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Fussball trifft Kultur

Fabian Kern am Donnerstag den 30. Januar 2014

Flyer FlutlichtBasel ist eine Fussball-Stadt. Basel ist aber auch Kulturstadt. Der Gedanke, die beiden gesellschaftlich relevanten Themen miteinander zu verbinden, verwundert deshalb nicht. Verwunderlich ist viel eher, dass bisher noch niemand auf diesen Gedanken gekommen ist. Dafür brauchte es Philipp Grünenfelder, Dieter Bopp und Markus Schwark. «Flutlicht» heisst ihr Baby, das am Freitag das Licht der Welt erblickt. Es ist das erste Fussball-Film-Festival der Schweiz.

Genau zum Ende der Fussball-Winterpause findet diese Premiere statt. Allerdings nicht ganz freiwillig, denn der Wunschtermin wäre eigentlich eine Woche früher gewesen. Weil aber der FC Basel erst am Sonntag mit einem mässig attraktiven Auswärtsspiel in Lausanne startet, kommen sich der aktive und passive Fussball nicht in die Quere. Im Gegenteil, die Liveübertragung des Spiels wird ins Festivalprogramm eingebunden. «So funktioniert das ganz gut für uns», sagt Grünenfelder. Der 36-Jährige hat mit seinen Kollegen den Anlass nämlich dahin platziert, wo er hingehört: in die Bar du Nord, wo ohnehin alle FCB-Spiele live auf Grossleinwand gezeigt werden.

Das Zielpublikum besteht aber ebenso wenig nur aus Fussballfans wie aus nur Filminteressierten. «Flutlicht soll ein Begegnungs-Festival sein und ein breites Publikum anziehen», erklärt Grünenfelder. Entsprechend sind die Grenzen zwischen Festival- und Barbesuchern offen, denn Eintritt kosten lediglich die Filme und die Diskussionen. Und deswegen zeigt man bewusst nicht Premieren, sondern Filme, die bereits bekannt sind. «Les rebelles du foot» etwa, der viel beachtete Dokumentarfilm von Eric Cantona, dem früheren französischen Profifussballer, oder «Tom Meets Zizou – kein Sommermärchen» des Deutschen Aljoscha Pause. Ersterer führt als Eröffnungsfilm am Freitagabend in den Themenblock «Die Politik und das Spiel» ein, in dem die Greenpeace-Aktion während des Champions-League-Spiels des FCB gegen Schalke im November diskutiert wird. Letzterer ist der Aufhänger am Samstag, welcher dem «Scheitern und dem Tod» gewidmet ist. Den Abschluss am Sonntag macht – passenderweise – der «Glaube im Spiel».


«Football Under Cover» beschäftigt sich mit dem ersten Frauenfussball-Länderspiel im Iran und ist der Hauptfilm am Sonntag.

Die Themen werden jeweils mit Podiumsdikussionen vertieft und so dem eigentlichen Anstoss des Festivals gerecht. «Fussball ist als Thema immer relevanter für die Gesellschaft», sagt Grünenfelder, der mit Bopp und Schwark seit zwei Jahren die Idee des Festivals verfolgte. Richtig aufzugleisen begonnen haben sie aber erst vor neun Monaten. Die Zukunft von «Flutlicht» hängt vom Erfolg der Premiere ab. «Das ist ein Versuchsballon. Ideen für den Ausbau des Festivals hätten wir zur Genüge», sagt Grünenfelder. Interesse aus anderen Städten hat das Organisationskomitee bereits ausgemacht. Aber wo in der Schweiz soll dieses Projekt besser ankommen als in Basel?

Zum Festival-Programm gehts hier.

Stressköpfe, die anders ticken

Joel Gernet am Donnerstag den 23. Januar 2014

Monatelang machte die Basler Rapszene trotz ihres Riesenpotenzials nur mit vereinzelten Warnschüssen von sich Reden. Zum Jahresbeginn aber scheint man aus der Winterstarre zu erwachen – und der Hebel wird auf Seriefeuer-Modus umgelegt. Erste Vorboten dieses Frühlingserwachens sind die Rapper Ced & Krime und das Kollektiv Stressköpf. Ihre Weckrufe sind laut, aggressiv und unterlegt von auf Samples basierenden, organisch klingenden Beats, die von den heutigen Mainstream-Pop-Rap-Produktionen so weit entfernt sind wie Justin Bieber von einer Nomination für den Basler Pop-Preis.

Ced & Krime: 08:15.

Ced & Krime: 08:15.

