Archiv für die Kategorie ‘Ausstellungen’

Wer nicht aussteigt, fährt zu weit

karen gerig am Freitag den 28. Januar 2011

Achtung, liebe Kunstfreunde! Heute Abend eröffnet im Kunsthaus Baselland mit Alois Mosbacher, Philipp Gasser und Vanessa Billy die erste Ausstellung des Jahres 2011, und die Gäste werden zahlreich zur Vernissage anreisen. Dabei soll auf etwas hingewiesen werden: Die Tramstation «Schänzli», so schön direkt beim Kunsthaus gelegen, gibts seit Dezember nicht mehr. Wer nicht regelmässig zwischen Basel und Muttenz hin- und herpendelt, dem ist das vielleicht noch gar nicht aufgefallen.

Ist nicht mehr direkt via Tram zu erreichen: Das Kunsthaus Baselland.

Für Sabine Schaschl, Direktorin des Kunsthauses Baselland, eine nervige Angelegenheit: «Wir wurden davon total überrascht. Die BVB haben es nicht für nötig gefunden, uns – oder eine der anderen Firmen hier – vorab zu informieren.» Eines Tages fuhr das Tram einfach an der Haltestelle vorbei. Nicht selten sitzt darin auch ein Besucher des Kunsthauses. «Die lassen ihren Frust dann bei uns ab», erzählt Schaschl. Sie wünschte sich, dass im Tram wenigstens angekündigt wird, dass die Station nicht mehr benutzt wird und man früher aussteigen soll.

«Es handelte sich um eine wenig benutzte Station», begründete Georg Vischer, Direktor der BVB, die Aufhebung der Tramstation. Und der Fahrgast habe jetzt nur Vorteile: Er könne mit einem Kurzstreckenbillett weiter fahren. Den Gästen des Kunsthauses Baselland wird das wenig bringen, sie dürfen dafür jetzt weiter laufen. Ein Kurzstreckenbillett werden wohl sowieso die wenigsten von ihnen nutzen.

Partnerprojekte und kuratierte Zimmerpflanzen

karen gerig am Samstag den 22. Januar 2011

Was geschieht, wenn man zwei Künstler zusammen eine Ausstellung kreieren lässt, die sich vorher nie gesehen haben? Im Idealfall ein interessanter Dialog, im schlimmsten Fall eine Soloshow, weil die Künstler sich nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen können.

Das Erdgeschoss des Hauses an der Kannenfeldstrasse 23 beherbergt eine kleine Ladenfläche, rund fünf auf fünf Meter. Darin hat sich der Ausstellungsraum deuxpiece eingerichtet. Deuxpiece entstand ursprünglich im Jahr 2009 als Projekt der damaligen Kunststudentin Noëmi Denzler und ihrem Kollegen Pedro Wirz. «Es war angedacht als Nomadenprojekt», erzählt Wirz. «Wir wollten jeweils zwei Kunstschaffende zusammenbringen und durch deren Dialog möglichst spannende Ausstellungen generieren.» Die erste Schau fand im September 2009 in eben diesem Raum an der Kannenfeldstrasse statt, der Südkoreaner Wonho Lee traf dort auf den Deutschen Benjamin Bronni. «Warum genau hier?» fragt Wirz. «Das war ein Glücksfall, das Haus gehört Noëmis Eltern und der Laden stand gerade leer.»

Noëmi Denzler studierte damals in Stuttgart an der Akademie der bildenden Künste und war für ein Austauschjahr zurück in Basel, wo sie herkommt. Am hiesigen Institut für Kunst traf sie Pedro Wirz, der damals zusammen mit Raphael Linsi das «Wirtshaus» im Kunstraum Schalter betrieb – ein Projekt, das gerade seinem Ende entgegenging. Die Lust auf ein weiteres Offspace-Projekt verband Wirz und Denzler, und sie entwickelten gemeinsam das deuxpiece-Konzept. Weil Pedro Wirz aber gleichzeitig zusammen mit Raphael Linsi, Claudio Vogt und Tilman Schlevogt ein weiteres Kuratorenprojekt namens «The Forever Ending Story» ins Leben rief und dieses bald sehr professionell zu laufen begann und dementsprechend viel Zeit beanspruchte, sah Wirz sich gezwungen, Anfang 2010 aus dem deuxpiece auszusteigen.

Blick in die Ausstellung von Pedro Wirz im deuxpiece.

