Archiv für die Kategorie ‘Ausstellungen’

Warten auf Rilke im Café Grumpy

karen gerig am Freitag den 15. April 2011

Ein Wort, eine Geschichte, eine Erfahrung, ein Gedanke können am Anfang eines Werkes von Sung Hwan Kim (*1975) stehen. In einem Gespräch, in einer Performance wird der südkoreanische Künstler Wort, Geschichte, Gedanke, Erfahrung in ein erstes neues Werk transformieren. Zeichnungen können während diesen Aktionen entstehen, eine Videokamera die Performance aus dem Blickwinkel des Künstler einfangen. Der Projektor schliesslich wird dieses zuletzt entstandene Werk wiedergeben, der Betrachter es zu seinen Gedanken fügen, zu seiner Geschichte formen.

Sung Hwan Kims Künstlerbuch «Ki-da Rilke».

Die Arbeiten von Sung Hwan Kim haben immer mehrere Schichten. Nichts ist nur das, was man am Ende sieht, immer wurde es vom Künstler mehrfach reflektiert und interpretiert, sei es eine Geschichte, die in Südkorea von Generation zu Generation überliefert wird, sei es ein Zitat eines Dichters. Sung Hwan Kim hat in der Kunsthalle Basel nicht nur den Oberlichtsaal inszeniert, sondern für die Ausstellung auch ein Künstlerbuch geschaffen. «Ki-da Rilke» heisst es, was eine Transliteration aus dem Koreanischen ist und «(Ich) werde warten» bedeutet.

Das Buch ist gefüllt mit Texten und Bildern. Kim hat sich Rainer Maria Rilkes (1875–1926) Gedichten bemächtigt, indem er die deutschen Texte in eigener Schrift neu aufgeschrieben hat. Dazu stellt er Zeichnungen, die mal mehr, mal weniger mit den Worten auf derselben Seite gemein haben. Er habe Rilkes Gedichte erstmals durch Gaston Bachelards «Poetics of Space» kennengelernt, erzählt der Künstler. Zweierlei habe ihn an dem Lyriker interessiert: Da sei einerseits die Tatsache, dass der in Prag geborene Rilke seine Gedichte in Deutsch verfasste, zu einer Zeit, als dort das Tschechische vorherrschte. Sung Hwan Kim kennt es, sich in einer anderen Sprache auszudrücken als der Muttersprache: Der Südkoreaner lebt seit Jahren in New York und nutzt für seine Arbeiten das Englische.

«Grabmal eines jungen Mädchens» und «Opfer» aus Rilkes «Neuen Gedichten» in der Interpretation von Sung Hwan Kim.

Mit Rilke teilt Kim aber auch sein Interesse für Träume und Geschichten, für Mythen und für die Transformation von Menschen und Dingen, von Sprache und Form. Die Zeit, in der Rilke lebte, fasziniere ihn, erzählt er. Sein Buch vereint die Texte Rilkes mit seinen eigenen Gedanken, was ihm zum jeweiligen Gedicht durch den Kopf ging, ausgedrückt in rasch hingeworfenen Skizzen. Einige der gezeichneten Charaktere tauchen stetig wieder auf, in einem Index auf losen Blättern werden sie erläutert. Die meisten Zeichnungen habe er im Café Grumpy in New York gezeichnet, sagt er, und dasselbe steht auch hinten im Buch gedruckt. Unwichtig erscheint diese Information, auf den ersten Blick. Nichts als ein Stichwort. Die Einschätzung der Relevanz und die Interpretation dieser Information ist uns überlassen.

Die Ausstellung «Line Wall» in der Kunsthalle Basel eröffnet am Samstag, 16. April, um 19 Uhr, und läuft bis zum 29. Mai.

Der Profilbild-Sammler

karen gerig am Freitag den 8. April 2011

Wer Facebook-User ist, verschwendet meist eine nicht unbedeutende Zeit damit, das richtige Bild fürs Profil zu finden. Sei es das ansprechende Porträt, sei es der Hund, der grosse Zeh, die beste Pose oder die coole Sonnenbrille, im Netz findet sich alles. Über sein Profilfoto kann man seine aktuelle Laune mitteilen oder die lebenslange Vorliebe für eine bestimmte Kleidermarke. Manche habens gern zeitlos, andere ändern ihr Profilbild so oft wie ihre Unterhose.

Joachim Sputnik aka Jonas Baumann.