«08:15» heisst das neue Gratis-Album von Ced und Krime, beide Teil der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke). Der Albumitel bezieht sich nicht auf den umgangssprachlichen 0815-Vergleich für alles Unspektakuläre oder Billige, sondern auf den Kickoff der abendlichen Aufnahme-Sessions im Metro4000-Studio um 08:15 Uhr – Primetime sozusagen. Geboten wird allerdings über weiter Stecken standartisierte 0815-Ware, wie man sie von einem Mixtape-artigen Rapalbum erwarten kann: Ego-zentrierter Battlerap mit vollmundigen Ansagen – dies aber auf verdammt hohem Niveau in Sachen Rapsklills und Metaphern. Krime war schon immer einer der Besten und elegantesten Battlerapper des Landes und Ced merkt man an, dass er sich in Bestform befindet, wohl auch gestählt durch den Sieg die vielbeachtete Final-Teilnahme beim Schweizer Video-Rap-Battle Swiss VBT.

Aus drei Gründen ist «08:15» besser als viele vergleichbare Battlerap-Releases: Wegen den Beats, den intimen Einblicken zwischendurch und den oben erwähnten Skills der beiden Mcees. Der Sound-Teppich stammt komplett vom Basler Beat-Meister Tom Keenig und kommt gerne mit knochentrockenen Drum-Sets und düsteren Sound-Samples daher. Dass es sich bei den 25 (!) Tracks – darunter auch diverse Solo-Songs von Ced und Krime – um gesammelte Werke aus den vergangenen Monaten und Jahren handelt, meint man insbesondere dann zu hören, wenn zwischendurch die harte Maske abgesetzt wird und es um persönliche Episoden aus dem Leben geht.

So entstehen Songs, in denen man sich nicht davor scheut, in die eigenen Abgründe zu blicken – die Folge sind lyrisch brilliante Momente, die man ohne schlechtes Gewissen auch auf einem ‘richtigen’ Album hätte platzieren können. Von wegen Ausschussware! Spannend ist auch der Kontrast zwischen den zeitgemässen Doubletime-Silbengewittern der Rapper und den Retro-mässigen Kopfnickerbeats – ein Spannungsbogen, der auch wunderbar funktionierte beim Video-Track «Mit uns», den Krime und Tom Keenig zusammen mit Levo rime kürzlich lanciert haben. So darf es gerne weitergehen dieses Jahr.

Stressköpf: Lamputation.

Stressköpf: Lamputation.

Auch auf dem Album «Lamputation» der Stressköpf stehen die Raps – der Name lässts erahnen – ganz im Zeichen des lustvollen Kräftemessens. Während Ced und Krime ihre Gegner tendenziell mit feiner Klinge zerlegen, greifen die Stressköpfe zur Axt. Oder zum Vorschlaghammer. Oder zu beidem. Geboten wird deftige Kost, Songs wie «Rapperjagd», «Schleeg unter Gürtellinie», «Fleischerhoogge» oder «Folterbangg» halten, was der Titel verspricht. Rap als blutrünstiger Horrorfilm, nichts für zartbesaitete Casper-Hörer. Kein Wunder, betitelt die Kombo ihr Genre auf ihrer Facebook-Seite als Horrorcore/Battle-Rap.

Bei den Stressköpfen handelt es sich übrigens um ein frisch zusammengewürfeltes Kollektiv aus Basel und Umgebung, bestehend etwa aus albekannten Untergund-Crews wie NWU, ELS und Neumond. Namentlich dabei sind die Rapper wie Masso Vollkasko, Reemoe, Reni Sleep, Jack The Ripper, R.I.G., Muddy Pents, Bina, Bugs MC, Kaen, Baba Danman, Venti, Ilp, Mos und Pyro. Die Flut an sich gegenseitig mit lyrischen Massakern überbietenden Rappern sorgt für abwechslungsreiche Unterhaltung, die allerdings durch die zum Teil eklatant auseinanderklaffenden Skills der einzelnen Rapper getrübt wird.

Die Beats, produziert von Meister Lampe, kommen mit ihren vielen Samples ähnlich daher wie jene von Tom Keenig, erinnern vom Vibe her aber oft an Zigeuner- und Zirkusmusik. Gepaart mit den überzeichneten Gewalt-Raps entsteht so das Bild von bösen Clowns oder – um beim CD-Cover zu bleiben – fiesen Waggis.

Für beide hier besprochenen Releases gilt: Die Beats könnten noch etwas mehr Bumms haben, damit sie die selbe Durchschlagskraft wie die aggressiven Zeilen der Rapper entwickeln. Diese wiederum wirken auf Dauer etwas einschläfernd – nicht, weil sie schlecht sind, sondern wegen des Abnützungseffekts, der sich nach der 37. beleidigten Mutter, der zum 89. Mal betonten Penislänge und dem 1000. geschlachteten Whack-Rapper unweigerlich einstellt. Dennoch: Mit Ced & Krime und den Stressköpf wurde das Basler Rap-Jahr mit zwei lauten Lebenszeichen lanciert und es zeichnet sich ab, dass 2014 einige vielversprechende Platten aus der Region erscheinen – demnächst etwa der Label-Sampler aus dem Haus PW Records, das Debutalbum von TripleNine-Spitter Zitral und auch von B1Recs scheint man einiges erwarten zu können, wie deren neues Video erhoffen lässt (siehe unten).

