Archiv für die Kategorie ‘Releases’

Basler Rap für den Sommer

Joel Gernet am Freitag den 6. Juli 2012

Kann sich jemand erinnern, wann zum letzten Mal ein Solo-Album einer Basler Rapperin erschienen ist? Abgesehen von Sista Lins eben erschienenen Debut «Linguistic» natürlich. Höchste Zeit also, dass eine Dame am Rheinknie wieder einmal auf den Putz haut. Und Sista Lin kann das – erstens, weil sie zweifelsohne die nötigen Rapskills mitbringt und zweitens, weil sie Wut im Bauch hat und auf ihrem Album auch abgerechnet wird. Auf dem berührenden Song «Kriegsbeil» tut sie dies zum Beispiel mit ihrem Vater und auf Tracks wie «Queen» oder «Kollision» macht Sista Lin mit der schlecht rappenden Konkurrenz kurzen Prozess. Da gibts Zeilen zu hören, wie sie sonst von fast ausschliesslich von Typen gespuckt werden. Hier hätte Lin mit ihrer Stimme aber ruhig noch mehr Wut transportieren können. Diesen Beitrag weiterlesen »

«We Invented Paris» im exklusiven Remix

Joel Gernet am Freitag den 18. Mai 2012

Vor einem Jahr toure Flavian Graber, Sänger und Songwriter aus Liestal, mit seinem Indiepop-Kollektiv «We Invented Paris» quer durch Europa. In über 80 Konzerten und mit der «Iceberg EP» im Gepäck wurden die Herzen der wachsenden Fangemeinde zum schmelzen gebracht – in kleinen Clubs, auf der Strasse oder in Wohnzimmern. Inzwischen haben «We Invented Paris» Ende 2011 das gleichnamige Debutalbum veröffentlich und Dutzende Konzerte auf tendenziell immer grösseren Bühnen – etwa beim Basler Clubfestival BScene – sind dazugekommen.

Mit «Bubbletrees» erscheint heute die dritte Single-Auskopplung aus dem Album-Debut der selbsternannten Paris-Erfinder. Ein radiotauglicher Popsong ist es geworden, auf dem Flavian Grabers Stimme begleitet wird von Akustikgitarre, Piano, Schellenkranz, Beat und Akkordeon – zumindest in der Originalversion (siehe Video).

Elektronischer, geprägt von Synthietönen, Bongo-Trommeln und Glöcklein, kommt der Mama-Africa-Remix des Songs daher, den wir Euch an dieser Stelle exklusiv anbieten können. Hier könnt Ihr euch den Song anhören, den Gratis-Download gibts wie gewohnt per Click mit der Rechten Maustaste.

Flavian Graber (rechts), der Liestaler Kopf von «We Invented Paris».

Das nächste Konzert des Kollektivs gibt es am Samstag, 19. Mai in Mannheim (Maifeld Derby), das nächstgelegene gibts dann am 23. August am Summerstage-Festival in der Grün80 im Park im Grünen bei Münchenstein.

Plattfon Calling

Luca Bruno am Freitag den 20. April 2012

Argumente für Plattenläden gibt es ja eigentlich genug: Vinyl fühlt sich nun mal einfach besser an als eine MP3-Datei und der langjährige Plattenverkäufer des Vertrauens bietet die um einiges kompetentere Beratung als automatisch generierte «Kunden, welche diesen Artikel gekauft haben»-Skripte. Und doch entscheiden sich immer wie mehr Musikliebhaber für Mausklicks auf Spotify oder Amazon und gegen den Gang in den Plattenladen. Die Zahl letzterer nimmt dementsprechend von Jahr zu Jahr ab.

