Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Brachial und dreckig – Zu Besuch bei Navel

Joel Gernet am Mittwoch den 9. Februar 2011


Seit dem 4. Februar ist das neue Navel-Album im Umlauf. Diesen Freitag wird «Neo Noir» in der Kaserne Basel getauft. Bei den Kritikern kommt der Zweitling der Basler Rockband mit Wurzeln in Erschwil (SO) bisher sehr gut an: «Ein Koloss mit blutunterlaufenen Augen, dem man vom ersten Ton an eine Liebeserklärung machen will», schreibt etwa die Thurgauer Zeitung. Solche Kritiken freuen natürlich auch Navel-Drummer Steve Valentin, der sich durch das positive Feedback in seinem Gefühl bestätigt sieht (siehe Video): «Das neue Album ist besser, als der Vorgänger Frozen Souls.» Weniger vertrackt sei es, dafür düsterer, brachialer und dreckiger vom Sound her – «einfach Rock halt».

Nicht immer stand es so positiv um den neuen Tonträger des Trios um Frontmann Jari Altermatt: Vor rund einem Jahr musste Navel einen herben Rückschlag hinnehmen – das Berliner Label der Band ging pleite und man sass auf einer vollendeten CD, die nicht veröffentlicht werden konnte. Da nützten auch der wenige Wochen zuvor erhaltene erste Basler Pop-Preis und die damit verbundenen 15’000 Franken wenig. «Zuerst wussten wir gar nicht, wie´s weitergeht», erinnert sich Steve Valentin. Vom ursprünglichen Album seien rund 40 Prozent der Musik geblieben, der Rest entstand in den letzten Monaten.

Nun – noch bevor das neuste Baby getauft ist – denkt Navel bereits über eine neue CD nach. «Unser Ziel ist, dass wir keine drei Jahre mehr brauchen bis zur nächsten Platte», erklärt Valentin. Vorerst aber will er mit Navel so viele Konzerte wie möglich spielen – auch, damit genügend Geld reinkommt und man neben der Musik keinem Job mehr nachgehen muss. «Denn das macht viel kaputt im kreativen Prozess – ich kann nicht gleichzeitig arbeiten und Musik machen.» Ist sein Ziel, von der Musik zu leben, denn greifbar? «Jaja, für mich immer, irgendwie», grummelt Valentin, «ich bin ein ziemlich naiver Mensch».

In Deutschland war Navel bereits eine Woche mit «Neo Noir» unterwegs. Dass nach der Plattentaufe vom 11. Februar weitere Konzerte im Ausland – und am besten natürlich der internationale Durchbruch – folgen, darauf hofft die Band. Immerhin war sie 2007 bereits als Vorgruppe der Queens Of The Stone Age unterwegs und 2009 spielte das Trio am renommierten «South by Southwest»-Festival in Austin und in New York.

Eine ausführliche CD-Kritik zur Navels «Neo Noir» gibt es in der BaZ von Donnerstag.

Nichts für die kalte Jahreszeit

Luca Bruno am Dienstag den 8. Februar 2011


Laura Veirs‘ aktuelles Album «July Flame» erschien zwar letzten Januar, ihre unprätentiösen Folksongs sollte man jedoch, wie uns bereits der Titel des Albums verrät, viel besser im Juli hören. Und auch die Vorgängeralben – seit 1999 sind sieben Alben der Singer/Songwriterin aus Portland erschienen – sind mit ihrem warmen, countryesquen Sound am Besten im Sommer aufgehoben.

Auf «July Flame» steuert My Morning Jacket-Sänger Jim James auf mehreren Songs die Harmonien bei und Colin Meloy, Sänger der Decemberists, bezeichnete das Album gar als sein Lieblingsalbum von 2010. Während Veirs in Folkmusik-Kreisen also ein hohes Ansehen geniesst, blieb ihr der grosse Durchbruch bislang jedoch verwehrt. Zwar würde es nie jemand wagen, ein schlechtes Wort über die warmen Melodien ihrer Songs zu verlieren. Doch auch für so exzellente Alben wie «Carbon Glaciers» (2004) oder «Year Of Meteors» (2005) bleibt es am Ende dann doch beim «7 von 10 Punkten»-Review. Laura Veirs‘ Musik sei zwar «schön», kommt jedoch mit zu wenig Kanten daher, heisst es dann meistens.

