Beiträge mit dem Schlagwort ‘Ausstellung’

Das Gegenteil eines Selfie-Schnappschusses

Joel Gernet am Freitag den 12. Dezember 2014
Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Demian Bichsel ist kein Freund von Schnell- und Schnappschüssen. «Ich finde Strassenfotografie schrecklich – normalerweise bin ich ohne Kamera unterwegs», erklärt der 31-jährige Basler. Auch mit dem Smartphone schiesst er kaum Fotos. Die Umgebung, sie soll ungefiltert erlebt werden. Ohne Display dazwischen. «Diese dauerknipsenden Touristen tun mir leid», findet Bichsel.

Bevor er überhaupt die Kamera zückt, lässt er sich auf einen Ort ein, setzt sich mit seinem Charakter auseinander, und lässt das Erlebte wirken. Wenn er mit etwas zeitlichem Abstand dann merkt, dass ihn dieses Sujet beschäftigt, Bichsel nennt das «emotional hängen bleiben», wird fotografiert. «Für das Pfeilerbild an der Spree bin ich dreimal nach Berlin gereist.»

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

«Abandoned Pillar in Water Berlin» heisst das besagte Bild, das zusammen mit zwei weiteren Werken aus Bichsels Pfeiler-Serie in Basel gezeigt wird. Dies als Zwischennutzung an bester Lage in den ehemaligen Räumen der Basler Galerie Hilt an der Freien Strasse 88. Zu sehen gibt es insgesamt drei Konzeptreihen, die eine Collage-Serie aus Beldgrad umfassen – und zwei milchige Bilder, auf denen man bei genauem Hinsehen den unscharfen St. Chrischona-Turm im Nebelmeer verschwinden sieht. Faszinierend und mysteriös zugleich. «Der Autofokus meiner Kamera hat wegen dem Nebel nicht funktioniert – das fand ich spannend», erklärt der gebürtige Riehener sein Experiment. Abgesehen vom Chrischona-Nebelbild sind Bichsels Werke das Elixir ausgedehnter Reisen von Lissabon über Berlin und Rotterdam bis nach Sarajevo, Belgrad oder Budapest.

Die dabei entstandenen Bilder sind oft urban angehaucht, stets Menschenleer, und von eher dezenter Farbgebung. Poesie statt Effekthascherei. Bild-Collagen, zusammengesetzt aus bis zu 70 Einzelfotos. Die subtilen Wimmelbilder sind das Gegenteil der extrovertierten Selfie-Schnappschüsse, mit denen wir heute auf allen Kanälen zugeballert werden. Der auf den ersten Blick unspektakuläre Ansatz passt nicht nur zur durchdachten Entstehung der Werke, er bietet auch einen willkommenen Kontrast zum vorweihnachtlichen Trubel vor der Tür. Kunden, die unter dem Konsumrausch zu kollabieren, finden hier eine ruhige Bildwelt, in die sie sich flüchten können. Dazu passt auch der Titel der temporären Show: «Time & Reality II». Falls der Konsum dann doch wieder durchdrückt: Die Werke gibts zu kaufen zu Preisen zwischen 700 und 1900 Franken. «Auf Verkäufe bin ich nicht unbedingt angewiesen», erklärt Bichsel während er sich eine Zigarette dreht. «Ich mache diese Ausstellung, weil ich Spass daran habe und ich diese Gelegenheit nutzen wollte.»

Ermöglicht wurde Bichsels zweite Solo-Ausstellung auch dank der Mithilfe von Lionel Schüpbach und Marius von Holleben, zwei junge Basler Kunstvermittler, die in Bichsel einen willkommenen Partner gefunden haben. «Hier haben wir den bestmöglichen Ort», sagt Bichsel, der sich eigentlich gar nicht als Fotograf sieht. Als was denn sonst? Nach längerer Denkpause meint er schliesslich: «Ein Bündel Licht und Liebe, das ein paar Jahre auf dieser Erde verbringt.» Licht und Liebe, denkt man sich da, das sind auch wichtige Mosaiksteine der Bilder dieses Fotografen, der keiner sein will.

Demian Bichsel, Time & Reality II, Freie Strasse 88, Basel, 13. – 20. Dezember 2014, 10 – 18 Uhr.

Der Meister der Totenköpfe

Joel Gernet am Freitag den 16. November 2012

Nach über 20 Jahren an der Dose präsentiert Kron mit «Still Standing» seine erste Solo-Ausstellung. Wir haben das Basler Graffiti-Urgestein auf dem Dreispitz besucht.

Zügig lässt Kron den Pinsel über die knallrote Leinwand tanzen. Totenschädel und Banderole mit Gothic-Schrift nehmen langsam Gestalt an, zwei typische Motive das Baslers. Wenn der 37-Jährige am Werk ist, wird nicht lange gefackelt. Nach über zwei Jahrzehnten Graffiti, Airbrush, Grafikdesign und Tätowieren sitzt jeder Strich.