Diesem Trend entgegen setzen möchte der 2007 vom Amerikaner Chris Brown ins Leben gerufene «Record Store Day». An diesem Tag wird seither einmal jährlich die Art des Plattenladens zelebriert und in Zusammenarbeit mit unzähligen Künstlern, welche ihrerseits den Tag mit Veröffentlichungen von exklusiven Tracks in meist streng limitierter Auflage unterstützen, wird (erfolgreich) versucht, die Musikfans wieder zurück in den Plattenladen zu bringen. Anfänglich nur in den USA, ein Jahr später auch in England durchgeführt, erreicht der Record Store Day mittlerweile die ganze Welt.

Der Record Store Day 2012 findet morgen Samstag, am 21. April 2012 statt und dank dem Plattfon ist dieses Jahr auch Basel an den Feierlichkeiten mit beteiligt: Von 12:00 bis 18:00 bietet der Plattenladen an der Feldbergstrasse nebst dem einen oder anderen zukünftigen Sammlerstück auch DJs, Getränke und Sandwiches an. Wir nehmen das grosse Portemonnaie mit. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ungeschliffene Momentaufnahmen

Joel Gernet am Donnerstag den 2. Februar 2012

The Weekend Session im Panorama-Format. (Bild: Pascal Brun & Matthias Willi)

Wenn sich 26 Musiker diverser Basler Bands zur «Weekend Session» treffen, ist das eine grosse Sache. Nicht nur organisatorisch. Die Essenz dieses Gipfeltreffens erscheint nun gepresst auf zwei Vinylplatten. 26 Songs, entstanden innerhalb von vier Tagen im One Drop-Studio Kleinhüningen. Schlaglicht hat sich mit den Initianten Luc Montini, Gitarrist bei der Reggae-Band The Scrucialists, und Olivier Joliat, Drummer bei den Surf-Rockern Lombego Surfers, getroffen, um sich kurz vor der Plattentaufe am Freitag (Kaserne Basel) über den Wahnwitz eines solchen Projekts zu unterhalten.

Olivier Joliat. (Bild: Matthias Willi)

Olivier Joliat, zuerst die Aufnahmen mit zum Teil völlig verschiedenen 26 Musikern und jetzt die Plattentaufe. Das klingt nach einem halsbrecherischen Projekt.
Olivier Joliat: Uns sagte auch jeder, dass es unmöglich ist, ein Album in vier Tagen zu schreiben, aufzunehmen und zu mischen. Wir wussten selber nicht, ob das funktioniert und waren dann überrascht, wie gut das geht. Im Studio haben wir nicht gross nachgedacht, sondern einfach Musik gemacht.

Wie lief das ab? Da mussten ja Musiker, die sich zum Teil vorher nicht kannten, quasi auf Knopfdruck miteinander harmonieren.
Joliat: Das war vielleicht besser so – unter Bandkumpels können ja schon einmal die Fetzen fliegen (lacht). Es gab immer jemand, der eine Idee hatte. Etwa für einen Rocksong mit Dancehall-Beat. Oder einer spielt ein Gitarrenriff und die restlichen Musiker fügen dann ihren Teil dazu bei – eigentlich das klassische jamen. Irgendwann hat man dann genügend Ideen und setzt diese zu einem Song zusammen. Dann wird aufgenommen und jeder probiert, keinen Fehler zu machen. Schlussendlich ist es ja auch ein Handwerk. Vieles haben wir absichtlich ungeschliffen belassen, weil wir erstens keine Zeit hatten, jedes Detail auszufeilen, und es zweitens nicht das Ziel des Projekts war, Perfektion anzustreben.

Inzwischen hat sich Luc Montini dazu gesellt. Zusammen mit Oilvier Joliat gehört er zu den Initianten der «Dessert Session», deren Name eine Anlehnung an die legendären «Desert Sessions» ist, welche der Amerikaner Josh Homme (Queens Of The Stone Age) in den neunziger Jahren angerissen hatte. Für die zweite Ausgabe haben die Basler ihr Projekt nun in «Weekend Session» umbenannt.

