Archiv für die Kategorie ‘Bücher’

Erfolgskrimi aus dem Baselbiet

Fabian Kern am Dienstag den 15. Oktober 2013

BuchcoverAngehende Schriftsteller werden sich schon mit Fragen wie diesen auseinandergesetzt haben: Was für ein Buch möchte ich schreiben? Wo siedle ich die Handlung an? Wie sollen meine Figuren sein? Rolf von Siebenthal hat sich entsprechend seiner persönlichen Stärken und Vorlieben entschieden. Als passionierter Krimileser mit Vergangenheit im Bundesamt für Verkehr und im Tagesjournalismus ist sein Erstling «Schachzug» schon fast logisch erklärbar: Ein Journalist ermittelt in einem Mordfall in und um Liestal, der mit dubiosen Machenschaften im Eisenbahn-Geschäft zusammenhängt. «Ich lese gern Krimis. Dieses Genre habe ich mir am ehesten zugetraut», erklärt der Autor, der sich als Journalist und Texter selbstständig gemacht hat.

Von Siebenthal ist kein Freund von langatmigen Einstiegen: «Als Krimileser mag ich es nicht, wenn die Handlung zu langsam vorwärts geht.» Sein bevorzugter Autor ist Michael Connelly. Deshalb lässt von Siebenthal den Leser gleich zu Beginn an der Perspektive des Mörders teilhaben, der auf dem Seltisberg einem Manager aus 600 Metern Entfernung eine Kugel in den Kopf jagt. Das Opfer ist der Schwager von Max Bollag, einem Journalist der Liestaler Zeitung «Tagblatt», der sich sowohl beruflich als auch privat in der Krise befindet. Somit ist der Protagonist schnell eingeführt. Sind da etwa autobiografische Züge auszumachen? «Nein, ich glaube nicht. Die Figuren sind allesamt frei erfunden», erklärt Ex-Printjournalist von Siebenthal nach kurzem Überlegen.

Rolf von Siebenthal, Jahrgang, 1961, wohnt im Oberbaselbiet.

Rolf von Siebenthal (Jahrgang 1961) wohnt im Oberbaselbiet.

Bollag ist denn auch nicht die einzige Hauptfigur. Auch Heinz Neuenschwander ist zentral in «Schachzug». Der «beste Bulle des Baselbiets» ist ein Polizist zum Gernhaben: brummig, manchmal etwas schroff, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Von Siebenthal springt zwischen den Perspektiven von Bollag, Neuenschwander und Doris Lüthi hin und her. Letztere ist als Angestellte einer Firma, die Zugwaggons produziert, einem unlauteren Seilziehen um einen millionenschweren Bundesauftrag auf der Spur. Lange ermitteln die drei unabhängig, bis sich ihre Wege kreuzen, weil die Fälle zusammenhängen – und ab diesem Zeitpunkt kommt der Krimi einem Thriller nahe. Die Handlung nimmt Fahrt auf und steuert einem actiongeladenen Showdown im beschaulichen Sissach entgegen.

Der Wechsel zwischen den erzählenden Figuren ist heikel. Es besteht die Gefahr, den Faden zu verlieren und die Geschichte ausfransen zu lassen. Von Siebenthal passiert das nicht. Die Story bleibt kompakt und verliert überhaupt nicht an Spannung. Im Gegenteil, jedes Kapitel endet in einem kleinen Cliffhanger, der es einem schwer macht, das Buch beiseite zu legen. Wenn von Siebenthal deshalb sagt, dieser Perspektivenwechsel komme in seinem Umfeld mal sehr gut, mal überhaupt nicht an, dann darf man das getrost den individuellen Vorlieben zuschreiben. Formal ist sicherlich nichts auszusetzen. Ebenso wenig am Handlungsort. «Ich habe mir lange überlegt, ob es eine gute Idee ist, Liestal als Schauplatz zu wählen», erklärt der Autor. Da es schon genug Krimis gibt, die in Basel spielen, hat sich der 52-Jährige aber für das «Stedtli» entschieden. Nun ist er froh darüber: «Ich betrachte den ganzen Kanton Baselland als meinen Spielplatz. Das eröffnet mir viel mehr Möglichkeiten und Handlungsorte als die Stadt.»

