Archiv für die Kategorie ‘Kunst’

Hinterhof Offspace: Tetrix-Module für bewegliche Kunst

karen gerig am Montag den 21. März 2011

Ausstellung? Wer sich aktuell in den Hinterhof Offspace begibt, der wird sich eher in einer Werkstatt wähnen als in einem Ausstellungsraum. Eric Andersen, schweizerisch-dänischer Plakatkünstler, hat nicht nur Plakate mitgebracht, sondern stellt sie hier gleich her. Zu Dutzenden hängen sie an Wäscheleinen von der Decke, immer dasselbe Motiv, mit immer anderen Fehlern – weil beim Siebdruck gar nichts anderes möglich ist. «Genau das ist es, was mir daran gefällt», sagt Andersen. «Es ist nicht wie beim Offsetdruck, wo entweder alles perfekt aussieht oder beabsichtigt Flecken produziert werden, die dann bei jeder Kopie an derselben Stelle sitzen. Beim Siebdruck ist jedes Plakat ein Unikat – trotz des seriellen Gedankens.»

Martin Stollenwerk und Eric Andersen (r.) am Handdrucktisch im Hinterhof. (Foto Dirk Wetzel)

Dass Eric Andersen seinen Handdrucktisch in den Hinterhof Offspace verlegt hat, hat seinen Grund. In wenigen Wochen wird er zusammen mit dem Fotografen Martin Stollenwerk nach New York reisen, um die hier hergestellten, vom Dadaismus inspirierten Plakate in einer Druckerei mit Texten zu versehen. Und weil bis dahin die Zeit drängt, wurde die geplante Ausstellung kurzerhand zur Work-in-Progress umfunktioniert. Für den Besucher wirds so noch spannender: Schliesslich kann man nicht nur zugucken oder aber die fertigen Werke betrachten, sondern auch gleich mit dem Künstler plaudern, wenn man Fragen hat.

Eingeladen hat den in Zürich tätigen Künstler Johannes Willi – die Plakate Andersens waren ihm in Zürich öfters aufgefallen, dann hat er ihn zufällig kennengelernt. Zusammen mit Thomas Keller und Philippe Hersberger betreibt Willi den Hinterhof Offspace. Die drei bestimmen, wer dort ausstellt, allerdings nicht nach festen Kriterien – ausser einem: «Uns muss überzeugen, was jemand macht», sagen sie. Es müssen auch nicht zwingend bildende Künstler sein.

Thomas Keller (l.) und Johannes Willi vom Hinterhof Offspace-Team. (Foto Dirk Wetzel)

Die aktuelle Ausstellung ist nach einer Gruppenschau Anfang Jahr erst die zweite in diesem 200 Quadratmeter grossen Raum, den die Betreiber mittels mehrerer Bausteine, die an ein Tetrix-Spiel erinnern, unterschiedlich gestalten und einteilen können. «Jeder Künstler kann so den passenden Rahmen für seine Werke schaffen», erklärt Thomas Keller. Wem die Module zu kleinteilig sind, der baut daraus einen grossen Würfel oder eine Wand. Eric Andersen hat einen Raum im Raum gebaut, mit Nischen und kleinen Ablageflächen. So grenzt sich ein kleiner Ausstellungsraum, der die Entstehung seiner Plakate zeigt, von der Werkstatt daneben ab.

«Wir wollen, dass dieser Raum lebt», sagt Willi. Dazu gehört die Beweglichkeit der Infrastruktur genauso wie das, was darin gezeigt wird. Das Team wählt in diesem Sinne auch die Künstler und Künstlerinnen für Ausstellungen aus. «Wir sehen uns nicht als Galerie, die einfach Bilder an die Wände hängt», sagt Willi. Das zeigt die aktuelle Ausstellung klar, und auch die erste Schau war so konzipiert: Damals arbeitete beispielsweise Mañana-Sänger Manuel Bürkli an neuen Songs. Ins Konzept passt auch, dass die Ausstellung jeweils abends geöffnet ist, während des Barbetriebs. «So kommen einige Leute hier rein, die sonst vielleicht nicht kommen würden. Die Hemmschwelle ist um einiges weniger hoch, vor allem wenn man vielleicht schon ein, zwei Bier getrunken hat», erzählt Keller. «So entstehen vielfältige Arten von Kontakten.»

Ende Jahr soll die Lagerhalle, die den Hinterhof beherbergt, abgerissen werden. Zwar hoffen die Initianten, dass dieser Termin sich verzögert, doch «dieses Datum zwingt uns auch, uns jetzt so richtig reinzuhängen», sagt Willi. Und so wird weiter nach passenden Künstlern gesucht, geplant und fleissig von Ausstellung zu Ausstellung umgebaut – wenn nötig gar mit der tatkräftigen Unterstützung der Eltern. Und wenn denn tatsächlich Schluss sein sollte Ende Jahr, dann sucht man sich für das Projekt einen neuen Ort. Soviel scheint schon man sicher.

Herausgepickt: Konrad Witz und das Ende des mittelalterlichen Goldgrunds

karen gerig am Donnerstag den 10. März 2011

Konrad Witz: Joachim und Anna an der Goldenen Pforte.

Konrad Witz lebte am Anfang des
15. Jahrhunderts. Als er das Licht der Welt erblickte, malten die Maler ihre religiösen Motive auf goldenen Grund. Was seit dem
4. Jahrhundert Tradition hatte, war einigen Niederländern zu jener Zeit aber nicht modern genug. Jan van Eyck, Robert Campin und Rogier van der Weyden begannen damit, die Heiligen in profane Umgebungen zu betten. Ein neuer Stil, der auch den in Basel lebenden Konrad Witz erfasste. Wenn auch nicht sofort.

