Archiv für die Kategorie ‘Kunst’

Das definitive Ende einer Ära

karen gerig am Sonntag den 8. Mai 2011

Ernst Beyeler mit Pablo Picasso (sitzend). (Foto Fondation Beyeler)

Bald ist es soweit: Die Galerie Beyeler schliesst ihre Türen, anderthalb Jahre nach dem Tod ihres Gründers Ernst Beyeler. Die übriggebliebenen Bestände der Galerie werden Ende Juni bei Christie’s versteigert werden, der Erlös der Stiftung Beyeler zu Gute kommen, so hatte es das Galeristenpaar Beyeler in seinem Testament verfügt. Was bleibt? Die Räumlichkeiten an der Bäumleingasse in einem wunderschönen Haus, das den Immobilien Basel-Stadt gehört. Wie man munkelt, freut man sich dort darauf, dass sie frei und somit teuer weiter vermietbar werden. Wir erinnern uns stattdessen daran, dass, wer immer bis ins Innerste der Galerie, in Ernst Beyelers Büro, vordringen wollte, an seiner Frau Hildy vorbei musste, die letzte Kontrollinstanz quasi. Diesen Beitrag weiterlesen »

Berge von Büchern in der Bibliothek

karen gerig am Mittwoch den 4. Mai 2011

Heiss wars im Juli 2010. Wer konnte, setzte sich in den Schatten am Rheinufer oder freute sich gar über die kühlende Klimaanlage im Büro. Ein paar Monate später postete Marcel Scheible auf seinem facebook-Account ein kurzes, in besagtem Juli entstandenes Video mit den Worten: «Mensch, haben wir geschwitzt!». Wir glaubten es sofort, denn während vier heissen Juli-Tagen hatte der Basler Künstler mit der tatkräftigen Unterstützung dreier Freunde sein Projekt «Garden Glossaire Gold und Silber» umgesetzt und dafür 2152 Bücher im Lesesaal der Bibliothek für Gestaltung ausgeräumt, umgeschichtet, fotografiert und wieder eingeräumt. Mensch, haben sie geschwitzt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Heute Abend Artumulte am Ostquai

chris faber am Mittwoch den 20. April 2011

Am 20.04.2011 kommt das Performance-Festival ACT mit der Gruppe “ARTUMULT” nach Basel, während es durch die ganze Schweiz tourt.

ARTUMULT ist eine Gruppe von Künstlern aus der ganzen Welt, deren Ziel es ist, kritische Reflektionen über kulturelle Identitäten im Zusammenhang mit Migration und Zusammenleben zu wecken. Also lassen wir uns von der Kreativität und der Kulturenvielfalt überraschen, auf zum Ostquai, Hafenstr. 25, ab 18 Uhr.

Herausgepickt: Nomadin Schirin Kretschmann

karen gerig am Mittwoch den 20. April 2011

Leben im Wohnwagen. (alle Fotos: Schirin Kretschmann, Nomadic Competences (KH BL), Copyright die Künstlerin und VG-Bild-Kunst Bonn)

Rechts vom Eingang des Kunsthauses Baselland steht ein beiger Wohnwagen mit Karlsruher Kennzeichen. Darin wohnt kein kunstverrückter Fan des Hauses, sondern eine Künstlerin. Schirin Kretschmann hat sich für die Dauer der «Ernte»-Ausstellung hier eingerichtet, um in unmittelbarer Nähe zu ihrem in-situ-Projekt «nomadic competences» leben zu können. «Mich interessiert die Verwobenheit dieser Kunstinstitution mit dem Leben des Kantons», erklärt sie. Diese Verwobenheit hoffte sie besser zu erfahren, indem sie hier lebt und nicht wie gewohnt ennet der Kantonsgrenze und des Rheins an der Feldbergstrasse. Nicht alles aber lief in den letzten Tag so wie erhofft. Doch der Reihe nach.

Immer einmal im Jahr präsentiert der Kanton Baselland unter dem Titel «Ernte» seine Kunstankäufe eines Jahres. Zum ersten Mal ist die «Ernte» dieses Jahr Gastgeberin für die sogenannte «Solo: Position»: Damit bietet die Ausstellung einem Kunstschaffenden aus der Region Basel die Möglichkeit, die Räumlichkeiten des Kunsthauses Baselland zu bespielen. Im Januar hat eine Jury Schirin Kretschmanns Projekt aus 70 Eingaben ausgewählt. Kretschmann, die in Karlsruhe Malerei studiert hat, promoviert derzeit am Eikones-Graduiertenkolleg in Basel. Sie beschäftigt sich dort mit Untersuchungen von Grenzbereichen der Malerei jenseits des zweidimensionalen Gemäldes. Stattdessen versucht sie, Malerei als etwas Dynamisches im Raum des Betrachters zu lokalisieren. Diese Fragestellung liegt auch ihrem aktuellen Projekt zugrunde.

