Beiträge mit dem Schlagwort ‘Gérard Depardieu’

Der verhinderte rumänische Blockbuster

Fabian Kern am Donnerstag den 18. April 2013

Filmplakat

«Beyond the Hills» läuft ab 18. April im kult.kino camera.

Kleineren europäischen Filmen haftet oft das Klischee an, sie seien abgehoben, intellektuell oder schlicht langweilig. Der Arthouse-Stempel hält viele Leute vom Gang ins Kino ab. Doch das muss nicht heissen, dass diese Werke nicht interessant sind. Nehmen wir das aktuelle Beispiel «Beyond the Hills». Ein rumänisches Drama über eine Waise, die ihre Freundin zum Weggang aus einem Kloster in der Einöde bewegen will. Schnarch. Betrachten wir das Ganze also einmal aus Mainstream-affinen Augen. Dann klingt die Geschichte etwa so: Eine Lesbe will ihre Geliebte in der rumänischen Einöde aus den Fängen eines religiösen Führers befreien, der ihrer Freundin eine Hirnwäsche verpasst hat, dreht durch und wird einem Exorzismus unterzogen.

Voichita und Papa

Nein, nicht Depardieu: Papa (rechts) hat Voichita fest unter Kontrolle. (Bilder Frenetic)

Das Problem ist, dass die Rollen von Gut und Böse nicht ganz klar verteilt sind. Einerseits ist die blinde Bigotterie der Nonnen so lachhaft, dass sie schon fast nicht mehr nervt. Der Priester (Valeriu Andriuta), von den Nonnen «Papa» genannt, hat seine Schäfchen absolut im Griff. Er predigt ihnen immer wieder die Verkommenheit des Westens, den schlechten Einfluss von materiellem Besitz und lässt sie Tag und Nacht den beeindruckende 464 Vergehen umfassenden Sündenkatalog rauf- und runterrezitieren. Hirnwäsche eben. Diese hat bei Voichita (Cosmina Stratan) angeschlagen – allerdings verheimlicht sie ihre intime Vergangenheit mit einer Frau.

Voichita und Alina

Verbotene Liebe: Voichita und Alina.

Alina (Cristina Flutur) ist aus Deutschland angereist, um ihre Geliebte in den Westen zu holen. Jobs sind bereits organisiert, einer gemeinsamen Zukunft steht nichts mehr im Weg. Denkste. Denn als sie in das abgelegene rumänische Kloster kommt, erkennt sie ihre langjährige Gefährtin aus dem Waisenhaus nicht wieder. Ihre Annäherungsversuche werden von Voichita abgewehrt. Um sie doch noch zu bekehren, überschreibt Alina ihren gesamten Besitz dem Kloster und wird selbst Nonne. Doch innert Kürze verliert sie die Nerven, sabotiert die katholischen Rituale und wird handgreiflich. Sie dreht komplett durch, weshalb man sich auch mit ihr nicht wirklich identifizieren kann. Die Nonnen sind sich einig: Alina ist vom Teufel besessen. «Papa» soll ihr die Dämonen austreiben.

Cristian Mungiu

Hat eine starke Bildsprache: Cristian Mungiu.

Bleibt noch die Besetzung. Nichts gegen die starken rumänischen Darsteller, aber für den Mainstream müssen Namen her. Der Priester sieht genauso aus wie Gérard Depardieu mit Rauschebart. Belassen wir es also dabei. Würde der Neo-Russe mitspielen und würden Alina und Voichita von Scarlett Johansson und Christina Ricci verkörpert, «Beyond the Hills» wäre ein absoluter Kassenschlager. Auch die Coen-Brüder dürften ihre Freude am Plot haben. Regisseur Cristian Mungiu packt den Zuschauer stilsicher und zieht ihn immer mehr in die tragische Geschichte hinein. Das Erschreckende ist nur, dass Cristian Mungius schonungslos gradlinig und schnörkellos inszeniertes Drama um Liebe und Glauben auf sogenannt «nicht-fiktionalen» Romanen basiert. Dass in gewissen dunklen Ecken Europas solche Dinge heutzutage tatsächlich noch passieren könnten, stimmt sehr nachdenklich.

«Beyond the Hills» läuft ab 18. April 2013 im kult.kino camera in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 18. April: Ginger & Rosa, Broken City, Mama, Schlafkrankheit, Kon-Tiki, I Give It a Year.

Tiger an Bord

Fabian Kern am Montag den 24. Dezember 2012

Filmplakat

«Life of Pi» läuft ab 26.12. im Pathé Plaza und im Rex.

