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Mit der Shotgun von Basel nach Berlin

Joel Gernet am Dienstag den 19. April 2011


«Shotgun» – zu Deutsch Schrotflinte – heisst die Ausstellung, die am Freitag in der Zero Gallery in Berlin Kreuzberg ihre Pforten öffnete. Das Besondere daran: Geladen ist das Schiesseisen von der Spree mit Munition aus Basel. Gezeigt werden an der «Shotgun» nämlich Werke der jungen Basler Künstler Stephan Hefti, Christine Keller und Marco Pittori. Die Gruppenschau markiert gleichzeitig den Startschuss zur Ausstellungsserie «Art Plan B», die künftig in diversen Städten mit Anfangsbuchstaben B halt machen soll mit dem Ziel, jungen Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten.

Konzipiert und umgesetzt wurde die Nomaden-Ausstellungsserie von Sandra Kramer (30). Die Berlinerin arbeitet als freie Kuratorin und lebt seit drei Jahren in Basel, wo sie derzeit den Nachdiplomstudiengang Kulturmanagement an der Uni Basel abschliesst. Wir haben uns mit Kramer über ihre Vorliebe für B-Städte, Schrotflinten und den nächsten Tourstop von «Art Plan B» unterhalten.

Sandra Kramer von der Art Plan B.

Sandra Kramer, wie kam es zur «Art Plan B»?
Als Berlinerin mit Aufenthalten in Basel, Baden-Baden (beim TV-Sender Arte Deutschland) und Boston (Aufbau einer Fotogalerie) sowie inspirierenden Reisen nach Barcelona, Bora-Bora und Buenos Aires habe ich überall viel mit jungen Künstlern zusammengearbeitet und mich mit ihnen ausgetauscht. Der grosse Wunsch der Künstler war es, ihre Werke in anderen Städten auszustellen, neue Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen zu sammeln. Dies hat mich gereizt und ich habe mich gefragt: «Wo soll ein junger Künstler, mit viel Talent aber wenig Ausstellungserfahrung überhaupt beginnen?» Ein Plan B musste her und mitten in einer Galerie in dem Galerienviertel San Telmo in Buenos Aires habe ich das Projekt «Art Plan B» ins Leben gerufen.

Warum kommen Basler Künstler als Erste zur Ehre?
Für den Auftakt von «Art Plan B» wollte ich zwei Städte kombinieren, in denen ich mich gut auskenne. Als Berlinerin und seit 3 Jahren wohnhaft in Basel war der Entschluss schnell gefällt. Gleichzeitig fühlen sich viele Basler Künstler von Berlin magisch angezogen. Viele haben mir von der Improvisation, dem offenen und unkomplizierten Leben und der jungen Kunstszene in Berlin vorgeschwärmt.

Interessiert man sich in der Berliner Kunstszene überhaupt für Basler Newcomer?
In Berlin interessiert man sich eigentlich für alles was kreativ, jung, anders und verrückt ist. Die Herausforderung besteht darin, in diesem Umfeld auch so aufzutreten – von den Werken über die Location bis zu den Einladungen. Wir sind selber sehr gespannt.

Warum haben Sie Stephan Hefti, Christine Keller und Marco Pittori ausgewählt?
Alle drei Künstler haben etwas in mir ausgelöst – das ist entscheidend. Ich arbeite mit Leuten zusammen, deren Werke mich inspirieren, von denen ich überzeugt bin! Und alle drei wollen nicht nur Kunst ausstellen – sondern sich auch austauschen. Die Werke von Hefti, Keller und Pittori laden – alle auf ihre eigene Art und Weise – dazu ein, auf eine Reise zu gehen. Die Welt in Schnappschüssen zu sehen und in ihren öffentlichen und versteckten Momenten zu betrachten. Die jungen, teilweise noch unetablierten Talente, wagen mit ihren unterschiedlichen Techniken etwas Neues, um die die Muster des Gewöhnlichen aufzubrechen und neu einzufangen.

Wieso heisst die Gruppenausstellung «Shotgun»?
Die Shotgun taucht in den verschiedensten Formen auf – roh als Schrotflinte, provokativ bei den sexy Polizistinnen, trashy in Form der freistehenden Matchboxautos auf einem Farb-Schlachtfeld oder in der Rolle des Beifahrers (engl. Shotgun) – an dem phantastische und collagierte Landschaften der Imagination vorbeiziehen. Und mit der Mit Shotgun-Ausstellung in der Zero Gallery Berlin fällt auch der «starting shot», der Startschuss, zur «Art Plan B».

Können Sie noch etwas zur Zero Gallery sagen, wo die drei Basler ausstellen?
Die Zero Galerie im Berliner Stadtteil Kreuzberg, ist ein freier und unabhängiger Kunstraum, der Neues entstehen lassen will. Die Off-Galerie vermietet ihre Räumlichkeiten für ausgewählte, innovative Kunstprojekte. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf junge, osteuropäische Kunst – durch die entstandene Kooperation mit der Zero Galerie, kam auch die Idee, das «Art Plan B»-Netzwerk auf osteuropäische Städte, wie zum Beispiel Budapest zu erweitern. Und…die Zero Galerie hat auch eine Partnergalerie in: Barcelona!