Luc Montini. (Bild: Matthias Willi)

Luc Montini, bei der zweiten Session waren nicht nur zehn Nasen mehr dabei, auch Musikalisch wurde das Projekt breiter. War das euer Ziel?
Luc Montini: Das geschah bewusst. Denn bei der ersten Session war man sich einig, dass alle Beteiligten Stoner-Rock (auch Desert Rock genannt, Anm. d. Red.) toll finden, dementsprechend klang dann auch die Platte. Der Elektro-Produzent Thom Nagy war da ja bereits dabei. Dieses Mal dachten wir, dass es toll wäre, wenn die Instrumentalisten dann mit den «Elektronikern» zusammen Session machen. Das hat allerdings nicht geklappt, weil deren elektronische Geräte halt nicht gleich einfach zu bedienen waren. So kam es, dass die Elektro-Fraktion selbstständig an Sound tüftelte und wir dann deren Musik anreicherten. Statt Samples zu suchen, konnten sie einfach einen Musiker aufbieten – das war ziemlich cool.
Joliat: Die Grundidee ist gescheitert, dafür ist etwas anderes daraus entstanden. Es kommt immer wieder anders – und trotzdem gut.

Gab es Momente im Studio, in denen alles besonders gut zusammengepasst hat?
Montini: Die Initialzündung gab es am Freitagmorgen, nachdem am Abend zuvor funky gejamt wurde – ich bin gar kein Freund, dieser Art Musik zu machen (Gelächter). Am Freitagmorgen herrschte dann eine positive Aggression. Da hatten wir innert kürzester Zeit einen Basslauf. Daraus entstand dann innerhalb einer halben Stunde, zäckzäckzäck, «Alone And Out Of Bliss». Das war cool, vor allem, als mit dem Sänger Emmi Lichtenhahn sogar noch ein unerwarteter Gast auf dem Song landete.
Joliat: Er wollte eigentlich nur kurz vorbeischauen, um zu grillieren. Aber auch die Disco-Hymne «Dance With Us» wurde super. Dort hat der Produzent Emil Tiger im Studiogang heimlich den Gesang der drei probenden Ladies aufgenommen und daraus einen Beat gemacht. Die haben das nicht einmal bemerkt. Und wie das bei einer Disco-Hymne so ist, reicht dieser eine Satz als Message, um sieben Minuten durch zu tanzen.

Wie kam es eigentlich zu dieser Mammut-Session?
Montini: Die Ursprungsidee entstand vor Jahren in unserem alten Studio in Muttenz. Ich war der Meinung, dass ein Studio auch als Instrument genutzt werden kann. So wie die ganz grossen Bands früher, etwa Def Leppard, die sich für eine Album eineinhalb Jahre lang in einem Studio auf den Bahamas verschanzt haben, um Musik zu machen. Dass die Session sich über wenige Tage erstreckt, passiert in Anlehnung an die legendären Desert Sessions der ganzen US-Wüstenrockern. Aber weil wir nie Zeit hatten, dauerte es Jahre, bis wir diese Idee überhaupt umsetzen konnten.

Die Session fand im April statt. Warum erscheint die Platte erst jetzt?
Montini: Einerseits hatten wir alle viel zu tun. Andererseits war ich nach dieser Session ziemlich am Anschlag, Da brauchte es eine Zeit, bis sich das ganze Gesetzt hat.
Joliat: Zudem benötigten wir Zeit, um Geld aufzutreiben. Das Studio konnten wir zwar gratis nutzen, aber die Pressung und das Mastering kosten halt doch Geld – deshalb: danke Rockförderverein (lacht).