Jonas Baumann, an der Hochschule in Luzern zum Illustrator ausgebildet, befindet sich grad in einem Zwischenjahr zwischen Studiumsabschluss und iaab-Stipendium in Montréal. Einen Job zu suchen, das machte keinen Sinn, deshalb gibt es einiges an Zeit totzuschlagen. Oder eben ein Projekt zu entwickeln, das Spass macht. Zum Zeittotschlagen surfte Baumann sich durch Facebook – und blieb immer mal wieder an einem Profilbild hängen. «Mich fing plötzlich an zu interessieren, wie Leute sich darstellen», sagt der 27-Jährige. Und aus dem Durch-die-Bilder-Klicken entstand ein Projekt, das «In Your Face Book». «Ich fragte mich, was geschieht, wenn ich die Bilder auf neue Weise interpretiere und sie den Leuten zusende», erzählt Baumann. Gedacht, getan. Er griff sich Pinsel und Acrylfarbe und malte die Profilbilder einiger Leute neu.

Die Leute, deren Fotos er malte, kannte Baumann nicht. «Da waren Ungaren drunter, oder Leute in den USA», erzählt er. Die Reaktionen auf seine Bilder, die er als Foto den Porträtierten zusandte, waren äusserst unterschiedlich – sie reichten von Begeisterung bis hin zum Vorwurf des Stalking. «Einige haben mein Bild als neues Profilbild hochgeladen», sagt er. «Das fand ich natürlich toll.» Fast täglich entstand ein neues Bild, in kurzer Zeit hatte er etwa 60 Bilder gemalt. Und wo könnte er diese besser publizieren als auf Facebook? Kurzerhand wurde aus Jonas Baumann Joachim Sputnik, der seine eigene Facebook-Page einrichtete und dort anbietet, Porträtfotos zu malen. Bis jetzt halten sich die Anfragen jedoch noch in Grenzen.

Trotzdem malt Jonas Baumann immer noch, ohne Auftrag, vielleicht auch noch im Sommer, wenn er sein Austauschatelier in Montréal bezogen hat. «200 Bilder hätte ich schon gern zusammen», sagt er. Einiges davon, was er bis jetzt gemalt hat, kann man bis Ende April im Bistro des Stellwerks im Bahnhof St. Johann angucken, organisiert vom Showroom Basel. Physisch, auf Karton. Denn das ist es, was Jonas Baumann an diesem Projekt auch interessiert: Flüchtige Bilder, die nicht selten nur digital irgendwo existieren, in die physische Welt zu übertragen: «Man kann sich fragen: Ich nehme ein einziges Bild aus Milliarden Bilder, die im Internet herumschwirren. Warum ist gerade dieses oder jenes es wert, gemalt zu werden?» Eine Antwort darauf gibt es wohl nicht. Für Baumann sind es ganz unterschiedliche Gründe, warum er ein Bild aussucht. Weil es originell ist etwa, wie das Kleinkind mit Schäferhund in der Badewanne. Oder weil es absurd ist oder künstlerisch interessant. Oder weil es einem Typus entspricht, wie etwa all jene Männer, die sich mit ihrem selbstgefangenen Fisch porträtieren. Nur etwas macht Baumann nicht: «Ich versuche, Fotorealismus zu vermeiden.» Irgendetwas ändert er meistens ab, mal mehr, mal weniger. So gleicht kein Bild dem anderen. Manchmal gar kaum mehr dem Vorbild.

Basel wird für ein Wochenende zum Designmekka

chris faber am Donnerstag den 7. April 2011

Dieses Wochenende findet nach dem tollen Anfangserfolg 2010 wieder die Designmesse Blickfang in der E-Halle auf dem NT-Areal statt.

Rund 100 ausgesuchte Designer/Innen, davon viele aus Basel, zeigen ausgewählte Produkte, die Eure Lieblingsstücke werden könnten. Hier wird mit dem Trend zu Nachhaltigkeit gezeigt, dass wir nicht immer mehr im Leben brauchen, sondern besondere Stücke, die uns berühren, die uns immer begleiten und nicht nach einem Jahr in der Mülltonne oder Kleidersammlung landen. Ich habe etwa letztes Jahr ein schönes Bücherregal erlegt.

Ausserdem sind viele Basler Aussteller vertreten, etwa der Showroom Basel mit seinen feinen Labels, Rainer & Tobias Kyburz, Claudia Güdel, MATRIX, Laura Pregger oder Isabel Bürgin.

Ein sonniges Designwochenende in Basel steht vor der Tür!!

Wir würden gerne von Euch wissen: Was sind Eure Lieblingsstücke auf der Blickfang und was wünscht Ihr Euch für die nächste Blickfang 2012?

Apropos: Wer noch mehr Zeit hat, sollte sich noch die in am 05.04.2011 gestartete Austellung «Designwert – Designwerte. red dot präsentiert: Prämiertes Kommunikationsdesign 2010/2011» anschauen. In der Schule für Gestaltung sind wie letztes Jahr wieder sämtliche im red dot award ausgezeichneten Arbeiten zu sehen, ob Plakate, Jahresberichte, Videospiele, Webseiten oder Werbefilme. Jeweils von 12-19 Uhr Schule für Gestaltung, Spalenvorstadt 2, 4051 Basel, Montags geschlossen.