Da sind die Aussenseiten des Basler Heilsspiegelaltars, entstanden im Jahr 1435: Ecclesia, Synagoge und Co. sind dort in einzelnen Räumen eines Hauses dargestellt, eine schmucklose Architektur aus Stein und wenig Holz. Durch das Fenster im Raum des Heiligen Augustinus erblickt man etwas Landschaft, die Zinnen einer Burg mittendrin. Innendrin im Altar werden jedoch alle Personen noch vor Goldgrund abgebildet.

Zwei Jahre später malte Konrad Witz Joachim und Anna, die Eltern Mariens, an der Goldenen Pforte. Witz malt, wie so viele Maler vor ihm, das Ehepaar in jenem Moment, wo Joachim von seinem 40-tägigen Bussgang in die Wüste zurückkehrt und seine Frau vor der Pforte des Jerusalemer Tempels zärtlich begrüsst. In die Wüste hatte er sich zurückgezogen, so erzählt die Legende, weil seine Ehe kinderlos geblieben war und ein Hohepriester die Kinderlosigkeit als göttliche Missgunst gedeutet hatte. In der Wüste wurde ihm von einem Engel die Geburt eines Kindes angekündigt. Nach seiner Rückkehr wird das Kind geboren und auf den Namen Maria getauft.

Witz bringt in der Darstellung dieses Moments die neuartige realistische Architekturdarstellung mit dem althergebrachten Goldgrund in einem einzigen Bild zusammen: rechts eingeritztes Brokatmuster auf Goldgrund, links die Pforte – ein Mauerwerk, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und wohl eine der schäbigsten Goldenen Pforten der Kunstgeschichte. Risse ziehen sich über die Wände, die Steine sind mit Moos bewachsen. Ein Schlagbaum wurde derart schlecht ans Tor angebracht, dass der Stein gespalten wurde. Und wer genau hinschaut, findet sicher noch eine Spinnwebe in einer Ecke. Genauso realistisch hat Witz den Boden gemalt, auf dem das Ehepaar Anna und Joachim steht. Im Hintergrund spiegelt sich die Mauer in einer Pfütze, davor liegen Kieselsteine verstreut auf dem Weg, und mit kleinen Blumen durchwachsene Grasbüschel brechen durch die festgetretene Oberfläche des Wegs. Dabei ist es Witz aber wohl nicht (nur) um eine möglichst naturgetreue Darstellung gegangen: Der ausgetrocknete Weg und die Pfütze dahinter sowie das spriessende Gras dürften eine Anspielung auf Annas vorangegangene Unfruchtbarkeit und ihre wundersame Empfängnis des Kindes Maria sein. Witz vermischte so gekonnt den neugeborenen naturalistischen Stil mit der altehrwürdigen Symbolik, und schuf so ein wunderbares Werk an der Schwelle zu einer neuen Epoche der Kunstgeschichte.

Die Ausstellung «Konrad Witz» im Kunstmuseum Basel läuft noch bis zum 3. Juli. Das Bild «Joachim und Anna an der Goldenen Pforte» ist im Besitz des Kunstmuseums und kann auch nach Ende der Ausstellung noch betrachtet werden.

«Nach dem Mauerfall ist Graffiti explodiert in Berlin»

Joel Gernet am Freitag den 4. März 2011

Was für Basel die kunterbunte Bahnhofseinfahrt, ist für Graffiti-Deutschland Berlin. Wenn nicht für Europa. Seit vielen Jahren gilt die deutsche Hauptstadt als eine der führenden Graffiti-Städte weltweit. Und das nicht nur wegen der farbenfrohen, detaillierten Graffitis im legalen Rahmen, sondern – vor allem – auch wegen den plakativen, dreisten und oft brachialen illegalen Werken der Street- und Trainbomber.

Trainwriter in BerlinUnd genau um diese «Zug-Bomber» geht es im Berliner Dokumentarfilm «Unlike U – Trainwriting in Berlin», der heute Freitag, 4. März, im kult.kino.club gezeigt wird – und zwar um 23 Uhr, wie sich das für nachtaktive Wesen gehört. Das «Bomben» hat im Graffiti-Kontext selbstverständlich nichts mit Al-Quaida-Attentaten wie in Madrid oder London zu tun, auch wenn sich die verschärften Sicherheitsmassnahmen rund um Bahnhöfe und Abstellgleise auch auf die Eisenbahnfreunde in der Graffitiszene auswirken, wie sich im Film zeigt: Da werden Überwachungskameras und Bahnarbeiter ausgetrickst, Absperrungen aufgebrochen und Fahr- sowie Lagepläne bis ins letzte Detail analysiert. Das war nicht immer so: «Wir haben damals Parties gefeiert in den Zugdepots», erinnert sich Wesp, der seit 1988 ungefragt Züge lackiert.

Dass in «Unlike U» über zwei Dutzend Berliner Sprayer in ausführlichen – zum Teil sehr persönlichen – Interviews über ihr Hobby ausserhalb jeglicher gesellschaftlicher Regeln reden, ist die grosse Stärke des Films. Es sind diese Einblicke, die «Unlike U» unterscheiden von den vielen anderen Filmen über illegales Graffiti, in denen eine Bombing-Aktion an die nächste gereiht wird – und in denen sich über Kurz oder Lang der «Porno-Effekt» einstellt (alles wird gleichförmig, nur die krassesten Szenen stechen noch heraus).