Wer sich für das regionale Rapschaffen interessiert, ist zudem gut beraten, am Donnerstag, 30. Januar, die Rapsendung Bounce auf SRF Virus zu hören – dann gibts dort nämlich eine grosse Basel-Cypher.

«08:15» von Ced & Krime ist erhältlich als Free-Download; «Lamputation» der Stressköpfe kann entweder über deren Facebook-Seite gekauft werden oder in den Basler Läden 4 Elements, ElchRecords Vinyl-Store und Ace Records sowie im Restaurant Farbklex Liestal.

Ein bittersüsses Vergnügen

Fabian Kern am Mittwoch den 22. Januar 2014

«Philomena» läuft ab 23. Januar im kult.kino atelier.

«Philomena» läuft ab 23. Januar im kult.kino atelier.

Das wahre Leben schreibt die krassesten Geschichten. Im Positiven wie im Negativen. Eine Woche nach der Verfilmung von Jordan Belforts skandalöser Autobiografie «The Wolf of Wall Street» kommt nun eine völlig andere filmische Umsetzung eines Buches in unsere Kinos – jene von Martin Sixsmiths «The Lost Child of Philomena Lee». Es ist eine Geschichte, die jeden sofort reinzieht und absolut erschütternde Ereignisse aus einer Zeit offenbart, die noch gar nicht so lange her ist. Und sich nicht etwa in einem Drittwelt-Land abspielte, sondern in Westeuropa: Irland. In einem erzkatholischen Irland.

Im Jahr 1952 war Philomena Lee Teenager. Mit allen Hormonen und Sehnsüchten wie jedes andere Mädchen ihres Alters. Deshalb lässt sie sich von einem feschen Jungen verzaubern. Weil vorehelicher Sex absolut Tabu war und somit Verhütung kein Thema, wird das arme Mädchen schwanger. Von ihrer Familie verstossen findet Philomena in einem Kloster Unterschlupf und schenkt einem Jungen das Leben. Doch in einem katholischen Kloster werden einem befleckten Teenager keine Mutterfreuden zugestanden. Der kleine Anthony wird zur Adoption freigegeben, Philomena kann sich noch nicht einmal von ihm verabschieden. Als letzte Erinnerung bleibt ihr, wie ihr Sohn durch die Heckscheibe eines davonfahrenden Autos schaut – einfach nur herzzerreissend. Von christlicher Nächstenliebe keine Spur.

Ein ungleiches Paar: Martin und Philomena. (Bilder: Pathé)

Ein ungleiches Paar: Martin und Philomena.

50 Jahre bewahrt Philomena, mit nichts als einem kleinen Foto ihres geliebten Sohnes in den Händen, das Schweigen über Anthony und glaubt die Version des Klosters, alle Unterlagen über die Kinder seien bei einem Brand vernichtet worden. Weil der Schmerz aber nicht kleiner geworden ist, erzählt sie das Ganze ihrer Tochter, welche sie davon überzeugt, die Presse einzuschalten – zumindest einen Journalisten: Martin Sixsmith. Der langjährige TV-Mann wurde soeben von der BBC geschasst und ist nicht eben motiviert, eine aus seiner Sicht minderwertige People-Story zu schreiben. Doch der Zyniker lässt sich von der herzensguten Frau erweichen, ihr bei der Suche nach ihrem Sohn zu helfen. Das ungleiche Gespann macht sich auf eine ungewöhnliche, für beide sehr lehrreiche Reise.

Am Ort des Schmerzes: Philomena 1952...

Am Ort des Schmerzes: Philomena 1952…

... und 50 Jahre später.

… und 50 Jahre später. (Bilder: Pathé)

An so einem Schicksal kann eine Mutter schon einmal zugrunde gehen. Wie Philomena aber trotz der Jahrzehnte der Ungewissheit und des Leidens ihre Lebensfreude nicht verloren hat, ist so bewundernswert wie schwer nachvollziehbar. Als Darstellerin der Titelfigur hätte Regisseur Stephen Frears keine passendere Schauspielerin finden können als die wunderbare Judi Dench. Die Grande Dame des englischen Kinos bewegt sich als Philomena stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen Traurigkeit und Optimismus, ohne dabei ins Rührselige abzugleiten. Ihr Gegenpart Steve Coogan als Martin Sixsmith erinnert in seinem gelangweilten Zynismus an Hugh Grant in dessen besten Rollen. Die Dialoge zwischen den beiden sorgen für die gut verteilten lustigen Momente in einem melancholischen Film über ein tieftrauriges Thema. Kein Wunder, ist Frears’ gelungener Spagat in vier Kategorien für einen Oscar nominiert, darunter die wichtigen Sparten «Bester Film» und «Beste Hauptdarstellerin».