Fensterputzen: Eine Tagesaufgabe.

Im Kunsthaus Baselland hat sich Kretschmann der hinteren drei Kabinetträume angenommen. Diese Räume wurden mehrmals ungebaut, die ursprüngliche Industriearchitektur unsichtbar gemacht, um White-Cube-Bedingungen zu schaffen. Kretschmann hat diese Umbauprozesse nun umgekehrt und abgebaut, was abzubauen war. Deckenelemente nahm sie herunter und stapelte sie entlang den Wänden, die Wänder der Blackbox hat sie herausgerissen. An der Vernissage präsentierten sich die Räume nackt und aufgeräumt.

Zwanzig Tage dauert die «Ernte»-Schau. An diesen zwanzig Tagen steht Kretschmann morgens in ihrem Wohnwagen auf und überlegt sich ein Projekt für den Tag. Für diese Tagesarbeiten nutzt sie die vorhandenen Elemente und stellt sie in Relation zu jenen Elementen, die erst während der Ausstellung entstehen. Deckenplatten werden so etwa zur Bodeninstallation. Die neuen Elemente sollten aus Tagesnachrichten oder aus Gesprächen mit Passanten entwickelt werden, so lautet das Konzept. «Ich will diese Ereignisse aber nicht einfach abbilden oder illustrieren, sondern sie als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Ausstellungselements brauchen», erklärt Kretschmann. Dies solle ganz im Rahmen der «nomadic competences» geschehen. Als solche nomadische Kompetenzen nennt die Künstlerin etwa: Mit Gegebenem auskommen, Ressourcen nachhaltig nutzen und teilen, sich Ungewohntes aneignen, sich unabhängig orientieren.

Blick in die Kabinetträume im aufgeräumten Zustand zur Vernissage. (Zum Vergrössern anklicken)

Blick in die Kabinetträume nach einigen Tagen. Vorne im Bild die leere Gasflasche und der Wasserbehälter, rechts die Fundstücke aus dem Kanton Baselland, dahinter eine Bodeninstallation aus Deckenplatten.

Im Wohnwagen zu leben gehört ebenfalls zu diesem Konzept. Und da kann es schon einmal passieren, dass morgens das Wasser und das Gas alle ist und man auf dem Trockenen sitzt. An jenem Morgen, als dies passierte, war das Erlebnis der Ausgangspunkt für ein neues Ausstellungselement: Im Kunsthaus Baselland befinden sich nun der leere Wassercontainer und die Gasflasche. Im selben Raum, hinter einer am Boden gespannten Schnur, liegen Zigarettenstummel, eine Kreide und andere kleinere Abfallprodukte. «Diese Objekte sind das Resultat meiner Auseinandersetzung mit der hiesigen Grenzsituation zwischen den Kantonen Baselland und Basel-Stadt», erklärt Kretschmann. Vom Raum aus sieht man über die Birs hinweg in den angrenzenden Kanton. Kretschmann hat die Grenze überquert und gesammelt, was sie fand – was weniger war, als sie sich erhoffte. «Manche Leute sind enttäuscht, wenn sie hier hereinkommen», sagt sie. «Sie haben wohl mehr erwartet – Illustrativeres; etwas, was man direkter ablesen kann. Ich habe an manchen Tagen auch meine Zweifel: Die Idee, die ich morgens habe, lässt sich dann nicht genauso umsetzen, wie ich es gerne hätte. Aber das gehört dazu.»

Am Ende ihres Projektes sollen die Räume wieder derart instand gestellt sein, wie sie vorher aussahen. Nur etwas wird wahrscheinlich anders sein: Unter den Deckenplatten wird man vorher wohl die Wand weiss malen. Die Künstlerin Karin Suter, die ihre Arbeiten im Sommer 2010 im Kabinett präsentierte, hatte damals unter die halbtransparenten Plexiglasscheiben weisse Blätter geklebt, um den White Cube noch etwas weisser scheinen zu lassen. Bei Kretschmanns Abräumaktion kamen diese Blätter wieder zum Vorschein und bilden nun eine Art von abstraktem Deckengemälde, bevor sie ins Altpapier wandern.

Am 25. April wird Schirin Kretschmann sich zum letzten Mal eine Tagesaufgabe vornehmen. Dann wird sie ihren Wohnwagen packen und den Kanton Baselland wieder in Richtung Stadt verlassen. Im Kabinett wird es dann aussehen, als sei nichts gewesen. Nur die Fenster bleiben geputzt zurück, für eine Weile wenigstens.