Realisiert wurde der Dokumentarfilm von den Berliner Regisseuren Björn Birg (29) und Henrik Regel (31)*, der im Schlaglicht-Interview auf eine intensive Produktionszeit zurückblickt.

Henrik Regel, was hat Sie dazu bewegt, einen Film über Trainbombing in Berlin zu machen? Fast jedes andere Thema wäre wohl leichter umzusetzen gewesen.
Das stimmt sicherlich. Wir wollten allerdings etwas Besonderes machen. Einige Leute aus unserem erweiterten Umfeld stecken da seit Jahrzehnten drin und wir fanden es interessant, die extreme Lebensweise zu beleuchten.

War es schwierig, Sprayer zu finden, die sich vor der Kamera äussern wollten?
Ja, definitiv. Sie haben ja eigentlich nur Nachteile dadurch. Wir haben uns aber oft mit ihnen getroffen, unsere Ideen für den Film erzählt und so langsam Vertrauen aufgebaut. Das hat aber eine Weile gedauert…

Gab es den einen Moment, in dem Ihr sagtet: «Ja, jetzt ziehen wir das Ding durch»?
Nachdem wir in den ersten Interviews gemerkt haben, wie offen manche auch von den Schattenseiten erzählen, haben wir gemerkt, dass es sehr interessant werden kann. Unsere Befürchtung war anfangs, dass die Jungs sich dazu nicht äussern und eher die «coole Writer-Fassade» aufrecht erhalten wollen.

Wieviel Arbeit steckt in «Unlike U»?
Einige Jahre Vorbereitung und drei Jahre sehr intensive Arbeit. Insgesamt waren wir etwa sieben Jahre mit dem Projekt beschäftigt.

Wie kamt Ihr an das Filmmaterial, das teilweise viele Jahre alt ist?
Nachdem wir immer tiefer in die Szene eintauchen konnten, haben uns auch immer mehr Leute verschiedenstes Material zugespielt. Oftmals war die Qualität leider für unsere Zwecke zu schlecht – es war aber gottseidank auch genug schönes Material dabei.

Wie finanziert man einen Film über Zerstörung im öffentlichen Raum? Gelder vom Staat sind bei diesem Thema ja kaum zu erwarten.
Wir haben alles aus eigener Tasche finanziert, Erspartes ausgegeben und bescheiden gelebt. Staatliche Förderungen oder ähnliches haben wir nicht beantragt.

Gab es Augenblicke, in denen Ihr an Eure Grenzen kamt?
Es gab viele Momente, in denen wir einen langen Atem beweisen mussten. Das Projekt und die Umsetzung wäre nichts für ungeduldige Menschen gewesen.

Zu sehen gibt es neben den Interviews vor allem Adrenalin-geschwängerte Action-Szenen. Gab es auch emotionale Momente bei den Dreharbeiten?
Ja, es gab auch solche Momente bei den Dreharbeiten. Vor allem das Interview mit Philipp, dem Bruder des bekannten Sprayers RUZD (R.I.P.), der sich im August 2002 das Leben nahm, war sehr emotional.

Habt Ihr speziell darauf geachtet, dass das illegale Sprayen nicht verherrlicht wird?
Wir wollten uns auf keine Seite stellen und das Ganze unkommentiert zeigen.

The Last RideWas ist das Besondere an der Graffiti-Stadt Berlin, «dem New York von Europa», wie es von gewissen Leuten auch genannt wird?
Die Berliner haben immer schon sehr viel Wert auf die Entwicklung ihres Graffiti-Styles gelegt. Durch die Historie mit dem Mauerfall et cetera haben die Berliner viele Umstände vorgefunden, die das Sprühen begünstigt haben. Vor allem nach dem Mauerfall Anfang der 90er Jahre ist Graffiti explodiert in Berlin.

Wie hat sich die Graffiti-Szene in Berlin im Lauf der Jahre verändert?
Früher gab es zum Beispiel noch Treffpunkte wie den Writers-Corner an der U-Bahn-Station Friedrichstrasse, den man auch im Film sieht. Heutzutage trifft man sich eher im Internet. Es gibt nicht die eine Szene, sondern ganz viele verschiedene.

Wie reagieren die Leute ausserhalb der Szene auf «Unlike U»?
Der Film löst bei den meisten Leuten erstmal Interesse aus. Die Reaktionen sind bisher eigentlich durchweg positiv. Die Leute meinen, dass sie nach dem Film die Sprüher und ihre Motive besser nachvollziehen können. Auch wenn sie nicht gutheissen, was sie machen.

Im Film geht Ihr der Frage nach, was einen Trainwriter dazu treibt, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und Zeit, Geld, Nerven und Freundschaften zu riskieren ohne Gegenleistung – ausser dem Ruhm einiger weniger Gleichgesinnter. Könnt Ihr die Frage jetzt beantworten? Was ist der Antrieb der Jungs?
Selbstverwirklichung, Freiheit, Selbstbestimmung, Ruhm, Aufmerksamkeit, Freundschaft Adrenalin, Action, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und die Kreativität ausleben zu können.

* Regisseur Henrik Regel bewegte sich um die Jahrtausendwende im Umfeld der legendären Rapcrew Beatfabrik, später war er mit Rapper Prinz Pi unterwegs. Als Filmer kennt man Regel vor allem auch wegen der erfolgreichen DVD-Serie «Rap City Berlin».