Welche Kriterien müssen künftigen Ausstellungsorte haben?
«Art Plan B» ist eine Nomaden-Projekt: als Ausstellungsfläche in den B-Städten sind daher temporäre Räume am besten geeignet – dabei kann es sich um eine klassische Galerie, ein Schaufenster, oder ein Waschsalon handeln. Somit bekommt die Plattform etwas freies, unkompliziertes und ungebundenes.

Und wo wird die nächste «Art Plan B» statt finden?
Die nächste Ausstellung soll umgekehrt in Basel mit Berliner Künstler stattfinden. Lassen Sie sich überraschen.

Wie wird dieses Projekt finanziert?
Mit viel Herzblut und Leidenschaft – und derzeit ausschliesslich aus privater Tasche und mit Hilfe von Gönnern. Leider erhält «Art Plan B» momentan keine Kulturförderung. Es ist eine ähnliche Situation, wie bei jungen Künstlern: junge, innovative Projekte werden nur selten unterstützt – meistens erst dann, wenn sie mainstream werden. Es muss ein Kulturförderungs-Plan-B her;)

Art Plan B – Shotgun
Group Show mit Christine Keller, Marco Pittori, Stephan Hefti
16. April – 14. Mai 2011
Zero Gallery, Berlin Kreuzberg

Pantha du Prince bewegt den Hinterhof

schlaglicht am Sonntag den 6. März 2011

Am Freitagabend spielte der Berliner Pantha du Prince seinen Minimal Techno zum ersten Geburtstag des Hinterhof. Mit seinen Grooves und den Sounds vom letzten Album Black Noise brachte er den Hinterhof auf Betriebstemperatur. Niemand stand mehr still. Das Publikum im gut gefüllten Hinterhof war begeistert. Hier einige Impressionen vom electric Friday:

«Nach dem Mauerfall ist Graffiti explodiert in Berlin»

Joel Gernet am Freitag den 4. März 2011

Was für Basel die kunterbunte Bahnhofseinfahrt, ist für Graffiti-Deutschland Berlin. Wenn nicht für Europa. Seit vielen Jahren gilt die deutsche Hauptstadt als eine der führenden Graffiti-Städte weltweit. Und das nicht nur wegen der farbenfrohen, detaillierten Graffitis im legalen Rahmen, sondern – vor allem – auch wegen den plakativen, dreisten und oft brachialen illegalen Werken der Street- und Trainbomber.

Trainwriter in BerlinUnd genau um diese «Zug-Bomber» geht es im Berliner Dokumentarfilm «Unlike U – Trainwriting in Berlin», der heute Freitag, 4. März, im kult.kino.club gezeigt wird – und zwar um 23 Uhr, wie sich das für nachtaktive Wesen gehört. Das «Bomben» hat im Graffiti-Kontext selbstverständlich nichts mit Al-Quaida-Attentaten wie in Madrid oder London zu tun, auch wenn sich die verschärften Sicherheitsmassnahmen rund um Bahnhöfe und Abstellgleise auch auf die Eisenbahnfreunde in der Graffitiszene auswirken, wie sich im Film zeigt: Da werden Überwachungskameras und Bahnarbeiter ausgetrickst, Absperrungen aufgebrochen und Fahr- sowie Lagepläne bis ins letzte Detail analysiert. Das war nicht immer so: «Wir haben damals Parties gefeiert in den Zugdepots», erinnert sich Wesp, der seit 1988 ungefragt Züge lackiert.

Dass in «Unlike U» über zwei Dutzend Berliner Sprayer in ausführlichen – zum Teil sehr persönlichen – Interviews über ihr Hobby ausserhalb jeglicher gesellschaftlicher Regeln reden, ist die grosse Stärke des Films. Es sind diese Einblicke, die «Unlike U» unterscheiden von den vielen anderen Filmen über illegales Graffiti, in denen eine Bombing-Aktion an die nächste gereiht wird – und in denen sich über Kurz oder Lang der «Porno-Effekt» einstellt (alles wird gleichförmig, nur die krassesten Szenen stechen noch heraus).

Realisiert wurde der Dokumentarfilm von den Berliner Regisseuren Björn Birg (29) und Henrik Regel (31)*, der im Schlaglicht-Interview auf eine intensive Produktionszeit zurückblickt.

Henrik Regel, was hat Sie dazu bewegt, einen Film über Trainbombing in Berlin zu machen? Fast jedes andere Thema wäre wohl leichter umzusetzen gewesen.
Das stimmt sicherlich. Wir wollten allerdings etwas Besonderes machen. Einige Leute aus unserem erweiterten Umfeld stecken da seit Jahrzehnten drin und wir fanden es interessant, die extreme Lebensweise zu beleuchten.