Aber wie so oft trügt der erste Blick und sobald man ein wenig genauer hinhört, wird man mit Zeilen wie «I can smell the smoke from your fire, Babe, but I’ll leave you alone and sleep in this lonely cave» konfrontiert. Ziemlich schnell wird klar, dass sich Veirs vor Kanten also keineswegs scheut. Tiefgründige Probleme werden angesprochen. Laura Veirs macht sich jedoch einen Spass daraus, diese in liebliche Melodien zu verpacken. Die Fassade bröckelt und urplötzlich eignet sich «July Flame» doch auch für Wintermonate.

Aber auch wenn Veirs gerne über Gefühle singt, die irgendwo Schiffbruch erlitten haben und auf ihren Pressefotos einen leicht schrulligen Eindruck hinterlässt, haben wir es hier nicht mit einer Einzelgängerin zu tun. Nicht nur tritt sie diesen Mittwoch, dem 9. Februar 2011, im Parterre mit Begleitband auf, im Song «Little Deschutes» singt sie schliesslich auch «I want nothing more than to float with you / I want nothing more than to dance with you». Ab und zu lohnt es sich dann eben auch, ein drittes Mal hinzuschauen.

Laura Veirs, mit Band: Diesen Mittwochabend (9. Februar) Live im Parterre. Beginn: 20:00.

Ein furzendes Fagott und das fiese Moll

karen gerig am Montag den 7. Februar 2011

Kammerorchester, das sagt dem Kind noch nicht viel. Joseph Haydn kennt es auch nicht, Mozart oder Beethoven hätte es mit Musik verbinden können. Jürg Kienberger wiederum – Nein. Musikclown ist da schon eher ein Stichwort, das zu reizen vermag. Und auf gehts, in die Kaserne, ans Ohrenrauschen, wo Musikclown Jürg Kienberger zusammen mit dem Kammerorchester Basel Haydns «Abschiedssinfonie» vertont, die 45. Sinfonie im «fiesen Moll», so Kienbergers kindgerechte Übersetzung. Und weiter wird kalauert: «Ein Haydn-Spass!»

Jürg Kienberger, vor den noch leeren Stühlen des Kammerorchesters.

Kienberger, bekannt aus Inszenierungen Christoph Marthalers, spielt Klavier und Glasharfe, und selbst einer Bierflasche entlockt er den passenden Ton. Dazu singt der Lockenkopf mit den roten Ohren mit «Engelsstimme», schmettert auch den einen oder anderen Schlager, der zum Thema Abschied passt. Doch immer alles vor dem Hintergrund der klassischen Musik, vor der «Abschiedssinfonie», die das Kammerorchester vorträgt.

Die Vermittlung von klassischer Musik an Kinder, das gibts nicht allzu oft, zumindest nicht in konzertanter Form. Popkonzerte für Kinder stehen häufiger auf dem Programm der Veranstalter, mit Künstlern wie Linard Bardill, Andrew Bond oder Marius und seiner Jagdkapelle, die die Kinder auf andere Art und Weise an die Musik heranführen. Das Basler Sinfonieorchester bietet die mini.musik an – inszenierte Konzerte für Kindergartenkinder mit Musik von Barock, Klassik über die Romantik bis hin zur Moderne. Ein überschaubarer Rahmen soll es den Kindern ermöglichen, jedes Instrument für sich kennenzulernen. Die Kinder sind ausserdem zum Mitmachen eingeladen. Die mini.musik verfolgt damit klar einen pädagogischen Anspruch und wendet sich deshalb auch direkt an die Kindergärten.

Das «Ohrenrauschen»-Konzert in der Kaserne am Sonntagvormittag hingegen war als Unterhaltung für Gross und Klein angedacht. Und unterhalten wurde das Publikum in der proppenvollen Reithalle, auch wenn vielleicht manch ein Kind sich mehr Clown und weniger reine Musikpassagen gewünscht hätte. Und etwas pädagogischer Effekt war dann doch dabei: Zwar kannte das Kind nach dem Konzert Haydn noch immer nicht, aber es wusste immerhin, was ein Kammerorchester ist. Und dass ein Fagott auch furzen kann.