Zum Schluss seien aber noch all jene potenziellen Zuschauer gewarnt, die selbst Kinder haben: Für «Philomena» gilt unbedingte Taschentuch-Pflicht. Da bleibt kein Auge trocken. Nicht, dass hier Propaganda für Teenager-Schwangerschaften gemacht werden soll, aber wir können froh sein, dass solch düstere Zeiten vorbei sind.

«Philomena» läuft ab 23. Januar 2014 im kult.kino atelier in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 23. Januar: 12 Years A Slave, Homefront, I, Frankenstein, Amazonia, The Captain and His Pirate, Erbarmen.

Die Abgebrühte und die Neuland-Betreterin

Gawin Steiner am Montag den 20. Januar 2014

Zwei Sängerinnen aus der Region geben Gas: Mit Anna Aaron und Lena Schenker haben dieser Tage gleich zwei Sängerinnen aus der Region ein Video lanciert. Viel nackte Haut gibt es im neuen Videoclip «Linda» von Anna Aaron zu sehen: Eine Tänzerin bewegt sich, bloss mit einem Slip bekleidet, mit faszinierender Körperspannung vor einer mit wechselnden Neonröhren belichteten Wand. Kunstvoll und passend zu der melancholischen Ballade. Anna Aaron erscheint jeweils zwischen den Tanzsequenzen ebenfalls vor den Lichtstreifen – bekleidet mit einem Wollkragen-Pullover bis zum Kinn. Mit Spezialeffekten, die gegen Ende des Videos eingesetzt werden, lösen sich die beiden Protagonistinnen dann langsam in Luft auf. Wie man sich das von der Basler Pop-Preis-Gewinnerin gewöhnt ist, kommt das Ganze professionell daher. Sehens- und hörenswert. Der Clip ist ein Vorbote zu Anna Aarons Album «Neuro», das am 28. Februar erscheinen wird.

Im Gegensatz zu Anna Aarons Videoclip steht derjenige von Lena Schenker aus Liestal. Die ehemalige «Voice of Switzerland»-Teilnehmerin betritt mit der Veröffentlichung ihres neuen Videos «Fallen One» Neuland. Was musikalisch durchaus zu überzeugen vermag, wird leider durch ein wenig authentisches Video abgewertet. Bei den aufwendig wirkenden Dreharbeiten wäre die Devise «weniger ist mehr» angebracht gewesen: Weniger Lippenstift und weniger Drama, um die Stimme der talentierten 17-Jährigen besser herauszustreichen. Denn das Talent ist da – eindeutig.

Allen, die mit Anna Aaron und Lena Schenker noch nicht genug bedient sind, sei Folgendes gesagt: Ende Woche erscheint mit «The Spell» das Debutalbum der vielgelobten Sissacher Sängerin Ira May.

Zum Teufel mit der Moral!

Fabian Kern am Mittwoch den 15. Januar 2014

Filmplakat

«The Wolf of Wall Street» läuft ab 16. Januar im Capitol, Küchlin und Rex.

Geld, Sex und Drogen – mit drei Worten kann «The Wolf of Wall Street» zusammengefasst werden. Gerecht wird man Martin Scorseses dreistündigem Film über den Aufstieg und Fall eines Shootingstars der Wall Street damit aber nicht. Der Altmeister gibt alles, was er an eindrücklichen Bildern zur Dekadenz von Neureichen zu bieten hat. Kein Wunder, musste Scorsese auf eine unabhängige Finanzierung umsteigen. Keines der grossen Hollywood-Studios wollte sich an den ausgiebigen Sex- und Drogenszenen die Finger verbrennen. Weil inmitten der orgiastischen Szenen immer wieder das spitzbübische Grinsen von Leonardo DiCaprio hervor blitzt, darf man getrost festhalten: Das Filmjahr 2014 beginnt mit einem lauten, bunten, aber auch hochklassigen Knall.

Immer raus damit: Jordan Belfort wirft mit 100-Dollar-scheinen um sich.

Immer raus damit: Jordan Belfort wirft mit 100-Dollar-Scheinen um sich. (Bilder: Universal)

Von der Theoriestunde mit Mentor Mark Hanna... (Bilder: Universal)

Von der Theoriestunde mit Mentor Mark Hanna…

... zur Praxis als Kopf von Stratton Oakmont.