Warum erscheint die «Weekend Session» ausschliesslich auf Vinyl mit Download-Code?
Joliat: Das ganze ist aus Liebe zu Musik entstanden. Um diese Liebe wiederzugeben ist Vinyl einfach die schönere Form. Eine CD landet via Computer ja ohnehin auf dem Mp3-Player. Da kann man eben so gut einen Download-Code anbieten. Wegen der Fülle der Musik ist auch nicht mehr jeder Song auf der Platte, sondern nur eine Auswahl. Alle anderen gibts dann auch im Download. Auch für die Plattentaufe am Freitag haben wir selektioniert, um eine homogene Songabfolge zu haben. Das wird ein Querschnitt durch beide Sessions mit Schwerpunkt auf den neuen Sachen. Gerade, weil dieses Konzert wegen der Konstellation etwas einmaliges ist, fänden wir es schade, wenn wir einige Songs der Erstauflage nicht spielen würden – gewisse haben sich fast schon zum Klassiker gemausert.
Montini: Die Plattentaufe wird auf jeden Fall spannend, ein geordnetes Chaos. Es dürfte interessant werden, zu sehen, wie die Musiker wechseln und der Sound dennoch ähnlich bleibt. Zwei Stunden rocken!

Wer sich einstimmen will, kann sich einzelne Weekend-Sessions Songs auf Soundcloud anhören. Wer live via Webcam an der Bandprobe dabei sein möchte, kann sich heute Donnerstag ab ca. 12 Uhr unter diesem Link zuschalten.

Plattentaufe: The Weekend Session, Freitag, 3. Februar 2012, Kaserne Basel. Doors: 21 Uhr. Afterparty mit Weekend Session DJ-Team.

Diese Köpfe ticken anders – zum Glück

Joel Gernet am Freitag den 25. November 2011

Elf Rapper und ein DJ – plus Gäste. Auf der Bühne des Sommercasinos dürfte es eng werden am Samstagabend. Das Basler Rap-Konglomerat K.W.A.T. tauft mit «Dopamin» nach diversen Gratis-Releases und Solo-Projekten das erste richtige Crew-Album. Die Taufe ist ebenso überfällig, wie es die Veröffentlichung der CD Ende August war.

K.W.A.T. – auch bekannt als Köpf Wo Andrs Tikke – bereichert seit rund fünf Jahren die Basler Rapszene mit kompromisslosem, strassenorientiertem Battlerap. Testosteron-geschwängertem Männerrap. Auch vor dem Zusammenschluss waren die K.W.A.T.-Köpfe nicht untätig, sondern jahrelang in Crews wie Dunkelziffer (Basel), Rapreflex (Gelterkinden) oder als Solo-Artist unterwegs. Mit «Dopamin» wurde nun diese geballte Ladung Erfahrung und Können erstmals zu einem Bezahlangebot zusammengestellt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Getting the band back together

Luca Bruno am Freitag den 21. Oktober 2011

Die besten Comebacks kommen ja meist unverhofft und so war es zum einen eine ziemliche Überraschung, zum anderen aber auch einfach nur sehr erfreulich, als vor ein paar Tagen der Presse-Newsletter mit der Ankündigung eines neuen Shilf-Albums die Runde machte. Nach einer siebenjährigen Veröffentlichungspause, erscheint nächsten Monat nun also «Walter», das neue Album von Shilf. Nach dem Sprung haben wir «Play it Safe», die Single des Albums, im Stream und die Band verrät uns ausserdem, wieso ihr Comeback eigentlich gar kein Comeback ist. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kein Grund für Entschuldigungen – Zu Besuch bei Sheila She Loves You

Luca Bruno am Mittwoch den 19. Oktober 2011

This is where the magic happens... Sheila She Loves You: Tobija Stuker, Alain Meyer, Matthias Gusset, David Blum, Joachim Setlik (v.l.n.r.)

Im März 2010 erschien «Esztergom», das Debütalbum der Basler Band Sheila She Loves You. Ein Album mit zehn grösstenteils unbeschwerten Hits, welche sich durch erfrischende Jugendlichkeit und Ohrwurmpotenzial auszeichneten. Ein kurzer Blick auf den Konzertkalender der Band beweist, dass die Formkurve der Band seither stark nach oben zeigt: Im Sommer hatte die Band Auftritte sowohl am Paléo Festival, als auch am Openair St. Gallen und auch die Bühnen der BScene und des JKFs wurden während den letzten 18 Monaten abgeklappert. Kein Wunder also, ist die Indiepop-Band derzeit im Rennen um den Basler Pop-Preis, zu dem es auch ein BaZ-Voting gibt.