Mit dem Schreiben von Krimis reich zu werden, erwartet von Siebenthal nicht: «Diese Illusion mache ich mir nicht.» Vier Jahre hat er für seinen Erstling von den ersten Skizzen bis zum fertigen Roman gebraucht. So viel Zeit darf er sich für das nächste Buch nicht lassen, denn die Verkaufszahlen von «Schachzug», seit Juli im Verkauf, sind so gut, dass davon bereits die zweite Auflage gedruckt wird und ihn der Verlag gedrängt hat, den nächsten Liestaler Krimi bereits im nächsten Jahr fertig zu stellen. «Die Handlung wird etwa ein Jahr nach dem ersten Fall spielen, und Bollag und Neuenschwander werden natürlich wieder mit von der Partie sein», verrät von Siebenthal, der etwas überrumpelt wurde, weil er die Fortsetzung eigentlich erst für 2015 geplant hat. Nun dürfen sich die Leser schon auf den kommenden Juli freuen, während der Autor einen arbeitsreichen Winter vor sich hat. Das nennt man ein Luxusproblem.

Rolf von Siebenthal: Schachzug. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 344 Seiten, Fr. 17.90.

Gestatten: Maxim Charkow, Mordkommission Zürich

Fabian Kern am Montag den 16. September 2013

BuchcoverEine Kirche in der Adventszeit – das klingt besinnlich. Eine nackte Leiche in der Zürcher Liebfrauenkirche während der Adventszeit ist aber ganz und gar nicht besinnlich, sondern vielmehr entsetzlich. Das ist schlecht für das Opfer, aber gut für den Schweizer Krimileser, denn er lernt einen nicht ganz neuen Ermittler nochmals neu kennen: Vorhang auf für Maxim Charkow, einen im Bünderland aufgewachsenen Halbrussen. Den Chefermittler der Mordkommission Zürich hat Autor Marcus Richmann zwar bereits 2009 eingeführt, «Die Augen der Toten» ist dem breiten Schweizer Krimipublikum aber nicht aufgefallen. Charkow trifft der neuste Fall zum denkbar unglücklichsten Zeitpunkt, denn er hat mit seinem Privatleben schon genug Sorgen. Seine hoffnungsvolle Beziehung steht auf wackligen Beinen, nachdem seine Freundin schon nach wenigen Monaten auf einer Paartherapie besteht.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Damit ist der Ton in «Engelschatten» schon gegeben. Es menschelt sehr in Marcus Richmanns Krimi, was einen sofort in die Geschichte hineinzieht. Charkows junge Assistenten sind nicht im Reinen miteinander, und in Charkows Beziehungskiste mischt sich dessen beste Freundin, die Pathologin Francine ein. Da ist der Tote in der Kirche schon fast zweitrangig. Aber auch da finden sich spannende Ansätze, denn der Ermordete ist Russe und eine grosse Nummer im Rotlicht-Milieu. Ist die Tat also religiös motiviert? Oder steckt jemand aus der katholischen Kirche mit drin? Charkows russische Wurzeln bringen ihn zunächst schnell voran. Als aber während der Ermittlungen noch weitere Menschen ums Leben kommen, führen die Spuren schon bald in Richtung einer in der Schweiz nicht ganz unbekannten Sekte…

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Hat selbst Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Gern wäre man während der ganzen 376 Seiten so nahe an den Schicksalen der Protagonisten geblieben, wie zu Beginn. Der Rache-Krimi gewinnt aber zusehends an Fahrt und einen realen Bezug hinzu. Mit dem Link zu den Sonnentemplern, die durch einen Massenselbstmord im Jahr 1994 im Kanton Freiburg eine dunkle Marke in der Schweizer Geschichte setzten, vermischt Richmann geschickt Realität und Fiktion. Auch wenn das Ende etwas abrupt und konventionell ausfällt, macht «Engelschatten» Lust auf mehr. Mehr von der persönlichen Lebensgeschichte des interessanten Ermittlers Maxim Charkow. Für all jene, die «Die Augen der Toten» noch nicht gelesen haben, die Gelegenheit, das nachzuholen. Für alle anderen heisst es: Warten.