Unlike U – Trainwriting in Berlin
Nocturne am Freitag, 4. März 2011

23.00 Uhr im kult.kino club.
In Anwesenheit der Filmemacher Henrik Regel & Björn Birg.

The Umbrella Kid – Der minimalistische Chaot

karen gerig am Montag den 28. Februar 2011

«Eigentlich bin ich ein Chaot», sagt The Umbrella Kid an einer Stelle unseres Gesprächs. Dieses findet teilweise im Wohnzimmer in der WG im Gundeli, in der er mit drei weiteren Leuten wohnt, statt, teils in der Küche, wo geraucht wird, und teils in seinem Atelier. Chaot? Das Atelier ist spärlich möbliert und aufgeräumt, auf einem Tisch steht der Computer, den er fürs Arbeiten nicht braucht, in der Ecke hängen Kleider, farblich sortiert: links schwarz, rechts weiss. «Ich trage nur schwarze und weisse Kleidung», sagt der Künstler, heute ganz in Schwarz. Auch das Mobiliar ist schwarz und weiss. Am liebsten hätte er auch das Fischgrätparkett des Bodens noch geweisselt, meint er.

The Umbrella Kid.

Was exzentrisch klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht. The Umbrella Kid, vor 25 Jahren in Basel geboren, mag es einfach gern minimalistisch. Auch in seinem Werk. Egal, ob er filmt, fotografiert oder mit dem Pinsel hantiert, einziges Material sind immer Schwarz, Weiss und die Schattierungen dazwischen. Er mag das Schwarze in den Schwarzweissfotografien, und man soll Black Sabbath hören, wenn man seine Bilder betrachtet, hat er einmal gesagt.

Was The Umbrella Kid tut, tut er aus Überzeugung. Sein Pseudonym trägt er, weil er nicht weiss, ob er immer machen will, was er jetzt tut. Passt es ihm dereinst nicht mehr, legt er Arbeit wie Pseudonym nieder und beginnt bei Null. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er noch als Journalist, dann beschloss er, voll auf die Fotografie zu setzen. Um diesen Traum zu verwirklichen, putzt er die Partyräume der Kaserne. «Für diesen Job brauche ich keine Kreativität, so bleibt diese vollständig meiner Arbeit erhalten», sagt er dazu. Fotoaufträge will er keine annehmen, der Grund ist einfach und passt zu seiner Einstellung: «Ich will keine Kompromisse eingehen.»

Minimalismus, Grafik, Geometrie sind die zentralen Elemente seiner Fotografien. Er findet sie hauptsächlich in der Architektur. In einer Werkserie bricht er die klaren Linien von Betonstrukturen durch bewegte Skateboarder. Auch der Basler Galerist Guillaume Daeppen war fasziniert von diesem Kontrast zwischen dem klassischen Bildthema Architektur, wie man es vielleicht in den 50er Jahren finden könnte, und dem modernen Thema Skateboard. «Bei einem jungen Künstler würde ich das so nicht erwarten», erklärt er.

Ebensowenig würde man wohl erwarten, dass ein so junger Künstler am liebsten analog fotografiert. Seine erste Kamera war diejenige seines Vaters, eine Nikon. «Ich verstehe mich als junger Repräsentant der alten Schule», sagt The Umbrella Kid. Abgesehen davon, dass es gut sei, dass man vor dem Drücken des Auslösers genau überlegen muss, was man abbilden will, gefällt ihm auch die Arbeit im Labor. Und er höre ja auch lieber LPs als MP3-Dateien. Beigebracht hat er sich alles selbst, er bezeichnet sich als Autodidakt aus Überzeugung. «Ich wollte nie an eine Schule, weil ich mich nicht in eine bestimmte Richtung zwängen oder mir einen Stempel aufdrücken lassen wollte», erklärt er. Manchmal sei das im Kunstmarkt zwar hinderlich, weil nicht wenige auf den Lebenslauf eines Künstlers gucken. Wer dort nichts vorzuweisen hat, ist manchen nichts wert. Beim Umbrella Kid aber scheint dies nur bedingt zu stimmen – «und ausserdem bin ich dadurch gleich doppelt motiviert», sagt er. Gerade eben hat er eine Einzelausstellung in der Zürcher Galerie ArtSeefeld eröffnet, und vor kurzem ausserdem einen Swiss Photo Award EWZ Selection in der Sparte Fine Art gewonnen. Es läuft also nicht schlecht für den Autodidakten.

Der kleinste Kunstraum guckt über die Böschung hinaus

karen gerig am Mittwoch den 23. Februar 2011

Zwei Jahre ist es her, da sagte Raphael Bottazzini zur BaZ, er wolle das «Artachment», seinen kleinen Kunstraum an der Böschung der Wiese, als eine Art Label etablieren. Es solle über seinen Zweck als reiner Kunstraum hinauswachsen. Nun, im Jahr 2011, wird dieser Wunsch Wirklichkeit. Und noch anderes Neues hat sich getan.

Das Artachment an der Böschung der Wiese.

Besucht man die Website des Artachment, so steht da auf der ersten Seite: «Kuratorische Leitung: Tanja Kalt». «Ja, ich habe die kuratorische Leitung abgegeben», sagt Bottazzini. Aus verschiedenen Gründen: Weil die Band namens «End», in der er Schlagzeug spielt, plötzlich mehr Zeit braucht, weil die eigene Kunst auch mal wieder stärker beachtet sein will – und weil das Artachment ein Ort bleiben soll, der sich stetig weiterentwickelt. «Ein Off-Space hat schliesslich die Qualität, keine wirtschaftliche Handschrift tragen zu müssen wie eine Galerie, die einen Käuferkreis zu bedienen hat», sagt er.