Drei Freunde und ein Kunstraum

karen gerig am Freitag den 1. April 2011

Der Austellungsraum Klingental ist kein einfacher Raum zum Bespielen. Zentral ein grosses Rechteck, links und rechts je ein fast gänzlich geschlossener Annex. Und dann noch ein kleinerer Raum, der sich hervorragend als Black Box tarnen lässt. Walter Derungs, Thomas Hauri und Hagar Schmidhalter beschäftigten sich im Vorfeld zu ihrer gemeinsamen Ausstellung intensiv mit diesen Räumlichkeiten: Während Derungs und Schmidhalter ihre Arbeiten für diesen Ort schufen, brachte Hauri jene Werke mit, die ihm am besten zu passen schienen.

Ausgehen von Architektur, das tun die drei seit Jahren befreundeten Kunstschaffenden nicht nur hier. Alle drei entwickeln ihre Arbeiten aufgrund von persönlichen Beobachtungen ihrer unmittelbaren Umgebung. So erstaunt es nicht, dass im ARK Material von ihren verschiedenen Reisen zu finden ist. Walter Derungs war in Peking oder in Perth, Hagar Schmidhalter hat sich von einem Swimmingpool in Portugal inspirieren lassen. Thomas Hauris Werke lassen sich zwar nicht verorten, doch da der Künstler seit einiger Zeit in Warschau lebt, wird die polnische Stadt auch in seinen Werken Spuren hinterlassen haben.

Stimmige Inszenierung: Aquarelle von Thomas Hauri (l.), eine Fotografie von Walter Derungs (m.), Objekte von Hagar Schmidhalter (r.).

Alle drei setzen sich mit Architektur auseinander, indem sie experimentieren und transformieren – und dies in ganz unterschiedlichen Medien. Für Thomas Hauri ist es seit jeher die Technik des Aquarells, die ihn fasziniert. Von der Farbpalette nutzt er nur das Schwarz. Weil Korrekturen nur schwer möglich sind, legt sich in manchem Bild schwarze Schicht auf schwarze Schicht, bis das Endresultat eine beinahe monochrome Fläche zeigt. Die dreidimensionalen Strukturen in seinen Bildern erinnern an den Konstruktivismus, oder sie wachsen dem Betrachter Hochhäusern gleich aus dem Bildgrund entgegen. Das Aquarell, oftmals Sinnbild für etwas Liebliches, kann bei Hauri bedrohliche Züge annehmen.

Walter Derungs bildet für ihn interessante architektonische Strukturen fotografisch ab. Ihn faszinieren dabei Orte, wo soziale, politische oder gesellschaftliche Umbrüche sichtbar werden. Gleichzeitig arbeitet er gerne mit der Materialität der Fotografie, indem er etwa zur Entwicklung der Fotografien Schwämme nutzt. Seine grossformatigen Fotografien setzt er aus mehreren Einzelteilen zusammen – die Fragmentierung des Gesamtbildes repetiert dabei die Gliederung der gezeigten Architektur.

In der Ausstellung scheinen diese einzelnen Blätter in Schmidhalters Wandobjekten wiederholt: Auf farbigen Tücher hängt die Künstlerin weisse Papierbögen. Sie bezieht sich damit auf provisorische Umbauten oder Abdeckungen im Stadtraum. Dazu stellt sie Objekte aus MDF-Brettern, die unterschiedlich ausgeschnitten und wie zufällig an Wände gelehnt werden. Durch ihre unsicher wirkende Positionierung bleiben sie beweglich und rücken den experimentellen Entstehungsprozess in den Fokus.

Das Zusammenspiel der Arbeiten des Trios funktioniert hervorragend, die Inszenierung wirkt stimmig. In einer Woche werden die Werke wieder abgeräumt, die Künstler wieder ihre Wege gehen und neue Inspirationen suchen. Die Zukunft ist ungewiss – das sagt uns schon der Titel der Ausstellung: «When shall we three meet again?» Vielleicht in diesem Raum, zu einer anderen Zeit.