Heute Mittwoch Abend findet im Kunsthaus Baselland ein Gespräch mit Schirin Kretschmann zu ihrem Projekt «nomadic competences» statt. Wer noch Fragen hat, gehe um 18 Uhr an die St. Jakob-Strasse 170 in Muttenz.

Mit der Shotgun von Basel nach Berlin

Joel Gernet am Dienstag den 19. April 2011


«Shotgun» – zu Deutsch Schrotflinte – heisst die Ausstellung, die am Freitag in der Zero Gallery in Berlin Kreuzberg ihre Pforten öffnete. Das Besondere daran: Geladen ist das Schiesseisen von der Spree mit Munition aus Basel. Gezeigt werden an der «Shotgun» nämlich Werke der jungen Basler Künstler Stephan Hefti, Christine Keller und Marco Pittori. Die Gruppenschau markiert gleichzeitig den Startschuss zur Ausstellungsserie «Art Plan B», die künftig in diversen Städten mit Anfangsbuchstaben B halt machen soll mit dem Ziel, jungen Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten.

Konzipiert und umgesetzt wurde die Nomaden-Ausstellungsserie von Sandra Kramer (30). Die Berlinerin arbeitet als freie Kuratorin und lebt seit drei Jahren in Basel, wo sie derzeit den Nachdiplomstudiengang Kulturmanagement an der Uni Basel abschliesst. Wir haben uns mit Kramer über ihre Vorliebe für B-Städte, Schrotflinten und den nächsten Tourstop von «Art Plan B» unterhalten.

Sandra Kramer von der Art Plan B.

Sandra Kramer, wie kam es zur «Art Plan B»?
Als Berlinerin mit Aufenthalten in Basel, Baden-Baden (beim TV-Sender Arte Deutschland) und Boston (Aufbau einer Fotogalerie) sowie inspirierenden Reisen nach Barcelona, Bora-Bora und Buenos Aires habe ich überall viel mit jungen Künstlern zusammengearbeitet und mich mit ihnen ausgetauscht. Der grosse Wunsch der Künstler war es, ihre Werke in anderen Städten auszustellen, neue Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen zu sammeln. Dies hat mich gereizt und ich habe mich gefragt: «Wo soll ein junger Künstler, mit viel Talent aber wenig Ausstellungserfahrung überhaupt beginnen?» Ein Plan B musste her und mitten in einer Galerie in dem Galerienviertel San Telmo in Buenos Aires habe ich das Projekt «Art Plan B» ins Leben gerufen.

Warum kommen Basler Künstler als Erste zur Ehre?
Für den Auftakt von «Art Plan B» wollte ich zwei Städte kombinieren, in denen ich mich gut auskenne. Als Berlinerin und seit 3 Jahren wohnhaft in Basel war der Entschluss schnell gefällt. Gleichzeitig fühlen sich viele Basler Künstler von Berlin magisch angezogen. Viele haben mir von der Improvisation, dem offenen und unkomplizierten Leben und der jungen Kunstszene in Berlin vorgeschwärmt.

Interessiert man sich in der Berliner Kunstszene überhaupt für Basler Newcomer?
In Berlin interessiert man sich eigentlich für alles was kreativ, jung, anders und verrückt ist. Die Herausforderung besteht darin, in diesem Umfeld auch so aufzutreten – von den Werken über die Location bis zu den Einladungen. Wir sind selber sehr gespannt.

Warum haben Sie Stephan Hefti, Christine Keller und Marco Pittori ausgewählt?
Alle drei Künstler haben etwas in mir ausgelöst – das ist entscheidend. Ich arbeite mit Leuten zusammen, deren Werke mich inspirieren, von denen ich überzeugt bin! Und alle drei wollen nicht nur Kunst ausstellen – sondern sich auch austauschen. Die Werke von Hefti, Keller und Pittori laden – alle auf ihre eigene Art und Weise – dazu ein, auf eine Reise zu gehen. Die Welt in Schnappschüssen zu sehen und in ihren öffentlichen und versteckten Momenten zu betrachten. Die jungen, teilweise noch unetablierten Talente, wagen mit ihren unterschiedlichen Techniken etwas Neues, um die die Muster des Gewöhnlichen aufzubrechen und neu einzufangen.

Wieso heisst die Gruppenausstellung «Shotgun»?
Die Shotgun taucht in den verschiedensten Formen auf – roh als Schrotflinte, provokativ bei den sexy Polizistinnen, trashy in Form der freistehenden Matchboxautos auf einem Farb-Schlachtfeld oder in der Rolle des Beifahrers (engl. Shotgun) – an dem phantastische und collagierte Landschaften der Imagination vorbeiziehen. Und mit der Mit Shotgun-Ausstellung in der Zero Gallery Berlin fällt auch der «starting shot», der Startschuss, zur «Art Plan B».