Wie wir bereits an der diesjährigen BScene festgestellt haben, spielt das Quintett an seinen Konzerten zahlreiche neue Songs, welche wiederum einige neue Facetten der Band zeigen. Und so arbeiten die Fünf seit geraumer Zeit nun auch im Bandraum und im Studio daran, diese neuen Songs für ein neues Album einzuspielen. «Sorry», das zweite Sheila She Loves You-Album, wird voraussichtlich im nächsten Frühjahr erscheinen, was für uns Grund genug war, die Band in ihrem Proberaum zu besuchen und uns nach dem Stand ihrer Arbeiten zu erkundigen.

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Bombastische Beats, durchzogene Raps

Joel Gernet am Freitag den 23. September 2011

Nach dem Release-Reigen im Februar geht es in den letzten Wochen wieder richtig rund im Basler Rap: Fünf viel versprechende Veröffentlichungen von jungen, aufstrebenden Künstlern. Genauer: von Beat-Produzentin PearlBeatz, dem Rapkollektiv K.W.A.T. sowie von den Solo-Künstlern Rudee und Dirty D. Dieser Beitrag befasst sich allerdings ausschliesslich mit dem Debut von Pearl, welche mit «The Album» doch tatsächlich das erste (!) Schweizer Beat-Produzentinnen-Album vorlegt (meines Wissens). Die nicht minder erwähnenswerten Veröffentlichungen des Herrenclubs werden zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle besprochen.

Nun also zu PearlBeatz, die heute Abend zusammen mit Rudee im Sommercasino ihre Platte tauft. Wer wegen des süssen Namens der 25-Jährigen und ihrem optisch vorteilhaft in Szene gesetzten Äusseren ein Kuschelrap-Album erwartet, hat sich mächtig geschnitten. Zum Glück. Die Beats von Pearl sind nämlich vorwiegend knallharte Bretter mit epischer Grundstimmung, dominiert von Samples und Klassischen Instrumenten. Kein Wunder: Zu ihren Vorbildern zählt die Produzentin u.a. Hardcore-Rapper wie Vinnie Paz aus Philadelphia oder den New Yorker Psycho-Rapper R.A. The Rugged Man. Diesen Beitrag weiterlesen »

Don't give me fucking Mehrheitsfähig!

Joel Gernet am Donnerstag den 12. Mai 2011


Um ein Haar wäre es nicht soweit gekommen – aber heute erscheint mit «Remember me Naked» das neue Album von Blood of Gold. Und am Abend wird das taufrische, zweite Album der Basler Band in der Kaserne getauft. Ein grosser Tag also für das Quintett um Tausendsassa Baschi Hausmann und Sängerin Martina Böhler – beide auch bekannt als Frontmann, beziehungsweise Frontfrau, von Fucking Beautiful, quasi dem bösen grossen Bruder von Blood of Gold. Aber dazu später. Zuerst wollen wir natürlich wissen, warum uns das zweite Album der Goldblüter beinahe vorenthalten worden wäre.

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Von Hoffnungsträgern und Möchtegern-Stars

Joel Gernet am Mittwoch den 23. Februar 2011

Nicht weniger als vier Rap-Alben aus der Region erscheinen diesen Februar. Das ist beachtlich, zeichnet sich die Rapregion Basel doch – trotz reichlich vorhandenem Talent – dadurch aus, dass es viele Rapper nicht auf die Reihe kriegen, ihre Kreativität auf einem Tonträger zu bündeln. Umso erfreulicher also der Release-Reigen von Rapbau, Kush, Ay-Cut und L-Montana. Und einer schwingt dabei weit oben aus: Kush mit seinem lang erwarteten Debut-Album «Karisma» (veröffentlicht am 4. Februar).