Marcus Richmann: Engelschatten. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 376 Seiten, Fr. 17.90.

Wer sich für Maxim Charkows ersten Fall interessiert, hier eine Lesung aus «Die Augen der Toten» von Marcus Richmann:

Ein süsser Abschluss

Fabian Kern am Dienstag den 16. Juli 2013

BuchcoverKrimiserien sind nicht nur im Fernsehen beliebt, sondern auch in Buchform. Unglaublich, welche Fülle von Polizisten, Detektiven und Hobby-Sherlocks sich bücherregalmeterweit durch den deutschen Sprachraum ermitteln. Bei manchen steht der jeweilige Fall im Vordergrund, bei anderen die persönliche Geschichte der Figuren, wieder andere gewichten beides gleich stark. Zur zweiten Kategorie gehört sicherlich Paul Lascaux mit seiner inzwischen sechs Bücher umfassenden Serie um die Berner Detektei Müller & Himmel. Es ist der letzte Fall des ungleichen Erfolgsduos.

Wildschweingehege im Tierpark Dählhölzli

Tatort: Das Wildschweingehege im Berner Tierpark Dählhölzli.

Ein Banker wird im Wildschweingehege des Tierparks Dählhölzli in Bern gefunden. Verstümmelt und herzlos – wörtlich gemeint. Kurze Zeit später kommt ein talentierter Konditor in seinem eigenen Betrieb zu Tode, ebenfalls mit fremder Hilfe. Die beiden Morde scheinen zusammen zu hängen. Nur wie? Störfahnder Spring und seine junge Kollegin werden mit der Aufklärung betraut, doch wieder einmal kommt er nicht weit. Die Unterstützung der Detektei Müller und Himmel ist gefragt. Doch auch das bewährte Gespann hat seine liebe Mühe mit der Aufklärung. Die Motivationsprobleme von Nicole Himmel und Spring sind dabei auch nicht gerade hilfreich. Heinrich Müller ist zunehmend auf sich allein gestellt und muss sich zusammenreissen, um den Täter zu entlarven.

Paul Lascaux

Vom Bodensee an die Aare: Paul Lascaux alias Paul Ott.

Angefangen hat alles im Emmental. Vor fünf Jahren führte Paul Ott, seit 1974 in Bern wohnhafter Ostschweizer, unter dem Pseudonym Paul Lascaux seinen Detektiv Heinrich Müller in der Provinz mit der Ethnologie-Studentin Nicole Himmel zusammen. Weil die beiden auf Anhieb eine perfide Mordserie aufklärten, nahm Heinrich die aufgeweckte Nicole in seine Detektei auf. Seither hat das – rein berufliche – Paar praktisch im Jahrestakt einen Fall mit jeweils kulinarischem Hintergrund gelöst. War im ersten Fall Käse das bestimmende Thema, so drehte sich in der Folge alles um Wurst, Schnaps, Brot und Wein. In «Schokoladenhölle» findet die Serie nun ihren süssen Abschluss. Das Sujet Schokolade zieht sich konsequent durch das Buch. An allen Ecken und Enden knabbern die Figuren an der süssen Köstlichkeit. Und natürlich bewegen sie sich wieder in gemächlichem Tempo durch die Geschichte – passend zu Bern.

Lascaux hat sich entwickelt. Nach wie vor ist er in der vielfältigen Geschichte sehr fein in seiner Sprache, bietet treffende Vergleiche und Beschreibungen und vermittelt dabei viel Lokalkolorit. Im Gegensatz zum Debüt «Salztränen» steht aber nicht mehr der aktuelle Fall im Vordergrund, sondern die Figuren. Deshalb tut man gut daran, sich die Vorgänger zu Gemüte zu führen, bevor man den sechsten Fall liest. Für Einsteiger ist es schwierig – obowhl hinten im Buch alle vorgängigen Fälle kurz zusammengefasst werden. Der Ton ist sehr familiär, die Atmosphäre fast intim – vergleichbar mit einem Theaterstück. Wenn man nicht mit der Vorgeschichte der Figuren vertraut ist, fühlt man sich wie ein Eindringling an einem Familienfest. Denn nicht nur Lascaux hat sich entwickelt, sondern auch dessen Protagonist Heinrich Müller. Vom einsamen Detektiv hat er sich zum Inhaber eines Familienunternehmens gemausert. Ob er sich nach diesen sechs Fällen tatsächlich zur Ruhe setzt? Die Antwort kennt nur Paul Ott, respektive dessen Alter Ego Paul Lascaux.