Können Sie noch etwas zur Zero Gallery sagen, wo die drei Basler ausstellen?
Die Zero Galerie im Berliner Stadtteil Kreuzberg, ist ein freier und unabhängiger Kunstraum, der Neues entstehen lassen will. Die Off-Galerie vermietet ihre Räumlichkeiten für ausgewählte, innovative Kunstprojekte. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf junge, osteuropäische Kunst – durch die entstandene Kooperation mit der Zero Galerie, kam auch die Idee, das «Art Plan B»-Netzwerk auf osteuropäische Städte, wie zum Beispiel Budapest zu erweitern. Und…die Zero Galerie hat auch eine Partnergalerie in: Barcelona!

Welche Kriterien müssen künftigen Ausstellungsorte haben?
«Art Plan B» ist eine Nomaden-Projekt: als Ausstellungsfläche in den B-Städten sind daher temporäre Räume am besten geeignet – dabei kann es sich um eine klassische Galerie, ein Schaufenster, oder ein Waschsalon handeln. Somit bekommt die Plattform etwas freies, unkompliziertes und ungebundenes.

Und wo wird die nächste «Art Plan B» statt finden?
Die nächste Ausstellung soll umgekehrt in Basel mit Berliner Künstler stattfinden. Lassen Sie sich überraschen.

Wie wird dieses Projekt finanziert?
Mit viel Herzblut und Leidenschaft – und derzeit ausschliesslich aus privater Tasche und mit Hilfe von Gönnern. Leider erhält «Art Plan B» momentan keine Kulturförderung. Es ist eine ähnliche Situation, wie bei jungen Künstlern: junge, innovative Projekte werden nur selten unterstützt – meistens erst dann, wenn sie mainstream werden. Es muss ein Kulturförderungs-Plan-B her;)

Art Plan B – Shotgun
Group Show mit Christine Keller, Marco Pittori, Stephan Hefti
16. April – 14. Mai 2011
Zero Gallery, Berlin Kreuzberg

Warten auf Rilke im Café Grumpy

karen gerig am Freitag den 15. April 2011

Ein Wort, eine Geschichte, eine Erfahrung, ein Gedanke können am Anfang eines Werkes von Sung Hwan Kim (*1975) stehen. In einem Gespräch, in einer Performance wird der südkoreanische Künstler Wort, Geschichte, Gedanke, Erfahrung in ein erstes neues Werk transformieren. Zeichnungen können während diesen Aktionen entstehen, eine Videokamera die Performance aus dem Blickwinkel des Künstler einfangen. Der Projektor schliesslich wird dieses zuletzt entstandene Werk wiedergeben, der Betrachter es zu seinen Gedanken fügen, zu seiner Geschichte formen.

Sung Hwan Kims Künstlerbuch «Ki-da Rilke».

Die Arbeiten von Sung Hwan Kim haben immer mehrere Schichten. Nichts ist nur das, was man am Ende sieht, immer wurde es vom Künstler mehrfach reflektiert und interpretiert, sei es eine Geschichte, die in Südkorea von Generation zu Generation überliefert wird, sei es ein Zitat eines Dichters. Sung Hwan Kim hat in der Kunsthalle Basel nicht nur den Oberlichtsaal inszeniert, sondern für die Ausstellung auch ein Künstlerbuch geschaffen. «Ki-da Rilke» heisst es, was eine Transliteration aus dem Koreanischen ist und «(Ich) werde warten» bedeutet.

Das Buch ist gefüllt mit Texten und Bildern. Kim hat sich Rainer Maria Rilkes (1875–1926) Gedichten bemächtigt, indem er die deutschen Texte in eigener Schrift neu aufgeschrieben hat. Dazu stellt er Zeichnungen, die mal mehr, mal weniger mit den Worten auf derselben Seite gemein haben. Er habe Rilkes Gedichte erstmals durch Gaston Bachelards «Poetics of Space» kennengelernt, erzählt der Künstler. Zweierlei habe ihn an dem Lyriker interessiert: Da sei einerseits die Tatsache, dass der in Prag geborene Rilke seine Gedichte in Deutsch verfasste, zu einer Zeit, als dort das Tschechische vorherrschte. Sung Hwan Kim kennt es, sich in einer anderen Sprache auszudrücken als der Muttersprache: Der Südkoreaner lebt seit Jahren in New York und nutzt für seine Arbeiten das Englische.

«Grabmal eines jungen Mädchens» und «Opfer» aus Rilkes «Neuen Gedichten» in der Interpretation von Sung Hwan Kim.