Die Tage zwischen den Jahren haben etwas Spezielles. Irgendwie werden sie gar nicht richtig wahrgenommen. Zu benommen ist man noch vom Fondue Chinoise neben dem Christbaum und von der Vorfreude auf die Silvesterparty. Deshalb gibt es zwischen Weihnachten und Neujahr nichts Gemütlicheres, als sich in den flauschigen Kinosessel einzukuscheln und sich von fantastischen Aufnahmen in eine fesselnde Geschichte hineinziehen zu lassen. Insofern ist der Kinostart von «Life of Pi» ideal gewählt. Und sogar die umstrittene 3D-Brille hat im neusten Werk von Oscar-Preisträger Ang Lee («Brokeback Mountain», «Hidden Dragon, Crouching Tiger») ihre Daseinsberechtigung. Der chinesische Meisterregisseur erzählt die unglaubliche Lebensgeschichte des Inders mit dem kuriosen Namen Piscine Molitor Patel, kurz Pi genannt, in einem rauschenden Bilderbogen, der das Auge verwöhnt und die Seele rührt.

Pi und der Schriftsteller

Pi erzählt dem kanadischen Schriftsteller das Abenteuer seines Lebens. (Bilder: Warner Bros.)

Dem kanadischen Schriftsteller, dem Pi sein grösstes Abenteuer erzählt, wurde versprochen, diese sei der Beweis für Gottes Existenz. Diese faszinierte den Sohn eines Zoodirektors schon seit seiner Kindheit in der indischen Stadt Pondicherry in den 70er-Jahren. Während seine Eltern und sein Bruder Anhänger der Rationalität waren, beschäftigte sich Pi mit allen Arten des Glaubens. Dass er als Einziger seiner Familie den tragischen Untergang jenes japanischen Frachters überlebt, hat er allerdings weniger seiner Religion als vielmehr seiner Leichtsinnigkeit, bei schwerem Seegang an Deck zu gehen, zu verdanken. Ein unglaublicher Sturm versenkt das gewaltige Schiff, als sei es eine Nussschale. Und von diesem Punkt an trumpft Ang Lees Special-Effects-Team ganz gross auf.

Pis Eltern und der Schiffskoch

Kurz vor dem Untergang streiten Pis Eltern mit dem rüpelhaften Schiffskoch (Gérard Depardieu).

Das sinkende Schiff in den turmhohen Wellen des wütenden Pazifiks ist ebenso faszinierend für den 3D-Zuschauer wie tragisch für den Protagonisten. Pi verliert bei diesem Unglück seine Familie und findet sich auf dem einzigen Rettungsboot wieder – nur mit tierischen Leidensgenossen. Da die indische Familie mitsamt den Zoobewohnern auf dem Weg nach Kanada war, schafften es einige Tiere ebenfalls auf das Rettungsboot: Ein Zebra, eine Hyäne, ein Orang Utan und ein Tiger. Den Kampf gegen Hunger und Durst in den ersten Tagen überleben nur Pi und der Tiger, den er schon seit Jahren unter dem Namen Richard Parker kennt. Mit der Raubkatze hatte er sich als kleiner Junge anfreunden wollen, wurde von seinem Vater mittels einer eindrücklichen Lektion eines Besseren belehrt. «Der Tiger wird nie dein Freund sein», lauteten die Worte, an die sich Pi nun auf hoher See erinnert.

Pi

Pi stellt sich dem Duell mit Tiger Richard Parker.

Während der folgenden Tage, Wochen und Monate ist es aber gerade der Tiger, der Pi am Leben hält. Nicht, weil sich die beiden ungleichen Schiffbrüchigen doch noch verbrüdern, was absolut hirnrissig wäre, sondern weil Pi jeden Tag von neuem einen Weg finden muss, mit dem fleischfressenden Raubtier auszukommen. Der Teenager wächst an der Herausforderung, bastelt sich ein Beiboot, lernt zu fischen und Regenwasser zu sammeln. Gleichzeitig kämpft versucht er unablässig, Richard Parker zu zähmen. Die Duelle, die der junge Inder mit dem bengalischen Tiger ausficht, sind ebenso packend wie die Überraschungen, welche die hohe See zu bieten hat.

Ang Lee

Ang Lee hat den unverfilmbaren Roman verfilmt.

Der Roman «Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger» des Kanadiers Yann Martel galt jahrelang als unverfilmbar. Lee hat das Werk nun in unvergesslicher Manier auf die Leinwand gebracht. Dank der stupenden Tricktechnik wirken Tiger wie auch die Naturgewalten sehr real. Die Geschichte, so unglaublich sie auch klingen mag und so kitschig die Bilder zum Teil sein mögen, packt einen bis zum Schluss. Ohne missionarisch zu wirken, ist «Life of Pi» ein Film über den Glauben – an eine höhere Macht und an sich selbst. Was könnte über die Festtage besser passen?

«Life of Pi» läuft ab 26. Dezember in den Basler Kinos Pathé Plaza und Rex.

Filmstarts in Basel am 27. Dezember: DFL, Great Expectations, Jack Reacher, Love Is All You Need, Maniac und Searching for Sugar Man.