Schon im Intro – auf dem er von Sänger Baschi unterstützt wird (ja, der Baschi) – macht Kush klar, was den Hörer erwartet: «Das isch e Album zwüsche Vernunft und Unvernunft, zwüsche Geduld und Ungeduld. (…) Das isch s puure Läbe, Liebi und Hass uff Beats, zwüsche sensibel syy oder aggressiv,» rappt der 23-jährige Basler. Dass er ungeduldig und aggressiv sein kann, bewies der junge Kush vor rund fünf Jahren, als er in einem Internet-Song lauthals seinen Unmut darüber äusserte, dass er nicht am Basler-Allstar-Rapkonzert «Basel, dä Jam isch für di» in der Kaserne auftreten konnte. Damals war Kush noch weit davon entfernt, ein guter, anerkannter Rapper zu sein. Was aber schon vor einer halben Dekade nicht zu überhören war: Der Junge ist hungrig, emotional, und er hat Ehrgeiz.

Genau diese Eigenschaften machen Kush heute zu einem der komplettesten Rapper, die Basel zu bieten hat. Seine direkten und oft von Wut geprägten Texte zeichnen Kush noch heute aus. Dazugekommen ist, dass er seine Raptechnik massiv weiterentwickelt hat, und dass er sich nun auf seinem Debut-Album nicht scheut, sehr Persönliches preiszugeben. Auf dem zweiten Track «Läbenswäg» etwa schildert Kush, dass er ein jähzorniges Problemkind war, das in der Schule gemobbt wurde und erst im Fussball Bestätigung fand. Er erzählt, wie er auf bestem Weg zu einer Fussballerkarriere war – bis er sein Bein brach, anfing Gras zu rauchen und durch die Strassen zog. Schon alleine wegen diesem Song mit einem Klavierbeat, der unter die Haut geht, lohnt sich der Kauf des Albums. Mit «Dies und das» geht es gleich fulminant weiter: Über die bitterböse Sound-Unterlage von Jakebeatz spuckt Kush Strassen-Poesie, wie man sie von ihm gewohnt ist. Nur besser. Das ist Musik fürs Autoradio.

Auch was in den weiteren 19 (!) Tracks folgt, hat es in sich: Kush offenbart persönliche Abgründe und kehrt sein Innerstes nach Aussen. Er rappt über Zukunftszweifel, über die konsumgeile «Generation Millenium», über Drogen, Bullenstress, Frauen und – natürlich – übers Party machen. Eine der ganz grossen Stärken des Albums ist der Mut von Kush, neue Wege zu beschreiten und über Beats zu rappen, über die man ihn früher so nie gehört hätte. Bestes Beispiel dafür ist der Song «Ich red dir Muet zueh», in dem der 23-Jährige seinen Kopf-hoch-Text über einen poppigen Pianobeat rappt, unterstützt von der Sängerin Stephifresh (zu dem Song soll es bald ein Video geben).

Federführend bei der Entstehung von «Karisma» war Jakebeatz, ein Basler Beat-Produzent, Rapper und Betreiber des Labels PW-Records. Ihm, der die meisten Album-Beats produziert hat, ist es zu verdanken, dass wir heute ein Kush-Album in den Händen halten, das man getrost als Meisterwerk bezeichnen kann. Jake hat Kush während rund drei Jahren unterstützt, mit erstklassigen Beats versorgt und zu musikalischen Experimenten ermuntert. Seine Soundunterlagen passen perfekt zu Kushs brachialen Rapstil. Da haben sich zwei gefunden. Vor über zehn Jahren war Jake mitverantwortlich für die ersten Erfolge des Basler Rappers Mory, der später als Griot von sich reden machte. Nach drei gemeinsamen CDs gingen die beiden aber getrennte Wege. Nun hat Jakebeatz also einen neuen Rapper gefunden, der wie geschaffen ist für seine Beats. Bleibt zu hoffen, dass das Dreamteam Kush/Jake auch in Zukunft zusammen unterwegs ist. Und dass sie mit «Karisma» den Erfolg haben werden, der ihnen zweifelsohne zusteht. Das Kush-Album beinhaltet übrigens eine Bonus-DVD mit dem preisgekrönten Kurzfilm «Störfaktor» von Manuel Widemann, in dem Kush die Hauptrolle verkörpert – ein toller Film… erinnert irgendwie an «La Haine».