Mit Rilke teilt Kim aber auch sein Interesse für Träume und Geschichten, für Mythen und für die Transformation von Menschen und Dingen, von Sprache und Form. Die Zeit, in der Rilke lebte, fasziniere ihn, erzählt er. Sein Buch vereint die Texte Rilkes mit seinen eigenen Gedanken, was ihm zum jeweiligen Gedicht durch den Kopf ging, ausgedrückt in rasch hingeworfenen Skizzen. Einige der gezeichneten Charaktere tauchen stetig wieder auf, in einem Index auf losen Blättern werden sie erläutert. Die meisten Zeichnungen habe er im Café Grumpy in New York gezeichnet, sagt er, und dasselbe steht auch hinten im Buch gedruckt. Unwichtig erscheint diese Information, auf den ersten Blick. Nichts als ein Stichwort. Die Einschätzung der Relevanz und die Interpretation dieser Information ist uns überlassen.

Die Ausstellung «Line Wall» in der Kunsthalle Basel eröffnet am Samstag, 16. April, um 19 Uhr, und läuft bis zum 29. Mai.

Der Profilbild-Sammler

karen gerig am Freitag den 8. April 2011

Wer Facebook-User ist, verschwendet meist eine nicht unbedeutende Zeit damit, das richtige Bild fürs Profil zu finden. Sei es das ansprechende Porträt, sei es der Hund, der grosse Zeh, die beste Pose oder die coole Sonnenbrille, im Netz findet sich alles. Über sein Profilfoto kann man seine aktuelle Laune mitteilen oder die lebenslange Vorliebe für eine bestimmte Kleidermarke. Manche habens gern zeitlos, andere ändern ihr Profilbild so oft wie ihre Unterhose.

Joachim Sputnik aka Jonas Baumann.

Jonas Baumann, an der Hochschule in Luzern zum Illustrator ausgebildet, befindet sich grad in einem Zwischenjahr zwischen Studiumsabschluss und iaab-Stipendium in Montréal. Einen Job zu suchen, das machte keinen Sinn, deshalb gibt es einiges an Zeit totzuschlagen. Oder eben ein Projekt zu entwickeln, das Spass macht. Zum Zeittotschlagen surfte Baumann sich durch Facebook – und blieb immer mal wieder an einem Profilbild hängen. «Mich fing plötzlich an zu interessieren, wie Leute sich darstellen», sagt der 27-Jährige. Und aus dem Durch-die-Bilder-Klicken entstand ein Projekt, das «In Your Face Book». «Ich fragte mich, was geschieht, wenn ich die Bilder auf neue Weise interpretiere und sie den Leuten zusende», erzählt Baumann. Gedacht, getan. Er griff sich Pinsel und Acrylfarbe und malte die Profilbilder einiger Leute neu.

Die Leute, deren Fotos er malte, kannte Baumann nicht. «Da waren Ungaren drunter, oder Leute in den USA», erzählt er. Die Reaktionen auf seine Bilder, die er als Foto den Porträtierten zusandte, waren äusserst unterschiedlich – sie reichten von Begeisterung bis hin zum Vorwurf des Stalking. «Einige haben mein Bild als neues Profilbild hochgeladen», sagt er. «Das fand ich natürlich toll.» Fast täglich entstand ein neues Bild, in kurzer Zeit hatte er etwa 60 Bilder gemalt. Und wo könnte er diese besser publizieren als auf Facebook? Kurzerhand wurde aus Jonas Baumann Joachim Sputnik, der seine eigene Facebook-Page einrichtete und dort anbietet, Porträtfotos zu malen. Bis jetzt halten sich die Anfragen jedoch noch in Grenzen.

Trotzdem malt Jonas Baumann immer noch, ohne Auftrag, vielleicht auch noch im Sommer, wenn er sein Austauschatelier in Montréal bezogen hat. «200 Bilder hätte ich schon gern zusammen», sagt er. Einiges davon, was er bis jetzt gemalt hat, kann man bis Ende April im Bistro des Stellwerks im Bahnhof St. Johann angucken, organisiert vom Showroom Basel. Physisch, auf Karton. Denn das ist es, was Jonas Baumann an diesem Projekt auch interessiert: Flüchtige Bilder, die nicht selten nur digital irgendwo existieren, in die physische Welt zu übertragen: «Man kann sich fragen: Ich nehme ein einziges Bild aus Milliarden Bilder, die im Internet herumschwirren. Warum ist gerade dieses oder jenes es wert, gemalt zu werden?» Eine Antwort darauf gibt es wohl nicht. Für Baumann sind es ganz unterschiedliche Gründe, warum er ein Bild aussucht. Weil es originell ist etwa, wie das Kleinkind mit Schäferhund in der Badewanne. Oder weil es absurd ist oder künstlerisch interessant. Oder weil es einem Typus entspricht, wie etwa all jene Männer, die sich mit ihrem selbstgefangenen Fisch porträtieren. Nur etwas macht Baumann nicht: «Ich versuche, Fotorealismus zu vermeiden.» Irgendetwas ändert er meistens ab, mal mehr, mal weniger. So gleicht kein Bild dem anderen. Manchmal gar kaum mehr dem Vorbild.