War es schwierig, Sprayer zu finden, die sich vor der Kamera äussern wollten?
Ja, definitiv. Sie haben ja eigentlich nur Nachteile dadurch. Wir haben uns aber oft mit ihnen getroffen, unsere Ideen für den Film erzählt und so langsam Vertrauen aufgebaut. Das hat aber eine Weile gedauert…

Gab es den einen Moment, in dem Ihr sagtet: «Ja, jetzt ziehen wir das Ding durch»?
Nachdem wir in den ersten Interviews gemerkt haben, wie offen manche auch von den Schattenseiten erzählen, haben wir gemerkt, dass es sehr interessant werden kann. Unsere Befürchtung war anfangs, dass die Jungs sich dazu nicht äussern und eher die «coole Writer-Fassade» aufrecht erhalten wollen.

Wieviel Arbeit steckt in «Unlike U»?
Einige Jahre Vorbereitung und drei Jahre sehr intensive Arbeit. Insgesamt waren wir etwa sieben Jahre mit dem Projekt beschäftigt.

Wie kamt Ihr an das Filmmaterial, das teilweise viele Jahre alt ist?
Nachdem wir immer tiefer in die Szene eintauchen konnten, haben uns auch immer mehr Leute verschiedenstes Material zugespielt. Oftmals war die Qualität leider für unsere Zwecke zu schlecht – es war aber gottseidank auch genug schönes Material dabei.

Wie finanziert man einen Film über Zerstörung im öffentlichen Raum? Gelder vom Staat sind bei diesem Thema ja kaum zu erwarten.
Wir haben alles aus eigener Tasche finanziert, Erspartes ausgegeben und bescheiden gelebt. Staatliche Förderungen oder ähnliches haben wir nicht beantragt.

Gab es Augenblicke, in denen Ihr an Eure Grenzen kamt?
Es gab viele Momente, in denen wir einen langen Atem beweisen mussten. Das Projekt und die Umsetzung wäre nichts für ungeduldige Menschen gewesen.

Zu sehen gibt es neben den Interviews vor allem Adrenalin-geschwängerte Action-Szenen. Gab es auch emotionale Momente bei den Dreharbeiten?
Ja, es gab auch solche Momente bei den Dreharbeiten. Vor allem das Interview mit Philipp, dem Bruder des bekannten Sprayers RUZD (R.I.P.), der sich im August 2002 das Leben nahm, war sehr emotional.

Habt Ihr speziell darauf geachtet, dass das illegale Sprayen nicht verherrlicht wird?
Wir wollten uns auf keine Seite stellen und das Ganze unkommentiert zeigen.

The Last RideWas ist das Besondere an der Graffiti-Stadt Berlin, «dem New York von Europa», wie es von gewissen Leuten auch genannt wird?
Die Berliner haben immer schon sehr viel Wert auf die Entwicklung ihres Graffiti-Styles gelegt. Durch die Historie mit dem Mauerfall et cetera haben die Berliner viele Umstände vorgefunden, die das Sprühen begünstigt haben. Vor allem nach dem Mauerfall Anfang der 90er Jahre ist Graffiti explodiert in Berlin.

Wie hat sich die Graffiti-Szene in Berlin im Lauf der Jahre verändert?
Früher gab es zum Beispiel noch Treffpunkte wie den Writers-Corner an der U-Bahn-Station Friedrichstrasse, den man auch im Film sieht. Heutzutage trifft man sich eher im Internet. Es gibt nicht die eine Szene, sondern ganz viele verschiedene.

Wie reagieren die Leute ausserhalb der Szene auf «Unlike U»?
Der Film löst bei den meisten Leuten erstmal Interesse aus. Die Reaktionen sind bisher eigentlich durchweg positiv. Die Leute meinen, dass sie nach dem Film die Sprüher und ihre Motive besser nachvollziehen können. Auch wenn sie nicht gutheissen, was sie machen.

Im Film geht Ihr der Frage nach, was einen Trainwriter dazu treibt, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und Zeit, Geld, Nerven und Freundschaften zu riskieren ohne Gegenleistung – ausser dem Ruhm einiger weniger Gleichgesinnter. Könnt Ihr die Frage jetzt beantworten? Was ist der Antrieb der Jungs?
Selbstverwirklichung, Freiheit, Selbstbestimmung, Ruhm, Aufmerksamkeit, Freundschaft Adrenalin, Action, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und die Kreativität ausleben zu können.

* Regisseur Henrik Regel bewegte sich um die Jahrtausendwende im Umfeld der legendären Rapcrew Beatfabrik, später war er mit Rapper Prinz Pi unterwegs. Als Filmer kennt man Regel vor allem auch wegen der erfolgreichen DVD-Serie «Rap City Berlin».

Unlike U – Trainwriting in Berlin
Nocturne am Freitag, 4. März 2011

23.00 Uhr im kult.kino club.
In Anwesenheit der Filmemacher Henrik Regel & Björn Birg.