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Das Leben ist kein Homerun

Fabian Kern am Montag den 17. September 2012

Die Kunst des Feldspiels

Der Sport ist ein Mikrokosmos des Lebens, insbesondere Mannschaftssportarten. Erfolg, Drama, Freude, Enttäuschung, Vertrauen, Streit – alles findet sich auf dem Feld der Träume. Kein Wunder also, hat Chad Harbach in seinem Debütroman über den Sinn des Lebens rund um die amerikanischste aller Sportarten angelegt: Baseball. Das Landei Henry Skrimshander ist ein schlaksiger, schüchterner und unscheinbarer Junge. Im Umgang mit dem lederbezogenen Hartgummiball aber ist er virtuos. Er scheint das Potenzial zu haben, einst so gut zu werden wie sein Idol Aparicio Rodriguez. Mike Schwartz, Spieler und Herz der Westish Harpooners, erkennt diese Gabe auf Anhieb und holt Henry an sein College nach Wisconsin.

Dort setzt dieser die Jagd nach Rodriguez’ legendärem Rekord von fehlerfreien Spiele fort – bis ihm sein erster Fehlwurf unterläuft. Dieses im Sport eigentlich alltägliche Ereignis stellt die Leben von nicht weniger als fünf Menschen auf den Kopf. Neben Henry und Mike werden auch Henrys intellektueller dunkelhäutiger Mitbewohner, der College-Präsident, der im Herbst seines Lebens seine Homosexualität entdeckt, sowie dessen Tochter aus der Bahn geworfen. Plötzlich werden sie alle mit ihren Makeln konfrontiert und müssen sich fragen, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Chad Harbach

Chad Harbach (Jahrgang 1975).

Es ist kein Wunder, spielt Harbachs Roman in seiner Heimat, dem Mittleren Westen der USA, ist dieser doch der Inbegriff für den bodenständigen Durchschnitts-Amerikaner. Der Autor verknüpft Schicksale mit einem banalen Vorkommnis, was die Figuren fassbar macht – auch ennet des Atlantiks. Anstelle von Mitleid, das man mit den Protagonisten von Dramas hat, fühlt man mit ihnen mit und fragt sich unweigerlich: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Chad Harbach, der den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten vermag, wird in den Vereinigten Staaten bereits in der Oberliga der All American Novel begrüsst. Und plötzlich findet sich der Jungschriftsteller in der Situation seiner Figur Henry Skrimshander wieder: Die Augen Amerikas sind auf ihn gerichtet, der Erwartungsdruck steigt. Harbach hat einen beeindruckenden Homerun geschlagen, aber noch nicht das Spiel gewonnen.

Chad Harbach: «Die Kunst des Feldspiels». Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2012. 607 Seiten, ca. Fr. 33.-.