Beiträge mit dem Schlagwort ‘Album’

Ein Vierteljahrhundert Rock’n’Roll

Joel Gernet am Freitag den 28. März 2014

Deftig und direkt in die Fresse – gut möglich, dass die Lombego Surfers Basels lauteste Band sind. Und eine der beständigsten: 25 Jahre Bandgeschichte und zehn Alben sprechen für sich. Mit «Ticket Out Of Town» erscheint heute das jüngste Baby des Trios. Geboten wird purer, schnörkelloser «Surf’n’Roll», wie die Basler ihren Sound betiteln. Der Eigenbeschrieb auf der Homepage der Band bringt die Attitüde der Musiker ohnehin ziemlich gut auf den Punkt: «The Lombego Surfers are not some taned sunny boys from California but rather the hardest working Voodoo Rock Punkers with the coolest guitar riffs since the Stooges.»

The Lombego Surfers: Pascal Sandrin, Anthony Thomas und Olivier Joliat (v.l.). Foto: Matthias Willi

The Lombego Surfers: Pascal Sandrin, Anthony Thomas und Olivier Joliat (v.l.). Foto: Matthias Willi

Auch auf ihrem jüngsten Album sind die Lombego Surfers um Anthony Thomas (Gesang und Gitarre), Pascal Sandrin (Bass) und Olivier Joliat (Schlagzeug) meilenweit entfernt von Altersmilde. Im Gegenteil: Wenn man sich so durch das dreckige Dutzend Songs hört, könnte man meinen, Frontman Anthony Thomas ist eben erst dem Teenageralter entwachsen. Die Rotzlöffel-Attitüde steht dem Basler mit Wurzeln in Boston jedenfalls sehr gut – und sie wirkt immer noch authentisch.

Zudem wähnt sich der Hörer in einer längst vergangenen Zeit, als Musik noch analog aufgenommen und nicht zu digitalen Versatzwerken setziert wurde. Dreckig statt steril ist hier die Devise, alles reduziert aufs Minimum. Da macht es auch Sinn, dass «Ticket Out Of Town» in Live-Sessions im Kleinhüninger One Drop Studio aufgenommen wurde – schliesslich sind die Surfers konzerterprobt wie kaum eine andere Basler Band.

Zum Auftrakt der Platte – das Album erscheint auch als Vinyl-LP – gibt Sänger Thomas gleich den Tarif durch: «Got no money, I got style. Got no reason, I got right», sind die ersten Zeilen des Openers «My Style». Die Songs sind tendenziell kurz und heftig. Titel wie «I Was Wrong», «Sick», «Favourite Drinks» oder «Bad Decision» sprechen für sich. Sprücheklopfen, Party machen, Kater haben; sündigen und beichten. Das Album ist ein Kreislauf wie das Leben – mit all seinen Schattierungen. Rock’n’Roll pur, wunderbar hängengeblieben und somit auch zeitlos.

Cover smallGetreu dem Albumtitel «Ticket Out Of Town» touren die Lombego Surfers mit ihrem neusten Wurf wieder quer durch Europa. Bis jetzt stehen 21 Tourkonzerte an, vorwiegend in Deutschland. Wer das Trio in der Region erleben will, kann das am 26. April im Alten Zoll in Basel machen oder am 17. Mai in der Biomill Laufen.

The Lombego Surfers: Ticket Out Of Town. Release: 28. März 2014 (Flight13 Records). Erhältlich als Vinyl-LP (180 Gramm) oder CD.

Stressköpfe, die anders ticken

Joel Gernet am Donnerstag den 23. Januar 2014

Monatelang machte die Basler Rapszene trotz ihres Riesenpotenzials nur mit vereinzelten Warnschüssen von sich Reden. Zum Jahresbeginn aber scheint man aus der Winterstarre zu erwachen – und der Hebel wird auf Seriefeuer-Modus umgelegt. Erste Vorboten dieses Frühlingserwachens sind die Rapper Ced & Krime und das Kollektiv Stressköpf. Ihre Weckrufe sind laut, aggressiv und unterlegt von auf Samples basierenden, organisch klingenden Beats, die von den heutigen Mainstream-Pop-Rap-Produktionen so weit entfernt sind wie Justin Bieber von einer Nomination für den Basler Pop-Preis.

