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Kommt Kunst von Kassieren?

karen gerig am Donnerstag den 13. Januar 2011

Seit einer knappen Woche liegt auf meinem Tisch die neue Publikation des Kunstkredits Basel-Stadt, druckfrisch sozusagen, ein Überblick über die Sammlungstätigkeit der Jahre 1990–2009. Seit heute gesellt sich dazu die neue Weltwoche, ebenfalls druckfrisch, darin ein Artikel überschrieben mit «Kunst kommt von Kassieren». 2,24 Milliarden Franken fliessen jährlich schweizweit in Form von Subventionen in die Kultur, schreibt die WeWo, und stellt vor allem die Frage in den Raum, wer von diesen Milliarden gerechterweise profitieren soll. Sollen Künstlermillionäre wie Pipilotti Rist oder Fischli/Weiss dieselben Ansprüche stellen können wie ein aufstrebender Jungkünstler?

Blick in die Ausstellung der Kunstkredit-Ankäufe 2007 im Kunsthaus Baselland. Foto Tanja Demarmels

Kunst- und Kulturförderung im allgemeinen ist es sich gewohnt, umstritten zu sein, da erzählt uns auch die Weltwoche nichts Neues. Und auch der Basler Kunstkredit kann davon ein Lied singen. Wie bei der Schweizer Filmszene wurde auch in Basler Kunstkreisen schon ein Filz in der Jurybesetzung des Kunstkredits ausgemacht und lautstark kritisiert. Als Folge davon wurde die Jury letztes Jahr umstrukturiert.

Die Gelder, die der Kunstkredit Basel jährlich sprechen kann, sind im Vergleich zum national aufgerechneten Kulturbudget natürlich ein Klacks – aktuell sind es 520’000 Franken pro Jahr, die verteilt werden können. Es handelt sich dabei auch nur um einen kleinen Teil des Basler Kulturbudgets. Trotzdem muss sich die Kulturförderung immerzu rechtfertigen. Guy Morin schreibt in einem Grusswort im Kunstkredit-Buch: «Zu fördern und mit Ankäufen und Geldbeträgen Kunstschaffende zu ermutigen, wenn der Markt nicht greift oder nicht greifen kann, ist eine Verpflichtung der öffentlichen Hand.» Würde ein darauf reduziertes Verständnis der Förderpolitik aber nicht bedeuten, dass im Markt etablierte Künstler keinen Anspruch auf Fördergelder mehr haben, wie die Weltwoche das in den Raum stellt? Doch wieviele Kunstschaffende gibt es denn in der Schweiz, die tatsächlich von ihrer Kunst leben können?

Aufführung in der Wiener Secession in Christoph Büchels «Swinger Club». Foto Keystone

Es bleiben Fragen: Hat jeder Kunstschaffende ein Anrecht auf Förderung? Sollen vor allem oder ausschliesslich junge Künstler gefördert werden – solche, die noch Aussicht auf eine internationale Anerkennung haben? Und: Muss man es allen recht machen? Ist nicht vorderhand die Qualität der geförderten Kunst entscheidend? Oder auch künstlerisches Wagnis oder Experimente? Wir alle erinnern uns an die Diskussionen rund um den Beitrag der Pro Helvetia, der Thomas Hirschhorn für seine Pariser Ausstellung gesprochen wurde, die in einer Pinkelaktion an Blochers Bein endete. Hier haben die Förderer Mut gezeigt, wie auch im vergangenen Jahr bei Christoph Büchels Swinger Club-Installation in der Wiener Secession. In beiden Fällen wurden die Förderer von einem Teil der Öffentlichkeit abgestraft. Der Mut zu solchen Aktionen jedoch ist wichtig, genauso wie die öffentliche Diskussion darüber. Denn Kunstförderung soll Bedingungen schaffen, unter denen sich das kritische Potenzial der Kunst entfalten kann. Kunst darf nicht nur als Standortfaktor oder Exportschlager verstanden werden.

Ebenso muss Kunstförderung sich der Zeit anpassen, muss sich mit der Kunst verändern können. Der seit 1919 bestehende Kunstkredit hat in den letzten zwanzig Jahren beispielhaft einige solcher Anpassungen vorgenommen, hat das Spektrum erweitert mit dem Aufkommen und dem Erfolg von Installationen, von Neuen Medien etc. Die Förderung der bildenden Kunst ist Basel ein Anliegen, das man nicht auf die leichte Schulter nimmt. Diskussionen können dem Fördersystem nur zugute kommen. Erst wenn keiner mehr drüber redet, muss man sich Sorgen machen.

Die neue Publikation Kunstkredit Basel-Stadt 1990–2009 versammelt Texte und Materialien zur Förderung des Kunstkredits in den letzten zwanzig Jahren – neben Artikeln zur Kunstförderung und zur regionalen Sammlung auch einen künstlerischen Fotoessay sowie Listen aller Förderungen und Ankäufen seit 1990.
«Kunstkredit Basel-Stadt 1990–2009», 142 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und einem Fotoessay von Claudio Moser, ISBN 978-3-033-02593-6, Für 15.– Franken zu bestellen unter: kunstkredit@bs.ch