Noëmi Denzler machte daraufhin allein weiter, zuerst mit zwei Ausstellungen in Stuttgart. Seit einem Jahr jedoch ist sie zurück in Basel, und der Raum nahe des Kannenfeldplatzes ist inzwischen zum festen Standort geworden. Dank Unterstützungen des Kantons, des Migros Kulturprozent und der Ernst-Göhner-Stiftung kann sie einen regelmässigen Betrieb aufrechterhalten: Jeden Monat öffnet sie den Ausstellungsraum für eine dreitägige Schau.

Heute Abend eröffnet im deuxpiece die achte Ausstellung. Eingeladen hat Denzler dafür ihren alten Partner Pedro Wirz sowie eine Künstlerin aus Lausanne. Doch zum ersten Mal scheitert das Konzept des Ausstellungsraums, denn Wirz und seine zugeteilte Mitstreiterin wurden sich nicht einig. Wirz stand plötzlich allein da und bestreitet nun die Ausstellung als Soloshow. «Für mich ist das natürlich nicht schlecht», sagt er mit einem Lachen. «Und dass etwas schief gehen kann, das gehört einfach dazu.» Noëmi Denzler kann diesen Umstand auch als Testlauf sehen: Im Februar nämlich endet das Partnerkonzept des deuxpiece. Künftig will sie sich auf Soloshows konzentrieren, zumindest von März bis November 2011. Bei der Planung wird ihr ausserdem neu ein ganzes Team zur Seite stehen. «Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen sollen sich mit dem Raum an der Kannenfeldstrasse auseinandersetzen», erklärt Denzler. Mit einem Raum, der nicht dem Ideal eines White Cube entspricht, sondern weiss getünchte Holztäferwände hat, eine grosse Fensterfront und einen schwarzen, dominierenden Holzofen.

Im Moment gerade ist Pedro Wirz noch dabei, die Fensterfront mit Matratzen und Tüchern abzudichten. Das Resultat soll an die konkrete Kunst erinnern, an Mondrian etwa. Momentan sieht es auch etwas nach Rothko aus. Wirz beschäftigt sich gerne mit kunsthistorischen Vorbildern, stärker aber noch mit dem Kunstsystem. Für seine «Curated Sculptures» etwa lädt er Kuratoren dazu ein, eine Skulptur zu gestalten, kehrt so das gängige System um. Die schnelle Form davon sind die «Studies for curated Sculptures»: Kuratoren wählen ihre Lieblingspflanzen, die der Künstler dann in geeigneter Form installiert. Was lag näher, als für die jetzige Ausstellung Noëmi Denzler zu fragen? Diese mag eigentlich keine Zimmerpflanzen: «Gemüse wär mir lieber gewesen», sagt sie. Doch in dieser Jahreszeit eine Tomatenstaude zu finden, stellte sich als unmöglich heraus. Pedro Wirz wusste aber auch mit den Ersatz-Orchideen was anzufangen. Was, kann man dieses Wochenende sehen.

Halbleere Gänge vs. übervolle Räume: Der Kampf um die Publikumsgunst

karen gerig am Donnerstag den 20. Januar 2011

Bereits haben über 200’000 Leute die Wien-Ausstellung in der Fondation Beyeler besucht – täglich quetschten sich allein in den letzten Tagen und Wochen rund 2000 Besucher durch die Ausstellungsräume. Manch einer findet, das sei zuviel, um die Kunst noch geniessen zu können (vgl. hier). Weniger Probleme hat da der Besucher der Warhol-Ausstellung im Kunstmuseum – hier bleibt vor den Bildern genug Raum für Betrachtung. Genaue Zahlen sind vom Museum allerdings noch nicht in Erfahrung zu bringen.

Vollgestopfte Räume versus halbleere Gänge, wie kommts? Dürfte man nicht meinen, dass ein Name wie Andy Warhol die Menschen auch scharenweise ins Museum lockt? Wir erwarten ja keine halbe Million wie 2009 bei der «Jahrhundertausstellung» Vincent van Gogh. Doch wieso schaffte es eine Fondation Beyeler, selbst mit einem eher unbekannten Namen wie Jean-Michel Basquiat innert vier Monaten 110’000 Leute anzuziehen, während die Jahresbesucherzahl fürs Kunstmuseum (ohne Museum für Gegenwartskunst) gar nicht so weit darüber liegt? Betrachtet man die letzten zehn Jahre, so spielt das Kunstmuseum mit Namen wie Holbein, Kandinsky, Judd oder auch Gursky doch absolut in der oberen Liga mit.

Würde Andy Warhols Frühwerk in der Fondation Beyeler mehr Besucher anziehen? (Foto Margrit Müller)

Und trotzdem – wir wagen die unverschämte Behauptung: Würde Andy Warhols Frühwerk in Riehen gezeigt, läge die Besucherzahl um einiges höher. Und hätte das Kunstmuseum die Basquiat-Ausstellung gezeigt, hätten keine 110’000 Leute den Weg dorthin gefunden.