Ganze 24 Jahre hat es gedauert bis zu Krons ersten Solo-Ausstellung, die am Samstag in der YourGallery auf dem Dreispitz Vernissage feiert. Ja, den Basler Graffiti-Pionier gibt’s noch – und er steht nach turbulenten Zeiten aufrechter denn je. Darum nennt er seine Solo-Show auch «Still Standing». Angesprochen auf sein spätes Galerie-Debut meint er grinsend: «Die ganze Stadt ist meine Galerie». Mitentscheidend war auch, dass die Macher der YourGallery der Graffiti-Szene entstammen – Hauptsache kein Schickimicki. Kron ist so bodenständig, dass er sich früher als Breakdancer darauf gewälzt hat.

Seine wahre Berufung aber war und ist das Malen. Zum ersten Mal zur Dose gegriffen hat der in Basel geborene Spanier 1988 als es in der HipHop-Szene noch um einiges rauer zuging als heute. Die berüchtigte Zeit, als man sich in der Steinenvorstadt noch um seine Homeboy-Kleidung fürchten musste, kennt er im Gegensatz zu vielen anderen nicht nur vom Hörensagen. Insbesondere in den 90er Jahren waren seine Schriftzüge, B-Boy-Männchen und Totenköpfe allgegenwärtig auf den Wänden Basels.

Damals führte der Autor, das soll hier nicht verheimlicht werden, eine Art Fernbeziehung mit Kron: Er überspayte meine Bilder – und umgekehrt. Zum Glück kreuzten sich damals unsere Wege nie direkt – der Herr kann nämlich ziemlich ungemütlich werden, hiess es. Ein halbes Leben später ist Kron Hausgrafiker der gemeinsamen Rapcrew TripleNine, bei deren Gigs er seine Spuren nicht selten auf Shirt und Haut der KonzertbesucherInnen hinterlässt. Soviel zur gemeinsamen Geschichte – ich schreibe hier also nicht ganz neutral.

Und jetzt sitzt Kollege Kron also da und arbeitet unter Hochdruck für seine Solo-Show. «Es wird fast keine typischen Graffiti-Schriftzüge geben», erklärt er, «mein Markenzeichen waren immer die Character». Gemeint sind seine typischen HipHop-Männchen mit übergrossen Turnschuhen und Augen so gross wie Hände. Oder seine Totenköpfe und Fratzen mit Eishockey-Maske. Derartige Motive hat Kron in den letzten Wochen auf rund 30 Leinwänden verewigt – Graffiti-Schriftzüge hingegen gehören seiner Meinung nach auf Wände.

Also gibt es bei «Still Standing» etwa Comic-artige Bilder von Puma-State-Sneakers mit dicken Schuhbändeln zu sehen. Oder eine Totenkopf-Fratze, die zur Hälfte von einer echten Eishockey-Maske überdeckt wird – eines der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung. «Am liebsten hätte ich nur Totenköpfe gemalt, aber meine Freundin meinte, das kann ich nicht machen», sagt Kron mit einem Lausbubenlächeln im Gesicht.

Seine Werke wird es für 200 bis 1000 Franken zu kaufen geben. An der Vernissage ist zudem eine Live-Aktion geplant, die unter die Haut gehen dürfte. Zur Einstimmung auf seine erste Solo-Schau zeigt Kron am Samstagnachmittag an einem HipHop-Jam in Winterthur seine Graffiti-Künste – schliesslich hat das Basler HipHop-Urgestein nie vergessen, wo seine künstlerischen Wurzeln liegen. Auch deshalb ist «Still Standing» überfällig. «Diese Ausstellung ist ein Dankeschön für alle, die mich über all die Jahre unterstützt haben – und an die Stadt Basel», sagt Kron. Ein schönes Schlusswort.

Kron – Still Standing. Vernissage: Sa. 17. November 2012, 18 Uhr, YourGallery (0123spitz), Walkeweg 1, Basel. Öffnungszeiten: 17.11. ab 18h, 18.11. ab 16h, 24.11. ab 18h, 25.11 ab 16h.

Zuckersüss und schwer gestört

Joel Gernet am Freitag den 14. September 2012

An der Gruppenausstellung «How To Make A Monster» im «High Voltage Lab» gibt es vom kindlichen Nutella-Hasen bis zum grausamen Familienvater die unterschiedlichsten Monster zu sehen. Am Freitagabend steigt in der Markthalle die Vernissage-Party.

Projektleiterin Nora Donner und Künstler Jay Rechtsteiner vor dessen Nutella-Hasen.

Projektleiterin Nora Donner und Künstler Jay Rechtsteiner vor dessen Nutella-Hasen.