Konzerte im Hinterhof

Luca Bruno am Mittwoch den 26. Januar 2011

Felix Bossel, Betreiber des 1. STOCKs in Münchenstein, behauptete vor ein paar Wochen, dass kulturell wirklich spannende Sachen oftmals an der Peripherie entstehen. Er behält weiterhin Recht. Für gute Konzerte im Raum Basel setzt man sich nämlich noch immer am besten in die Tramlinie 10 und fährt Richtung Münchenstein. Neuerdings kann man allerdings bereits ein paar Tramstationen früher aussteigen.

Vor einem Jahr liess sich die Hinterhof Bar am Soon-to-be-Kulturhotspot Dreispitz nieder, und während man sich im ersten Jahr dort hauptsächlich der elektronischen Tanzmusik fürs Wochenende verschrieben hatte, dürfen wir mit einem Blick aufs aktuelle Programm nun erfreut feststellen, dass man im neuen Jahr vermehrt auf Livekonzerte setzen möchte. Möglich gemacht hat das ein grosszügiger Umbau über die Jahreswende, bei welchem unter anderem eine grössere Bühne entstanden ist. Unsere Befürchtung, dass uns in Basel die Konzertbühnen ausgehen, scheint sich also doch nicht zu bewahrheiten.

Besonders das Wochenende vom 4. und 5. März gilt es rot im Kalender zu markieren. Am 4. März wird uns Hendrik Weber alias Pantha du Prince, dessen Album «Black Noise» eines der grossen Highlights von 2010 war, mit seinem Minimal Techno beehren, und nur einen Tag später erwartet uns die dänische Folk-/Post-Rock-Truppe Efterklang, die ja bereits letztes Jahr im 1. Stock begeisterten. Vor dem Konzert von Efterklang wird uns die Band ausserdem ihren Film «An Island» zeigen, der letzten August in Zusammenarbeit mit «La Blogothèque»-Gründer Vincent Moon entstanden ist. Konzert und Screening in einem also.

Die Konzertsaison im Hinterhof startet allerdings bereits heute. Das belgische Duo My TV Is Dead macht den Anfang, und Bands wie Soulwax, dEUS oder Ghinzu beweisen ja schon seit Jahren, dass «Belgien» ein Qualitätslabel für gute Popmusik ist.

My TV Is Dead: Diesen Mittwochabend (26. Januar) Live im Hinterhof. Bar ab 20:00, Beginn: 21:30.

Bühnenboykott gegen böse Buben?

Joel Gernet am Dienstag den 18. Januar 2011

Dass es am Wochenende beim Basler Konzert der deutschen Rapper Fard und Haftbefehl zu mehreren Schlägereien kam, verwundert kaum jemanden. Nicht einmal die Veranstalter: «Wir wussten, dass auch Schlägertypen ins Volkshaus kommen und waren vorbereitet», sagt Organisator Cem gegenüber Schlaglicht. Rund 700 Rapfans, die meisten davon knapp volljährige junge Männer, feierten am Samstag die aufstrebenden deutschen Rapper mit iranischen (Fard), beziehungsweise kurdischen (Haftbefehl) Wurzeln. Ihre Texte spiegeln das Leben in Deutschlands Problembezirken, wo Kriminalität und Perspektivlosigkeit zum Alltag gehören. Dementsprechend handeln die Songs der beiden nicht selten von Problemen mir der Polizei, Gewalt und den «Gesetzen der Strasse». Aber auch von Hoffnung und der Möglichkeit, «es» zu schaffen. Das ist Strassenrap, von einigen auch Gangsterrap genannt. Provokation und Überhöhung sind hier ein zentrales Stilmittel – und eine der Hauptursachen für Missverständnisse.

Gut gelaunt: Das Publikum beim Basler Konzert-Von Haftbefehl. (Foto: 4 Zero Ent.)

Dass es unter Leuten, die auf diese Ausprägung der Rapmusik stehen, zu Scharmützeln kommt, scheint bei einigen (wenigen) in diesem Kreis zum guten Ton zu gehören: Rap ist das Ventil für den angesammelten Frust. Und wenn man selbst kein Rapper ist, muss die Energie halt anders raus. Authentizität, Ehre und Loyalität sind die Werte, die Zählen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Kein Wunder also, dass Konzerte wie jenes von Fard und Haftbefehl, zu einem Macho-Treffen mit Testosteron-geschwängertem Ambiente werden. Aber warum hat es ausgerechnet dieses Wochenende geknallt? Die Volkshaus-Konzerte des deutschen Strassenrap-Pioniers Azad und der Haudegen von Automatikk verliefen 2010 ohne nennenswerte Zwischenfälle.