An den Eintrittspreisen kanns nicht liegen, diese sind in Riehen um vier Franken pro Person höher als am St. Alban-Graben. Ist die Fondation Beyeler also geschickter, wenn es um die Bewerbung des Museums geht? Machen wir einen Rundgang durch Basel: An den Plakatsäulen scheint das Wien-Warhol-Verhältnis ausgeglichen, und am oberen Ende der Freien Strasse wird fürs Kunstmuseum, am unteren für die Fondation Beyeler geworben. Die SBB bietet für beide Ausstellungen Packages an. Doch auf dem Bahnhofsplatz empfangen die Touristen nur mobile Plakatwände der Fondation mit dem Hinweis, wie man möglichst schnell nach Riehen gelangt. Das Kunstmuseum fehlt. Im Fernsehen wird schweizweit sowohl für die Wien- als auch für die Warhol-Ausstellung geworben, für die Wien-Ausstellung auch am Radio. In den Medien hingegen ist die Fondation Beyeler präsenter, ist öfter mal der Ausflugstipp, und sie wirbt auch stärker über die Landesgrenzen hinaus, vor allem in den angrenzenden Landesteilen – mehr als die Hälfte der Fondation-Beyeler-Besucher (52 Prozent) kommen aus dem Ausland, fast die Hälfte davon aus Deutschland. Doch auch das Kunstmuseum zieht viele ausländische Besucher an – Statistiken sind jedoch keine zu erhalten. Beide Museen werben zielgruppenorientiert.

Die Fondation Beyeler ist beliebtes Ausflugsziel - im Bild das Kaffeehaus in der Wien-Ausstellung. (Foto Pino Covino)

Allein an der Werbung kanns also nicht liegen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt wohl aber die Positionierung der beiden Museen beziehungsweise ihre nationale und internationale Ausstrahlung. Das Kunstmuseum erinnert rein äusserlich an eine Festung und bietet auch im Innern nicht die modernste Architektur. Das ist natürlich wenig schmeichelhaft formuliert, und der Erweiterungsbau könnte hier Abhilfe schaffen – allerdings frühestens im Jahr 2015. Die Schwerfälligkeit der Architektur scheint sich manchmal im Ausstellungsprogramm zu spiegeln – gerade auch in kleineren Präsentationen im Kupferstichkabinett etwa. Überspitzt könnte man sagen, dass das Kunstmuseum ein elitäreres Publikum anspricht als die Fondation Beyeler. Die lichtdurchflutete Fondation liegt zudem harmonisch eingebettet im grünen Umland und bietet sich für einen Sonntagsausflug geradezu an, gerade auch für Tagesausflügler aus dem Ausland. Kommt dazu: Die Figur Ernst Beyeler und dessen herausragende Sammlung – ein populäres Identifikationsmerkmal, das dem Kunstmuseum fehlt. Die Kunst der Klassischen Moderne – der Schwerpunkt der Fondation Beyeler sowohl in Sammlung wie Sonderausstellungen – ist zudem immer noch die weltweit populärste Kunst.

Wird der Erweiterungsbau dem Kunstmuseum neue Besuchergruppen erschliessen? (Visualisierung Christ & Gantenbein)

Gerade im Hinblick auf den Erweiterungsbau täte dem Kunstmuseum ein Imageschub gut. Ein Patentrezept, wie dieser zu bewerkstelligen wäre, lässt sich leider nicht so einfach zusammenmixen. Das Wichtigste ist und bleibt, ein attraktives Ausstellungsprogramm anzubieten. Mit der Präsentation der Sammlung im Obersteg und einer Ausstellung zu den Landschaften Max Beckmanns, die für 2011 geplant sind, ist der Kassenschlager aber immer noch nicht in Sicht. Die Fondation Beyeler trumpft dagegen mit Brancusi, Dali, Serra und Louise Bourgeois auf.

Dem einzelnen Besucher können diese Überlegungen ja eigentlich egal sein. Im Gegenteil: wer die Kunst lieber in Ruhe geniesst, ist im Kunstmuseum ja sogar besser dran.

Welches Museum besuchen Sie lieber, liebe LeserInnen? Und warum?

DER ERSTE BASLER FOTOMARATHON, mach mit!

chris faber am Freitag den 7. Januar 2011

Städte wie Berlin, Wien und Bern haben es vorgemacht und nun ist es auch in Basel soweit, am Samstag 8. Januar 2011 um 12:00 Uhr startet der erste Basler Fotomarathon. Schnapp dir deine Kamera und gehe auf die Pirsch nach den besten Bildern in Basel!