Ced & Krime: 08:15.

Ced & Krime: 08:15.

«08:15» heisst das neue Gratis-Album von Ced und Krime, beide Teil der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke). Der Albumitel bezieht sich nicht auf den umgangssprachlichen 0815-Vergleich für alles Unspektakuläre oder Billige, sondern auf den Kickoff der abendlichen Aufnahme-Sessions im Metro4000-Studio um 08:15 Uhr – Primetime sozusagen. Geboten wird allerdings über weiter Stecken standartisierte 0815-Ware, wie man sie von einem Mixtape-artigen Rapalbum erwarten kann: Ego-zentrierter Battlerap mit vollmundigen Ansagen – dies aber auf verdammt hohem Niveau in Sachen Rapsklills und Metaphern. Krime war schon immer einer der Besten und elegantesten Battlerapper des Landes und Ced merkt man an, dass er sich in Bestform befindet, wohl auch gestählt durch den Sieg die vielbeachtete Final-Teilnahme beim Schweizer Video-Rap-Battle Swiss VBT.

Aus drei Gründen ist «08:15» besser als viele vergleichbare Battlerap-Releases: Wegen den Beats, den intimen Einblicken zwischendurch und den oben erwähnten Skills der beiden Mcees. Der Sound-Teppich stammt komplett vom Basler Beat-Meister Tom Keenig und kommt gerne mit knochentrockenen Drum-Sets und düsteren Sound-Samples daher. Dass es sich bei den 25 (!) Tracks – darunter auch diverse Solo-Songs von Ced und Krime – um gesammelte Werke aus den vergangenen Monaten und Jahren handelt, meint man insbesondere dann zu hören, wenn zwischendurch die harte Maske abgesetzt wird und es um persönliche Episoden aus dem Leben geht.

So entstehen Songs, in denen man sich nicht davor scheut, in die eigenen Abgründe zu blicken – die Folge sind lyrisch brilliante Momente, die man ohne schlechtes Gewissen auch auf einem ‘richtigen’ Album hätte platzieren können. Von wegen Ausschussware! Spannend ist auch der Kontrast zwischen den zeitgemässen Doubletime-Silbengewittern der Rapper und den Retro-mässigen Kopfnickerbeats – ein Spannungsbogen, der auch wunderbar funktionierte beim Video-Track «Mit uns», den Krime und Tom Keenig zusammen mit Levo rime kürzlich lanciert haben. So darf es gerne weitergehen dieses Jahr.

Stressköpf: Lamputation.

Stressköpf: Lamputation.

Auch auf dem Album «Lamputation» der Stressköpf stehen die Raps – der Name lässts erahnen – ganz im Zeichen des lustvollen Kräftemessens. Während Ced und Krime ihre Gegner tendenziell mit feiner Klinge zerlegen, greifen die Stressköpfe zur Axt. Oder zum Vorschlaghammer. Oder zu beidem. Geboten wird deftige Kost, Songs wie «Rapperjagd», «Schleeg unter Gürtellinie», «Fleischerhoogge» oder «Folterbangg» halten, was der Titel verspricht. Rap als blutrünstiger Horrorfilm, nichts für zartbesaitete Casper-Hörer. Kein Wunder, betitelt die Kombo ihr Genre auf ihrer Facebook-Seite als Horrorcore/Battle-Rap.

Bei den Stressköpfen handelt es sich übrigens um ein frisch zusammengewürfeltes Kollektiv aus Basel und Umgebung, bestehend etwa aus albekannten Untergund-Crews wie NWU, ELS und Neumond. Namentlich dabei sind die Rapper wie Masso Vollkasko, Reemoe, Reni Sleep, Jack The Ripper, R.I.G., Muddy Pents, Bina, Bugs MC, Kaen, Baba Danman, Venti, Ilp, Mos und Pyro. Die Flut an sich gegenseitig mit lyrischen Massakern überbietenden Rappern sorgt für abwechslungsreiche Unterhaltung, die allerdings durch die zum Teil eklatant auseinanderklaffenden Skills der einzelnen Rapper getrübt wird.