Basel wird für ein Wochenende zum Designmekka

chris faber am Donnerstag den 7. April 2011

Dieses Wochenende findet nach dem tollen Anfangserfolg 2010 wieder die Designmesse Blickfang in der E-Halle auf dem NT-Areal statt.

Rund 100 ausgesuchte Designer/Innen, davon viele aus Basel, zeigen ausgewählte Produkte, die Eure Lieblingsstücke werden könnten. Hier wird mit dem Trend zu Nachhaltigkeit gezeigt, dass wir nicht immer mehr im Leben brauchen, sondern besondere Stücke, die uns berühren, die uns immer begleiten und nicht nach einem Jahr in der Mülltonne oder Kleidersammlung landen. Ich habe etwa letztes Jahr ein schönes Bücherregal erlegt.

Ausserdem sind viele Basler Aussteller vertreten, etwa der Showroom Basel mit seinen feinen Labels, Rainer & Tobias Kyburz, Claudia Güdel, MATRIX, Laura Pregger oder Isabel Bürgin.

Ein sonniges Designwochenende in Basel steht vor der Tür!!

Wir würden gerne von Euch wissen: Was sind Eure Lieblingsstücke auf der Blickfang und was wünscht Ihr Euch für die nächste Blickfang 2012?

Apropos: Wer noch mehr Zeit hat, sollte sich noch die in am 05.04.2011 gestartete Austellung «Designwert – Designwerte. red dot präsentiert: Prämiertes Kommunikationsdesign 2010/2011» anschauen. In der Schule für Gestaltung sind wie letztes Jahr wieder sämtliche im red dot award ausgezeichneten Arbeiten zu sehen, ob Plakate, Jahresberichte, Videospiele, Webseiten oder Werbefilme. Jeweils von 12-19 Uhr Schule für Gestaltung, Spalenvorstadt 2, 4051 Basel, Montags geschlossen.

Drei Freunde und ein Kunstraum

karen gerig am Freitag den 1. April 2011

Der Austellungsraum Klingental ist kein einfacher Raum zum Bespielen. Zentral ein grosses Rechteck, links und rechts je ein fast gänzlich geschlossener Annex. Und dann noch ein kleinerer Raum, der sich hervorragend als Black Box tarnen lässt. Walter Derungs, Thomas Hauri und Hagar Schmidhalter beschäftigten sich im Vorfeld zu ihrer gemeinsamen Ausstellung intensiv mit diesen Räumlichkeiten: Während Derungs und Schmidhalter ihre Arbeiten für diesen Ort schufen, brachte Hauri jene Werke mit, die ihm am besten zu passen schienen.

Ausgehen von Architektur, das tun die drei seit Jahren befreundeten Kunstschaffenden nicht nur hier. Alle drei entwickeln ihre Arbeiten aufgrund von persönlichen Beobachtungen ihrer unmittelbaren Umgebung. So erstaunt es nicht, dass im ARK Material von ihren verschiedenen Reisen zu finden ist. Walter Derungs war in Peking oder in Perth, Hagar Schmidhalter hat sich von einem Swimmingpool in Portugal inspirieren lassen. Thomas Hauris Werke lassen sich zwar nicht verorten, doch da der Künstler seit einiger Zeit in Warschau lebt, wird die polnische Stadt auch in seinen Werken Spuren hinterlassen haben.

Stimmige Inszenierung: Aquarelle von Thomas Hauri (l.), eine Fotografie von Walter Derungs (m.), Objekte von Hagar Schmidhalter (r.).

Alle drei setzen sich mit Architektur auseinander, indem sie experimentieren und transformieren – und dies in ganz unterschiedlichen Medien. Für Thomas Hauri ist es seit jeher die Technik des Aquarells, die ihn fasziniert. Von der Farbpalette nutzt er nur das Schwarz. Weil Korrekturen nur schwer möglich sind, legt sich in manchem Bild schwarze Schicht auf schwarze Schicht, bis das Endresultat eine beinahe monochrome Fläche zeigt. Die dreidimensionalen Strukturen in seinen Bildern erinnern an den Konstruktivismus, oder sie wachsen dem Betrachter Hochhäusern gleich aus dem Bildgrund entgegen. Das Aquarell, oftmals Sinnbild für etwas Liebliches, kann bei Hauri bedrohliche Züge annehmen.