Für Tanja Kalt, die bis im Sommer noch an ihrem Bachelor of Arts in Vermittlung von Kunst und Design an der Zürcher Hochschule der Künste arbeitet, war es immer ein Anliegen, sich aktiv an der Gegenwartskunst zu beteiligen. Sie kuratiert nun im Artachment während eines Jahres ein Austauschprojekt für junge Zürcher Künstler. «Das ist für mich sehr motivierend», sagt sie. Ihr aktuelles Projekt mit Damian Jurt, der das Artachment zum Leuchtkubus umfunktioniert hat, ist noch bis Donnerstag zu sehen: Die Installation «From Blindness into Abstraction» nimmt einerseits Bezug zum realen Gebäude des Artachment, andererseits appelliert es an eine Architektur des Imaginären.

Damian Jurts Installation «From Blindness into Abstraction» im Artachment.

Ein wenig Imagination braucht es auch noch, sich die Zukunft des Artachment vorzustellen. Ab Sommer 2011 wird Sarah Bernauer die kuratorische Leitung des Artachment übernehmen. Und einen ersten Schritt über die Böschung hinweg machen. In der Woche der Art Basel wird die Künstlerin mit dem Keck-Kiosk auf dem Kasernenareal zusammenarbeiten. Jeden Tag soll sich unter dem Titel «Art Entertainmant and Desire» ein anderer Off-Space in dem kleinen, dem Artachment nicht unähnlichen Raum, präsentieren. Performances, Konzerte und Aktionen sollen das Offspace-Festival ergänzen. Das Projekt «The Traveling Artist» schickt im Herbst dann Künstler auf Reisen, von Basel nach Wien, von Wien nach Budapest, von Budapest nach Basel.

Wird dem Artachment der Raum zu eng? Klein ist er ja, der Spielraum begrenzt und deshalb herausfordernd für jeden Teilnehmer, jede Teilnehmerin. Bleiben aber soll er, sagt Bottazzini, solange es geht. Und er soll neben der bildenden Kunst bald auch einer anderen Kunstrichtung ein Dach über dem Kopf bieten: Unter dem Titel «Written by» plant Bottazzini gemeinsam mit Eva Seck und Barbara Schuler, beide Studentinnen des Literaturinstituts in Biel, ein literarisches Projekt. Seck und Schuler werden junge Autoren und Autorinnen dazu einladen, Texte zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Diese werden dann nach und nach auf der Website des Artachment publiziert und schliesslich an einer Lesung dem Publikum vorgetragen. «Noch arbeiten wir daran, die Texte schliesslich auch publizieren zu können», sagt Bottazzini. Mitte des Jahres aber ist der Start geplant. Vom Artachment – ob als Kunstraum oder Plattform – werden wir also noch einiges hören, soviel ist sicher.

Herausgepickt: Pousttchis Absperrgitter

karen gerig am Montag den 21. Februar 2011

Bettina Pousttchi: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» (2010) . (Foto Henry Muchenberger)

Schon vom Steinenberg her sind sie sichtbar, durch die Glastüren der Kunsthalle hindurch: Die weissen Türme von Bettina Pousttchi. Und auch wenn man noch nichts Genaueres darüber weiss, so scheint die Form der aufeinandergestapelten Absperrgitter bereits bekannt. Der Titel der Arbeit führt dann zum Aha-Erlebnis: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» heisst das Werk der deutsch-iranischen Künstlerin.

Vladimir Tatlin (1885–1953), russischer Maler und ein Begründer der Maschinenkunst, entwarf 1920 sein «Monument der Dritten Internationale»: Ein 400 Meter hoher, spiralförmiger Turm zur Erinnerung an die Russische Revolution.

Vladimir Tatlin: «Monument der Dritten Internationale» (1920).

Eine gigantische Maschine sollte es werden, die Konferenzräume, Aufzüge, eine Treppe und einen Radiosender beherbergen sollte. Eine Säule im Inneren sollte sich nach den Gestirnen ausrichten. Das Modell dafür wurde 1925 in der Weltausstellung in Paris präsentiert. Das ehrgeizige Architekturprojekt wurde aus Kostengründen allerdings nie gebaut, wie auch die damit verbundene politische Utopie keine Verwirklichung finden konnte.

Der amerikanische Lichtkünstler Dan Flavin zitierte Tatlins Monument in den 39 Skulpturen seiner Serie «monuments to V. Tatlin», die zwischen 1964 und 1990 entstanden und das menschliche Bedürfnis nach grossen Denkmälern hinterfragen. Dafür ordnete er weisse Leuchtstoffröhren in Formen an, die zwischen Pyramiden und frühen Hochhäusern variierten, darunter das Empire State Building (Vgl. Bild). Flavin brachte so Tatlins Konzept mit einem Hauptsymbol des Kapitalismus in Verbindung, würdigte aber auch die politischen Visionen des Konstruktivisten.

Dan Flavin: Das erste der «monuments to V. Tatlin» (1964).

Pousttchi erweist mit ihrer Arbeit den Meistern des Konstruktivismus und des Minimalismus die Ehre, setzt die beiden Kunststile aber auch gegeneinander ein, indem die minimalistischen Leuchtstoffröhren die konstruktivistischen Stahlstrukturen quasi durchstechen. Als Arbeitsmaterial benutzt sie Absperrgitter – Objekte, die entworfen wurden, öffentliche Versammlungen wie Demonstrationen zu kanalisieren und am Überborden zu hindern. Die Gitter erinnern auch an die revolutionären Kräfte dieser Zeit, die existierende Strukturen losließen, um eine neue Weltordnung zu schaffen.