Ein Fotomarathon ist ein Fotowettbewerb unter extremen Bedingungen. Innerhalb von von zwölf Stunden setzen die Teilnehmer eine Serie von 12 Themen fotografisch um. Eine Stadt – 12 Bilder – 12 Themen. Der Fotomarathon ist unter anderem bekannt aus Berlin, Wien, Kopenhagen oder Cardiff.

Der erste Basler Fotomarathon steht unter einem bestimmten Rahmenthema, welches bis zum Start geheim bleibt. Die 12 Themen fordern Interpretationsfähigkeit und Kreativität von den Teilnehmern. Spontanität, Einfallsreichtum, Ausdauer und viel Spaß am gemeinsamen Erlebnis sind also Voraussetzung für eine gelungene Fotoserie.

Wer bis zum Schluss gute Ideen zu entwickeln und die Themen kreativ umsetzt, dem winkt vielleicht sogar ein Platz unter den zwölf Themensiegern. Die Themensieger sowie der Gesamtsieger werden in einer Internet-Abstimmung bestimmt.

Alle können kostenlos mitmachen.
Komm am 8. Jan um 12:00 auf den Barfüsserplatz in Basel. Dort erhälst du deine Startnummer und die 12 Themen. Durch das anschliessende hochladen deiner Fotos bis 00:00 sicherst du dir die Chance auf einen der 13 Preise.

Infos unter http://www.gonnado.com/basler-fotomarathon/

Kuhglockengebimmel neben dem Wiener Kaffeehaus

karen gerig am Mittwoch den 5. Januar 2011

Neulich in der Fondation Beyeler. «Mir gefäl… Strich», sagt die eine Frau vor einem Aquarell von Egon Schiele zu ihrer Nachbarin. «Was hast Du gesagt?» fragt diese, deutlich hörbarer. Flüstern gehört im Museum immer noch zum guten Ton. Ebenso, dass man nicht rennt und sich überhaupt ruhig verhält. Schliesslich ist ein Museum eine Art von Tempel – damit ist Andacht angebracht. Doch was, wenn es in diesem Tempel summt und brummt wie in einem zu gut frequentierten Bienenstock? Da wird, wer flüstert, kaum mehr verstanden.

In die Fondation Beyeler gelangt man momentan, wenige Tage, bevor die «Wien»-Ausstellung zu Ende geht, nur mit Ellbogengewalt. Auf dieselbe Weise ergattert man sich einen Platz vor irgendeinem Bild in den Ausstellungsräumen. Fast wünscht man sich, dass man wie etwa in den Uffizien in Florenz im Einerkolonnensystem durch die Schau gelenkt würde. Aber nur fast, weil man dann garantiert vor den uninteressantesten Werken am längsten stehenbleiben muss. Doch ist in diesem Gedränge noch Kunstgenuss möglich?

Monica Studer und Christoph van den Berg vor ihrer Installation in der Fondation Beyeler. (Foto Dominik Plüss)

Die Fondation Beyeler bietet dem überforderten Besucher einen Ausweg. Sie nennt sich Untergeschoss. Dort findet man einerseits Sitzgelegenheiten im «Wiener Kaffeehaus». Gemütlich allerdings ist es dort nicht wirklich, und der in der Luft liegende Gulaschgeruch ist auch nicht jedermanns Sache. Besser, man wendet sich der linken hinteren Ecke zu und verschwindet durch den schmalen Durchgang ins «Hotel Vue des Alpes».

Das virtuelle Hotel des Basler Künstlerpaares Monica Studer und Christoph van den Berg existiert seit zehn Jahren. Man kann dort Zimmer buchen und durch die Alpenwelt spazieren, während man zuhause vor dem Bildschirm sitzt. In der Fondation bieten zwei Bildschirme inklusive Maus einen Vorgeschmack darauf. Eine grosse Projektion zeigt das «Gleissenhorn», die Kamera schwenkt langsam dessen 360-Grad-Panorama ab. Doch nicht nur aktuelle Wetterdaten des imaginären Gebirges werden angezeigt, sondern mittels Mausklick kann das Datum verändert werden. Falls man seinen Aufenthalt im nahegelegenen Hotel wettergerecht planen will.

In der Mitte des Raumes haben Studer/van den Berg eine graue Gesteinsformation aus Holz gebaut. Darauf kann sich setzen, wer müde ist, und mit dem Blick durch die virtuelle Bergflora wandern, die an die Wand projiziert wird. Immer neu setzt der Computer die Blüemli und Gräser zusammen, nie sieht man dasselbe. Sanftes Kuhglockengebimmel hilft bei der Entspannung. Man bleibt einfach sitzen, bis man sich gewappnet hat für den Rückweg durch die überfüllten Ausstellungsräume ein Stockwerk höher.