Walter Derungs bildet für ihn interessante architektonische Strukturen fotografisch ab. Ihn faszinieren dabei Orte, wo soziale, politische oder gesellschaftliche Umbrüche sichtbar werden. Gleichzeitig arbeitet er gerne mit der Materialität der Fotografie, indem er etwa zur Entwicklung der Fotografien Schwämme nutzt. Seine grossformatigen Fotografien setzt er aus mehreren Einzelteilen zusammen – die Fragmentierung des Gesamtbildes repetiert dabei die Gliederung der gezeigten Architektur.

In der Ausstellung scheinen diese einzelnen Blätter in Schmidhalters Wandobjekten wiederholt: Auf farbigen Tücher hängt die Künstlerin weisse Papierbögen. Sie bezieht sich damit auf provisorische Umbauten oder Abdeckungen im Stadtraum. Dazu stellt sie Objekte aus MDF-Brettern, die unterschiedlich ausgeschnitten und wie zufällig an Wände gelehnt werden. Durch ihre unsicher wirkende Positionierung bleiben sie beweglich und rücken den experimentellen Entstehungsprozess in den Fokus.

Das Zusammenspiel der Arbeiten des Trios funktioniert hervorragend, die Inszenierung wirkt stimmig. In einer Woche werden die Werke wieder abgeräumt, die Künstler wieder ihre Wege gehen und neue Inspirationen suchen. Die Zukunft ist ungewiss – das sagt uns schon der Titel der Ausstellung: «When shall we three meet again?» Vielleicht in diesem Raum, zu einer anderen Zeit.

«LASSO»: Eine tragbare Ausstellung

Luca Bruno am Dienstag den 22. März 2011
Pedro Wirz: "Ohne Titel (mit Künstler)"

Pedro Wirz, "Ohne Titel (mit Künstler)"

Eigene Texte oder Fotografien veröffentlichen? Das Internet hat es leicht gemacht! Innerhalb weniger Minuten hat man auf dem entsprechenden Sozialen Netzwerk einen Account erstellt und schon kann es mit dem munteren Publizieren losgehen. Doch wer hat eigentlich Zeit, auf diesen Webseiten stundenlang nach geeignetem Material zu suchen?

Ariane Koch, Damian Koch und Alain Gloor gehen mit ihrem Magazin «LASSO» einen anderen Weg. Ausser dem vorgeschriebenen Thema der jeweiligen Ausgabe lassen sie den involvierten Textern und Künstlern zwar genauso viel Freiheit wie das Internet, bezüglich Veröffentlichung gehen sie allerdings den altmodischen Weg. «LASSO» erscheint in Heftform, in jeweils streng limitierter Auflage.

Letzten Winter erschien die erste Ausgabe und ein Grossteil davon war im Nu vergriffen. Nun haben die drei mit Unterstützung zweier Gastkuratoren nach über drei Monaten Wartezeit die zweite Ausgabe «Schauspiel» fertiggestellt. Anlässlich der Release-Party, die diesen Mittwoch, dem 23. März 2011, in der Hinterhof Bar über die Bühne gehen wird, haben wir uns mit Alain Gloor über «LASSO» unterhalten.

Woher stammt die Idee zum «LASSO»-Magazin?
Alain Gloor: Das liegt schon etwa zwei Jahre zurück, wir haben jedoch eine gute Zeit haben am Konzept gefeilt. So einfach und wirksam es heute erscheint, es war ein langer Weg bis dorthin. Warum wir das Projekt genau in Angriff genommen haben, wissen wir nicht mehr so genau. Wir hatten einfach Lust, etwas zu versuchen, wollten Kräfte bündeln, etwas für Basel und vielleicht sogar die Schweiz tun.

Vom «Wilden Westen» zum «Schauspiel»: Was für eine Bedeutung haben die jeweiligen Themen für das Magazin?
Das jeweilige Thema soll dem Magazin eine Richtung geben und trotzdem eine offene künstlerische Herangehensweise zulassen oder zu einem Beitrag anstiften. Wir suchen zu dritt nach neuen Schlagwörtern. Manchmal dauert es auch ein paar Tage, bis wir alle von einem neuen Vorschlag überzeugt sind, wie es bei «Kopf» geschah, unserem neuen Thema, für das wir bis zum 1. Juni 2011 Beiträge entgegennehmen. Eine Bedeutung haben die Themen auch insofern, als dass wir die Release-Partys grob mit dem Titel des Magazins in Verbindung zu bringen versuchen. Zum «Wilden Westen» spielte die Band Little White Mice letzten Herbst einen Sound, den wir uns zur Unterlegung eines jeden Western hätten vorstellen können. Diesen Mittwoch werden in der Hinterhof Bar passend zum aktuellen Thema «Schauspiel» Performances verschiedener Künstler stattfinden.