Herausgepickt: Yves Kleins Mülleimer

karen gerig am Dienstag den 15. Februar 2011

Der Müll ist das Endstadium jeden Objektes. Müll ist aber auch Merkmal einer Epoche. Für einen Künstler, der für Objekte eine derartige Obsession entwickelt, wie es Arman tat, muss Müll zwingend interessant werden. Arman (1928-2005), der Künstler des Nouveau Réalisme, nutzte gebrauchte Objekte erst als Stempel, um Farbe auf Leinwand zu bringen. Bald wurde das Sammeln solcher Objekte selbst zur Kunst und Gleiches mit Gleichem in Glaskästen gesammelt. Später, in den Siebziger Jahren,  zerschmetterte, zersägte und zündete Arman Gegenstände an, bevor er mit der Farbtube als letztverwendetem Objekt zum Medium Malerei zurückkehrte.

Irgendwann dazwischen aber, Ende der Fünfziger Jahre, begann der Franzose damit, weggeworfene Objekte zu sammeln. Den Müll eines bestimmten Quartiers etwa, oder den Müll einer bestimmten Person. Unser Abfall sagt eine Menge über uns, merkte Arman, und so schuf er individuelle Porträts unterschiedlicher Menschen.

"Premier portrait-robot d'Yves Klein" (1960) von Arman.

Manchmal durchwühlte er jedoch nicht die Abfalleimer, sondern sammelte gezielt Gegenstände, die einen Menschen beschreiben. Yves Klein, ein Künstlerkollege und Freund, auf den Arman in seinem Werk mehrmals Bezug nahm, porträtierte er als einen der ersten auf diese einmalige Weise.

Zentral im «Premier portrait-robot d’Yves Klein», das man ab heute im Museum Tinguely betrachten kann, ist ein Stück ultramarinblau eingefärbtes Papier: Kleins Markenzeichen. Farbverspritzte Plastikplanen, ein Schuh mit pinker Farbe an der Sohle, farbverspritzte Kleidung charakterisieren den Maler. Die Farbe Rosa findet sich auch an zerschnittenen künstlischen Rosen und widerspiegelt so ebenfalls einen wichtigen Teil von Kleins künstlerischem Werk. Während solch werkbezogene Objekte sich jedem Betrachter erschliessen, müssen wir ob eines Fetzens aus einem Tim & Struppi-Comic, mehrerer Buchseiten und einer Rolle Fotonegative stärker und möglicherweise ohne Versprechen auf Lösung rätseln. Sicher ist, dass es sich um persönliche Gegenstände Kleins handelt. Und Arman wird seine Gründe gehabt haben, weshalb er diese Zeitzeugen zu einem Porträt seines Künstlerfreundes gesellte.

Das einzigartige Yves Klein-Porträt ist Teil der Arman-Retrospektive im Museum Tinguely. Vernissage ist heute Dienstag um 17 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 15. Mai.

Gesucht: Die perfekten Galerieräume

karen gerig am Freitag den 11. Februar 2011

Karin Sutter schliesst die Tür zur Galerie an der St.-Alban-Vorstadt im Sommer für immer.

«Sechseinhalb Jahre sind es schon», sagt Karin Sutter, und ist selbst überrascht. «Im November 2004 hab ich die Galerie aufgemacht, tatsächlich.» Sechseinhalb Jahre und unzählige Ausstellungen später geht das Kapitel jedoch zu Ende: Karin Sutter ist auf der Suche nach neuen Galerieräumen. Spätestens im September müsste sie aus dem Burghof ausziehen – und somit Platz machen für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums. Weil es aber wenig Sinn mache, die Saisoneröffnung Ende Sommer noch in den alten Räumen zu feiern, wird sie die Glastür wohl bereits im Juli für immer schliessen. Schweren Herzens, denn «sowas wie hier finde ich wohl nicht mehr», schätzt sie.

Suchen tut sie schon länger, schon seit klar ist, dass das Gebäude weichen muss. Doch geeignete Räume zu finden, gestaltet sich nicht einfach. «Mir gefiel hier einfach alles: Die Lage, der Raum mit der Fensterfront – ich gucke gern raus und seh die Passanten. Und mag es, dass die reinsehen können», sagt sie. Seit sie vergangenen Sommer noch den Projektraum rechts davon dazumieten konnte, war auch das Platzproblem gelöst. «Der Projektraum gab mir mehr gestalterische Freiheit», erzählt sie. Plötzlich waren Doppelausstellungen möglich mit künstlerischen Positionen, die sich schlecht oder gar nicht verbinden liessen, oder es liessen sich spontane Ausstellungen ohne kommerziellen Charakter organisieren oder eine Bar einrichten.

Für ihre neue Galerie wünschte sie sich deshalb auch mindestens zwei Räume, damit sie diese Freiheiten des Ausstellungsmachens weiterführen kann. Sie wolle nicht einfach einen Raum mieten, nur damit gemietet sei, es müsse schon passen. Doch was, wenn sich bis im Sommer nichts Geeignetes finden lässt? «Es gäbe wohl eine interimistische Lösung» sagt sie, «aber spruchreif ist noch nichts.»

