Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bestseller’

Carl Mørck auf Abwegen

Fabian Kern am Dienstag den 21. April 2015

BuchcoverKopenhagen ist das Revier von Carl Mørck. In der dänischen Grossstadtfühlt sich der Ermittler wohl. Oder zumindest so wohl, wie sich der mürrische Carl Mørck eben fühlen kann. Von seinem ungeliebten Chef in den Keller des Polizei-Dezernats verbannt, ist er froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, ungestört rauchen kann und auch mal die Füsse für ein kleines Nickerchen auf seinem Schreibtisch platzieren kann. Entsprechend harsch reagiert der Leiter des Sonderdezernats Q, das sich alten ungelösten Fällen widmet, als ihn der Hilferuf eines verzweifelten Kollegen von der Insel Bornholm erreicht. Weil der Polizist kurz nach der telefonischen Abfuhr bei seiner Pensionierungsfeier vor all seinen Kollegen Selbstmord begeht, wird es sogar Mørck mulmig. Motiviert von seiner schrägen Truppe, der schrillen Rose, dem syrischen Immigranten Assad und dem rückgratlosen Gordon, muss der Chef sein gewohntes Terrain verlassen und auf die Insel vor der Südspitze Schwedens fliegen, wo er selbst aufgewachsen ist.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dummerweise lässt sich dieser Ausflug auch noch mit der Beerdigung seines nervigen Cousins Ronny verbinden, womit Mørck endgültig die Ausreden ausgehen, seine Eltern mal wieder zu besuchen. Der Fall selbst scheint aussichtslos. Der Todesfall einer jungen Frau, die kopfüber in einem Baum hing, wurde als Autounfall mit Fahrerflucht ad acta gelegt. Der Polizist wollte das nicht glauben und war sein restliches Leben besessen von der Jagd nach dem Phantom. Zahllose Fährten hat er aufgenommen, die nun das Sonderdezernat mühselig sichten und aufarbeiten müssen. Dennoch zeichnet sich bald eine schwache Spur zu einem charismatischen Mann aus dem Umfeld des Opfers ab.

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Jussi Adler-Olsen weiss, wie er seine Stammleserschaft bei der Stange halten kann. Auch im sechsten Teil seiner Erfolgsserie über das Sonderdezernat Q hält er die Spannung mit verschiedenen Handlungssträngen hoch. Einerseits wird parallel zum aktuellen Fall das Schicksal einer jungen Frau aus London aufgerollt, die einer mysteriösen Sonnensekte verfällt. Andererseits treibt er die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren voran. Drei Jahre sind seit dem Fall Marco («Erwartung») vergangen, und immer noch weiss Mørck nicht, was Assad, der zu seinem besten Freund geworden ist, für Leichen im Keller hat. Klar ist nur, dass dieser nicht der harmlose Einwanderer ist, für den er sich ausgibt, sondern irgendeine militärische Vergangenheit im Nahen Osten hat. Auch in den «Druckluftnagler-Fall», den traumatischen Erlebnis, das Mørcks Freund Hardy ein Leben im Rollstuhl bescherte und Carl noch immer schwer belastet, kommt plötzlich wieder Bewegung. Schliesslich wäre da noch Mørcks verkorkstes Liebesleben, in welchem er kein Fettnäpfchen auslässt. Er macht einen ersten kleinen Schritt, um seine grosse Liebe, die Psychologin Mona Ibsen, zurück zu gewinnen.

All diese Ingredienzien lassen das Urteil erahnen. Adler-Olsen hat nach dem etwas harzigen fünften Buch zu seinem gewohnt rasanten Erzählstil, gewürzt mit viel trockenem Humor, zurückgefunden. Die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute: Alle Geheimnisse werden noch nicht gelüftet – nach der letzten Seite geht sofort das Warten auf Band sieben los.

Jussi Adler-Olsen: Verheissung – Der Grenzenlose. Thriller. dtv Verlag. München, 2015. 596 Seiten, ca. 23 Franken.

Die Bände 1 bis 5 der Thriller-Serie: Erbarmen – Die Frau im Käfig (2007), Schändung – Die Fasanenmörder (2008), Erlösung – Flaschenpost von P (2009), Verachtung – Akte 64 (2010), Erwartung – Der Marco Effekt (2012).

Finchers Psychospiel mit Ben Affleck

Fabian Kern am Mittwoch den 1. Oktober 2014

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

Asche auf mein Haupt. Ich habe bis zur Ankündigung dieses Films noch nie von «Gone Girl» gehört. Der Bestseller von Gillian Flynn ist total an mir vorbeigegangen. Was aber nicht an mir vorbeigegangen ist, ist der Name David Fincher. Jeder Regiearbeit mit diesem Label ist erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Herausragend aus der Liste seiner Werke sind die cineastischen Meilensteine «Seven» und «Fight Club» jeweils mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Das Markenzeichen des 52-jährigen Kaliforniers sind unvorhersehbar Twists in der Handlung. Diese Überraschungseffekte werden natürlich von Film zu Film schwieriger.