«Über die Hälfte der Besucher kam von Auswärts, das war bisher nicht so», versucht Organisator Cem zu erklären. Er ist aber selber etwas ratlos. Beim nächsten Mal, überlege man sich zweimal, wen man buche. «Zwei Gangsterrapper von diesem Kaliber werden wir bestimmt nicht mehr holen – das schadet dem Image von HipHop», findet Cem, der in Basel auch als Rapper Zehir bekannt ist. Das fünfte Konzert hat seiner Organisation «4 Zero Entertainment» zwar den bisher mit Abstand grössten Zuschaueraufmarsch beschert, und einen Gewinn, glücklich ist der Basler dennoch nicht. Er wisse nicht, ob sich bei diesem Stress der Aufwand gelohnt habe. «Wir machen das für die Jugendlichen, wenn diese das nicht schätzen, hören wir auf.»

Cem wäre nicht der erste Konzertorganisator, der keine Strassenrapper mehr auftreten lässt. In der französischen Schweiz verzichten viele Veranstalter seit längerem auf Konzerte mit einschlägigen Rappern aus Frankreich (das Deutschland in Sachen Strassenrap ein paar Jahre voraus ist), weil diese ein gewaltbereites Publikum anziehen – oft aus dem Ausland. Und auch im Basler Konzertlokal Sommercasino ist man seit einer Schlägerei am Konzert des deutschen Strassenrappers Farid Bang im April 2010 vorsichtig geworden, wie die Zuständigen gegenüber Schlaglicht erklären.

So inszeniert sich Haftbefehl für sein aktuelles Album.

Doch ist ein Strassenrap-Boykott die richtige Lösung? Ich finde nicht. Man darf nicht vergessen, dass am Fard und Haftbefehl-Konzert im Volkshaus rund 700 Konzertbesucher den Auftritt ihrer Helden friedlich feierten, während sich eine Hand voll Trottel die Köpfe einschlug (und vor die Tür gestellt wurde – wo die Auseinandersetzung weiterging). Über die Inhalte des Strassenrap kann – und soll – man sich streiten, aber auch diese Ausdrucksform hat ihre Daseinsberechtigung als Sprachrohr und Ventil tausender junger, unterprivilegierter Menschen, deren Stimmen sonst ungehört bleiben. Schon mancher Bad-Boy hat sich dichtend zu einem vernünftigen, seriösen Mann entwickelt. Der Bann von der Bühne wäre wohl eher kontaproduktiv, viele würden so in ihrer Anti-Haltung bestärkt.

Natürlich müssen sich aber auch diejenigen Rapper, welche durch Gewalt und Kriminalität verherrlichende Texte auffallen, überlegen, ob es auf Dauer erfüllend ist, eine meist unbefriedigende, destruktive Lebensweise zu predigen. Wenn man frisch «von der Strasse kommt» und nichts anderes kennt, ok. Aber wer nach langjähriger Rapkarriere inklusive Lebenswandel noch immer die gleichen Themen beackert (wie z.B. Bushido), gehört auf das Abstellgleis. Man kann gespannt sein, wohin sich Fard und Haftbefehl, die am Anfang ihrer Karriere stehen, entwickeln.

Lo-Fi im Parterre

Luca Bruno am Dienstag den 11. Januar 2011
James Legeres

James Legeres

Real Estate, Times New Viking oder Wavves. Nur einige Beispiele aus den letzten 3 Jahren, die beweisen, dass «Lo-Fi » wieder voll im Trend liegt. Schliesslich braucht es für eine gute Platte in erster Linie gute Melodien und für solche reicht auch ein Vierspurrekorder aus. Vergangenen Samstag waren im proppenvollen Parterre mit James Legeres und The Golden gleich zwei Basler «Lo-Fi»-Hoffnungen am Start.