Während die Musik von Kush direkt aus dem Bauch kommt und den Hörer mitten in die Magengrube trifft, entstammen die Texte bei Rapbau eher der Kopfregion. Kopfschüsse sozusagen. Die zweite CD «3πR» des Basler Trios erschien am 2. Februar und beinhaltet philosophische Ergüsse («Was blybt»), eine reggae-geschwängerte Hommage an Basel («Summer in dr Stadt») und viel funky Gesellschaftskritik. Zum Beispiel auf «Schöni neui Wält», wo es heisst: «Scho elei will si vorgitt, was wohr sig, hett d Struktur immer vor dr Moral Vortritt. (…) Bisch e Produkt vom globale Märt und gisch e Figg uf unseri lokale Wärt.» Zeitweise wirken die Texte der Rapper Otaku und Trigger MC etwas zu verkopft. Und an manchen Textstellen wären etwas weniger Silben der Verständlichkeit – und dem Rapflow – zuträglich gewesen. Die Sample-lastigen Beats von Produzent MR. L.I.M.E. wurden über weite Strecken mit E-Gitarre und E-Bass, aber auch mit Saxophon oder Klarinette angereichert. Sie könnten aber – wie die Raps – mehr Durchschlagskraft vertragen. Mit «3πR» liefert Rapbau eine solide EP ab – mit Luft nach oben.

Am 25. Februar erscheint mit «Feel It» das Produzenten-Album des Arlesheimer Beat-Bastlers Ay-Cut. Einen Namen gemacht hat sich der 22-Jährige mit türkischen Wurzeln als Beatlieferant diverser Rapper aus der Region, mit der CD «Breathe It» – und als Breakdancer der ABCrew. Mit «Feel It» beweist Ay-Cut, dass er ein Versprechen ist für die Zukunft.

Einen Clubbanger wie «Whatever» zu schrauben, bereitet ihm eben so wenig Mühe, wie das Arrangieren melancholischer Pianobeats – etwa der Titeltrack «Feel it» – oder düsterer Beatbretter wie «Heyo». Von den Gästen hinter dem Mikrophon sind vor allem Krime (Rapreflex) und Contrast (DKZ, K.W.A.T.) hevorzuheben, die auf einem Grossteil der 18 Songs zu hören sind. Auch Chilz und Manoo (der Regisseur von «Störfaktor») mit ihren überdeutlich betonten Raps fallen positiv auf. Inhaltlich bewegen sich die meisten Songtexte im Themengebiet Party- und Battlerap, was auf Dauer etwas langweilig wird. Solche Ergüsse ist man sich sonst eher von (Gratis-)Mixtapes gewohnt. Hier hätte Produzent Ay-Cut dafür sorgen sollen, dass das Album einen roten Faden hat – zumindest teilweise. Weitere Gäste auf «Feel It» sind u.a. Zehir, Abart (TripleNine), R. Hood, DJ Steel (Makale), Double M und Mumi. Auch Kush ist auf zwei Songs zu hören – an der Seite von seinem DKZ- und K.W.A.T.-Kollegen Contrast. Wer sich einen Überblick über das regionale Rapgeschehen abseits der etablierten Namen verschaffen will, ist mit «Feel It» gut bedient. Hier einer der Album-Tracks…