Die Beats, produziert von Meister Lampe, kommen mit ihren vielen Samples ähnlich daher wie jene von Tom Keenig, erinnern vom Vibe her aber oft an Zigeuner- und Zirkusmusik. Gepaart mit den überzeichneten Gewalt-Raps entsteht so das Bild von bösen Clowns oder – um beim CD-Cover zu bleiben – fiesen Waggis.

Für beide hier besprochenen Releases gilt: Die Beats könnten noch etwas mehr Bumms haben, damit sie die selbe Durchschlagskraft wie die aggressiven Zeilen der Rapper entwickeln. Diese wiederum wirken auf Dauer etwas einschläfernd – nicht, weil sie schlecht sind, sondern wegen des Abnützungseffekts, der sich nach der 37. beleidigten Mutter, der zum 89. Mal betonten Penislänge und dem 1000. geschlachteten Whack-Rapper unweigerlich einstellt. Dennoch: Mit Ced & Krime und den Stressköpf wurde das Basler Rap-Jahr mit zwei lauten Lebenszeichen lanciert und es zeichnet sich ab, dass 2014 einige vielversprechende Platten aus der Region erscheinen – demnächst etwa der Label-Sampler aus dem Haus PW Records, das Debutalbum von TripleNine-Spitter Zitral und auch von B1Recs scheint man einiges erwarten zu können, wie deren neues Video erhoffen lässt (siehe unten).

Wer sich für das regionale Rapschaffen interessiert, ist zudem gut beraten, am Donnerstag, 30. Januar, die Rapsendung Bounce auf SRF Virus zu hören – dann gibts dort nämlich eine grosse Basel-Cypher.

«08:15» von Ced & Krime ist erhältlich als Free-Download; «Lamputation» der Stressköpfe kann entweder über deren Facebook-Seite gekauft werden oder in den Basler Läden 4 Elements, ElchRecords Vinyl-Store und Ace Records sowie im Restaurant Farbklex Liestal.

«Wir warten, bis Lady Gaga was Falsches sagt!»

Joel Gernet am Freitag den 29. November 2013

Es ist frei! The bianca Story verschenken ab sofort ihr neues Album «Digger». Im Interview redet Bandleader Elia Rediger kurz vor der heutigen Plattentaufe in Basel über die neue CD, den Ideenklau eines internationalen Popstars – und über Maulwurfpfauen.

Premiere: Das brandneue Video von The bianca Story.

 

Es ist die Frucht knallharter Knochanarbeit: Heute Freitag veröffentlicht – und tauft – die Basler Artpop-Band The bianca Story ihr drittes Album «Digger». Um ihre Musik zu «befreien» hat sich das Quintett 90’000 Meter durch den Fels der Musikindustrie gepickelt und dabei via Crowdfunding stolze 90’000 Euro zusammengeschaufelt (wir berichteten). Seit heute ist das neue Album der Biancas also frei. Genauer: zur freien Verfügung für alle – erhältlich als Gratis-Download auf der Homepage der Band.

Und am Freitagabend, 29. November, wird «Digger» im Rossstall der Kaserne Basel getauft. Wir haben Frontmann Elia Rediger kurz vor der Rückkehr ans Rheinknie im Tourbus erreicht und mit ihm via Mail ein kleines aber feines Interview geführt.

Ab sofort im Umlauf: «Digger» von The bianca Story.

Ab sofort im Umlauf: «Digger» von The bianca Story.

Elia Rediger, was machst du gerade?
Ich sitze in dem schaukelnden Tourbus, auf dem Weg von Wiesbaden nach Basel! Mein Sitznachbar schläft (Anmerkung aus dem Off: unser neuer Gitarrist Jonas Wolf) und erholt sich von den Solos!