Hinterhof Offspace: Tetrix-Module für bewegliche Kunst

karen gerig am Montag den 21. März 2011

Ausstellung? Wer sich aktuell in den Hinterhof Offspace begibt, der wird sich eher in einer Werkstatt wähnen als in einem Ausstellungsraum. Eric Andersen, schweizerisch-dänischer Plakatkünstler, hat nicht nur Plakate mitgebracht, sondern stellt sie hier gleich her. Zu Dutzenden hängen sie an Wäscheleinen von der Decke, immer dasselbe Motiv, mit immer anderen Fehlern – weil beim Siebdruck gar nichts anderes möglich ist. «Genau das ist es, was mir daran gefällt», sagt Andersen. «Es ist nicht wie beim Offsetdruck, wo entweder alles perfekt aussieht oder beabsichtigt Flecken produziert werden, die dann bei jeder Kopie an derselben Stelle sitzen. Beim Siebdruck ist jedes Plakat ein Unikat – trotz des seriellen Gedankens.»

Martin Stollenwerk und Eric Andersen (r.) am Handdrucktisch im Hinterhof. (Foto Dirk Wetzel)

Dass Eric Andersen seinen Handdrucktisch in den Hinterhof Offspace verlegt hat, hat seinen Grund. In wenigen Wochen wird er zusammen mit dem Fotografen Martin Stollenwerk nach New York reisen, um die hier hergestellten, vom Dadaismus inspirierten Plakate in einer Druckerei mit Texten zu versehen. Und weil bis dahin die Zeit drängt, wurde die geplante Ausstellung kurzerhand zur Work-in-Progress umfunktioniert. Für den Besucher wirds so noch spannender: Schliesslich kann man nicht nur zugucken oder aber die fertigen Werke betrachten, sondern auch gleich mit dem Künstler plaudern, wenn man Fragen hat.

Eingeladen hat den in Zürich tätigen Künstler Johannes Willi – die Plakate Andersens waren ihm in Zürich öfters aufgefallen, dann hat er ihn zufällig kennengelernt. Zusammen mit Thomas Keller und Philippe Hersberger betreibt Willi den Hinterhof Offspace. Die drei bestimmen, wer dort ausstellt, allerdings nicht nach festen Kriterien – ausser einem: «Uns muss überzeugen, was jemand macht», sagen sie. Es müssen auch nicht zwingend bildende Künstler sein.

Thomas Keller (l.) und Johannes Willi vom Hinterhof Offspace-Team. (Foto Dirk Wetzel)

Die aktuelle Ausstellung ist nach einer Gruppenschau Anfang Jahr erst die zweite in diesem 200 Quadratmeter grossen Raum, den die Betreiber mittels mehrerer Bausteine, die an ein Tetrix-Spiel erinnern, unterschiedlich gestalten und einteilen können. «Jeder Künstler kann so den passenden Rahmen für seine Werke schaffen», erklärt Thomas Keller. Wem die Module zu kleinteilig sind, der baut daraus einen grossen Würfel oder eine Wand. Eric Andersen hat einen Raum im Raum gebaut, mit Nischen und kleinen Ablageflächen. So grenzt sich ein kleiner Ausstellungsraum, der die Entstehung seiner Plakate zeigt, von der Werkstatt daneben ab.

«Wir wollen, dass dieser Raum lebt», sagt Willi. Dazu gehört die Beweglichkeit der Infrastruktur genauso wie das, was darin gezeigt wird. Das Team wählt in diesem Sinne auch die Künstler und Künstlerinnen für Ausstellungen aus. «Wir sehen uns nicht als Galerie, die einfach Bilder an die Wände hängt», sagt Willi. Das zeigt die aktuelle Ausstellung klar, und auch die erste Schau war so konzipiert: Damals arbeitete beispielsweise Mañana-Sänger Manuel Bürkli an neuen Songs. Ins Konzept passt auch, dass die Ausstellung jeweils abends geöffnet ist, während des Barbetriebs. «So kommen einige Leute hier rein, die sonst vielleicht nicht kommen würden. Die Hemmschwelle ist um einiges weniger hoch, vor allem wenn man vielleicht schon ein, zwei Bier getrunken hat», erzählt Keller. «So entstehen vielfältige Arten von Kontakten.»

Ende Jahr soll die Lagerhalle, die den Hinterhof beherbergt, abgerissen werden. Zwar hoffen die Initianten, dass dieser Termin sich verzögert, doch «dieses Datum zwingt uns auch, uns jetzt so richtig reinzuhängen», sagt Willi. Und so wird weiter nach passenden Künstlern gesucht, geplant und fleissig von Ausstellung zu Ausstellung umgebaut – wenn nötig gar mit der tatkräftigen Unterstützung der Eltern. Und wenn denn tatsächlich Schluss sein sollte Ende Jahr, dann sucht man sich für das Projekt einen neuen Ort. Soviel scheint schon man sicher.

Herausgepickt: Konrad Witz und das Ende des mittelalterlichen Goldgrunds

karen gerig am Donnerstag den 10. März 2011

Konrad Witz: Joachim und Anna an der Goldenen Pforte.