Zimmer 201 in Studer/van den Bergs «Hotel Vue des Alpes».

Hat man es schliesslich nach draussen geschafft, kann man zuhause dann ein Zimmer im «Vue des Alpes» reservieren – momentan sind für Kurzentschlossene sofort Plätze frei. Für all jene, die nach dem Museumsbesuch dringend Erholung nötig haben.

«Regionale» Räume #4: Kunsthalle Palazzo

karen gerig am Freitag den 24. Dezember 2010
Ruth Buck, Kunsthalle Palazzo, Regionale 2010

«Blind Date» von Ruth Buck. (Foto Dirk Wetzel)

Das Studium der Kunstgeschichte weist einen grossen Mangel auf. Meist merken die Studierenden das erst rückblickend. Dann nämlich, wenn im Berufsleben plötzlich die Praxis gefragt ist und man merkt, dass man sich jahrlang hinter Bildern und Büchern vergraben hat. Es kann durchaus sein, dass ein Student während seines Studiums nicht ein einziges Wort mit einem Kunstschaffenden gewechselt hat. Andrea Domesle, Kuratorin in der Kunsthalle Palazzo in Liestal, kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung. Deshalb fasste sie den Plan, am Kunsthistorischen Seminar in Basel ein Praxisseminar anzubieten.

Andrea Domesle (heller Pulli, vorne rechts) mit ihren Co-Kuratorinnen und einigen Künstlerinnen. Foto Dirk Wetzel

Zehn Studentinnen fanden sich, die zusammen mit Andrea Domesle die Ausstellung zur «Regionale» kuratieren wollten. «Dass es nur Studentinnen waren, war nicht geplant», sagt Domesle. Doch weil im Masterstudiengang nur wenige Männer überhaupt Kunstgeschichte studieren, kam es so. So plante die reine Frauengruppe «Eine schöne Ausstellung» – so der Titel. «Schön – das Wort ist ja eigentlich verpönt», sagt Domesle. «Doch uns ging es genau darum, um das Positive im Leben.»

Die Kunsthalle Palazzo liegt direkt am Liestaler Bahnhof. Immer wieder steht draussen vor der Tür der Bahnverkehr still, weil ein Mensch auf den Schienen sein Leben beendet hat oder es beenden wollte. Der Bahnhof Liestal führt schweizweit diese ungeliebte Statistik an. «Liestal verdankt das wohl der Psychiatrischen Klinik, die nur unweit von hier liegt», mutmasst Domesle. Die hohe Selbstmordrate, die Verzweiflung, die den Menschen zu solchen Taten treibt, wählte die Kuratorin als Ausgangspunkt für die Ausstellung. Sie beginnt draussen, vor den eigentlichen Ausstellungsräumen, im Putzschrank neben dem WC, wo Claire Guerrier eine Sequenz ihrer Videoarbeit «Alice» zeigt – jenen siebten Teil, der sich den Selbstmordphantasien der Protagonistin widmet.

In der Kunsthalle drin dann führt der Weg durch die Räume stetig hin zu mehr Lebensfreude. Am Schluss steht wieder eine Videoarbeit, diesmal von Muda Mathis und Sus Zwick. «Das ideale Atelier – woher unsere Bilder kommen» ist nicht nur ein Film über das Kunstmachen und das Kunstleben, sondern auch Ausdruck der Freude daran. Ein heiterer Schlusspunkt. «Meine Lieblingsarbeit hier», sagt Domesle. Zwischen Mathis/Zwick und Guerrier beschäftigen sich unter anderem Esther Hiepler, Ruth Buck oder Ariane Andereggen mit den Themen Kunst, Mensch – und Frau-Sein. Alles Frauen, auch hier. «Eine Ausstellung zu machen, das hat auch mit Selbstpositionierung zu tun», erklärt Domesle. «Wir als Frauengruppe spiegeln so fast automatisch unsere eigene Realität – als Frau.» So war auch klar, dass nur Künstlerinnen für die Ausstellung aus den Dossiers ausgesucht oder direkt angesprochen wurden. Solche aus einer jüngeren Generation wie Celia und Nathalie Sidler, oder solche aus einer älteren Generation wie Regula Hügli. Und viele dazwischen. Sie alle haben ihre Arbeiten für die Ausstellung geliefert. Schön sollte sie werden. Schön ist sie geworden.

