Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bayern’

Kinder, Kinder

Fabian Kern am Donnerstag den 26. März 2015

BuchcoverBuchcoverVerbrechen an Kindern sind die schlimmsten überhaupt. Kinder sind unschuldig, haben das ganze Leben vor sich. Vielleicht deshalb sind sie immer wieder Thema in Krimis – ob Buch oder Film. Weil uns diese Fälle besonders erschüttern. Weil wir besonders mit den Ermittlern mitfiebern. Dennoch sind diese Geschichten über Missbräuche nicht jedermanns Sache. Wer selbst Nachwuchs hat, dem können die Fälle auch schon mal zu sehr an die Nieren gehen. Im deutschen Sprachraum, ja sogar im selben Verlag sind kurz hintereinander zwei Krimis zu diesem Thema erschienen: «Kinderland» von Marco Sonnleitner und «Januskinder» von Marcus Richmann. Wir zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und sagen, ob sie auch für Eltern empfehlenswert sind.

Die Parallelen

Die Gemeinsamkeiten beginnen schon bei den Autoren. Sowohl der Bayer Sonnleitner als auch der Zürcher Richmann legen mit diesen Romanen ihren zweiten Krimi vor, beide Erstlinge erschienen im Jahr 2013 («Blutzeugen» bzw. «Engelschatten»). Beide setzen in ihrem aktuellen Werk auf Missbräuche an Kindern. Entsprechend tief sind die menschlichen Abgründe, in welche die Ermittler mit Grausen blicken müssen. «Kinderland» beginnt mit dem Fund eines Kinderfingers im Bauch eines Fischs, der in der Küche der Hauptfigur aufgeschlitzt wird, kurz darauf findet man den Rest der Leiche in einem See. Richmann geht sogar noch weiter und schockiert mit dem Fund eines erfrorenen Säuglings auf einer Baustelle in Zürich.

Die Unterschiede

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Wurzeln in Georgien und Russland: Roman- und Drehbuchautor Marcus Richmann.

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Damit wären wir bereits bei den Unterschieden. Denn die Geschichten entwickeln sich in völlig andere Richtungen. Im urbanen Zürich werden immer wieder Babys entführt, ohne dass eine Lösegeldforderung folgen würde oder sonst ein Konzept ersichtlich wäre. Südlich von München, in der ländlichen Umgebung des Starnberger Sees hingegen deuten die Entführungen von Kindern zwischen fünf und zehn Jahren schon bald einmal auf einen Kinderhändlerring hin. Auch die Protagonisten sind höchst unterschiedlich. Bartholomäus Kammerlander (welch ein Name!) ist ehemaliger Kriminalkommissar und führt im beschaulichen Berg am Starnberger Sees ein Hotel. Er wird von seinen ehemaligen Kollegen der Kripo München immer dann um Hilfe angefragt, wenn ein besonders kniffliger Fall ansteht. Er ist glücklich verheiratet, trägt aber ein dunkles Geheimnis von einem Fall in den USA, als ihm ein Serienmörder entwischte, mit sich herum.

Demgegenüber ist das Leben von Maxim Charkow von der Kantonspolizei Zürich weniger geordnet. Der Polizist georgisch-russischer Abstammung steht in der Lebensmitte und hat ein Problem mit Liebesbeziehungen. Gerade hat er sich von einer Psychologin getrennt, mit der er aber beruflich zusammenarbeiten muss. Seine Seelenverwandte ist aber eine Pathologin, deren Freundschaft er aber nicht zugunsten einer romantischen Beziehung aufs Spiel setzen möchte, obwohl er weiss, dass sie in ihn verliebt ist. Dass er im Laufe der Ermittlungen im Rotlicht-Milieu auch noch auf eine attraktive russische Clubbesitzerin trifft, die heftig mit ihm flirtet, macht die Sache auch nicht einfacher.

Auch die Erzählstruktur weist Differenzen auf. Sonnleitner setzt auf einen in Deutschland verbreiteten Krimi-Stil, bei dem er immer zwischen Täter- und Ermittler-Perspektive wechselt. Dadurch hält er den Leser bei der Stange. Richmanns Roman hingegen nimmt langsamer Fahrt auf, wird aber immer schneller, dichter und nimmt unerwartete Wendungen. Er installiert viele flankierende Erzählstränge, was den Nebenfiguren mehr Gewicht gibt.