Wie ist die Tournee angelaufen? Gibts erste Höhe- oder Tiefpunkte zu vermelden?
Köln und Wiesbaden gestern waren ein wilder Auftakt mit vielen bekannten Gesichtern im Publikum! Das freut uns immer riesig! Und die neuen Songs von der Platte rutschen schon ziemlich gut Live…wohl auch, weil sie auf Tour geschrieben wurden. Ein Tiefpunkt war die Polizeikontrolle gestern in Köln, wir waren im Bus nicht alle angeschnallt. Aber Anna war dann ziemlich scharmant und schenkte ihnen eine CD…

Warum habt ihr Erfolg in Deutschland?
Weil wir mittlerweile ein sehr tolles und treues Publikum haben und sehr gerne live spielen.

Eure selbstbewusste Attitüde, der Wille zum Erfolg und die kompromisslose Art, alles auf die Karte Musik zu setzen ist ziemlich unschweizerisch, oder?
Wirklich? Ich fühl mich ziemlich schweizerisch…jodle auch gerne mal ab und zu. Aber die Band hält mich da zurück. Nun, das mit der Karte Musik hat sich ja auch erst entwickelt! Das passiert nicht über Nacht. Da wächst man rein!

Warum dieses Himmelfahrskommando?
Falsche Kompromisse sind wie lauwarmer Kaffee auf einer Autobahnraststätte.

Welcher Song auf dem neuen Album macht Dich besonders stolz?
Eine äusserst internationale Frage! Stolz scheint mir ja das Gegenteil von schweizerisch, um dir nochmals den Schweizer unter die Nase zu reiben! Meine Favoriten sind die Schweizer Songs wie «Glück Macht Einsam» und «You Sir».

Was war der schwierigste Moment während der Album-Produktion?
Ich glaube wir standen ziemlich unter Druck. Weil wir wenig Zeit hatten, war der Plan ziemlich streng geplant. Wahrscheinlich war das aber schlussendlich sogar hilfreich für die Songs!

Welches Tier wäre euer aktuelles Album, wenn ihr es im Zolli präsentieren müsstet?
Ein Maulwurfpfau! Gut im Graben, und versehen mit einem Glanz.

Du warst in Basel quasi ein Vorreiter des Bart-Hypes. Wäre es nicht an der Zeit, dass Du ihn nun als einer der Ersten wieder abwirfst?
Und mit den Haaren ein Kissen stopfen? Why not! Jetzt auf die kalten Wintertage… Aber mal ehrlich, mein Kopfschmuck geht ja doch hauptsächlich mich was an. Und ja, der Bart ist nicht angeklebt.

Das Konzept von Lady Gagas neuem Album «Artpop» hat sie ja eigentlich bei euch abgekupfert. Zieht ihr eine Klage in Betracht?
Ja, wir haben unsere Anwälte schon auf pickett! Wir warten nur noch, bis sie was Falsches sagt! Aber sie verhält sich ziemlich schlau!

Ihr habt schon in den legendären Londoner Abbye-Road-Studios aufgenommen, spielt in Deutschland in ausverkauften Häusern und werdet mit Tim Renner von einer der schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Musikbusiness gemanagt. Was würde euch wirklich noch aus den Socken hauen? Der ultimative Traum?
Der ultimative Traum? Ich würde gerne mit David Byrne mit einem Ghetto Blaster auf der Schulter durch den Jardin du Luxembourg spazieren… Ja, ich weiss unsere Chronik liest sich ziemlich süffig, aber ich glaube, wir stehen noch am Anfang von einem langen gemeinsamen Weg! Ich glaube, wir haben noch viele tolle Sachen vor uns! Zum Beispiel freue ich mich auf den Auftritt an der Deutsche Oper in Berlin mit der Platte «Digger» im nächsten Frühling.

Album: The bianca Story, Digger (Motor, 2013). Free Download.
Live: Fr. 29. November 2013, Rossstall, Kaserne Basel. Weitere Tourdaten.