Alain Meyer alias The Golden ist hauptberuflich Gitarrist von Sheila She Loves You. 2008 gewann das Quartett den Sprungbrett-Contest, letztes Jahr veröffentlichten sie mit «Esztergom» ihr vielgelobtes Debütalbum und generell gelten sie als eine der grösseren Pophoffnungen der Stadt. Auf seinem Seitenprojekt The Golden schlägt Meyer jedoch viel ruhigere Töne als seine Hauptband an. So erinnern die Aufnahmen auf seiner selbstveröffentlichen EP «Hidden Mouth» an Sufjan Stevens oder Elliott Smith. An Konzerten tritt The Golden allerdings als komplette Band auf. So wird Meyer von einer Gitarristin und 2 Mitgliedern seiner Hauptband unterstützt.

Live klingen The Golden daher vielleicht nicht mehr ganz so «Lo-Fi» wie auf ihren Aufnahmen, an Authentizität mangelt es jedoch nicht. Herzerwärmenden Zeilen wie «Lay your light in my eyes, you’re all i want to see» mögen auf Papier vielleicht kitschig klingen, wenn man der Band jedoch dabei zuschauen kann, mit wie viel Spielfreude und Charme sie ihre Songs darbieten, erkennt man schnell, wie viel Wertschätzung sie jeder einzelnen Minute ihres Auftritts entgegenbringen. Alain Meyer sagt selbst, dass die relativ seltenen Liveauftritte als The Golden dazu führen, dass er jedes Konzert als etwas ganz Besonderes ansieht. Man merkt es.

Auch James Legeres, die Headliner des Abends, setzen konsequent auf eine «Lo-Fi»-Ästhetik. Und auch für James Legeres ist «Lo-Fi» nicht etwa ein Ausweg, sondern eine bewusste Wahl. Eine Wahl, die sie mit Freude zelebrieren. Drummer Tobias Koch mimt in der Mitte des Sets den Alleinunterhalter und zaubert aus ein paar simplen Keyboard-Presets einen grossartigen Popsong. Man wähnt sich urplötzlich auf einem Kreuzfahrtschiff oder auf einen High School-Abschlussball irgendwo in der US-amerikanischen Provinz. Szenen, wie man sie eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt.

James Legeres‘ Musik ist abwechslungsreich, kreativ und kommt mit sehr viel Charme daher. In ihrem Auftritt finden sich ähnlich viele Ideen wieder, wie auf einer Guided By Voices-Platte. Doch wo Robert Pollard wusste, dass seine Ideen meist nur für zwei Minuten reichen, verpassen es James Legeres einige Male, am richtigen Zeitpunkt die Pointe zu setzen. Das Konzert zieht sich unnötig in die Länge und wird gegen Ende so zu einer Ausdauerübung. Für ein nächstes Konzert wäre es also zu hoffen, dass James Legeres nicht nur ihre Klangästhetik, sondern auch die eigene Setlist minimal halten würden.

The bianca Story zu Hause

Luca Bruno am Samstag den 8. Januar 2011


Seit kurzem ist «Coming Home», die brandneue Single von The bianca Story erhältlich. Zur Taufe dieses Songs veranstaltete die Band nun gestern Abend genau das, was der Titel des Songs vermuten lässt: Ein Homecoming-Konzert im Rossstall der Kaserne Basel.

Auf angesprochener neuen Single, welche die Band ihrem verstorbenen Förderer Nigel Paul Day gewidmet hat, präsentieren sich The bianca Story verletzlich und intim. Im dazugehörigen Video schimmert echte Melancholie durch den «Pop-Art»-Vorhang der Band. Umso enttäuschender ist es also, dass sich die Band gestern Abend als komplett austauschbar präsentierte.

Vor 3 Jahren fragte die deutsche Zeitschrift Musikexpress im Review zu ihrem Debütalbum «Hi Society!», ob man aufstrebenden Bands im Jahr 2008 eigentlich noch einen Gefallen tut, wenn man sie mit Bands wie den Strokes oder Franz Ferdinand vergleicht. Drei Jahre später gilt es ernüchternd festzustellen, dass The bianca Story auch weiterhin nichts gegen diese Vergleiche unternehmen. Sänger Elia Rediger hat seinen Alex Kapranos zwar vor längerer Zeit abgelegt, die Post-Punk-Gitarren, die an die Revialwelle von Mitte letzter Dekade erinnern, sind allerdings immer noch da und klingen weiterhin überholt.