Das Fazit

Sonnleitners «Kinderland» ist gradliniger und dank des bayrischen Humors etwas heller in der Grundstimmung als «Januskinder». Richmann schafft eine etwas trostlose Atmosphäre mit lauter Beziehungen, die keine Zukunft zu haben scheinen. Dafür hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem seiner Romane ein Stück dunkler Schweizer Geschichte anzusprechen. Das Thema Missbrauch an Kindern ist gerade für Eltern aber in beiden Fällen sehr schwierig. Zart Besaitete sollten sich überlegen, ob sie es lesen möchten, denn man leidet mit den Angehörigen der Kindern mit, auch wenn es nur Fiktion ist. Die Entscheidung ist hart, denn auf die Begleitung der tollen Figuren Kammerlander und Charkow möchte man eigentlich nicht verzichten. Und die Fortsetzung derer persönlicher Geschichten zeichnet sich deutlich ab. Kammerlander muss sein Trauma verarbeiten und Charkow endlich zu seiner grossen Liebe findet. Deshalb: Augen zu und durch. Denn auch wenn Kinder als Opfer fast nicht zu ertragen sind, sind sie das in der Realität leider immer wieder.

Marco Sonnleitner: Kinderland. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 373 Seiten, Fr. 18.30.

Marcus Richmann: Januskinder. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 373 Seiten, Fr. 20.90.

Leichen-Leo in Hochform

Fabian Kern am Montag den 2. März 2015

BuchcoverTalente gibt es viele. Eine gar aussergewöhnliche Gabe besitzt Polizeiobermeister Leonhard Kreuthner. Seinen Spitznamen «Leichen-Leo» hat er sich redlich verdient, denn wenn immer im bayrischen Landkreis Miesbach jemand zu Tode kommt, ist Kreuthner derjenige, der die sterblichen Überreste findet. Ein Leichenfund an sich ist schon gruselig genug, aber diesmal geht sogar der hartgesottene Kreuthner der Allerwerteste auf Grundeis, denn der Polizist, der es selbst mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nimmt, ist selbst in den Fall verwickelt. Er hat das betrunkene Opfer mit Kollegen als Strafe für eine Wettschuld selbst in dessen Auto in einen Fluss gesetzt – am nächsten Morgen ist der Bestattungsunternehmer tot.

Doch damit nicht genug im sonst eigentlich beschaulichen Miesbach. Eine junge Frau verschwindet, ihr Auto wird später in der Wolfsschlucht gefunden – aufgespiesst von einem Maibaum. Auch das riecht wieder verdächtig nach Kreuthner, zumindest der Maibaum-Aspekt. Damit aber nicht genug, denn die beiden Fällen weisen nach Aufnahme der Ermittlungen immer mehr Berührungspunkte auf, zu viele, als dass sie nicht zusammenhängen könnten. Kripo-Kommissar Clemens Wallner ist gefordert, und dabei hat er doch schon an der Trennung von seiner Frau Vera zu knabbern und mit seinem Grossvater Manfred ohnehin genug am Hals. Der rüstige Senior hat auch im reifen Alter von 84 Jahren immer noch viele Flausen im Kopf und hält die Polizei auf Trab. Manfreds Schwäche für das weibliche Geschlecht ist im ganzen Dorf bekannt, doch im Falle der attraktiven «Hexe» Stefanie Lauberhalm scheint mehr dahinter zu stecken. Was geht da nur vor in Miesbach?

220px-Andreas_Föhr

Andreas Föhr (Jg. 1958) schreibt auch Drehbücher für TV-Krimis.

Gewisse Formate nutzen sich ab. Bei der einen oder anderen Krimiserie wäre nicht verkehrt, wenn man sie auch mal abschliessen und gut sein lassen würde. Nicht so bei Andreas Föhrs Tegernsee-Krimis, die der gelernte Jurist im Jahrestakt herausgibt. Die verschlingt man innert weniger Stunden und will danach mehr von Wallner, Kreuthner und Co. Der Autor schafft das Kunststück, den Fall und die persönliche Geschichte der Figuren so miteinander zu verstricken, dass beides gleichermassen interessiert. Die Charaktere werden mit nur wenigen Merkmalen so gut skizziert, dass man sofort mit Wallner über seine Kälteempfindlichkeit diskutieren und mit Kreuthner gern die eine oder andere «Halbe» trinken gehen würde. Und das Krimivergnügen leidet überhaupt nicht darunter. Hoffentlich bleibt Miesbach die kriminelle Energie noch lange erhalten. Zumindest in der Fiktion.

Andreas Föhr: Wolfsschlucht. Kriminalroman. Knaur Verlag. München, 2015. 394 Seiten, Fr. 19.45.

Die weiteren Miesbach-Krimis in der richtigen Reihenfolge: Der Prinzessinnenmörder (2011), Schafkopf (2012), Karwoche (2013), Totensonntag (2014).