Knallige Bilder zu düsteren Texten

Joel Gernet am Donnerstag den 22. August 2013

Laszive Damen, bewaffnet mit Spritzen, leicht bekleidetet und stark geschminkt. Gefesselte Körper, die unter Wasser treiben. Masken, Feuer, Rauch und mittendrin Rapper Tiz. Es sind skurrile Bilder, die uns der Basler im Vorab-Video seines ersten Albums serviert. Gesellschaftliche Abgründe, die durch überzeichnete, knallige Bilder mit einem Augenzwinkern kontrastiert werden. Der Beat mit seinen trockenen Drums und den obskuren Streicher-Samples unterstreicht die düstere Grundstimmung der Raps.

«Mir sinn Kinder, sinn verspielt und vielfältig.
Wärde erscht mit dr Zyt still und zwiespältig.
D Gsellschaft mit ihrem Leischtigsdruck
hett vo unsere Träum scho die meiste gschluckt.»

Die Zeilen aus der ersten Strophe des Songs bringen dessen Vibe auf den Punkt. Es ist der Titeltrack «Verloreni Kinder» des gleichnamigen Albums, das Ende Jahr erscheinen soll. Wenn man Tiz über seinen Erstling reden hört, dürfte es auf der CD im ähnlichen Stil weitergehen. Auf seinem Debut beschäftigt sich der 29-Jährige mit den Schattenseiten seines bewegten Lebens, geprägt von familiären Schicksalsschlägen, Schulden und dem Fall durch die Maschen der behördentlichen Auffangnetze.

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Inzwischen hat Tiz Tritt gefasst und steht mitten im Leben. Ein guter Zeitpunkt, um auf Albumlänge mit dem Geschehenen abzuschliessen und ein neues Kapital aufzuschlagen. Die ersten Mosaiksteine des kommenden Albums hat Tiz vor über zehn Jahren zurechtgelegt. Auf seinem Weg wird der Basler begleitet von Beatproduzent Simsalabim, der für die Soundunterlagen auf «Verloreni Kinder» verantwortlich ist – abgesehen von zwei Tom-Keenig-Beats. Die Scratches liefert DJ Ill-Stylez.

Dass Tiz sein aufsehenerregendes Video bereits jetzt – gut ein Vierteljahr vor der geplanten Veröffentlichung – lanciert, ist kein Zufall: Wie bei vielen aus Eigeninitiative entstandenen Musikprojekten, fehlt auch hier das Geld zur standesgemässen Realisation. Zusammen mit einem Privatkonzert im Birds Eye Jazzclub am vergangenen Sonntag markiert das Video deshalb den Startschuss zur letzten Produktionsphase – in der man auf der Crowdfunding-Plattform WeMakeIt das nötige Geld für den letzten Schliff generieren will.

1097267_415141861928650_1440032534_oDas neue Video illustriert dabei auf ansehnliche Weise, was den Hörer erwartet. Abgedreht wurde der Kurzfilm innerhalb von zwei chaotischen Tagen – ohne jegliches Budget und mit viel Improvisation. In Anbetracht der Umstände kommt der Clip ziemlich amtlich daher. Verantwortlich dafür sind das Organisationstalent von Tiz’ Freundin Robyn Benz und der Enthusiasmus der beiden Filmer Lionel Wirz und Samuel Scherrer aus dem Hause Akt3.

Mit dem Vorab-Video zu «Verloreni Kinder» hat Tiz quasi über Nacht ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Ob und wann der 29-Jährige Rapper den Schlusspunkt unter sein bewegtes Albumprojekt setzen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Epischer Rap, passend zur arktischen Kälte

Joel Gernet am Freitag den 18. Januar 2013

Die Basler Rapszene beglückt uns heute gleich mit zwei Kollabo-Alben: Kush, Chilz und M-Skills wollen Schweizer Rap mit «Entwickligshilf» einen Tritt in den Allerwertesten versetzen – deren Tonträger wird kommende Woche im Rahmen der Videoclip-Première ausführlicher vorgestellt.