Bis im Sommer plant die Galeristin noch vier Ausstellungen in der Galerie und drei oder vier im Projektraum, da ist sie noch nicht ganz sicher. Erstmals wird ab heute Abend aber ein Künstler beide Räume bespielen: Ulrich Muchenberger darf den ganzen Platz für seine Lichtobjekte beanspruchen. Nicht, weil sie besonders gross wären, aber weil sie Raum brauchen für die Betrachtung. Das mehrfarbige Licht dehnt sich nämlich unterschiedlich stark im Raum aus und verändert dadurch die Wahrnehmung.

Konzeptkunst, und das bei Karin Sutter? «Stimmt, ein weiteres Novum» sagt sie und lacht. Bis jetzt lag ihr Ausstellungsschwerpunkt klar auf der Malerei, auf der figurativen. «Das hat sich so ergeben mit der Zeit», erklärt sie. «Unbeabsichtigt. Das entspricht mir wohl am meisten.» Früher zeigte sie auch hauptsächlich regionale Künstler, auch das hat sich geändert. «Mir fehlte früher die Zeit für Atelierbesuche, für die ich weit reisen musste», sagt Sutter, die noch immer zu 70 Prozent bei der Galerie Beyeler angestellt ist und dort seit dem Ableben Ernst Beyelers vor einem Jahr den Galeriebestand liquidiert. «Sag jetzt aber bloss nicht, dass meine Galerie nur mein Hobby ist», warnt sie plötzlich und mit Nachdruck. «Das wäre komplett falsch.» Im  Wissen darum, dass kaum ein Galerist seine Galerie noch ohne Brotjob führen kann, verwenden wir stattdessen das Wort Leidenschaft. Die wird spürbar, wenn die Galeristin über ihre Arbeit spricht. Über die Arbeit mit den Kunstschaffenden. Über die Vermittlungsrolle zwischen Künstlern und Rezipienten, die sie so gerne einnimmt. Nun fehlt nur noch der passende Raum, der sich mit dieser Leidenschaft füllen lässt. Wir wünschen viel Glück bei der Suche.

Vernissage der Ausstellung mit Werken von Ulrich Muchenberger ist heute Freitag um
17 Uhr. Die Ausstellung dauert dann bis zum 12. März.

«Das Beste, was man in Basel bekommt, ist eine Anzeige»

Joel Gernet am Donnerstag den 3. Februar 2011


Bustart gehört zu den bekanntesten und fleissigsten Basler Streetart-Künstlern. Seinen Kindergesichtern, Affen und Schriftzügen begegnet der aufmerksame Flaneur in der ganzen Stadt. Heute Abend startet Bustarts Ausstellung «Off The Street» in der Kleinbasler Carambolage-Bar beim nt-Areal. Die erste Solo-Show des Künstlers ist gleichzeitig auch ein Abschied von seiner Heimatstadt. In wenigen Wochen wird Bustart sein Domizil nämlich nach Amsterdam verlegen, «einem Spielplatz für Erwachsene», wie «Bust» gegenüber Schlaglicht erklärt, während er das Carambolage für seine Ausstellung herrichtet – der Künstler darf fast die gesamte Bar nach Lust und Laune umgestalten. Und weil Bustart offensichtlich gerne grossflächig mit roter Farbe arbeitet, glaubt ein Passant, dass ein Bordell-Schaufenster entstehe. Fast wie in Amsterdam.

Neben London und Barcelona ist Amsterdam eines der Sprungbretter für europäische Streetart-Künstler, wie Bustart sagt. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum er Basel den Rücken kehrt: «Amsterdam ist das krasse Gegenteil der Schweiz.» Wenn er in den Strassen von Amsterdam male, würden die Polizisten bei ihm eine Zigarettenpause machen und sich für das tolle Bild bedanken. «Das Beste, was man in Basel bekommen kann, ist eine Anzeige», sagt Bustart, der sich beim Thema «künstlerischer Freiraum in Basel» regelrecht in Rage redet. Von Seiten der Behörden gebe es zwar viel positives Feedback, schlussendlich bleibe es aber fast immer bei Lippenbekenntnissen.

Kein Wunder, war Bustart irritiert, als vor zwei Wochen im Rheinhafen Streetartists aus São Paolo mit dem Segen der Basler Behörden diverse Wände gestalten durften. «Nichts gegen diese Künstler, aber wir bemühen uns seit Jahren vergebens um Freiräume, und die bekommen sofort eine Genehmigung.» Der Basler reagierte auf seine Weise – indem er bei der Brasilea-Stiftung ein «illegales» Schablonenbild neben das legale Werk des Brasilianers Daniel Melim klebte (siehe links). «Ich hätte mich ehrlich gesagt gefreut, wenn jemand reklamiert hätte», sagt Bustart. Doch eine Auseinandersetzung blieb aus.

Der Basler – er ist übrigens Mitbegründer der Guerilla-Ausstellung OpenArt (wir berichteten) – provoziert gerne mit seinen Bildern. Ihn reizt, dass in der Streetart jeder seine Meinung darstellen kann – ob es den Leuten passt oder nicht. «Bei mir hat jedes Bild eine Aussage», erklärt Bustart. Die ganze Welt sei vollgestopft mit Polit- und Werbeplakaten. «Ich probiere gegenzusteuern, indem ich Werbung mache für etwas, bei dem die Leute nicht wissen, was es ist, und das es nirgends zu kaufen gibt.» Das verbreitetste Bust-Motiv ist das lächelnde Bubengesicht, das fast wie die Wahlplakate der Politiker in der ganzen Stadt zu sehen ist. Das Portrait ist kein Kindheitsfoto von Bust, sondern ein Bild aus dem England der 60er Jahre.