Kommen wir zum letzten Raprelease aus der Region diesen Monat. Wie Ay-Cut veröffentlicht auch der Pratteler Rapper L-Montana am 25. Februar sein Album «Bald e Star». «Ein junger Rapper mit albanischen Wurzeln will nach oben, ganz nach oben. L-Montana ist heute noch ein Strassenkind und morgen schon greift er nach den Sternen und ist ein Star,» heisst es im Pressetext. Die Album-Songs, die ich vorab erhalten habe, hinterlassen aber einen zwielichtigen Eindruck. Ebenso das Video zum Titeltrack. Die Musik ist zwar durchgehend gut produziert (federführend war Soundkolonee-Produzent D.Digital), L-Montanas Flow ist aber teilweise noch etwas holprig. Darüber kann man noch hinwegsehen – schliesslich rappt der Herr noch keine vier Jahre.

Was aber extrem stört, ist das – textlich und visuell – völlig ironiefreie Wiederkäuen von Rapklischees, wie man sie aus US-Videos kennt: Uninspirierte Texte, dicke Schlitten und ein Mädel mit dicken… Hupen. Auch hier wieder: Das Video ist technisch einwandfrei, ja sogar überdurchschnittlich gemacht, aber inhaltlich ist die Ich-bin-der-Macker-und-die-Chicks-stehen-auf-mich-Schiene sowas von abgelutscht. Da hat L-Montana seinen Album-Titel «Bald e Star» wohl etwas zu ernst genommen. Dabei würde man dem Rapper, der durchaus auch mal ein Lächeln zeigt, den Erfolg ja gerne wünschen, möchte dieser doch nun mit Musik und nicht wie früher mit Gewalt- und Drogengeschichten von sich reden machen.

Beim Durchhören des ganzen Albums bestätigt sich dann der erste Eindruck: Geboten wird dem Hörer hauptsächlich altbewährte Gangsterrap-Kost. Drogengeschichten, Selbstbeweihräucherung und Luxusgüter dominieren die Texte – «Ghettomentalität mit Niveau» nennt das L-Montana, der im Pratteler Längi-Quartier aufgewachsen ist. Ob es seinen «Kunden» gefällt, dass er beschreibt, wie er das Koks streckt, das er auf den Strassen vertickt? Positiv hervorzuheben sind die Gastparts des Zürchers Mo3ta, der mit seinen arabischen Raps bisher immer zu überzeugen wusste, und der Berliner Rapschnauze Bass Sultan Hengzt.

Abschliessend kann festgestellt werden, dass die Alben von L-Montana und Kush ähnliche Ansätze haben. Beide berichten vom Strassenleben und den damit verbundenen Problemen. Während Kush aber sehr selbstkritisch zur Sache geht und viel Persönliches offenbart, also auch «Schwächen» zeigt, beschränkt sich L-Montana auf Übertreibungen und Angebereien – ein bewährtes Stilmittel des Genres. Klar, wer wie L-Montana neu auf der Bildfläche erscheint, muss auf den Putz hauen, um sich erstmals zu behaupten. Dennoch hätten ein, zwei nachdenklichere, persönlichere Songs (Ansätze sind auf dem Album vorhanden) mehr auf «Bald e Star» gut getan. So bleibt der Eindruck, dass einer zu schnell zu viel will. Aber wer weiss, vor ein paar Jahren hätte auch noch niemand gedacht, dass der Berliner Bushido mit seinem Sound zum erfolgreichsten deutschen Rapper ever wird.

Kush – Karisma (PW-Records), erhältlich ab 4. Februar 2011 u.a. im 4Elements-Store an der Heuwaage, via Rappartment.ch oder direkt auf iTunes.

Ay-Cut – Feel It (Golden-Musix), erhältlich ab 25. Februar 2011 u.a. bei 4Elements oder auf hiphopstore.ch.

Rapbau – 3πR, erhältlich ab 2. Februar u.a. bei Rocksi oder iTunes. Plattentaufe: Fr. 1. April, 24h, am BScene-Festival im Volkshaus Basel (mit Samoon & Open Mindet, Makale)

L-Montana – Bald e Star (Dramatic Soul), erhältlich ab 25. Februar