Paul Lascaux: Schokoladenhölle. Ein feinherber Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 230 Seiten, Fr. 14.90.

Die weiteren Bücher der Serie von Paul Lascaux: Salztränen (2008), Wursthimmel (2008), Feuerwasser (2009), Gnadenbrot (2010), Mordswein (2011).

Der perfekte Ferien-Krimi

Fabian Kern am Donnerstag den 27. Juni 2013

BuchcoverDer weisse Sand rieselt durch die Finger und wird von der leichten Meeresbrise zerstreut. Salzwasser und Seetang würzen die Luft, die Wellen plätschern sanft auf den Strand. Jene Krimileser, die sich nach solchen Sinneseindrücken sehnen, aber vielleicht noch nicht gleich in die Ferien fahren darf, denen sei «Bretonische Brandung» ans Herz gelegt. Die Fans von Jean-Luc Bannalecs erstem Krimi aus der Bretagne, «Bretonische Verhältnisse», werden das Buch längst verschlungen haben.

Denn Bannalecs Beschreibung der «Glénan» ist atemberaubend. Glénan? Bretonischen Nicht-Kennern sei erklärt: Das ist ein Archipel vor der bretonischen Südküste, bestehend aus rund einem Dutzend kleiner und kleinster Inseln mit Traumstränden wie in der Südsee. Und weil an einem dieser Strände drei Leichen angespült werden, ist das ein Fall für den Hauptkommissar von Concarneau, Georges Dupin. Der Kommissar aus Paris, der auch nach Jahren im Département Finistère immer noch als Fremdling behandelt wird, muss sich somit einer seiner grossen Ängste stellen: Booten. Die faszinierende Umgebung der Glénan zieht Dupin aber von Beginn weg derart in ihren Bann, dass ihm die Ermittlungen auf hoher See erstaunlicherweise schon bald nichts mehr ausmachen.

Le Loc'h

Am Strand von «Le Loc'h» werden drei Leichen angespült.

Drei Tage nur dauert dieser zweite Fall von Dupin in Frankreichs Nordwesten. Dennoch ist er viel weniger schnell zu durchschauen als noch jener bei Bannalecs Erstling. Es stellt sich heraus, dass die drei Männer zwar ertrunken sind, dass aber jemand nachgeholfen hat. Dupin muss sich mit den speziellen Verhältnissen auf den Glénan schnell vertraut machen, damit die Spur nicht erkaltet und legt sich dabei wie gewohnt mit diversen Behörden und seinem Intimfeind, dem Polizeipräfekten, an. Trotz der intensiven Ermittlungen lässt sich der kaffeesüchtige Kommissar aber von der Landschaft und dem rauen Charme der Bretonen vereinnahmen – und mit ihm der Leser.

Les Glénan

Warme Südsee? Nein, kalter Atlantik!

Der unbekannte Autor – Bannalec ist nur ein Pseudonym – hat sich gegenüber von «Bretonische Verhältnisse» gar noch gesteigert. Er legt nicht nur einen zweiten Fall für Dupin vor, sondern entwickelt seine Figuren weiter. Man lernt das Team von Dupin etwas näher kennen. Riwal gibt einiges aus seinem Privatleben preis, und sogar der von Dupin gering geschätzte Kadeg vermag Sympathien zu wecken. Deshalb hat man etwas Mitleid mit den beiden Inspektoren, denn die Zusammenarbeit mit Dupin ist nicht einfacher geworden. Doch man versteht das Verhalten des eigenwilligen Kommissars etwas besser. Neben literweise Kaffee braucht er seine Ruhe, um seine Gedanken ganz auf den Fall zu konzentrieren, weshalb er die Recherchearbeit an sein Team delegiert. Ein kriminalistisches Genie braucht seinen Freiraum, um sich zu entfalten.