Ausnehmend schwierig, ja gar unmöglich war es bei «Gone Girl», jene Zuschauer aus den Socken zu hauen, die das Buch von Gillian Flynn gelesen haben. Dazu gehöre ich, wie gesagt, nicht – zum Glück. Denn das erhöht den Thrill erheblich. Die Ausgangslage ist knifflig. Just an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy Dunne (Rosamund Pike) spurlos. Zumindest fast spurlos, denn ihr Mann Nick (Ben Affleck) findet Kampfspuren im gemeinsamen Haus. Amys Eltern ziehen gleich das ganz grosse Kino auf, richten Hotline und Website für die Suche nach ihrer Tochter, die sie als Vorbild für die beliebten Kinderbuchfigur «Amazing Amy» zur nationalen Bekanntheit gemacht haben.

Wie aufrichtig ist Nicks Aufruf für Amy?

Wie aufrichtig ist Nick Dunnes Aufruf für seine verschwundene Frau Amy?

Über Nick hingegen bricht die öffentliche Empörung herein. Die omnipräsenten und aggressiven Medien schiessen sich grossflächig auf ihn als Möder seiner wunderschönen und beliebten Gattin ein. Als Zuschauer hingegen ist man von Beginn weg auf der Seite des Beschuldigten, weil man ihn von Beginn weg begleitet, wie er die Spuren im Haus findet und die Polizei alarmiert. Aber warum soll Amy ihre Ermordung vortäuschen? Zudem benimmt sich der arbeitslose Journalist, dem das Leben durch seine aus gutem Hause stammende Frau finanziert wird, zunehmend verdächtig. Erst zeigt er keine Emotionen, dann beginnt er der ermittelnden Polizistin Rhonda Boney (Kim Dickens) Dinge zu verheimlichen, die helfen könnten, Licht ins Dunkel zu bringen. Zudem ist die Last der Indizien erdrückend. Hat er doch etwas mit Amys Verschwinden zu tun? Oder ist Amys Ex-Freund und Stalker Desi Collings (Neil Patrick Harris), der plötzlich auftaucht, in die Sache verstrickt?

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Fincher demontiert das Bild der perfekten Ehe kontinuierlich und sehr geschickt. Mit Auszügen aus Amys Tagebuch wird die Geschichte der Beziehung Stück für Stück aufgerollt und die zunehmenden Probleme aufgedeckt. Bis man zum Schluss kommt, dass ein gewaltsames Ende nur logisch wäre… Atmospärisch ist das trotz Thriller-Überlänge von knapp zweieinhalb Stunden sehr dicht gestrickt. Dichter noch als das Buch, wie man hört. Insofern ist im Vorteil, wer unbelastet ins Kino geht. «Gone Girl» ist kein Meilenstein à la «Fight Club». Aber Fincher holt das Maximum aus Story sowie Darstellern heraus und fesselt einen bis zum Schluss an den Kinosessel. Ein Thriller wie gemacht für kühle Herbstabende.

«Gone Girl» läuft ab 2. Oktober 2014 in den Basler Kinos Pathé Küchlin, Plaza und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 2. Oktober: Dracula Untold, Männerhort, Les vacances du petit Nicolas, Phoenix, Yalom’s Cure.

Harry Potter hat das Lachen verloren

Fabian Kern am Mittwoch den 28. März 2012

The Woman in Black

«The Woman in Black» läuft ab dem 29. März im Kino Pathé Küchlin in Basel. (Bilder im Verleih von ASCOT ELITE)

Eben erst der Rolle des Harry Potter entwachsen, sieht sich Daniel Radcliffe im britischen Gruselfilm «The Woman in Black» schon wieder Auge in Auge mit übersinnlichen Kräften. Nur, dass er selbst diesmal nicht in Besitz von Zauberkräften ist. Im Gegenteil: Als Londoner Anwalt Arthur Kipps Ende des 19. Jahrhunderts zelebriert Radcliffe das Leiden. Das Hinscheiden seiner geliebten Gattin nach der Geburt seines Sohnes hat den jungen Vater derart aus der Bahn geworfen, dass ihn sein Sprössling nur mit den Mundwinkeln nach unten zeichnet. «Du siehst immer so aus», lautet die Begründung von Klein-Edward. In der Tat versprüht Radcliffe mit seinem bleichen, vergrämten Gesicht nicht gerade Lebensfreude.

Der Auftrag, die Erbfolge einer heruntergekommenen Villa im abgelegenen Küstendörfchen Crythin Gifford zu verkaufen, bringt Kipps die unheimliche Chance, etwas über das Leben nach dem Tod herauszufinden. Die Motivation zu erfahren, in welcher Welt sich die Seele seiner Frau  befindet, treibt den Witwer an. In jenem Haus mit dem nicht gerade einladenden Namen «Eel Marsh House» treibt die unruhige Seele einer toten Frau ihr Unwesen. Jedes Mal, wenn die «Frau in Schwarz» gesehen wird, treibt sie ein Kind aus dem Dorf in den Selbstmord, um ihren leiblichen Sohn zu rächen, der einst im Watt ertrank. Die Dorfbewohner wollen Kipps deshalb daran hindern, sich im verfluchten Haus weiter herumzutreiben, da es während seiner Anwesenheit zu weiteren tragischen Todesfällen kommt. Der Jurist aber lässt sich nicht beirren. Er stellt sich dem Geist und versucht gegen den Widerstand der Einheimischen, seiner Seele endlich Ruhe zu verschaffen. Diesen Beitrag weiterlesen »