Beiträge mit dem Schlagwort ‘Dokumentarfilm’

Kiffen und Weinen am Ganges

Fabian Kern am Mittwoch den 9. Juli 2014

«Faith Connections» läuft ab 10. Juli im kult.kino.atelier.

Nein, wirklich zum Bade ladet das dreckige Wasser des Ganges nicht. Das kümmert aber 80 bis 100 Millionen Hindus herzlich wenig. Sie tauchen am Triveni Sangam, dem Zusammentreffen von Ganges, Yamuna und dem unsichtbaren mythischen Fluss Saraswati, in die braunen Fluten, um sich von allen Sünden reinzuwaschen und sich vom Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien. Es ist Kumbh Mela, das grösste religiöse Fest der Welt. Man sagt, dass man bis zum nächsten Kumbh Mela 12 Jahre lang ohne Kraft lebe, wenn man es verpasst. Das spirituelle Spektakel dauert ganze 55 Tage.

Regisseur Pan Nalin ist 2013 nach Allahabad im Norden des Subkontinents Indien gereist, um seinem Vater eine Flasche mit heiligem Wasser mitzubringen. Zurückgebracht hat er aber nicht nur besagtes Gefäss, sondern auch einige berührende Geschichten aus einer Welt, die der westlichen fast so fremd ist wie ein anderer Planet. Da wäre der Ausreisser Kishan Tiwari, der sich irgendwie durchschlägt und allen erzählt, er sei Waise. Wie der Zehnjährige Hanfkugeln isst, Alkohol konsumiert und erzählt, er wolle Mafioso werden und Leute umlegen, geht einem ans Herz. Überhaupt werden viele Rauschmittel konsumiert beim Kumbh Mela. Die Sadhu – radikale Hindus, die der Welt entsagt haben, um sich ganz der Spiritualität zu widmen und dem Wohl aller zu dienen – kiffen, was das Zeug hält, um besser meditieren zu können. Frei nach dem Motto «Gott schuf Gras, der Mensch Alkohol».

Heiliges Wasser : der Ganges. (Bilder: Filmcoopi)

Heiliges Wasser : der Ganges. (Bilder: Filmcoopi)

Das Lager der Kumbh Mela ist unfassbar gross. Über 55 km² erstrecken sich die verschiedenen Lager und Zeltquartiere. Kein Wunder, gehen so viele Leute verloren, dass das «Lost & Found Centre» heillos überfordert ist. Als der Filmemacher vorbei schaut, nach nicht einmal der Hälfte des Festes, werden bereit 135’000 Menschen vermisst – vorwiegend Kinder und Alte. Die Leute sind vom heiligen Ereignis so gefangen, dass sie schlicht vergessen auf ihre Liebsten zu achten. Einmal verloren, ist es beinahe eine «Mission Impossible», einen Angehörigen wiederzufinden. Tränenreich muss manch eine Familie mit Lücken in ihren Reihen abreisen und hoffen, dass der verirrte Verwandte den Heimweg irgendwie findet.

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Rührende Beziehung: Yogi und Stiefsohn.

Neben diesen tragischen Szenen, die das Chaos in diesem Mega-Event deutlich machen, hat Pan Nalin aber auch die rührendste Geschichte auf Lager. Der Yogi Baba hat sich seit zwei Jahren einem der vielen ausgesetzen Babys angenommen und kümmert sich herzlich um den Kleinen – auf seine ganz eigene Art. Mit all diesen nur allzu menschlichen Episoden schafft es der Regisseur, den Zuschauer in den Bann zu ziehen und die Dimension und Bedeutung der «Kumbh Mela» wenigstens ansatzweise zu erfassen. Es ist eine eigene Welt, eine Bewegung, die fasziniert. Besonders in Mitteleuropa, wo organisierte Religion immer weniger Leute zu mobilisieren vermag.

«Faith Connections» läuft ab 10. Juli 2014 im kult.kino.atelier in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 10. Juli: Suzanne, L’amour est un crime parfait, Rico, Oskar und die Tieferschatten.

Schweigen am Grill

Fabian Kern am Mittwoch den 29. Mai 2013

Filmplakat

«Césars Grill» läuft ab 30. Mai im kult.kino camera.

Wie lebt man in einem anderen Land? Diese Frage treibt schon seit Jahrhunderten Reisende über den Globus. Antworten erhält man nur bedingt, wenn man mit Rucksack oder Rollkoffer durch die Kontinente trampt oder fährt. Die Touristenrolle wird man nicht so leicht los, auch wenn man das vielleicht möchte. Das gelingt oft nicht einmal Auswanderern, wie einem in den diversen Doku-Soaps immer wieder vor Augen geführt wird. Ob Ambato auf einer Anden-Hochebene in Ecuador zu den beliebtesten Destination für Emigranten gehört, ist zu bezweifeln. Wer sich aber dafür interessiert, wie das Leben in einer 220’000-Einwohner-Stadt auf 2570 Metern über Meer aussieht, dem sei «Césars Grill» ans Herz gelebt.

César

César Aguirre am Werk. (Bilder: Xenix)

Dieses Ambato hat Dario Aguirre eigentlich schon vor zwölf Jahren hinter sich gelassen. «Ich wollte Ecuador vergessen», erklärt der heute 31-Jährige sein Exil in Hamburg. Als Vegetarier mit einer Leidenschaft für Musik, Kunst und Film fühlte er sich in der eigenen Familie fremd. Speziell mit César, seinem Vater, fand Dario einfach keinen gemeinsamen Nenner. Doch genau jener steckt nun in der Klemme. Nicht, dass der stolze Latino das zugeben würde, aber sein Imbiss-Restaurant steht kurz vor dem Konkurs. Der Hilferuf der Mutter lockt Dario schliesslich mit allerlei Verbesserungsvorschlägen zurück in die alte Heimat. Dort muss er feststellen, dass «Césars Grill» tatsächlich kurz vor der Schliessung steht, die Mutter aber nicht da ist, um zwischen ihm und seinem Vater zu vermitteln. Dario und César, beide «Meister der Nicht-Kommunikation», wie der Junior gesteht, haben nur eine Chance, das kleine Lokal zu retten: Sie müssen miteinander sprechen – über das Geschäft, aber auch über ihre Gefühle.

Dario

Dario Aguirre nimmts mit Humor und Musik.

«Césars Grill» auf ein Genre zu beschränken, ist schwierig. Dario Aguirres biografische Erzählung ist eigentlich eine Dokumentation, unterhält aber gerade wegen ihrer lebensbejahenden Aussage. Darios Mutter hat Krebs – und trotzdem klagt sie nicht. César ist Zeit seines Lebens überschuldet, hat ein Restaurant in einem Gebäude, das wohl nie zu Ende gebaut wird – und trotzdem klagt er nicht. Nun gut, der Familienvater übertreibt es etwas mit dem Stolz, schliesslich geht er beinahe bankrott. Trotzdem können wir verwöhnten Mitteleuropäer uns eine Scheibe von den Einwohnern Ambatos, die alles andere als auf Rosen gebettet sind, abschneiden. Der Film vermittelt jede Menge Lokalkolorit und einen feinen Humor. Er zeigt aber auch, dass es dort wie hier im Grunde um dasselbe geht: um die Verwirklichung der eigenen Träume und das Streben nach Anerkennung der eigenen Familie.

«Césars Grill» läuft ab 30. Mai 2013 im kult.kino camera in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 30. Mai: The Hangover 3, Seven Days in Havanna, Rosie, Schlafkrankheit.