Bleibt zum Abschluss die Frage: Bekommt Bannalec eigentlich Geld von «Tourisme Bretagne»? Wenn nicht, könnte er das ungeniert verlangen. Denn wer von seinen Büchern keine Lust auf eine Reise in den faszinierenden Zipfel Frankreichs erhält, der ist ein unverbesserlicher Reisemuffel. Für den Strand oder Balkonien – «Bretonische Brandung» ist der perfekte Ferien-Krimi.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Brandung. Kommissar Dupins zweiter Fall. Kiepenheuer & Witsch. Köln, 2013. 352 Seiten, ca. Fr. 25.-.

Sport ist Mord

Fabian Kern am Montag den 15. April 2013

BuchcoverDie Krimilandschaft im deutschen Sprachraum wurde in den letzten Jahren massiv überbevölkert. Fast in jedem Kaff von Hamburg bis Graz ermittelten Dorfpolizisten, Kleinstadt-Kommissarinnen und Privatschnüffler – jeder in seinem Dialekt. Insofern erfüllt auch der Wiener Krimi «Marathonduell» das Klischee. Doch Autorin Sabina Naber hat es dennoch geschafft, originell zu sein: mit ihren Protagonisten und einer guten Portion Wiener Schmäh.

Das Ermittler-Duo ist zwar einmal mehr charakterlich absolut gegensätzlich, doch Daniela Mayer und Karl Maria Katz wirken authentisch. Und das ist wirklich eine Leistung, wenn man weiss, dass der alternde Chefinspektor Katz ein pragmatischer Freak mit Vaterkomplex und Gruppeninspektorin Mayer eine Lesbe mit viel Talent, aber wenig Ehrgeiz ist. Das klingt arg nach konstruierten Figuren, doch die irrwitzigen Dialoge zwischen den beiden machen «Marathonduell» nicht nur zu einem spannenden, sondern auch enorm unterhaltenden Krimivergnügen.

Sabina Naber

Autorin Sabina Naber, geboren 1965 in Niederösterreich, arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Journalistin.

Da stört es nicht einmal gross, dass der Mordfall nicht allzu knifflig ist. Bald einmal wird klar, wer der Täter ist, der eine Frau während des Wien-Marathons in ihrer Wohnung mit einem Hammer ins Jenseits beförderte. Das Problem ist nur, dass alle Verdächtigen den sportlichen Grossanlass – der fast lückenlos videoüberwacht ist, als Alibi vorweisen können. Chefinspektor Katz, der den Marathon ebenfalls absolviert hat, holt Mayer ins Landeskriminalamt. Diese würde zwar lieber in ihrem Dezernat eine ruhige Kugel schieben. Doch weil sie von ihrer zickigen Geliebten vor die Tür von dessen schicken Penthouse-Wohnung gesetzt wurde, kann sie das bessere Gehalt gut gebrauchen. Und wider Willen entdeckt Mayer im Duell mit dem Marathon-Mörder ihren Ehrgeiz.

«Erster Fall für Mayer & Katz» lautet der Untertitel von «Marathonduell». Gerne, Fortsetzung willkommen.

Sabina Naber: Marathonduell. Erster Fall für Mayer & Katz. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 370 Seiten, ca. Fr. 18.-.

Hier eine Leseprobe von der Autorin selbst:

Abzüge in der B-Note

Fabian Kern am Montag den 14. Januar 2013

BuchcoverTalent ist ein ungleich verteiltes Gut. Die einen haben gar keines, andere wiederum haben gleich mehrere. Kreative Köpfe wie Manuel Süess. Der 31-Jährige Luzerner, der seit einigen Jahren in Rheinfelden lebt und arbeitet, ist in erster Linie Kunstmaler. Zudem verfügt er auch über eine flotte Sohle und tanzt lateinamerikanisch. Und seit neustem schreibt er auch noch Bücher. Sein Erstlingsroman «Der Buchhalter» ist seit November 2012 auf dem Markt. Geschrieben hat Süess die Geschichte aber bereits vor sechs Jahren. Während seiner Ausbildung an der Hotelfachschule pendelte er zwischen Luzern und Basel. Die tote Zeit im Zug nutzte er für die Skizzen an seinem Buch. Der Protagonist ist ebenfalls der Ausbildung geschuldet, denn die Idee für den Buchhalter entstand in einer langweiligen Lektion Rechnungswesen.