Hier geht es um den zweiten Basler Raprelease von heute: Das gemeinsamen Album von Einzelgänger und Kaotic Concrete. Passend zum aktuellen Wetter heisst deren Veröffentlichung «Antarctica», wobei der Titel vermutlich in erster Linie den düster gehaltenen Songs geschuldet ist. Diese kommen dem ersten Eindruck nach ziemlich episch und bombastisch daher – textlich und musikalisch. Insofern bietet der frisch geleakte Album-Track «Reach For The Stars» mit Slaine (La Coka Nostra, NYC) und Amadeus The Stampede einen guten Vorgeschmack…

Neben LCN-Söldner Slaine haben die beiden mit Sabac Red (Non Phixion) eine weitere Harcore-Rap-Koriphäe aus New York für ihr Album gewinnen können. Gespittet wird auf «Antarctica» hauptsächlich in zwei Sprachen: Der jung und hungrig wirkende Einzelgänger rappt auf Baseldeutsch, Counterpart Kaotic Concrete überzeugt mit englischen Zeilen, wie sie in Basel nur Einer liefern kann. Das «Comeback» von Kaotic Koncrete erfreut Rapfans besonders, gehört der Basler mit Wurzeln in Boston doch seit den 90er-Jahren zur Rapszene am Rheinknie. Zuerst als Mitglied der englischsprachigen Crew Underclassmen (UCM) – und jetzt als schlagkräftiges Zugpferd bei Einzelgängers Label Poetica Fraterna.

Erhältlich ist «Antarcitica» von Einzelgänger & Kaotic Concrete – ebenso wie «Entwickligshilf» von Chilz, Kush & M-Skills – in den Basler HipHop-Geschäften 4Elements (Gerbergässlein) und Ace Records (Steinentorstrasse). Und auf iTunes.

Das Stehaufmännchen des Basler Rap

Joel Gernet am Donnerstag den 10. Januar 2013

Mit «Eva» bringt Rapper Abart sein drittes Solo-Album in Umlauf. Dass es sein bisher nachdenklichstes Werk ist, hat seinen Gund.

Es ist nicht einfach, über Kollegen zu schreiben. Vor allem, wenn sie der eigenen Rap-Crew angehören. Man könnte mir Filz und Beisshemmungen vorwerfen. Andererseits ist dies ein Blog, den wir aus Leidenschaft nebenbei betreiben und in dem wir uns subjektiv mit Sachen beschäftigen, die uns interessierten und die wir als relevant erachten. Und Abart ist relevant: Der TripleNine-Söldner gehört zu den produktivsten Rappern dieser Stadt und tickt seit Jahren konstant wie ein Uhrwerk – auch in Sachen Rapflow. Er war treibende Kraft hinter den drei FCB-Maischtertracks seiner Crew. Und in früheren Jahren stand er mit der Crew Taktpakt und als Backup-Rapper von Black Tiger auf den Bühnen dieses Landes.

Abart – Eva (TripleNine Records 2012).

Abart – Eva (TripleNine Records 2012).

Ende Dezember ist Abarts drittes Solo-Album «Eva» erschienen. Die ausschliesslich in digitaler Form vorliegende «CD» markiert so etwas wie die dunkle Seite des Mondes. Eine kühle, schattige Seite, bedeckt mit Asche und Tränen. Aber auch mit Freude, Liebe und Zuversicht. «Eva» ist ein emotionales Audio-Manifest, mit dem Abart alias Nico Jucker den Tod seiner Mutter, der dieses Album gewidmet ist, verarbeitet. Es ist Schlussstrich und Neubeginn, mit dessen Veröffentlichung der 34-Jährige neue Kräfte freisetzen will. Und wird.

Denn wenn Abart für etwas berüchtigt ist, dann für seine unerschöpfliche Energie, die ihn zum produktivsten Mitglied des Rapkollektivs TripleNine macht – ein stetig schnurrender Musik-Motor. «Eva» umfasst 13 Songs, von denen ein Grossteil ehrlicher und persönlicher daherkommen als dies bei Abart ohnehin schon der Fall ist. Hier landen die Hochs und Tiefs des Lebens direkt auf dem Textblatt. Seine grossmauligen Punchline-Raps hat er fürs TripleNine-Album aufgespart. Liebe und Tod, Hoffnung und Schmerz – auf seinem Drittling behandelt Abart Themen, mit denen sich jeder identifizieren kann. So kommt es, dass der Basler dieser Tage auch positives Feedback von 40-Jährigen Hörern erhält. Eine ungewohnte, aber angenehme Erfahrung für Abart.