… zur Praxis als Kopf von Stratton Oakmont.

Jordan Belfort (DiCaprio) will nur eines, als er mit Anfang 20 an die Wall Street geht: reich werden. Ironischerweise wird er das genau mithilfe jener Leute, die das auch wollen. Nur, die werdens nicht. Dafür Belfort umso mehr. Aber auch das reicht ihm nicht. Einer der Eckpfeiler der Aktiengeschäfts ist die Tatsache, dass keiner den Hals voll kriegt. Würde jeder seine Schäfchen ins Trockene bringen, würde der Markt stagnieren. Das ist es, was der junge Belfort von seinem Mentor Mark Hanna (mit tuntiger Föhnfrisur: Matthew McConaughey) mitnimmt. Und verinnerlicht. Ebenso wie die Haltung, dass ein Broker ohne Drogen kein guter Broker ist. Da Belfort nicht nur gut ist, sondern sogar ein Genie, weiss er sogar nach dem Börsencrash von 1987 Millionen und Abermillionen zu scheffeln. Und sie fast ebenso rasend wieder auszugeben. Mit den «Gründungspartnern» seiner wie eine Rakete an der Wall Street aufsteigenden Firma Stratton Oakmont – im Grunde einer Ansammlung von Nerds, die es ohne einen charismatischen Anführer niemals zu etwas im Leben gebracht hätten – zerbricht er sich mit andauerndem Erfolg immer mehr darüber den Kopf, mit welchen Perversitäten und Kindereien sie die Spesenausgaben noch weiter in die Höhe treiben können. Eine Sexorgie mit exzessivem Kokainkonsum im Grossraumbüro, ein 2-Millionen-Dollar-Junggesellenabschied in Las Vegas, Zwergenwerfen zwischen den Schreibtischen – die Lausbuben in Massanzügen verlieren immer mehr den Bezug zur Realität und jeglichen Anstand, sofern sie diesen jemals besessen haben. «Das ist nicht verrückt, das ist obszön», bemerkt Belforts Vater Max (Rob Reiner). Treffend, aber fast noch untertrieben.

Reicher Nerd: Donnie Azoff.

Reicher Nerd: Donnie Azoff (Jonah Hill).

Dieser Film ist eine einzige Orgie. Das Krasseste daran: Er basiert auf der wahren Lebensgeschichte von Jordan Belfort. Der Vorwurf an Scorsese, er verherrliche den exzessiven Kapitalismus, greift aber viel zu kurz. Denn es braucht diese epische Länge und die expliziten Darstellungen von Belforts Ausschweifungen, um den Prozess zu begreifen, den Belfort und sein Wolfpack um Partner Donnie Azoff (Jonah Hill) durchmachen – nämlich gar keinen. Zum Zuschauen ist es faszinierend, wie man anfangs amüsiert ist ob des Blödsinns, den erwachsene Männer mit viel zu viel Geld ausbrüten und auch umsetzen können. Mit der Zeit wird das Ganze aber ermüdend und schliesslich nur noch abstossend. Den Protagonisten hingegen geht jegliche Selbstreflexion ab. Sie merken nicht, dass sie in ihrer unersättlichen Gier nach immer noch mehr Geld und Macht für ihr Umfeld unerträglich werden. Belfort mag ein Verkaufsgenie sein, doch was das Leben angeht, hat er überhaupt nichts begriffen. So verpasst er auch sämtliche Chancen, auszusteigen, als sowohl Börsenaufsicht als auch FBI seinen alles andere als legalen Methoden auf die Schliche kommen. Das Geld und die Drogen unterdrücken nicht nur jegliche Empathie, sondern auch die Vernunft. Der freie Fall der Rakete Stratton Oakmont und ihrer Spitze Jordan Belfort ist vorprogrammiert. Hochmut kommt vor dem Fall – willkommen an der Wall Street.

Blonde Schönheit: Naomi Lapaglia.

Schönheit: Naomi Lapaglia (Margot Robbie).

Altmeister in Hochform: Martin Scorsese.

Altmeister in Hochform: Martin Scorsese.