Mit seiner einfachen, aber angenehm schnörkellosen Story auf dem schwierigen, weil in den letzten Jahren fleissig abgegrasten, Terrain von Dan Brown vermag Süess zu packen. Der Enddreissiger Hans Rudolf – schon sein Name ist Klischee – pflegt sein biederes Buchhalter- und Mamisöhnchen-Image mit Hingabe. Denn dieses dient nur als Deckmantel für seine eigentliche Arbeit: Aufträge für eine geheimnisvolle Bruderschaft zu erfüllen und damit seinen Traum der Beförderung endlich wahr werden zu lassen. Kurz vor dem Durchbruch findet aber seine nichtsahnende Mutter sein Tagebuch und beginnt zu begreifen, dass ihr Sohn und ihr verstorbener Mann ihr über Jahre etwas vorgemacht haben. Zudem jagen dunkle Gestalten hinter dem gleichen Geheimnis her, und auch die Rolle von Hans Rudolfs Freundin Tina ist nicht immer ganz klar.

Manuel Süess

Kunstmaler, Tänzer und Buchautor aus dem Fricktal: Manuel Süess.

Leider muss man bei aller Sympathie für den Autor festhalten, dass das Lesevergnügen durch einige Rechtschreibe- und sehr viele Kommafehler erheblich beeinträchtigt wird. Dass Süess seinen Roman aus Kostengründen in Eigenregie herausgegeben hat, ehrt ihn zwar, doch hiermit zahlt er seinen Preis dafür. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Süess will den «Buchhalter» noch einmal überarbeiten und bei seinen nächsten Büchern mehr Sorgfalt walten lassen. Denn eine Fortsetzung, das merkt man am Ende des «Buchhalters», wird folgen. «Ich habe geplant, die Geschichte auf drei bis fünf Bücher auszudehnen. Wann das nächste folgt, hängt auch vom Erfolg des Buchhalters ab», sagt der umtriebige Künstler. Skizzen für Teil zwei und drei hat er bereits in der Schublade. Wir sind gespannt.

Manuel Süess: «Der Buchhalter. Schluss mit der Geheimniskrämerei!». Art by Manuel Süess, 2012. 232 S., Fr. 15.90.–. Erhältlich auf Manuel Süess’ Homepage und bei amazon.de.

Literatur an der Geschmacksgrenze

chris faber am Freitag den 23. November 2012

Am Mittwoch waren Andreas Storm und Cathrin Störmer wieder mit Worst Case Szenarios in der Kaserne Basel. Die 2 Schauspieler wählen gekonnt mit Worst Case Szenarios verunglückte, grenzwertige oder missratende Kunstwerke aus, diesmal mit dem Schwerpunkt schreibende Politiker. In Wohnzimmeratmosphäre wechseln sich Lachflashs mit Betroffenheit ab, danach darf in den gedruckten Wunderwerken gestöbert werden.

Ob Peter Handke mit seinen späten Werken so verstört, dass wir nur hoffen können, er meint es lustig mit seinen Texten; Luise Rinser Nordkorea so naiv entdeckt und das Regime preist, dass Drogen im Spiel sein müssen; SVPler Oskar Freysinger so schwülstig Propaganda mit Erotik verbindet, dass ihn der Schweizerische Schriftstellerverband ablehnen musste; surrealistische Erotik uns zwischen Lachen und Aufhören pendeln lässt;
Ghaddafis Volkdefinition zwischen Menschen mit und ohne Überseekoffern unterscheidet; Saddam Husseins Liebesroman “Zabiba und der König” offenbart, wie er vom Volk gesehen werden wollte; Mao Furzgedichte schreibt, die heutzutage subtile Aufführungen verlangen; Hans-Rudolf Merz mit dem “Landammann” so erotisch danebengreift, dass wir uns in einem Appenzeller Darkroom wiederfinden; William Paul Young in “Die Hütte” die Dreifaltigkeit als höllennette Wohngemeinschaft inszeniert und Uri Geller in “Auf Biegen und Brechen” seine Fantasie erschreckender wirken lässt wie seine Illusionen; dieser Abend wärmt mit Witz und Sonderbarem.

