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Schwedens nie versiegende Krimiquelle

Fabian Kern am Dienstag den 3. Mai 2016

BuchcoverVier Männer in einer dunklen Ecke einer Bar. Vier Losungsworte. Ein Nazi-Geheimbund in Schweden. Da ist man gleich mittendrin. Ein Mord an einem dreijährigen Mädchen. Da ist man fast wieder draussen. Aber nur fast, denn «Die Strömung» ist der neuste Band der Krimiserie um die ungleichen Ermittler Olivia Rönning und Tom Stilton, was für Kenner Grund genug ist, weiterzulesen. Auch wenn Morde an Kindern – auch erfundene – fast unerträglich sind. Aber eben, auf dem Cover stehen die Namen Cilla und Rolf Börjlind, welche mit ihrem ersten eigenständigen Roman «Die Springflut» vor drei Jahren auch ausserhalb Skandinaviens einen Nerv getroffen haben wie zuletzt Stieg Larsson mit seiner «Millennium»-Trilogie. Das schwedische Ehepaar hatte sich bis dahin als Drehbuchautoren-Team einen Namen gemacht. Dass die beiden das richtige Gespür für Spannungsbogen, Timing und Figuren haben, stellen sie nun aber mit eigenen Krimis eindrucksvoll unter Beweis.

Erfolgreiches Autorenpaar: Rolf und Cilla Börjlind.

Erfolgreiches Autorenpaar: Rolf und Cilla Börjlind.

Da wäre zunächst Olivia Rönning. Die angehende Polizistin hat einen untrüglichen Instinkt, was das Ermitteln angeht. Aber es unterlaufen ihr jene Fehler, die einem mit Anfang zwanzig halt noch unterlaufen. Das macht sie so menschlich wie den Rest der Hauptfiguren. Keiner ist perfekt. Erst recht nicht Tom Stilton. Der ehemals beste Ermittler der Stockholmer Kriminal­polizei ist nach seiner Scheidung komplett abgestürzt und schlägt sich als Penner durch. Es ist Olivia, die ihn in der Gosse aufstöbert («Die Springflut») und wieder ins soziale Netz zurückholt. Toms Ex-Kollegin Mette Olsäter hat ihr dazu geraten. Und da ist auch noch Abbas el Fassis, ein Secondo und ehemaliger Zirkus­artist, den Tom Stilton einst gelehrt hat, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Seine Fertigkeiten als Messerwerfer setzt der schweigsame Marokkaner nur noch dann ein, wenn ein Mitglied seiner zusammengewürfelten «Familie» in Not ist.

Denn eine Familie bilden diese Figuren in gewissem Sinn. Auch wenn sie sich immer mal wieder streiten, einander wochen- oder gar monatelang nicht sehen und hören, weil jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist oder wieder einmal seinen Dickkopf durch­stiert. Wenn es hart auf hart kommt, sind sie füreinander da. Keine Helden, sondern einfach Menschen, die das Herz am richtigen Fleck haben. Für die der gesunde Menschenverstand und Empathie Vorrang vor dem Gesetz haben.

Nun also steigen sie schon in ihren dritten Fall. In dem wie schon in den beiden zuvor den Figuren Zeit eingeräumt wird, zueinander zu finden. Olivia verdient sich in der beschaulichen Provinz Schonen, fernab des vertrauten Stockholm, die Sporen als Polizeibeamtin ab. Bis die Beschaulichkeit wegen des erwähnten Kindermordes dem nackten Grauen weicht. Doch welchen Hintergrund hat die Tat? Bald gerät eine rechtsextremistische Vereinigung in den Fokus der Ermittler, denn das ermordete Mädchen war schwarz. Das Motiv scheint klar. Gleichzeitig stösst Tom auf Hinweise in jenem ungelösten Fall aus seiner Kripo-Karriere, der ihn nie richtig losgelassen hat: dem bestialischen Mord an einer Prostituierten – ebenfalls einer Schwarzen. Das bringt ihn Olivia wieder einmal näher.

Wie bei jeder erfolgreichen Krimireihe macht die richtige Mischung aus spannenden Fällen und den persön­lichen Geschichten der Protagonisten den Reiz aus. Die Börjlinds meistern diese Herausforderung so souverän, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihre Bücher auch hierzulande zu Bestsellern werden. Die schwedische Krimiquelle scheint nie zu versiegen.

Cilla und Rolf ­Börjlind: «Die Strömung», btb Verlag, München 2016, 525 S., ca. Fr. 23.–.