Seit den letzten Personalwechseln sitzt nun Lorenz Hunziker, vormals bei Mañana, hinter dem Schlagzeug von The bianca Story. Zweifelsohne eine willkommene Addition zur Band. Er ist es nämlich auch, der sich während der ersten Hälfte des Konzertes allergrösste Mühe gibt, mit seinem druckvollen Schlagzeugspiel den Songs mehr Leben einzuhauchen. Als er gegen Mitte des Sets jedoch zu Höchstform aufläuft, wird er unnötigerweise ans elektronische Schlagzeug verbannt. Getaucht in rotes Licht versuchen The bianca Story nun, mit einem ruhigen Stück Intimität aufzubauen. Sie scheitern. Nur eines von vielen Beispielen, mit denen The bianca Story den Spannungsaufbau ihres eigenen Konzertes sabotieren.

So spielen sie auch ihren Hit «Tick Tack» in einer leicht veränderten Version, welche die Originalversion des Songs nicht verbessert. In der Bridge des Songs tauchen aus dem Nichts knackige «Dance-punk»-Gitarren auf, und für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass die Band nun gleich The Raptures «House Of Jealous Lovers» Tribut zollen wird, aber schon 5 Sekunden später hat sich der Song wieder in sich selbst verloren und wird unter Keyboardflächen zerdrückt.

Die Call-and-Response-Einlagen, die seit Jahren zu einem festen Bestandteil von Konzerten der Band gehören, werden auch dieses Mal wieder euphorisch aufgenommen und gegen Ende des Konzertes gibt es im Rossstall sogar den einen oder anderen Crowdsurfer wahrzunehmen. Die Band hat ihr Publikum ohne Zweifel im Griff und zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass sich die Band auf der Bühne nicht wohlfühlt. Es gibt absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Band auf der Bühne möglichst vielseitig zeigen will, der gestrige Abend hat jedoch gezeigt, dass The bianca Story es zu vielen Recht machen wollen. Anstatt sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen, kratzt man immer noch an zu vielen verschiedenen Oberflächen.

So ist es umso verwunderlicher, wenn die Band im letzten Song des Abends «We are living for a brand new vision» proklamiert. Von welcher Vision die Band da spricht, ist nämlich weiterhin nicht nachvollziehbar.

Rückblick #8: Zeitunglesen auf dem Trottoir und verdiente Kultur

schlaglicht am Sonntag den 2. Januar 2011

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Marlon McNeill vom Hirscheneck-Kollektiv und Booker hat sein Necessaire verloren und wiedergefunden und wünscht sich wieder mehr Hausbesetzungen.

Marlon McNeill, Hirscheneck-Booker (Foto Donata Ettlin)

Marlon McNeill, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Das Jahr ist noch nicht mal vorbei und ich erinnere mich jetzt schon fast nicht mehr an 2010. Bedenklich? Vielleicht, aber es passiert immer so viel und der Blick nach vorne ist spannender als der Blick zurück. Im Rückspiegel sehe ich jedoch das Des Ark-Konzert mit Band, Sleepy Time Gorilla Museum im Hirscheneck und die Backstageparty mit Spectrum. Und der Typ, der mitten auf dem Trottoir schlief und der, als ich ihn fragte was er da mache, antwortete: Zeitung lesen. Was für ein Bild. Manchmal ist die Strasse die beste Bühne.

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?
Christoph Blochers Gesicht im Kulturteil der BaZ. Noch schlimmer, dass dazu ein Text von ihm abgedruckt war. Noch noch schlimmer ist, dass er hier erneut erwähnt wird. Da fällt mir aber ein, frei nach Böser Bub Eugen: Nei Christoph nei es git kei Basler Zyytig, nei Christoph nei, höchschtens en Ohrfiige.

Was haben Sie verpasst?
Basquiat, Matthew Barney, Napalm Death (dafür The Fall und Bobby Conn gesehen), Das Racist, Des Ark unplugged.