Konrad Witz lebte am Anfang des
15. Jahrhunderts. Als er das Licht der Welt erblickte, malten die Maler ihre religiösen Motive auf goldenen Grund. Was seit dem
4. Jahrhundert Tradition hatte, war einigen Niederländern zu jener Zeit aber nicht modern genug. Jan van Eyck, Robert Campin und Rogier van der Weyden begannen damit, die Heiligen in profane Umgebungen zu betten. Ein neuer Stil, der auch den in Basel lebenden Konrad Witz erfasste. Wenn auch nicht sofort.

Da sind die Aussenseiten des Basler Heilsspiegelaltars, entstanden im Jahr 1435: Ecclesia, Synagoge und Co. sind dort in einzelnen Räumen eines Hauses dargestellt, eine schmucklose Architektur aus Stein und wenig Holz. Durch das Fenster im Raum des Heiligen Augustinus erblickt man etwas Landschaft, die Zinnen einer Burg mittendrin. Innendrin im Altar werden jedoch alle Personen noch vor Goldgrund abgebildet.

Zwei Jahre später malte Konrad Witz Joachim und Anna, die Eltern Mariens, an der Goldenen Pforte. Witz malt, wie so viele Maler vor ihm, das Ehepaar in jenem Moment, wo Joachim von seinem 40-tägigen Bussgang in die Wüste zurückkehrt und seine Frau vor der Pforte des Jerusalemer Tempels zärtlich begrüsst. In die Wüste hatte er sich zurückgezogen, so erzählt die Legende, weil seine Ehe kinderlos geblieben war und ein Hohepriester die Kinderlosigkeit als göttliche Missgunst gedeutet hatte. In der Wüste wurde ihm von einem Engel die Geburt eines Kindes angekündigt. Nach seiner Rückkehr wird das Kind geboren und auf den Namen Maria getauft.

Witz bringt in der Darstellung dieses Moments die neuartige realistische Architekturdarstellung mit dem althergebrachten Goldgrund in einem einzigen Bild zusammen: rechts eingeritztes Brokatmuster auf Goldgrund, links die Pforte – ein Mauerwerk, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und wohl eine der schäbigsten Goldenen Pforten der Kunstgeschichte. Risse ziehen sich über die Wände, die Steine sind mit Moos bewachsen. Ein Schlagbaum wurde derart schlecht ans Tor angebracht, dass der Stein gespalten wurde. Und wer genau hinschaut, findet sicher noch eine Spinnwebe in einer Ecke. Genauso realistisch hat Witz den Boden gemalt, auf dem das Ehepaar Anna und Joachim steht. Im Hintergrund spiegelt sich die Mauer in einer Pfütze, davor liegen Kieselsteine verstreut auf dem Weg, und mit kleinen Blumen durchwachsene Grasbüschel brechen durch die festgetretene Oberfläche des Wegs. Dabei ist es Witz aber wohl nicht (nur) um eine möglichst naturgetreue Darstellung gegangen: Der ausgetrocknete Weg und die Pfütze dahinter sowie das spriessende Gras dürften eine Anspielung auf Annas vorangegangene Unfruchtbarkeit und ihre wundersame Empfängnis des Kindes Maria sein. Witz vermischte so gekonnt den neugeborenen naturalistischen Stil mit der altehrwürdigen Symbolik, und schuf so ein wunderbares Werk an der Schwelle zu einer neuen Epoche der Kunstgeschichte.

Die Ausstellung «Konrad Witz» im Kunstmuseum Basel läuft noch bis zum 3. Juli. Das Bild «Joachim und Anna an der Goldenen Pforte» ist im Besitz des Kunstmuseums und kann auch nach Ende der Ausstellung noch betrachtet werden.

Herausgepickt: Pousttchis Absperrgitter

karen gerig am Montag den 21. Februar 2011

Bettina Pousttchi: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» (2010) . (Foto Henry Muchenberger)

Schon vom Steinenberg her sind sie sichtbar, durch die Glastüren der Kunsthalle hindurch: Die weissen Türme von Bettina Pousttchi. Und auch wenn man noch nichts Genaueres darüber weiss, so scheint die Form der aufeinandergestapelten Absperrgitter bereits bekannt. Der Titel der Arbeit führt dann zum Aha-Erlebnis: «Double Monuments for Flavin and Tatlin» heisst das Werk der deutsch-iranischen Künstlerin.

Vladimir Tatlin (1885–1953), russischer Maler und ein Begründer der Maschinenkunst, entwarf 1920 sein «Monument der Dritten Internationale»: Ein 400 Meter hoher, spiralförmiger Turm zur Erinnerung an die Russische Revolution.

Vladimir Tatlin: «Monument der Dritten Internationale» (1920).