Szymczyk vs. Schaschl

karen gerig am Montag den 20. Dezember 2010

Vergangene Woche erfuhr die Basler Kunstwelt davon, dass Kunsthalle-Direktor Adam Szymczyk für seine progressive Ausstellungstätigkeit mit dem amerikanischen Walter Hopps Award ausgezeichnet wird. Vor wenigen Wochen erst hatte Sabine Schaschl, Direktorin des Kunsthauses Baselland, den französischen Orden «Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres» erhalten.

Zwei Preise, zwei Direktoren, zwei Kunsthäuser, zweimal die Region Basel. Doch wer sowohl Kunsthalle wie Kunsthaus mehr oder weniger reglemässig besucht, der weiss, dass Adam Szymczyk und Sabine Schaschl nicht für identische Ausstellungstätigkeiten ausgezeichnet wurden. Zwar wird der Walter Hopps Award «für bedeutende Leistungen im Bereich der zeitgenössischen Kunst» und der «Orden der Künste und Literatur» an Personen verliehen, die sich «um die Ausstrahlung der Künste in Frankreich und in der Welt» verdient gemacht haben (und dies tut Sabine Schaschl bekanntlich auch im Bereich der zeitgenössischen Kunst), wodurch ein Unterschied zwischen den Preisen nicht augenfällig wird.

Vergleicht man allerdings die beiden Ausstellungsmacher in ihrer Tätigkeit, so findet sich nur eine äusserliche Gemeinsamkeit: Beide lieben die Reduktion. Die Räume des Kunsthauses Baselland sind niemals überladen, und die Kunsthalle Basel lässt den Werken ebenfalls genügend Spielraum. Am krassesten war dies im Frühling 2005 der Fall, als Adam Szymczyk die Künstlergruppe Superflex dazu einlud, die Räume ganz leer zu belassen. Statt Kunst gab es Zahlen über Kunst, jeder Eintritt wurde mit zwei Franken belohnt. Doch obwohl kein einziges Werk gezeigt wurde, vermochte die «Supershow» die Räume mit einheitlichem Geist zu füllen – und sorgte über die Region hinaus für Gesprächsstoff. Davor und auch danach jedoch wurde immer mal wieder der Vorwurf an Adam Szymczyk laut, die Räume der Kunsthalle würden mit zuwenig Kunst bespielt. Ausserdem werde der regionale Auftrag vernachlässigt, ist immer wieder zu hören – gerade aus der regionalen Kunstszene. Da half auch der grossartige Abstecher in Christoph Büchels «Hole» nicht, zumal diese Ausstellung auch bereits wieder fünf Jahre zurückliegt und die letzte ihrer Art war – von der jährlichen «Regionale» abgesehen.

Was Adam Szymczyk aber an aufstrebenden internationalen Positionen von Cyprien Gaillard über Piotr Uklanski bis Pedro Barateiro in die Kunsthalle holt, hat nun international für Anerkennung gesorgt. Die Reduktion, die Szymczyk in den Räumen pflegt, wirkt auch auf dessen Auswahl der Künstler und Künstlerinnen. Oft konzeptlastig und auf den ersten Blick wenig zugänglich, stellen die Ausstellungen hohe Ansprüche an die Besucher – der Aufwand lohnt aber in der Regel.

Sabine Schaschl pflegt den Minimalismus ebenso und lässt den Werken genügend Entfaltungsraum. Ihre Ausstellungen sind aber meist sinnlicher wahrnehmbar, haben manchmal gar einen romantischen Touch, und das Textbuch darf ruhigen Gewissens auch mal beiseite gelassen werden. Dem Ausstellungsgenuss tut dies keinen Abbruch. Auch hat im Kabinett des Kunsthauses an der Birs die regionale Kunst ihren fixen Platz, wenn die dortigen Ausstellungen auch qualitativ oft nicht mit den Hauptausstellungen mithalten können.

Szymczyk und Schaschl mögen zwar unterschiedliche Interessen haben und ihre Ausstellungen dementsprechend unterschiedlich ausrichten, doch gerade die daraus resultierende Vielfalt macht den Besuch beider Häuser und auch einen regionalen Vergleich immer spannend und inspirierend. Deshalb eine nachträgliche Gratulation von uns an beide!

«Regionale» Räume #3: Plug.In, Byebye

karen gerig am Donnerstag den 9. Dezember 2010

Drei sehr gute Gründe gibt es, einen Abstecher ins Plug.In zu machen. Erstens ist die «Regionale»-Ausstellung die allerletzte überhaupt in diesen Räumen, zweitens ist die Schau gut kuratiert, und drittens schliesslich kann man sich hier endlich selbst kreativ austoben – Nikolas Neecke sei Dank.