Haben Sie etwas vermisst?
Auf der Combineharvester Tour im Juli hab ich mein Necessaire in Budapest liegen gelassen. Das, kurz nachdem ich daran dachte, wie lange ich dieses Necessaire schon mit mir herum trage, bestimmt seit ich zehn bin. Ein bisschen vermisst hab ich es dann schon, als es weg war. Es wurde mir netterweise etwa einen Monat später nachgesandt. Zusammen mit einer Hautcreme, die ich nicht reingetan hab.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Ich wünsche mir, dass den Leuten bewusst wird, dass ihre Stadt diejenige Kultur kriegt, die sie machen. Wer zu wenig Indie kriegt, macht zu wenig Indie. Wer zu wenig Metal-Konzerte besuchen kann, macht zu wenig Metal-Konzerte. Wer bloss jammert, dass zu wenig passiert, bewegt gar nichts. Ausser mein Gemüt – ein bisschen.
Diese Kritik geht nicht an die Menschen, die sich tagein, tagaus den Arsch aufreissen und Künstler und Bands in diese Stadt holen und sie an Orten auftreten lassen, die jenseits von Mainstream, Subventionen und Kulturleitbild stehen. Sie ist an jene adressiert, die nicht müde werden zu jammern, dass in dieser Stadt nichts läuft. Klar wäre es schön, wenn wieder mehr Konzerte im Joggeli stattfinden würden, und es ist auch gut, dass Iron Maiden demnächst da spielen, aber es passiert eben auch sehr viel im Untergrund. Es gibt Wochen, da weiss ich bald nicht wohin, weil so viel läuft. Veranstaltungen, die nicht in den Veranstaltungskalendern auftauchen, die aber trotzdem keine Privatanlässe sind und die mit viel Herzblut durchgeführt werden. Die nicht bloss aus idealistischer Sicht spannend sind, sondern sich auch qualitativ auf hohem Niveau abspielen.
In diesem Zusammenhang ist es auch ein schlechtes Zeichen der Stadtverwaltung, zukünftig das Wildplakatieren mit bis zu 10’000 Franken zu büssen (diese Information wurde kürzlich an die Veranstalter Basels geschickt mit der Unterschrift von Dr. Roger Reinauer und Thomas Kessler). Diese Massnahme gibt zu verstehen, dass DIY- und Untergrundkultur, die auch das Fundament der Hochkultur ist, nicht anerkannt werden. Das Argument, dass die Wildplakatiererei labile Menschen dazu verleiten könne, sich unschicklich zu benehmen, wie z.B. an nicht dazu vorgesehenen Orten zu urinieren, ist doch sehr an den Haaren herbeigezogen und hat vielleicht mehr mit baulichen Gegebenheiten zu tun, als dass da ein A3-Schwarz-Weiss-Plakat klebt, welches für ein Konzert in irgendeinem Keller oder einer Bar oder besetztem Haus wirbt.
À propos. Ich wünsche mir, dass wieder mehr Häuser besetzt werden. Sei es auch bloss für eine Nacht, wie kürzlich abseits des Medienradars geschehen. Möglicherweise weil die Party friedlich von statten ging?
Lange Rede kurzer Sinn: Egal ob Sam Keller oder der Punk von nebenan dahinter steht: die Menschen machen Kultur. Die Menschen sind Kultur. Und Kultur wird nicht auf dem Tablett serviert.

Es folgt noch ein Jahresrückblick mit Galerist Stefan von Bartha.

Bereits erschienen: Angelo Gallina, Guy Morin, Thomas Jenny, Smash 137, Sam Keller, Tobit Schäfer, Carena Schlewitt.

Rückblick #3: Studio-Umzug vs. BaZ-Hysterie

schlaglicht am Dienstag den 28. Dezember 2010

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Thomas Jenny, Chef von Radio X, musste bei der Frage nach dem Highlight des Jahres nicht lange überlegen.

Thomas Jenny, Leiter von Radio X, im neuen Studio. Foto Lucian Hunziker

Thomas Jenny, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Die Eröffnung des neuen Studios von Radio X auf dem Dreispitz am 30. September 2010 – die eingelöste Utopie einer würdigen Plattform für ein aussergewöhnliches Medium mit 180 Freiwilligen und der grössten Musik- und Sprachenvielfalt der Region.

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?
Der Verkauf der Basler Zeitung an Tito Tettamanti ohne Gegenwehr im Februar und die Hysterie um einen Blocher-Auftrag im Herbst.

Was haben Sie verpasst?
Viele viele Filme und Konzerte, da Studiofinanzierung und -bau mich ganz in Beschlag nahmen.

Haben Sie etwas vermisst?
Entsprechend einige elektrifizierende Livemomente.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Mehr Mut. Mehr Witz. Mehr Liebe.

Es folgen unter anderem noch kulturelle Jahresrückblicke mit Sam Keller (Fondation Beyeler), Graffiti-Künstler Smash 137, Carena Schlewitt (Kaserne), Tobit Schäfer (Rockförderverein) und Galerist Stefan von Bartha.