Abart und DJ Johny Holiday.

Abart und DJ Johny Holiday.

Dessen drittes Solo-Album markiert den Anfang vom Ende – und umgekehrt. Es wird die letzte Veröffentlichung von Abart sein; gleichzeitig steigt aus Abarts Asche das neue Ich des 34-Jährigen empor. So beschrieben auf auf dem Vorabtrack «Wachküsst usem Schloof»: «Eva isch fertig, y bruuch kei Maske meh. Drum git’s nach däm Album au kei Abart meh. Denn kunnt Nico vom Nico mit em Nico druff. Bi nie meh uf dr Flucht, gib dr Schizo uff».

Dieses Album beschliesst einen Lebensabschnitt und weist mit seiner Jetzt-wird-alles-besser-Haltung den Weg in die Zukunft. Neben dem persönlichen Struggle manifestiert «Eva» aber auch Abarts ungebrochene Liebe für Rap. Dies zeigt sich insbesondere in den Songs, bei denen der Basler seine Mitstreiter ans Mikrophon bittet. Neben seinen TripleNine-Freunden Thierrey, Zitral und Jean Luc Saint Tropez, sind dies Silenus und Krime (Rapreflex) sowie Kid Bakabu, der den Song «Durchblick» mit einem einzigartigen Refrain veredelt.

Wenn ich jetzt das Haar in der Suppe suchen müsste, würde ich den auf Dauer halt doch etwas monotonen Rapflow von Abart bemängeln. Die fadengerade, unverschnörkelte Vortragsweise ist zwar eines von Abarts Markenzeichen, ich glaube aber, es würde seiner Musik gut tun, wenn der 34-Jährige punktuell seine Komfortzone verlassen und sich auf Rap-Experimente einlassen würde.

«Eva» ist seit dem 21. Dezember 2012 auf iTunes erhältlich. Dies nicht nur, um die Produktionskosten des in Eigenregie realisierten Albums möglichst tief zu halten, sondern auch, um die Kräfte für künftige Veröffentlichungen zu bündeln. Denn Abart wäre nicht Abart, hätte er nicht bereits mit den Arbeiten zum nächsten Album begonnen. Und dieses wird dann im besten Fall wieder die Sonnenseite des Mondes abdecken.

Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht

Joel Gernet am Mittwoch den 12. Dezember 2012

Aus Pyros Facebook-Timeline sprudeln dieser Tage mehr Hurra-Meldungen als Schaumbläschen aus einer frisch entkorkten Champagnerflasche. Der Basler Rapper hat auch allen Grund, die Korken knallen zu lassen. Die Veröffentlichung seines zweiten Solo-Albums «Schatteboxe» (VÖ: 07.12.12) läuft bis jetzt nämlich wie geschmiert: Das Feedback der Fans ist positiv bis überschwänglich, Airplay bei DRS 3, TV-Auftritt bei Joiz und ein fester Platz in den Top-Ten der Rapalbum-Charts auf iTunes. Und das alles völlig zu Recht.

Mit der Doppel-CD «Schatteboxe» unterstreicht Pyro, dass der berüchtigte Freestyle-Champ nicht ohne Grund zu Basels Vorzeigerappern zählt. Und er beweist, dass er seinem Album-Debut 2008 mit «Hoffnigsfungge» den richtigen Titel verpasste. Was der 31-Jährige in seinem jüngsten Werk liefert, ist nämlich so vielseitig wie überzeugend. Von rockigen Bangern wie dem Opener «Us em Schatte vo de Boxe» über Gutelaune-Tracks wie «Mach was d wotsch» oder Hühnerhaut-Songs wie «Dr Grund» (mit Danimaa) bis hin zu exotisch angehauchten Fernweh-Hymnen wie «I kumm zrugg» bietet Pyros Zweitling alles, was ein gutes Album ausmacht. Bei den beiden letztgenannten Songs beweist der Basler zudem, dass er auch ein Händchen für eingängige Refrains hat. Das kommt gut und sorgt lustigerweise dafür, dass die Vorabsingle «Radio» nicht der zwingendste Radio-Song auf dem Album ist.