Am Sonntag, den 2. Dezember 2012, tauchen die Worst Caser um 20 Uhr in die Welt der Esoterik ein und berichten von Indigokindern, Venusbesuchern und anderen Skurrilitäten. Unbedingt wieder empfehlenswert, befreiendes Lachen garantiert. Mehr Infos…

Mord am Spalentor

Fabian Kern am Freitag den 2. November 2012

Schwarze Rosen

Wer einen neuen Basler Kommissar ins Rennen schickt, provoziert zwangsläufig den Vergleich mit Hansjörg Schneider und seiner Kultfigur, dem Kommissär Hunkeler. Der Bündner Alexander Condrau hat diesen Versuch gewagt. «Schwarze Rosen», der erste Fall von Kommissar Carlo Sarasin, begegnet Schneiders beliebter Krimireihe aber nicht auf Augenhöhe. Dies liegt schon am gewöhnungsbedürftigen Umfang: Einen Krimi mit nur 88 Seiten sieht man selten.

Ein hinterhältiger Schuss – und Harry Thommen ist nicht mehr. Am Spalentor wird der Immobilienmakler erschossen, seine Leiche taucht Tage später im Rhein auf. Das ist die Steilvorlage für Kriminalkommissar Carlo Sarasin. Der Fall entpuppt sich aber als harte Nuss. Lose Indizien deuten auf Verbindungen zur spanischen Mafia hin, aber Sarasin hängt etwas in der Luft. Weil er sich emotional zu sehr auf den Mord am zweifachen Familienvater aus Reinach einlässt, gerät er in eine Depression und wird freigestellt. Erst in seiner Auszeit in Spanien nimmt Sarasin wieder Witterung auf.

Als routinierter Krimileser tut man sich schwer mit Condraus pragmatischem Stil. Die Geschichte wird sehr deskriptiv erzählt, beinahe dokumentarisch, was eine Identifikation mit dem Protagonisten erschwert. Der Autor bemüht sich offensichtlich um Genauigkeit, was die Orte anbelangt. Dabei wird aber offensichtlich, dass er nicht aus der Region stammt. Die Basler Leser werden sich ärgern über den Ausdruck «mit der dreier Tram» oder Schreibfehler wie «Aeschervorstadt» und – eine Todsünde am Rheinknie – «Basler Fastnacht». Zudem ist die erste Auflage durchsetzt mit einigen Fehlern. Am gravierendsten sind Namensverwechslungen, die einen immer wieder verwirren. Der Verlag kündigte zwar an, die Fehler im Nachdruck zu korrigieren, was das Lesevergnügen der «Erstkonsumenten» aber auch nicht wiederbringt.

Die Auflösung des Falls ist schliesslich sehr abrupt. Man würde sich mehr Atmosphärisches wünschen, denn die Aneinanderreihung der harten Fakten ist zum Teil etwas ermüdend. Sarasins seelischer Zustand etwa wird überhaupt nicht behandelt, was dessen Charakter unnahbar macht. Dem Buch hätten etwas mehr Seiten oder sogar die doppelte Länge gut getan. Deshalb hat der Kommissär Hunkeler vorderhand nichts zu befürchten. Carlo Sarasin muss sich mächtig steigern und mehr von sich preisgeben, um zur ernsthaften Konkurrenz für den Basler Platzhirsch zu werden.

Alexander Condrau: «Schwarze Rosen». Literareon, München 2012. 88 Seiten, ca. Fr. 24.-.