Bereits erschienen: Angelo Gallina, Guy Morin.

«Es geht um Wertschätzung der Jugendkultur»

gastautor am Donnerstag den 23. Dezember 2010

Jugendkultur gehört ins Kulturleitbild. Diese Forderung haben diese Woche die Organisationen Basler Freizeitaktion (BFA), imagine/terre des hommes schweiz, infoklick.ch, Kulturkick, Neubasel und Jugendkulturfestival Basel (JKF) formuliert. Sie haben sich dazu entschlossen, eine Vernehmlassungsantwort zum Entwurf des Kulturleitbildes des Kantons Basel-Stadt (hier nachzulesen) zu verfassen. Sebastian Kölliker* vom JKF formuliert in folgendem Gastbeitrag für die Schlaglicht-LeserInnen Gründe und Ziele der Forderung.

Kultur lockt die Massen, wie hier an einem Konzert am Jugendkulturfestival 2009. (Foto Dominik Plüss)

81 Seiten umfasst der Entwurf des Kulturleitbildes für den Kanton Basel-Stadt. Jugendkultur ist darin kein Thema. Das wäre aber notwendig. Am besten in einem separaten Kapitel, um ihre Bedeutung für Basel zu würdigen. Denn Jugendkultur ist spartenübergreifend, voller Potenzial, und sie gestaltet die Stadt nachhaltig wie auch in kurzfristigen Aktionen.

Blättert man durch den Entwurf des Kulturleitbildes Basel-Stadt, trifft man vor allem auf Vorhaben zur Förderung von Grossprojekten und etablierter Kultur. Dass diese wichtig sind, ist gut. Sie brauchen aber ein Gegenstück, damit sie wirklich leben können. Die Jugendkultur.

*Sebastian Kölliker studiert an der Universität Basel Philosophie und Wirtschaft und ist im Vorstand des Rockfördervereins der Region Basel (RFV) und des Jugendkulturfestivals Basel (JKF) aktiv. Zudem engagiert er sich im Komitee Kulturstadt Jetzt.

Die im Entwurf des Kulturleitbildes beschriebenen Massnahmen in vielen Bereichen (wie z.B. Film oder Tanz und Theater) sowie deren Potenziale zielen auf Aktivitäten, die bereits etabliert sind und hohen Ansprüchen genügen müssen. Zusätzlich sollte Förderung aber niederschwellig beginnen, um so ein Fundament zu schaffen.

Nicht nur aus finanziellem Aspekt ist es wichtig, die Jugendkultur in das Kulturleitbild einzubinden. Es geht vor allem um Akzeptanz, Wertschätzung und die Frage, was man in dieser Stadt zulässt. Zur für die Jugendkultur sehr wichtigen Zwischennutzung und zu kulturellem Freiraum werden leider keine Aussagen gemacht. Man kann nicht ausser Acht lassen, dass der grösste kulturelle Freiraum des Kantons, das nt/Areal, schon bald in dieser Form nicht mehr zur Verfügung steht. Es braucht hier keinen Plan des Kantons, aber eine Zusage des Zulassens und Förderns von Freiräumen.

Die Jugend ist Teil der Gesellschaft und so sollte sie auch Teil der Kulturförderung sein. Jugendkultur kann wachsen und macht Nischen lebendig, reagiert schnell, nimmt schnell auf, gibt schnell wieder und kann aus wenig viel machen. Jugendkultur setzt Trends, ist Motor für Veränderungen und entwickelt Neues. Nicht zuletzt reflektiert sie unsere Gesellschaft kritisch und prägt auch den öffentlichen Raum in zunehmendem Masse.

Die Regierung muss sich unbedingt den Auftrag geben, Jugendkultur sowohl finanziell wie auch in der Frage der Akzeptanz, Wertschätzung und der Wahrnehmung in der Gesellschaft zu unterstützen.

Und ja, die Jugend darf dieses Einbinden in ein Kulturleitbild Scheisse finden. Eben, sie ist das Gegenstück.

Der Inhalt von Gastbeiträgen deckt sich nicht zwingend mit der Meinung der Schlaglicht-Redaktion. Die Gastautoren sind in ihrer Meinung und ihren Formulierungen frei.