sind nicht sehr beliebt. Auch nicht, wenn sie Genies sind. Das geht Albert Pottkämper nicht anders, auch wenn er durchaus treffend festhält: «Klugscheisserei ist immer Klugscheisserei für den, der keine Ahnung hat.» Das 14-jährige Universalgenie ist in der Schule chronisch unterfordert und bewirbt sich deshalb für eine Assistentenstelle an der Universität. Durch das plötzliche Ableben des Professors, der ein Engagement des halbwüchsigen Intelligenzbolzens durchaus in Betracht gezogen hätte, wird daraus nichts. Immerhin nimmt Albert aber durch die Empfehlung des Akademikers an einer TV-Talkshow teil, was den Beginn einer unglaublichen Odyssee rund um den Globus markiert. Albert schafft es aufs Titelblatt des Time Magazine, ins Weisse Haus und sogar zur Audienz beim Papst. Und das, obwohl er eigentlich nur seine ältere Schwester Anja, die mit einem alternden Schlagerstar durchgebrannt ist, zurück nach Hause holen sollte. Doch was Albert am meisten beschäftigt: Ist er der Sohn von Albert Einstein?

Peter Schmidt

Der deutsche Autor: Peter Schmidt.

«Durchgeknallt!» So bezeichnet sich das Buch «Einsteins Gehirn» selbst im Klappentext. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn was in Peter Schmidts Roman einem 14-Jährigen – Genie hin oder her – alles gelingen will, das geht auf keine Kuhhaut. Andererseits – wer weiss  schon, wie es ist, als Universalgenie durchs Leben zu gehen? Sein umfassendes Wissen in allen, aber wirklich allen Fachgebieten öffnet Albert auf der ganzen Welt Tür und Tor. Nicht einmal sein teils exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum vermag ihn auf das geistige Niveau von Normalsterblichen zurückzuholen. Schade nur für den Leser, dass sich Klugscheisser Albert bei seinen wissenschaftlichen und philosophischen Ergüssen nicht etwas mehr zurückhält. Dadurch ergeben sich einige Längen in der sonst flotten Handlung. Nur, das Buch als Kriminalroman zu bezeichnen, ist doch etwas gar gewagt. Denn das ist es beim besten Willen nicht. Aber eine kurzweilige Lügengeschichte allemal.

Peter Schmidt: «Einsteins Gehirn». Gmeiner Verlag, Messkirch 2012. 308 S., ca. Fr. 18.–.