Beiträge mit dem Schlagwort ‘CD-Kritik’

Die «tafsten» Rap-Piraten des Planeten

Joel Gernet am Donnerstag den 7. März 2013

Päirätts: Flink, DJ OK, Taz und Aman.

Das dürfte jeden Schweizer Rapfan freuen: Die Taz-Aman-Flink-Squad – kurz TAFS – lässt am 8. März ihr drittes Album «Landgang» vom Stapel. Aber drehen wir den Zeiger zuerst etwas zurück: Das Baselbieter Trio bescherte mir Ende des letzten Jahrtausends einen dieser magischen HipHop-Momente. Wir schreiben das Jahr 1999 und ich – ein junger, naiver Teenager – bin völlig aus dem Häuschen ob der Bühnen-Performance der drei Emporkömmlinge, schwitze und springe voller Euphorie. Es war die Plattentaufe der allerersten TAFS-Maxi «8i Bahnhof» im Liestaler Jugendhaus Splash, das einen Steinwurf von besagtem Bahnhof – dem eigentlichen Jugendtreff jener Zeit – entfernt liegt. Die Platte war innert Kürze ein Klassiker und ich der Überzeugung, dass die TAF-Squad die beste Rapcrew des Planeten ist. Und ihre Konzerte nicht zu überbieten.

Das Problem bei Bands, die man in jungen Jahren vergöttert hat, ist leider oft, dass diese einen ein halbes Leben später nur noch enttäuschen. Zu mächtig die nostalgisch gefärbten Erinnerungen. Zu schwer der emotionale Ballast der Songs, die einen durch die Jugend begleiteten. Was also haben meine Helden noch drauf bei ihrem Landgang? Schnell wird klar: Die TAFS sind noch ganz die Alten, halt einfach vierzehn Jahre älter. Die Ergüsse der Rapper Aman und Taz versprühen noch immer viel Charme und Wortwitz. Und die Flink-Beats haben sogar noch mehr Bumms als früher.

Waren die TAFS vor drei Jahren auf «Gschwäll» – Baselbieter Slang für Geschwätz – noch die alten «Hasenimbiz», so bestreiten sie ihren Landgang heuer als «Päirätts». Nun ist das Piraten-Sujet für Rapper in etwa so cool, wie ein geschminkter Clown an der Basler Fasnacht, das haben andere Rapcrews leider schon bewiesen. Aber den TAFS verzeiht man so etwas. Erstens kommt die Augenklappe in Form einer «einäugigen» Ray-Ban-Sonnenbrille äusserst stilvoll daher – ebenso die Social-Media-Kampagne, bei der diverse Promis per Fotoshop eine ebensolche verpasst bekommen. Und zweitens präsentiert sich die Musik der Baselbieter so leichtfüssig und humorvoll, dass Sound und Sujet halt doch zusammenpassen.

Man merkt: Die Jungs müssen niemandem mehr etwas beweisen, sondern wollen nichts als Spass haben miteinander. «Quality time», nennen sie das. Da gibt es witzige Chuck-Norris-Vergleiche und Baselbieter Mundart-Gschwäll am Laufmeter. Auf welcher Rapplatte hört man schon Wörter wie Suurribel oder Bäfzger? Bemerkenswert ist bereits der Album-Auftakt mit filigranen Glockenklängen und wummernder Dubstep-Baseline. Zu diesem herrlichen Klangteppich werden die Namen sämtlicher Baselbieter Gemeinden aufgezählt, und auch Basel bleibt nicht unerwähnt – schliesslich lebt die Rapfraktion seit Jahren in der Stadt. Ich kann es kaum fassen, dass die TAFS aus so einem Brett von einem Beat keinen wirklichen Song basteln! Das ist dekadent, irgendwie auch cool.