Der Bilderreigen, den uns ein Scorsese in Bestform vor die Augen setzt, uns beinahe um die Ohren haut, ist grossartig. Die fünfte Zusammenarbeit mit DiCaprio ist wohl die mutigste – und das Risiko hat sich gelohnt. Der Golden Globe als bester Hauptdarsteller für DiCaprio ist mehr als verdient, denn der lange auf seine Titanic-Rolle reduzierte 39-Jährige ist eine Wucht. Mit unglaublicher Präsenz besetzt er die Leinwand und verkörpert Belforts Arroganz und Dekadenz in Perfektion. Neben dem strahlenden Leitwolf ist aber auch Platz für andere bemerkenswerte Leistungen. Neben dem  verblüffenden Jonah Hill, der bisher nur in Blödelrollen auffiel, ist Margot Robbie die Entdeckung des Films. Die 23-jährige Australierin bringt mit  ihrem Sex-Appeal als blondes Gift nicht nur Belforts Blut in Wallung, sondern empfiehlt sich für eine steile Hollywood-Karriere. Doch trotz der beeindruckenden One-Man-Show DiCaprios, trotz des guten Skripts, starken Casts und bestechenden Regie – Hauptdarsteller in «The Wolf of Wall Street» ist das Geld, prominenteste Abwesende die Moral. Und in diesem Sinne kommt man nach drei sehr kurzweiligen Stunden zu einer alten Weisheit: Geld allein macht nicht glücklich – ausser den Zuschauer.

«The Wolf of Wall Street» läuft ab 16. Januar 2014 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 16. Januar: Nebraska, Glückspilze, Fünf Freunde 3.

Bully verleiht (sich) Flügel

Fabian Kern am Dienstag den 24. Dezember 2013

«Buddy» läuft ab 25.12. im Pathé Küchlin.

«Buddy» läuft ab 25.12. im Capitol und im Küchlin.

Weihnachtszeit, Engelszeit. Pünktlich zum Fest der Feste lässt Michael «Bully» Herbig mal wieder einen Kinofilm vom Stapel. Natürlich wieder eine Komödie, und wieder einmal vereint der bayrische Filmemacher alle Schlüsselfunktionen: Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller. Als Titelfigur verleiht er sich in «Buddy» sogar Flügel. Der Schutzengel soll einem verantwortungslosen Lebemann auf den richtigen Weg helfen und ihn mit der Frau des Lebens verbinden. Ja, diesmal ist Bully richtig romantisch.

Vier Jahre sind seit seinem letzten Streifen «Wickie und die starken Männer» ins Land gezogen. In dieser Zeit hat Herbig sich als Schauspieler unter fremden Regisseuren versucht und nicht an seinem nächsten aufsehenerregenden Wurf gearbeitet. «Buddy» ist zwar solider romantischer Klamauk, dessen Plot aber hat man schon dutzendweise gesehen: Erfolgreicher Mann feiert sich durch sein oberflächliches Dasein und bekommt dabei gar nicht mit, dass er unglücklich ist und seiner Traumfrau schon diverse Male über den Weg gelaufen ist, sie aber nicht gesehen hat. Dafür braucht der Millionenerbe Eddie Weber (Alexander Fehling) erst einen kräftigen Klaps auf den Hinterkopf. Überraschend ist höchstens, dass so ein Film von Bully Herbig stammt.

Eddie wird Buddy nicht mal im Knast los (Bilder: Warner)

Unzertrennlich: Eddie wird seinen Schutzengel Buddy nicht mal im Knast los (Bilder: Warner)

Den einzige kreativen Ansatz bietet die Figur Buddy. Der Rookie-Schutzengel hat eigentlich den Auftrag von ganz oben, Eddie unauffällig auf sein Glück zu lenken. Doch weil er einmal nicht aufpasst, wird er von seinem Schutzbefohlenen gesehen, womit seine Deckung auffliegt. Eddie kann nun Buddy sehen und hören – aber nur er. Und das treibt ihn in den Wahnsinn, denn der Playboy denkt nicht daran, sich von dem komischen Kerl, den er in seinem Wandschrank überrascht hat, einen neuen Lebensstil diktieren zu lassen. Buddy aber nutzt die Tatsache, dass nur Eddie ihn sehen und vor allem hören kann und beschallt ihn nonstop mit Schlagergesang – da drückt der «echte» Bully durch. Auch Selbstmordversuche fruchten nicht, denn Buddy ist schliesslich ein Schutzengel. Eddie bleibt nichts anderes übrig, als sich der vermeintlichen Traumfrau Lisa (Mina Tander) tatsächlich zu stellen.

Eddie wirft sich bei Lisa ins Zeug.

Eddie wirft sich bei Lisa ins Zeug.

Die Beliebigkeit der Geschichte ist für den Film Fluch und Segen zugleich. Herbig verschenkt etwas die überzeugenden Schauspieler und wird Fans von «Schuh des Manitu» und «(T)Raumschiff Surprise» enttäuschen – zumal sein Weggefährte Christian Tramitz gar nicht und Rick Kavanian nur in einer Minirolle auftritt. Gleichzeitig sichert er sich aber das klassische Liebeskomödien-Publikum, das nichts anderes sehen will als eine vorhersehbare Handlung mit dem obligaten Happy End. Somit ist der Kinostart clever gewählt: Zum Jahresende kuschelt sichs im Kino einfach am besten.