Beginnen wir bei Punkt 1. Bis Anfang Januar noch dauert die «Regionale», und mit ihrem Ende wird das Plug.In bekanntlich für immer seine Türe schliessen. Auch den Namen wirds dann nicht mehr geben, denn das Plug.In geht vollends im Haus für elektronische Künste auf dem Dreispitzareal auf. Zur Museumsnacht hin wird man dort erstmals einen Augenschein nehmen können, im Mai dann geht es richtig los. Wir sind naturgemäss gespannt, und nun ein bisschen nostalgisch. Doch in der hintersten Ecke des Plug.In sehen wir, dass der Abschied auch neugewonnene Freiheit bedeutet: Hier haben Florine Leoni und Sylvain Baumann flott dicke Löcher in die Wände gehauen und schwarze Balken hineingesteckt, die quer durch den ganzen Raum ragen. So wird der Raum, der bald nicht mehr ist, thematisiert, und rückt noch einmal ins Zentrum.

Leoni und Baumanns Arbeit ist damit aber nicht vollständig, dazu gehört noch ein Video, das einen anderen Raum und die Wahrnehmung dessen thematisiert. Diese Vermischung der Medien führt uns direkt zu Punkt 2, denn die Wechselwirkungen von Medien und auch das Übersetzen von einem Medium in ein anderes ist das zentrale Thema der von Martina Venanzoni und Charlotte Matter kuratierten Ausstellung. Jannick Giger präsentiert eine Performance in Form einer Audioinstallation, Clare Kenny führt zweidimensionale Fotografien zurück in eine dreidimensionale Form, Manon Bellet bringt die Medien Malerei und Diaprojektion in Einklang, Fabian Chiquet und Domenico Billari testen eine Lichtmaschine in einer virtuellen Bühnensituation und bringen so Kunst und Musik zusammen.

Einengen vom eigentlich strengen Konzept des Plug.In haben sich die Kuratorinnen nicht. «Es war zwar nicht nur einfach, die geeigneten Werke zu finden», sagt Martina Venanzoni. «Also haben wir uns etwas aus dem strengen Rahmen gelöst.» So steht in einer Plug.In-Ausstellung für einmal kein Computer… Halt, doch, einen selbstgebastelten Synthesizer könnten wir dazu zählen. Und damit sind wir auch schon bei Punkt 3 und damit bei Niki Neecke und beim Spieltrieb. «Paint & Play» heisst seine Arbeit, und «sie hat sich als wahrer Hit herausgepuppt», sagt Venanzoni. Kein Wunder, schliesslich kann man hier malen und damit Musik machen. Das macht sogar Kindern Spass. Wies funktioniert? Man nehme eine transparente CD, bemale sie mit unterschiedlichen Farben und schiebe sie in Neeckes charmanten Synthesizer. Dort wird die Wellenform eines Klanges als Bildinformation gelesen. Sensoren wandeln die Bilder in Klang um. Das klingt meist ziemlich schräg, ist aber auch ausserordentlich lustig. Damit fällt der Abschied vom Plug.In nur noch halb so schwer. Wir sagen trotzdem: Byebye, wir haben uns immer sehr wohl gefühlt.

«Regionale» Räume #2: Kunsthaus Baselland

karen gerig am Donnerstag den 2. Dezember 2010

«Radikal subjektiv» soll sie sein, die Regionale-Ausstellung im Kunsthaus Baselland. Direktorin Sabine Schaschl hat sich dafür fremde Hilfe ins Haus geholt: Die Schau wurde kuratiert vom Basler Künstler Eric Hattan. «Mich interessiert, wie man mit Kunst umgeht», erklärt dieser. Und die Menschen hinter der Kunst, mehr noch als die fertigen Arbeiten, sagt er. Unter diesen Vorgaben hat Hattan, der in den Achtziger Jahren die Filiale mitgründete, eine Liste erstellt mit Kunstschaffenden, die er für eine Teilnahme an der diesjährigen Regionale anfragen wollte. Darunter waren einige alte Bekannte, aber auch neue Gesichter, für die Hattan auch die eingesandten Dossiers konsultierte. «Ich nahm dieses Engagement zum Anlass, Positionen kennenzulernen, die ich sonst vielleicht nicht entdeckt hätte», sagt er. Spannend sei es gewesen, vor allem auch die Reisen nach Karlsruhe, dem äussersten Rand der «Regionale»-Landkarte. Von dort hat er beispielsweise Karsten Födinger mitgebracht, der mit einfachen Baumaterialien wie Zement direkt in den bestehenden Raum eingreift und dadurch die Wahrnehmung auf Orte lenkt, die sonst kaum gesehen werden – metallene Trägerbalken etwa oder Deckenstützen.