Ein weiterer Höhepunkt folgt mit «Alles verbi». Ein stimmungsvolles Piano-Intro suggeriert einen nachdenklichen Track – bevor ein Nintendo-artiger Basslauf einsetzt. Und ein Aman in Bestform. Netter Nonsens im Ohr, ein breites Grinsen im Gesicht. Das sind die TAFS, die ich liebe! Auf dem «Vereinssong» und «Dreih mi nid um» beweist der neu dazu gestossene DJ OK, dass er sich mit seinen Beats keineswegs hinter (DJ) Flink zu verstecken braucht. Dieser fokussiert sich seit einiger Zeit an den Konzerten auf seine Rolle als Percussionist – was sich rhythmisch auch spürbar auf seine Beats auswirkt. Positiv, versteht sich. Von Rap über Reggae bis hin zu Dubstep räubern die Piraten in allen Genres – auch eine der Stärken der Crew.

Herrlich die Gangnam-Style-Persiflage, die bei den Baselbieter Freibeutern «Landgangstyle» heisst und mit seinem pumpenden Beat und dem verrückten Refrain irgendwie an die Berliner Ragga-Formation Seeed erinnert. Könnte ein Club-Hit werden.

Als ich den Song zum ersten Mal auf SRF 3 hörte, realisierte ich erst in der Hälfte des Songs, dass da Schweizer am Werk sind. Experiment geglückt. Der Taz-Solosong «Cloudtouch» ist vergleichsweise nachdenklich, der Beat federleicht. Ebenso die Texte, in denen der Rapper dem Alltrag entflieht: «Ych zieh vo Insle zu Insle, immer mit em Gfühl es liggt no meh dinne».

Nach dem pumpenden Video-Track «Klarschiff», auf dem der übernötige Frühlingsputz erledigt wird, folgen mit «Dreih mi nid um» und «Nid mi Ding» die einzigen – ansatzweise – kritischen Songs. Selbst hier bleiben die TAFS heiter und smart. Ein Bisschen mehr Biss würde zuweilen nicht schaden, zumal sich bei all dem Frohmut einzelne Songs auf Dauer inhaltlich kaum unterscheiden. Just als ich mir überlege, wie stark ich mich über das Übermass an nettem Nonsens aufregen soll, sticht mir folgende Aman-Zeile ins Ohr: «Dr Ernscht isch nid in unserer Crew, also frog mi nid wo er blibt». Die Sache ist gegessen!

Mein liebster Album-Beat folgt im «Outro», ein typisches Flink-Brett mit positivem Vibe, der an ‪Shabaam Sahdeeqs «Soundclash»‬ erinnert. Im Refrain darf der DJ sogar noch seine Scratch-Skills beweisen. Anders als im Intro wird dieses Mal auch gerappt. Schöner Abschluss eines guten Albums. Ich kann mich zufrieden zurücklehnen: Die Helden von damals haben mich nicht hängen lassen. So wie Schweizer Rap im Allgemeinen zur Zeit, das soll hier nicht unerwähnt bleiben: Die eben erschienenen Solo-Alben von Manillio («Irgendwo») aus Solothurn und des Berners Dezmond Dez («Verlornigs Paradies») lassen die eidgenössische Rapszene im besten Licht erstrahlen. Und nun auch die TAFS. HipHop-Hooray!

Tafs – Landgang. Nation Music. VÖ: 08. März 2013. Online erhältlich via iTunes und Urbanpeople.ch.

Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 12. Dezember 2012

Aus Pyros Facebook-Timeline sprudeln dieser Tage mehr Hurra-Meldungen als Schaumbläschen aus einer frisch entkorkten Champagnerflasche. Der Basler Rapper hat auch allen Grund, die Korken knallen zu lassen. Die Veröffentlichung seines zweiten Solo-Albums «Schatteboxe» (VÖ: 07.12.12) läuft bis jetzt nämlich wie geschmiert: Das Feedback der Fans ist positiv bis überschwänglich, Airplay bei DRS 3, TV-Auftritt bei Joiz und ein fester Platz in den Top-Ten der Rapalbum-Charts auf iTunes. Und das alles völlig zu Recht.