Claudia Link, "The Secret Behind the Scene"

Claudia Link, "The Secret Behind the Scene"

Für eure zweite Ausgabe «Schauspiel» habt ihr über doppelt so viele Einsendungen erhalten, wie ihr schlussendlich publizieren werdet. Wie funktioniert euer Auswahlprozess?
Für die zweite Ausgabe haben wir zwei Gastjuroren beigezogen, was das Ganze etwas vereinfacht hat. Wir sassen zehn Stunden am Küchentisch und haben uns über mehrere Runden beraten. Bekommt eine Arbeit drei Stimmen, dann ist sie vorerst mal dabei. Zuletzt muss jedes Werk aber auch ins Gesamtbild der jeweiligen Ausgabe passen. Da kippen manchmal Arbeiten raus, auf die wir eigentlich nur ungern verzichten würden. Und es muss selbstverständlich auch bezahlbar bleiben. Will heissen: Viel mehr als die sechzig Seiten, welche die zweite Ausgabe nun hat, können wir uns gar nicht leisten.

Ausser dem Thema sind die Autoren in der Wahl ihrer Text- bzw. Veröffentlichungsform komplett frei. Hattet ihr auch schon mit zu abstrakten Einsendungen zu kämpfen?
Es kommt auf die Empfindung des Betrachters an, was dieser als aparte Einsendung einstufen würde und was nicht. Wir haben von gewöhnlichen Ferienfotos zu Fotografien einer Performance der Wiederauferstehung von Jesus Christus bis zu Stickereien und riesigen Kritzeleien alles schon gehabt. Alles ist erlaubt. Und im Kontext des Magazins und im Zusammenspiel mit anderen Arbeiten ergeben auch gerade verquer anmutende Beiträge eine spannende Bild- und Textwelt, die, so hoffen wir, das LASSO ausmacht.

Jelena Savic, "Rabbits In Disguise"

Jelena Savic, "Rabbits In Disguise"

Heutzutage eröffnet man innerhalb von 5 Minuten einen tumblr-Account und kann dort Bilder, Texte oder sogar Videos innerhalb weniger Sekunden mit der ganzen Welt teilen. Warum habt ihr euch gegen das Netz und für ein Heft entschieden?
Wir haben absolut nichts gegen das World Wide Web. Wir haben ja selber eine Website und erreichen darüber viel mehr Menschen, als wir das sonst tun würden. Für uns ist das Internet eine riesige Vereinfachungsmaschine. Nur: Mit dem physischen Release schaffen wir eine Grundlage und bringen Menschen zusammen, und zwar nicht nur im Netz. So entstehen neue Ideen. Das Herstellen eines Magazins ist tatsächlich aufwändiger, als rasch einen tumblr-Account zu eröffnen. Wir denken aber, dass das auch die Leute, die uns Beiträge zuschicken, animiert. Wir geben uns grosse Mühe und wissen, dass auch den beteiligten Künstlern viel an ihren Werken liegt. Auch soll das Heft wie eine Art tragbare Ausstellung funktionieren, die man weiterempfehlen kann und die sich taktil, also mit dem LASSO in den Händen, erfahren lässt.

Dies führt allerdings dazu, dass ihr euch momentan auf Texte und Bilder beschränken müsst. Könnt ihr euch vorstellen, irgendwann auf andere Kunstformen wie Videos oder Installationen zu «expandieren» und dementsprechend auf eine andere Veröffentichungsform zurückzukommen?
Zuerst: Videostills und Fotografien von Installationen haben wir ja auch im LASSO. Aber es stimmt natürlich, dass diese immer eine Verkürzung des eigentlichen Kunstwerks bedeuten. In diesem Sinne sind wir auf jeden Fall offen, andere Richtungen einzuschlagen – wir sind der festen Überzeugung, dass der Prozess des Kuratierens in Zukunft noch bedeutungsvoller werden wird. Das Magazin soll aber immer Grundlage des ganzen Unternehmens und einzigartig bleiben. Mehrere Möglichkeiten der Weiterentwicklung sind schon angedacht, aber damit überraschen wir lieber, wenn es auch soweit sein wird.

LASSO Release-Party N°2 «Schauspiel»: Diesen Mittwochabend (26. März) im Hinterhof. ab 19:30, mit Performances verschiedener Künstlern und musikalischer Unterstützung von Deck Mental & Lord Soft (Team Taperape).
Ausserdem ist die Bewerbungsphase für die dritte Ausgabe «Kopf» mittlerweile angelaufen. Der Einsendeschluss für diese Ausgabe ist am 1. Juni; mehr Informationen dazu gibt’s auf der offiziellen Website des Magazins.