Eine gigantische Maschine sollte es werden, die Konferenzräume, Aufzüge, eine Treppe und einen Radiosender beherbergen sollte. Eine Säule im Inneren sollte sich nach den Gestirnen ausrichten. Das Modell dafür wurde 1925 in der Weltausstellung in Paris präsentiert. Das ehrgeizige Architekturprojekt wurde aus Kostengründen allerdings nie gebaut, wie auch die damit verbundene politische Utopie keine Verwirklichung finden konnte.

Der amerikanische Lichtkünstler Dan Flavin zitierte Tatlins Monument in den 39 Skulpturen seiner Serie «monuments to V. Tatlin», die zwischen 1964 und 1990 entstanden und das menschliche Bedürfnis nach grossen Denkmälern hinterfragen. Dafür ordnete er weisse Leuchtstoffröhren in Formen an, die zwischen Pyramiden und frühen Hochhäusern variierten, darunter das Empire State Building (Vgl. Bild). Flavin brachte so Tatlins Konzept mit einem Hauptsymbol des Kapitalismus in Verbindung, würdigte aber auch die politischen Visionen des Konstruktivisten.

Dan Flavin: Das erste der «monuments to V. Tatlin» (1964).

Pousttchi erweist mit ihrer Arbeit den Meistern des Konstruktivismus und des Minimalismus die Ehre, setzt die beiden Kunststile aber auch gegeneinander ein, indem die minimalistischen Leuchtstoffröhren die konstruktivistischen Stahlstrukturen quasi durchstechen. Als Arbeitsmaterial benutzt sie Absperrgitter – Objekte, die entworfen wurden, öffentliche Versammlungen wie Demonstrationen zu kanalisieren und am Überborden zu hindern. Die Gitter erinnern auch an die revolutionären Kräfte dieser Zeit, die existierende Strukturen losließen, um eine neue Weltordnung zu schaffen.

Herausgepickt: Yves Kleins Mülleimer

karen gerig am Dienstag den 15. Februar 2011

Der Müll ist das Endstadium jeden Objektes. Müll ist aber auch Merkmal einer Epoche. Für einen Künstler, der für Objekte eine derartige Obsession entwickelt, wie es Arman tat, muss Müll zwingend interessant werden. Arman (1928-2005), der Künstler des Nouveau Réalisme, nutzte gebrauchte Objekte erst als Stempel, um Farbe auf Leinwand zu bringen. Bald wurde das Sammeln solcher Objekte selbst zur Kunst und Gleiches mit Gleichem in Glaskästen gesammelt. Später, in den Siebziger Jahren,  zerschmetterte, zersägte und zündete Arman Gegenstände an, bevor er mit der Farbtube als letztverwendetem Objekt zum Medium Malerei zurückkehrte.

Irgendwann dazwischen aber, Ende der Fünfziger Jahre, begann der Franzose damit, weggeworfene Objekte zu sammeln. Den Müll eines bestimmten Quartiers etwa, oder den Müll einer bestimmten Person. Unser Abfall sagt eine Menge über uns, merkte Arman, und so schuf er individuelle Porträts unterschiedlicher Menschen.

"Premier portrait-robot d'Yves Klein" (1960) von Arman.

Manchmal durchwühlte er jedoch nicht die Abfalleimer, sondern sammelte gezielt Gegenstände, die einen Menschen beschreiben. Yves Klein, ein Künstlerkollege und Freund, auf den Arman in seinem Werk mehrmals Bezug nahm, porträtierte er als einen der ersten auf diese einmalige Weise.

Zentral im «Premier portrait-robot d’Yves Klein», das man ab heute im Museum Tinguely betrachten kann, ist ein Stück ultramarinblau eingefärbtes Papier: Kleins Markenzeichen. Farbverspritzte Plastikplanen, ein Schuh mit pinker Farbe an der Sohle, farbverspritzte Kleidung charakterisieren den Maler. Die Farbe Rosa findet sich auch an zerschnittenen künstlischen Rosen und widerspiegelt so ebenfalls einen wichtigen Teil von Kleins künstlerischem Werk. Während solch werkbezogene Objekte sich jedem Betrachter erschliessen, müssen wir ob eines Fetzens aus einem Tim & Struppi-Comic, mehrerer Buchseiten und einer Rolle Fotonegative stärker und möglicherweise ohne Versprechen auf Lösung rätseln. Sicher ist, dass es sich um persönliche Gegenstände Kleins handelt. Und Arman wird seine Gründe gehabt haben, weshalb er diese Zeitzeugen zu einem Porträt seines Künstlerfreundes gesellte.

Das einzigartige Yves Klein-Porträt ist Teil der Arman-Retrospektive im Museum Tinguely. Vernissage ist heute Dienstag um 17 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 15. Mai.