Mit der Doppel-CD «Schatteboxe» unterstreicht Pyro, dass der berüchtigte Freestyle-Champ nicht ohne Grund zu Basels Vorzeigerappern zählt. Und er beweist, dass er seinem Album-Debut 2008 mit «Hoffnigsfungge» den richtigen Titel verpasste. Was der 31-Jährige in seinem jüngsten Werk liefert, ist nämlich so vielseitig wie überzeugend. Von rockigen Bangern wie dem Opener «Us em Schatte vo de Boxe» über Gutelaune-Tracks wie «Mach was d wotsch» oder Hühnerhaut-Songs wie «Dr Grund» (mit Danimaa) bis hin zu exotisch angehauchten Fernweh-Hymnen wie «I kumm zrugg» bietet Pyros Zweitling alles, was ein gutes Album ausmacht. Bei den beiden letztgenannten Songs beweist der Basler zudem, dass er auch ein Händchen für eingängige Refrains hat. Das kommt gut und sorgt lustigerweise dafür, dass die Vorabsingle «Radio» nicht der zwingendste Radio-Song auf dem Album ist.

Nicht nur deshalb, sondern auch wegen Pyros schön verständlich vorgetragenen Mundartraps und dem positiven Grundton, ist das Album auch für Musikfreunde ausserhalb des HipHop-Kosmos sehr gut zugänglich. Und dennoch ist «Schatteboxe» ein Rapalbum durch und durch, da darf Pyro ruhig mit breiter Brust drauf beharren. Dieses «nicht-das-typische-Rapalbum»-Gerede in Presstext und Interviews ist meiner Meinung nach völlig unnötig. Pyro ist Rap. Er macht Rap. Und dies richtig gut. Dass der Herr dabei stets über den Tellerrand der eigenen Szene blickt, macht seine Musik umso spannender.

Der Dubsteb-Remix des Songs «Zombie», in dem Pyro mit Ironie gierige Businessmänner und Politiker seziert, ist ebenso eine Bereicherung wie der Reggae-Remix von «Fühl mi guet». Insgesamt werden auf der Doppel-CD diverse Songs als Original- und Remix-Version präsentiert. Da können beim Hören schon einmal Luxusprobleme auftreten: So kann ich mich etwa bei der humorvollen Bombe «Mach was d wotsch» nicht entscheiden, welche Variante mir besser gefällt. Wenn ich Pyro wäre, würde ich an den Konzerten die Strophen jedenfalls auf beide Beats verteilen. Ein weiterer Höhepunkt ist der Song «Mi Tisch», auf dem der 31-Jährige seiner treuen Schreibunterlage huldigt und dabei in Sachen Wortwitz an deutsche Rapper wie Dendemann oder Blumentopf erinnert.

Humor ist ohnehin eines der prägenden Elemente dieses Albums. Daneben wären auch Selbstironie, Lebensfreude und eine Offenheit gegenüber allem und jedem zu nennen. Die Beats auf «Schatteboxe» werden von Funk-, Jazz- und Soul-Samples dominiert, die perfekt zu Pyros durchdachten Texten und Flows passen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie Tron (P-27), dessen Soundunterlagen selten so perfekt zu einem Rapper gepasst haben wie zu Pyro. Da haben sich zwei gefunden. Neben Tron haben PearlBeatz, Dr. Aux, Funky Notes und Sandro je einen Beat gebastelt für das 32 Songs umfassende Werk.

Wenn ich nun ein Haar in der Suppe suchen müsste, würde ich allenfalls die vielen Remixes bemängeln – immerhin bekommt man nicht weniger als neun Songs doppelt zu hören. Allerdings ist keiner davon schlecht gemacht. Was soll man dazu noch sagen?! Wenn das Album nur eine CD umfassen würde, hätte Grafiker Pyro die Silberscheiben zudem nicht als Boxen-Membran in den Ghettoblaster-Radio des CD-Artworks miteinbeziehen können. Die Gewinner von Pyros Spendierfreude sind die Hörer, die für wenig Geld viele gute Rapsongs geboten kriegen. Aber das ist der Rapper seinen Fans auch schuldig – schliesslich haben sie sein Album über die Crowfunding-Seite wemakeit mit fast 5000 Franken mitfinanziert. Als erstes Basler Rapalbum. Bleibt zu hoffen, dass auf den gelungenen Album-Zweitling nun viele Konzerte folgen – damit die ganze Schweiz mitbekommt, was für einen freshen Rapper Basel wieder am Start hat. Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht!

Pyro: Schatteboxe, erschienen am 07.12.12 via Rappartment.
Plattentaufe: Samstag, 5. Januar 2013, Kuppel Basel.