Nicht nur deshalb, sondern auch wegen Pyros schön verständlich vorgetragenen Mundartraps und dem positiven Grundton, ist das Album auch für Musikfreunde ausserhalb des HipHop-Kosmos sehr gut zugänglich. Und dennoch ist «Schatteboxe» ein Rapalbum durch und durch, da darf Pyro ruhig mit breiter Brust drauf beharren. Dieses «nicht-das-typische-Rapalbum»-Gerede in Presstext und Interviews ist meiner Meinung nach völlig unnötig. Pyro ist Rap. Er macht Rap. Und dies richtig gut. Dass der Herr dabei stets über den Tellerrand der eigenen Szene blickt, macht seine Musik umso spannender.

Der Dubsteb-Remix des Songs «Zombie», in dem Pyro mit Ironie gierige Businessmänner und Politiker seziert, ist ebenso eine Bereicherung wie der Reggae-Remix von «Fühl mi guet». Insgesamt werden auf der Doppel-CD diverse Songs als Original- und Remix-Version präsentiert. Da können beim Hören schon einmal Luxusprobleme auftreten: So kann ich mich etwa bei der humorvollen Bombe «Mach was d wotsch» nicht entscheiden, welche Variante mir besser gefällt. Wenn ich Pyro wäre, würde ich an den Konzerten die Strophen jedenfalls auf beide Beats verteilen. Ein weiterer Höhepunkt ist der Song «Mi Tisch», auf dem der 31-Jährige seiner treuen Schreibunterlage huldigt und dabei in Sachen Wortwitz an deutsche Rapper wie Dendemann oder Blumentopf erinnert.

Humor ist ohnehin eines der prägenden Elemente dieses Albums. Daneben wären auch Selbstironie, Lebensfreude und eine Offenheit gegenüber allem und jedem zu nennen. Die Beats auf «Schatteboxe» werden von Funk-, Jazz- und Soul-Samples dominiert, die perfekt zu Pyros durchdachten Texten und Flows passen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie Tron (P-27), dessen Soundunterlagen selten so perfekt zu einem Rapper gepasst haben wie zu Pyro. Da haben sich zwei gefunden. Neben Tron haben PearlBeatz, Dr. Aux, Funky Notes und Sandro je einen Beat gebastelt für das 32 Songs umfassende Werk.

Wenn ich nun ein Haar in der Suppe suchen müsste, würde ich allenfalls die vielen Remixes bemängeln – immerhin bekommt man nicht weniger als neun Songs doppelt zu hören. Allerdings ist keiner davon schlecht gemacht. Was soll man dazu noch sagen?! Wenn das Album nur eine CD umfassen würde, hätte Grafiker Pyro die Silberscheiben zudem nicht als Boxen-Membran in den Ghettoblaster-Radio des CD-Artworks miteinbeziehen können. Die Gewinner von Pyros Spendierfreude sind die Hörer, die für wenig Geld viele gute Rapsongs geboten kriegen. Aber das ist der Rapper seinen Fans auch schuldig – schliesslich haben sie sein Album über die Crowfunding-Seite wemakeit mit fast 5000 Franken mitfinanziert. Als erstes Basler Rapalbum. Bleibt zu hoffen, dass auf den gelungenen Album-Zweitling nun viele Konzerte folgen – damit die ganze Schweiz mitbekommt, was für einen freshen Rapper Basel wieder am Start hat. Aus dem Schatten der Boxen ins Rampenlicht!

Pyro: Schatteboxe, erschienen am 07.12.12 via Rappartment.
Plattentaufe: Samstag, 5. Januar 2013, Kuppel Basel.