Gesucht: Die perfekten Galerieräume

karen gerig am Freitag den 11. Februar 2011

Karin Sutter schliesst die Tür zur Galerie an der St.-Alban-Vorstadt im Sommer für immer.

«Sechseinhalb Jahre sind es schon», sagt Karin Sutter, und ist selbst überrascht. «Im November 2004 hab ich die Galerie aufgemacht, tatsächlich.» Sechseinhalb Jahre und unzählige Ausstellungen später geht das Kapitel jedoch zu Ende: Karin Sutter ist auf der Suche nach neuen Galerieräumen. Spätestens im September müsste sie aus dem Burghof ausziehen – und somit Platz machen für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums. Weil es aber wenig Sinn mache, die Saisoneröffnung Ende Sommer noch in den alten Räumen zu feiern, wird sie die Glastür wohl bereits im Juli für immer schliessen. Schweren Herzens, denn «sowas wie hier finde ich wohl nicht mehr», schätzt sie.

Suchen tut sie schon länger, schon seit klar ist, dass das Gebäude weichen muss. Doch geeignete Räume zu finden, gestaltet sich nicht einfach. «Mir gefiel hier einfach alles: Die Lage, der Raum mit der Fensterfront – ich gucke gern raus und seh die Passanten. Und mag es, dass die reinsehen können», sagt sie. Seit sie vergangenen Sommer noch den Projektraum rechts davon dazumieten konnte, war auch das Platzproblem gelöst. «Der Projektraum gab mir mehr gestalterische Freiheit», erzählt sie. Plötzlich waren Doppelausstellungen möglich mit künstlerischen Positionen, die sich schlecht oder gar nicht verbinden liessen, oder es liessen sich spontane Ausstellungen ohne kommerziellen Charakter organisieren oder eine Bar einrichten.

Für ihre neue Galerie wünschte sie sich deshalb auch mindestens zwei Räume, damit sie diese Freiheiten des Ausstellungsmachens weiterführen kann. Sie wolle nicht einfach einen Raum mieten, nur damit gemietet sei, es müsse schon passen. Doch was, wenn sich bis im Sommer nichts Geeignetes finden lässt? «Es gäbe wohl eine interimistische Lösung» sagt sie, «aber spruchreif ist noch nichts.»

Bis im Sommer plant die Galeristin noch vier Ausstellungen in der Galerie und drei oder vier im Projektraum, da ist sie noch nicht ganz sicher. Erstmals wird ab heute Abend aber ein Künstler beide Räume bespielen: Ulrich Muchenberger darf den ganzen Platz für seine Lichtobjekte beanspruchen. Nicht, weil sie besonders gross wären, aber weil sie Raum brauchen für die Betrachtung. Das mehrfarbige Licht dehnt sich nämlich unterschiedlich stark im Raum aus und verändert dadurch die Wahrnehmung.

Konzeptkunst, und das bei Karin Sutter? «Stimmt, ein weiteres Novum» sagt sie und lacht. Bis jetzt lag ihr Ausstellungsschwerpunkt klar auf der Malerei, auf der figurativen. «Das hat sich so ergeben mit der Zeit», erklärt sie. «Unbeabsichtigt. Das entspricht mir wohl am meisten.» Früher zeigte sie auch hauptsächlich regionale Künstler, auch das hat sich geändert. «Mir fehlte früher die Zeit für Atelierbesuche, für die ich weit reisen musste», sagt Sutter, die noch immer zu 70 Prozent bei der Galerie Beyeler angestellt ist und dort seit dem Ableben Ernst Beyelers vor einem Jahr den Galeriebestand liquidiert. «Sag jetzt aber bloss nicht, dass meine Galerie nur mein Hobby ist», warnt sie plötzlich und mit Nachdruck. «Das wäre komplett falsch.» Im  Wissen darum, dass kaum ein Galerist seine Galerie noch ohne Brotjob führen kann, verwenden wir stattdessen das Wort Leidenschaft. Die wird spürbar, wenn die Galeristin über ihre Arbeit spricht. Über die Arbeit mit den Kunstschaffenden. Über die Vermittlungsrolle zwischen Künstlern und Rezipienten, die sie so gerne einnimmt. Nun fehlt nur noch der passende Raum, der sich mit dieser Leidenschaft füllen lässt. Wir wünschen viel Glück bei der Suche.

Vernissage der Ausstellung mit Werken von Ulrich Muchenberger ist heute Freitag um
17 Uhr. Die Ausstellung dauert dann bis zum 12. März.

Durchhalten auf dem Dreispitz

karen gerig am Montag den 31. Januar 2011

Volles Haus für elektronische Künste an der Museumsnacht 2011.