Dank solch unauffälligen Werken werden dem Kunsthaus Baselland auch die 32 Positionen nicht zuviel. Auch die unaufdringlich verlängerten Geländer von Antoanetta Marinov belasten das Auge nicht. Manche Künstler erhielten im Zuge der Platzierung mehr Platz, andere weniger. «Das ergab sich manchmal einfach der Werkgrösse wegen», sagt Hattan. «Die grosse Leinwand von Renée Levi, die Graphitarbeit von Maja Rieder oder Jürg Stäubles Wandarbeit brauchen schlicht mehr Platz als beispielsweise Guido Nussbaums Weltkugel.»

Er habe kein inhaltliches Konzept verfolgt, sagt Hattan. «Ich wollte die Ausstellung ganz im Sinne einer Jahresausstellung konzipieren und das zeigen, was in einem Jahr entstanden ist; und in Erinnerung rufen, dass auch Künstler 365 Tage im Jahr arbeiten.» Trotzdem erscheint die Schau als sehr stimmig, so als hätte es stilistische Auswahlkriterien gegeben. Als Erklärung hat Eric Hattan nur eine Vermutung parat: «Die Ausstellung ist halt, was der Titel sagt: Radikal subjektiv.» Sein eigener Geschmack sollte durchscheinen und tut es auch. «Das Machen dieser Ausstellung hatte sehr viel mit Sammeln zu tun», sagt Hattan. «Und damit, dieses Gesammelte dann präzise in den Raum zu stellen.» Es sei besser herausgekommen, als er erwartet hätte, schliesst er. Das lässt sich schlecht beurteilen. Jedenfalls ist das Resultat gut, radikal subjektiv betrachtet.

«Regionale» Räume #1: Ausstellungsraum Klingental

karen gerig am Montag den 29. November 2010

Kunst aus Basel und der Region zu zeigen – dieser Grundgedanke der «Regionale» wird im Ausstellungsraum Klingental, kurz ARK genannt, im Jahr 2011 durchbrochen. Die Basler Kuratorengruppe The Forever Ending Story, bestehend aus Pedro Wirz, Claudio Vogt, Raphael Linsi und Tilman Schlevogt, zog den Blick von aussen der reinen Nabelschau vor. In einer Art Labor kommen deshalb auswärtige Positionen zum Zug, in denen die Region Basel eine Rolle spielt. Bei allen Werken handelt es sich um Auftragsarbeiten. Das gelang «mal besser, mal weniger gut», wie Raphael Linsi gesteht. «Wieviel Basel in der Ausstellung steckt, überlassen wir dem Betrachter.»

Der Berner San Keller, bekanntester Künstler vor Ort, hat eine Gewichthebebank in den Raum gestellt. Statt Gewichten hängen daran Kunstkataloge. «Die Kataloge mussten wir aussuchen», so Linsi. Damit hat es sich dann aber auch schon mit dem Bezug zu Basel. Rainer Ganahl hingegen hat sich unters Basler Volk gewagt: Mit der Videokamera bewaffnet befragte der in New York lebende Österreicher Leute auf den Strassen zur Stadt. Auf einer Wandtafel daneben dürfen die Ausstellungsbesucher die wichtigsten Baseldeutschen Wörter verewigen, «Bebbisagg» steht da schon am ersten Tag, oder «Gugge». Der Stock von Nora Rekade, der lässig an der Wand lehnt, wurde immerhin in Basel hergestellt.

Rebecca Stephany wohnt in Amsterdam, stellt dort gerade aus, und hat via Internet Basler dazu aufgefordert, ihre Kunst zu interpretieren. So bastelten Familien Kunstwerke nach, und andere Künstler schufen aus alten neue Werke. Ein Raumteil wird von Aaron Ritschards «Salon» eingenommen – eine Ansammlung von Möbelstücken, die der Hamburger Kunststudent sich von Baslern ausgeliehen hat. Pedro Wirz hat dazu ein Readymade aus Topfpflanzen gesellt: Sie gehören unter anderem dem Künstler Tobias Madison oder Kunsthallendirektor Adam Szymczyk.

Die Kuratoren seien zufrieden mit der Ausstellung, sagt Linsi. Was ich denn davon denke? Sie dürfen zufrieden sein, finde ich. Der Ausbruch aus dem «Regionale»-Konzept tut gut. Für einmal hört man nicht die altbekannten Namen, sondern kann Neues entdecken. Gut so. Oder etwa nicht?

In ein paar Tagen wird die Serie zu den einzelnen Räumen der «Regionale» mit einem Blick ins Kunsthaus Baselland weitergeführt.