«Buddy» läuft ab 25. Dezember 2013 in den Basler Kinos Capitol und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 25. und 26. Dezember: The Physician, Kedi ézledi, Like Father, Like Son.

Stumpfe Machete

Fabian Kern am Donnerstag den 19. Dezember 2013

«Machete Kills» läuft ab 19. Dezember im Capitol und im Küchlin.

«Machete Kills» läuft ab 19.12. im Capitol und im Küchlin.

Ausufernde Gewalt, coole Sprüche, nackte Haut und eine hanebüchene Story – das war «Machete». Zudem hatte Splatter-Spezialist Robert Rodriguez vor drei Jahren die Originalität auf seiner Seite, aus einem fiktiven Trailer in den Grindhouse-Filmen «Death Proof» und «Planet Terror» einen echten Film gemacht zu haben. Von den Attributen des billigen, aber als C-Movie durchaus gelungenen Actioners geblieben sind drei Jahre später bei der Fortsetzung «Machete Kills» nur die ausufernde Gewalt und die hanebüchene Story. Die Originalität ist ebenso auf der Strecke geblieben wie die Bereitschaft der weiblichen Stars, sich auszuziehen. So bleibt als erotisches Highlight die Art, wie Amber Heard das Wort «Machete» ausspricht. Eigentlich ist das sogar alles, was bleibt.

Optisches Highlight: Amber Heard.

Hingucker: Amber Heard. (Bilder: Impuls)

Am wenigsten ein Vorwurf zu machen ist dabei Danny Trejo. Dem 69-jährigen Narbengesicht scheint der Trash in die Wiege gelegt worden zu sein. In 275 Filmen hat der Mexikaner bisher schon mitgewirkt, nicht weniger als 32 weitere Rollen werden bis 2015 folgen. Gefühlte 98 Prozent seiner Streifen wurden direkt in die Videotheken geschickt und verrotten dort auf den billigsten Regalen. Deshalb muss sich niemand wundern, wenn Trejos zweiter Auftritt als menschliche Allzweckwaffe Machete Cortez Schrott ist. Wundern muss man sich einzig darüber, dass er im Kino läuft und gleich viel kostet wie ein Blockbuster. Denn Blockbuster-Format weist einzig der Cast von «Machete Kills» auf: Michelle Rodriguez, Amber Heard, Charlie Sheen aka «Carlos Estevez», Mel Gibson, Cuba Gooding Jr., Jessica Alba, Antonio Banderas und Lady Gaga gemeinsam auf die Leinwand zu bringen, macht Eindruck. Doch das Versprechen auf ein Kinovergnügen bleibt ein leeres.

Machete und die Bösewichte Mendez...

Machete und die Bösewichte Mendez…

... und Luther Voz.

… und Luther Voz.

Diese Stars wechseln sich nahezu beliebig mit dem grosszügigen Einsatz von Kunstblut ab, was mit zunehmender Dauer einschläfernd wirkt. Aus Mangel an neuen Ideen geht dem Machwerk jegliche Originalität ab, sogar der niveaulose Spass hält sich in engen Grenzen. Nicht einmal als gute Parodie geht die Story um einen schizophrenen mexikanischen Kartellboss (Demian Bichir), der Washington dem Erdboden gleichmachen will, dabei aber nur die Marionette eines grössenwahnsinnigen Strippenziehers ist, durch. Da helfen auch die zahlreichen Anleihen bei James Bond und Star Wars nichts, ja nicht einmal Charlie Sheen als politisch unkorrektester US-Präsident aller Zeiten. Wenn man den gleichen Witz immer wieder erzählt, wird er dadurch nicht lustiger. Dem zahlenden Publikum bleibt nur der Eindruck, nicht nur Geld, sondern auch 107 Minuten Lebenszeit verschwendet zu haben – da kann Amber Heard «Machete» hauchen, so oft sie will.

Das einzig Schockierende an «Machete Kills» ist die Tatsache, dass der zweite Film direkt zum dritten Teil überleitet: «Machete Kills Again… in Space». Wer dafür Geld ausgibt – ob als Produzent oder Kinogänger–, ist definitiv selbst Schuld.

«Machete Kills» läuft ab 19. Dezember 2013 in den Basler Kinos Capitol und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 19. Dezamber: Die schwarzen Brüder, Belle et Sebastian, Only Lovers Left Alive, Le passé, Dinosaurier – Im Reich der Giganten 3D.