Eigentlich hätten wir diesen Artikel auch mit «Fratzen und Fritzl» oder «Kunst mit Kinderschändern» betiteln können. Schliesslich ist das auf Teppich geb(r)annte Porträt des österreichischen Monstervaters Josef Fritzl eines der schockierendsten und plakativsten Werke der Ausstellung «How To Make A Monster». Die boulevardesken Titel wären allerdings etwas sehr fies gewesen, geht es doch bei der heute anlaufenden Ausstellung nicht nur um die offensichtlichen Monster, die uns glücklicherweise meist nur via Medien begegnen, sondern auch um abstraktere Monster aus Alltag oder Kindheit. Das zeigen die autobiographischen Foto-Arbeiten von Jay Rechtsteiner oder die kindlich wirkenden Figuren des Indonesiers EddiE HaRA. Das Fritzl-Werk des Basler Künstlers Tarek Abu Hageb ist mit seiner schockierenden Eindeutigkeit eher die Ausnahme.

Skurril und irritierend sind die Werke aber alle. Vor allem Jay Rechtsteiners überdimensionaler Nutella-Hase, der am anderen Ende des Raumes vor einem lärmenden Fernseher sitzt. Er guckt einen trashigen Ninja-Film mit Rechtsteiner und dessen Bruder in der Hauptrolle. «Der Hase repräsentiert das reine Kind», erklärt der Künstler und füttert den Hasen indem er ihn mit Nutella beschmiert. Über zwei Kilo nimmt das Tier so zu pro Monat. Die Gesellschaftskritik ist offensichtlich und wird noch beissender, wenn man merkt, dass der süsse Hase gar keine Augen hat.

Eines der Bilder von EddiE HaRA.

Eines der Bilder von EddiE HaRA.

In einem anderen Werk will Rechtsteiner mit modifizierten Fotos aus seiner Kindheit, auf denen er sich etwa als «Monster Boy» betitelt, aufzeigen, wie er durch gesellschaftliche Normen und Zwänge zum kleinen Monster wurde. Die Gesellschaft als Monster, die sich laufend über kleine Monster reproduziert. Wesentlich naiver und heiterer kommen da die farbenfrohen Bilder des Wahlbaslers EddiE HaRA daher. Sie erinnern an Ethno-Motive aus Asien und Mexiko.

Das Konzept zu «How To Make A Monster» trug Jay Rechtsteiner schon länger mit sich herum. Ursprünglich wollte der in London wohnhafte Schweizer die Ausstellung in Portugal realisieren. Als die dortigen Partner dann aber mit Barbiepuppen und dergleichen antanzen wollten, zog er sich zurück und fragte seine Basler Kunstfreunde EddiE HaRA und Tarek Abu Hageb an. Dass die Gruppenausstellung nun in Abu Hagebs und Nora Donners «High Voltage Lab» statt finden kann, ist ein glücklicher Zufall. Damals war nicht klar, wie sich die Zwischennutzung in der Markthalle entwickelt.

Auge des Bösen: Ein Ausschnitt von Abu Hagebs Fritzl-Bild.

Und nun trifft hier ein kindlicher Nutella-Hase auf Kinderschänder Fritzl. «Tarek ist der direkteste der drei Künstler – bei ihm geht es ans Eingemachte», sagt Projektleiterin Nora Donner und zeigt auf den Teppich mit dem per Lötkolben eingebrannten Gesicht des Österreichers. «Das ist ein richtig fieses Medium für Fritzl.» Der flauschige Stoff als Symbol für die heimelige Wohnung kontrastiere auf schauderhafte Art die grausamen Taten das Familienvaters. Dieser hatte seine Tochter 24 Jahre lang in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten und mehrfach geschwängert. Schräg gegenüber des Wandteppichs steht ein alter Holzschrank – die Installation ist kurz vor Ausstellungsbeginnn noch nicht ganz vollendet. Es fehlt das Frauenwimmern, welches den Schrank vom Möbel zum Kunstobjekt transformiert.

Wer sich dieses Wimmern nach der Vernissage am Freitagabend umgehend wieder aus den Gehörgangen blasen lassen will, kann dies im Anschluss im angrenzenden Projektraum FAKT machen. Dort gibt’s die Vernissage-Konzerte mit Reverend Beat Man und den Bikini Girls. «Der rustikale Rock’n’Roll-Blues-Sound passt perfekt zur Ausstellung», erklärt der Booking-Verantwortliche Valentin Ismail. Zudem spiele der Berner Musiker und «Rockgott» Reverend Beat Man passenderweise auch in der Band The Monsters. Na, dann muss der Herr aber aufpassen, dass er von Jay Rechtsteiner nicht mit Nutella beschmiert wird.

«How To Make A Monster» mit Jay Rechtsteiner, Tarek Abu Hageb und EddiE HaRA. 15. September bis 4. Oktober, High Voltage, Markthalle Basel. Vernissage: Freitag, 15.9., ab 18h. Vernissage-Konzert im F A K T (Reverend Beat Man und Bikini Girls) ab 21h.