Das Leben ist kein Homerun

Fabian Kern am Montag den 17. September 2012

Die Kunst des Feldspiels

Der Sport ist ein Mikrokosmos des Lebens, insbesondere Mannschaftssportarten. Erfolg, Drama, Freude, Enttäuschung, Vertrauen, Streit – alles findet sich auf dem Feld der Träume. Kein Wunder also, hat Chad Harbach in seinem Debütroman über den Sinn des Lebens rund um die amerikanischste aller Sportarten angelegt: Baseball. Das Landei Henry Skrimshander ist ein schlaksiger, schüchterner und unscheinbarer Junge. Im Umgang mit dem lederbezogenen Hartgummiball aber ist er virtuos. Er scheint das Potenzial zu haben, einst so gut zu werden wie sein Idol Aparicio Rodriguez. Mike Schwartz, Spieler und Herz der Westish Harpooners, erkennt diese Gabe auf Anhieb und holt Henry an sein College nach Wisconsin.

Dort setzt dieser die Jagd nach Rodriguez’ legendärem Rekord von fehlerfreien Spiele fort – bis ihm sein erster Fehlwurf unterläuft. Dieses im Sport eigentlich alltägliche Ereignis stellt die Leben von nicht weniger als fünf Menschen auf den Kopf. Neben Henry und Mike werden auch Henrys intellektueller dunkelhäutiger Mitbewohner, der College-Präsident, der im Herbst seines Lebens seine Homosexualität entdeckt, sowie dessen Tochter aus der Bahn geworfen. Plötzlich werden sie alle mit ihren Makeln konfrontiert und müssen sich fragen, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Chad Harbach

Chad Harbach (Jahrgang 1975).

Es ist kein Wunder, spielt Harbachs Roman in seiner Heimat, dem Mittleren Westen der USA, ist dieser doch der Inbegriff für den bodenständigen Durchschnitts-Amerikaner. Der Autor verknüpft Schicksale mit einem banalen Vorkommnis, was die Figuren fassbar macht – auch ennet des Atlantiks. Anstelle von Mitleid, das man mit den Protagonisten von Dramas hat, fühlt man mit ihnen mit und fragt sich unweigerlich: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Chad Harbach, der den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten vermag, wird in den Vereinigten Staaten bereits in der Oberliga der All American Novel begrüsst. Und plötzlich findet sich der Jungschriftsteller in der Situation seiner Figur Henry Skrimshander wieder: Die Augen Amerikas sind auf ihn gerichtet, der Erwartungsdruck steigt. Harbach hat einen beeindruckenden Homerun geschlagen, aber noch nicht das Spiel gewonnen.

Chad Harbach: «Die Kunst des Feldspiels». Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2012. 607 Seiten, ca. Fr. 33.-.

Kampf gegen Windmühlen

Fabian Kern am Montag den 13. August 2012

Erinnerung an einen schmutzigen Engel Afrika, 1905. Der schwarze Kontinent. Und ein blinder Fleck auf der europäischen Weltkarte – zumindest was die Bewohner angeht. Die 18-jährige Hanna strandet in Moçambique, das damals noch Portugiesisch-Ostafrika hiess, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt. Die junge Schwedin musste ihr Zuhause verlassen, weil es nach dem Tod ihres Vaters nicht genügend zu essen gab. Auf dem Schiffsweg nach Australien heiratet sie den Steuermann, der aber kurz darauf stirbt. In Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, verlässt Hanna das Schiff, weil sie es ohne ihren Mann nicht mehr aushält. Wider Willen wird sie Bordellbesitzerin und beginnt zu begreifen, wie gross die Kluft zwischen den weissen Besetzern und den Eingeborenen ist. Doch Hannas Kampf gegen den Rassismus ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn auch die Schwarzen vertrauen ihrer unerwarteten Fürsprecherin nicht.

Henning Mankell

Erfolgsautor: Henning Mankell.

Ja, Henning Mankell gibts auch ohne Wallander. Sogar ohne Krimi. «Erinnerung an einen schmutzigen Engel» bildet den Auftakt zu einer neuen Serie des schwedischen Erfolgsautors, in der er die teils wahren Schicksale aussergewöhnlicher Frauen skizziert. Einen gelungenen Auftakt. Die Wandlung der jungen Schwedin von der Kolonialherrin zur Vorkämpferin gegen Rassendiskriminierung ist eindrücklich erzählt und geht unter die Haut.

Henning Mankell: «Erinnerung an einen schmutzigen Engel». Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. 352 S., ca. Fr. 30.-.