Als Ernst Beyeler im Februar 2010 verstarb, tapezierte Bustart die Innenstadt mit dem Kopf des berühmtesten Basler Kunstsammlers. Und wer ab heute die Ausstellung «Off The Street» besucht, begegnet einem Schablonenbild von Jean Tinguely. Solche Referenzen sind Bust «sehr wichtig».

Off The Street, Carambolage, Erlenstrasse 34, 4058 Basel. Eröffnung: Do. 3. Februar, 18h-22h. Danach jeweils Donnerstag bis Sonntag von 18 Uhr bis Mitternacht. Sämtliche Exponate können via der Homepage von Bustart ersteigert werden.

Durchhalten auf dem Dreispitz

karen gerig am Montag den 31. Januar 2011

Volles Haus für elektronische Künste an der Museumsnacht 2011.

Über 2500 Eintritte verzeichnete das Haus für elektronische Künste (Haus-ek) zur Premiere auf dem Dreispitz an der Museumsnacht vor anderthalb Wochen. Die Hälfte davon blieb auch gleich zur Party, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Und die meisten schlenderten wohl auch durch die angrenzenden Kunsträume Oslo 8 und Oslo 10 sowie die Künstlerateliers und das Fotolabor von Pascale Brügger, um einen Augenschein zu nehmen. Ein gelungener Einstieg für das Dreispitz-Areal, das bekanntlich zum Kunstquartier werden soll.

Doch ein gelungener Einstieg bedeutet noch nicht, dass die dort angelaufenen Projekte auch nachhaltig Erfolg haben werden. Bis der «Dreispitz» wirklich lebt, vergehen nämlich noch einige Jährchen. Dann soll auch die Hochschule für Kunst hier eingezogen sein (im Jahr 2015), soll mindestens ein Restaurant den Aufenthalt versüssen (Zeitpunkt: unbekannt), soll die BLT den Anschluss an den ÖV gewährleistet haben (Zeitpunkt: unbekannt), sollen Loft-Wohnungen entstanden sein (Bezug: unbekannt) etc.

So sollte der Neubau fürs Kunsthaus Baselland und das Haus für elektronische Künste aussehen. (Visualisierung CMS)

Noch ist vieles unklar. Ob das Kunsthaus Baselland etwa tatsächlich aufs Areal ziehen wird. Ob der Neubau, in dem es zusammen mit dem Haus-ek untergebracht werden soll, entstehen wird, oder ob für letzteres eine andere Lösung gefunden werden muss – der nicht nur provisorische, sondern definitive Umbau der bestehenden Halle etwa. Das Kunsthaus Baselland hat sich zwar für einen Umzug ausgesprochen, doch die Finanzierung steht noch in den Sternen. Direktorin Sabine Schaschl geht nicht davon aus, dass diesbezüglich vor dem Sommer Klarheit herrschen wird. Man warte beim Kanton wohl einerseits die Theater-Abstimmung ab und andererseits die Neuwahlen der Regierung – vorher spricht im Kanton Baselland keiner über Geld, schon gar nicht, wenn es um Kultur geht.

Nichtsdestotrotz wird auf dem Dreispitz munter gearbeitet. Pascale Brügger eröffnet morgen Dienstag offiziell ihr Fotolabor. Im Haus-ek wird die Eröffnung im Mai vorbereitet, fürs Oslo 10 wird noch das Kuratorenteam gesucht (Eröffnung der ersten Ausstellung wird ebenfalls im Mai sein), die Künstler und Künstlerinnen haben ihre weissgestrichenen Ateliers bezogen.

Blick in die Fotogalerie Oslo 8.

Als erster Ausstellungsraum wird im April das Oslo 8 eröffnen, die Galerie von Christoph Kern und Thomas Diewald. Geplant ist eine Ausstellung mit René Burri. Ein Wagnis, so allein auf weiter Flur, oder? «Ja, wir sind die Ersten», sagt Kern. «Und – ehrlich gesagt – wir sind sehr gespannt, wie es werden wird.» Ursprünglich hätten auch das Haus-ek und Oslo 10 im April eröffnen wollen – eine gemeinsame Vernissage wäre sicher gut gewesen, hätte mehr Publikum generiert. Auch in Zukunft würden gemeinsame Events wohl mehr Leute anziehen. Laut Kern finden diesbezüglich lose Gespräche statt.

Noch aber fühlt man sich sehr einsam auf dem Weg zum Oslo 8. Doch Kern blickt optimistisch in die Zukunft. Für den Fotografen ist dies die erste Galerie, die er führt. Er arbeitet nebenbei immer noch Vollzeit als Fotograf, sollte das Projekt Olso 8 also scheitern, wäre das zwar äusserst schade, aber nicht existenzbedrohend. Auch für Thomas Diewald ist die Galerie nicht die einzige Beschäftigung. «Natürlich hoffen wir, dass es funktioniert» sagt er. Mit der Fokussierung auf Fotografie-Ausstellungen könnte das gelingen, schliesslich gibt es in Basel keine vergleichbare Institution. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass Galerien auf dem Dreispitz es bisher schwer hatten: Michel Fischer (2001-2003) gab nach zwei, Groeflin/Maag (2004-2007) nach drei Jahren auf. Im neuen Konzept des Dreispitz als Kunstquartier sollte dies ändern – doch ist dies nicht allzu ferne Zukunftsmusik? Noch befindet sich das Quartier in einer unabsehbar langen Warteschlaufe. «Durchhalten ist angesagt» formuliert es Christoph Kern wohl richtigerweise.