Über 2500 Eintritte verzeichnete das Haus für elektronische Künste (Haus-ek) zur Premiere auf dem Dreispitz an der Museumsnacht vor anderthalb Wochen. Die Hälfte davon blieb auch gleich zur Party, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Und die meisten schlenderten wohl auch durch die angrenzenden Kunsträume Oslo 8 und Oslo 10 sowie die Künstlerateliers und das Fotolabor von Pascale Brügger, um einen Augenschein zu nehmen. Ein gelungener Einstieg für das Dreispitz-Areal, das bekanntlich zum Kunstquartier werden soll.

Doch ein gelungener Einstieg bedeutet noch nicht, dass die dort angelaufenen Projekte auch nachhaltig Erfolg haben werden. Bis der «Dreispitz» wirklich lebt, vergehen nämlich noch einige Jährchen. Dann soll auch die Hochschule für Kunst hier eingezogen sein (im Jahr 2015), soll mindestens ein Restaurant den Aufenthalt versüssen (Zeitpunkt: unbekannt), soll die BLT den Anschluss an den ÖV gewährleistet haben (Zeitpunkt: unbekannt), sollen Loft-Wohnungen entstanden sein (Bezug: unbekannt) etc.

So sollte der Neubau fürs Kunsthaus Baselland und das Haus für elektronische Künste aussehen. (Visualisierung CMS)

Noch ist vieles unklar. Ob das Kunsthaus Baselland etwa tatsächlich aufs Areal ziehen wird. Ob der Neubau, in dem es zusammen mit dem Haus-ek untergebracht werden soll, entstehen wird, oder ob für letzteres eine andere Lösung gefunden werden muss – der nicht nur provisorische, sondern definitive Umbau der bestehenden Halle etwa. Das Kunsthaus Baselland hat sich zwar für einen Umzug ausgesprochen, doch die Finanzierung steht noch in den Sternen. Direktorin Sabine Schaschl geht nicht davon aus, dass diesbezüglich vor dem Sommer Klarheit herrschen wird. Man warte beim Kanton wohl einerseits die Theater-Abstimmung ab und andererseits die Neuwahlen der Regierung – vorher spricht im Kanton Baselland keiner über Geld, schon gar nicht, wenn es um Kultur geht.

Nichtsdestotrotz wird auf dem Dreispitz munter gearbeitet. Pascale Brügger eröffnet morgen Dienstag offiziell ihr Fotolabor. Im Haus-ek wird die Eröffnung im Mai vorbereitet, fürs Oslo 10 wird noch das Kuratorenteam gesucht (Eröffnung der ersten Ausstellung wird ebenfalls im Mai sein), die Künstler und Künstlerinnen haben ihre weissgestrichenen Ateliers bezogen.

Blick in die Fotogalerie Oslo 8.

Als erster Ausstellungsraum wird im April das Oslo 8 eröffnen, die Galerie von Christoph Kern und Thomas Diewald. Geplant ist eine Ausstellung mit René Burri. Ein Wagnis, so allein auf weiter Flur, oder? «Ja, wir sind die Ersten», sagt Kern. «Und – ehrlich gesagt – wir sind sehr gespannt, wie es werden wird.» Ursprünglich hätten auch das Haus-ek und Oslo 10 im April eröffnen wollen – eine gemeinsame Vernissage wäre sicher gut gewesen, hätte mehr Publikum generiert. Auch in Zukunft würden gemeinsame Events wohl mehr Leute anziehen. Laut Kern finden diesbezüglich lose Gespräche statt.

Noch aber fühlt man sich sehr einsam auf dem Weg zum Oslo 8. Doch Kern blickt optimistisch in die Zukunft. Für den Fotografen ist dies die erste Galerie, die er führt. Er arbeitet nebenbei immer noch Vollzeit als Fotograf, sollte das Projekt Olso 8 also scheitern, wäre das zwar äusserst schade, aber nicht existenzbedrohend. Auch für Thomas Diewald ist die Galerie nicht die einzige Beschäftigung. «Natürlich hoffen wir, dass es funktioniert» sagt er. Mit der Fokussierung auf Fotografie-Ausstellungen könnte das gelingen, schliesslich gibt es in Basel keine vergleichbare Institution. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass Galerien auf dem Dreispitz es bisher schwer hatten: Michel Fischer (2001-2003) gab nach zwei, Groeflin/Maag (2004-2007) nach drei Jahren auf. Im neuen Konzept des Dreispitz als Kunstquartier sollte dies ändern – doch ist dies nicht allzu ferne Zukunftsmusik? Noch befindet sich das Quartier in einer unabsehbar langen Warteschlaufe. «Durchhalten ist angesagt» formuliert es Christoph Kern wohl richtigerweise.