Und hier zum Abgewöhnen schon mal der Trailer zum dritten Teil «Machete Kills Again… in Space»:

Hoffen und Bangen mit Harry Hole

Fabian Kern am Mittwoch den 4. Dezember 2013

BuchcoverHarry Hole lebt. Wer mit diesem Satz nichts anfangen kann, der sollte gar nicht erst weiterlesen. Alle anderen nämlich sind elektrisiert – falls sie Jo Nesbøs «Koma» nicht schon längst gekauft und verschlungen haben. Zu gross war die Ernüchterung am Ende von «Die Larve», des letzten Bandes der Serie, als Harry von seinem Ziehsohn Oleg niedergeschossen wurde, als dass ein echter Fan jetzt unnötig Zeit verlieren könnte. Und ein echter Fan ist, wer in allen bisherigen neun Büchern mit dem selbstzerstörerischen, aber gutherzigen Suchtmenschen mitgelitten hat.

«Koma» knüpft inhaltlich nahezu nahtlos an seinen Vorgänger an. Die dramatischen Ereignisse rund um den Drogenbaron Rudolf Asajev sind sofort wieder präsent, Harrys Gegenspieler immer noch dieselben. Mikael Bellman ist zum Polizeipräsidenten aufgestiegen, die skrupellose Kultursenatorin Isabelle Skøyen befindet sich weiterhin auf Steigflug in der Osloer Politik. Nur einer kann dem ruchlosen Duo gefährlich werden, weshalb sie ein Attentat auf den unter Bewachung stehenden Mann im Koma planen. Harrys ehemaligen Kollegen sehen sich derweil mit einer schockierenden Mordserie konfrontiert. Ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und bringt Ermittler an den Tatorten ihrer ungelösten Mordfälle um. Das Team um Beate Lønn wünscht sich ihren schwierigen, eigenbrötlerischen aber eben auch genialen früheren Hauptkommissar zurück – im Wissen, dass die Polizeiarbeit auf Harry ebenso fatale Auswirkungen haben kann wie der Alkohol.


Ein Video-Gruss von Jo Nesbø an seine Leser.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer – man traut Nesbø im zehnten Band nicht über den Weg und alles zu. Schliesslich hat er auch in der Vergangenheit vor nichts zurückgeschreckt. Schickt er Harry wieder in die Fänge des Alkohols? Lässt er ihn seine grosse Liebe Rakel endgültig aufgeben, weil Harry Angst hat, ihrer nicht wert zu sein? Wer aus Harrys engsten Umfeld lässt er noch über die Klinge springen? Ist er gar fähig dazu Harry selbst sterben zu lassen? Diese Fragen zehren am Leser, der das Buch deshalb wie getrieben gar nicht mehr beiseite legen kann. Man hofft so sehr, dass Harry endlich die Kurve kriegt und seinem Glück nicht wieder selbst im Weg steht. Doch kann er sich wirklich ändern?


Jo Nesbø spricht 2011 über seinen Krimi-Protagonisten Harry Hole.

Als Weihnachtsgeschenk taugt der Krimi nicht viel, denn Fans werden nicht bis Heiligabend warten wollen, und das Quereinsteigen ist in dieser Serie nicht zu empfehlen. Dabei sei auf Harry Holes ersten Fall, «Der Fledermausmann» verwiesen. Zwar ist jenes Buch das schwächste der ganzen Serie, ist für die ganze Geschichte aber elementar. Das Lesen lohnt sich – auch wenn es Nesbø nicht immer nur gut mit seinem Helden meint. Aber Achtung: Sucht ist nicht nur ein immer wieder kehrendes Thema in den Nesbø-Krimis, sondern sie machen selbst süchtig. Nach dem Buch ist leider schon wieder vor dem Buch. Da macht auch «Koma» keine Ausnahme.

Jo Nesbø: Koma. Kriminalroman. Ullstein Verlag. Berlin, 2013. 608 Seiten, Fr. 36.90.

«Wir warten, bis Lady Gaga was Falsches sagt!»

Joel Gernet am Freitag den 29. November 2013

Es ist frei! The bianca Story verschenken ab sofort ihr neues Album «Digger». Im Interview redet Bandleader Elia Rediger kurz vor der heutigen Plattentaufe in Basel über die neue CD, den Ideenklau eines internationalen Popstars – und über Maulwurfpfauen.

Premiere: Das brandneue Video von The bianca Story.

 

Es ist die Frucht knallharter Knochanarbeit: Heute Freitag veröffentlicht – und tauft – die Basler Artpop-Band The bianca Story ihr drittes Album «Digger». Um ihre Musik zu «befreien» hat sich das Quintett 90’000 Meter durch den Fels der Musikindustrie gepickelt und dabei via Crowdfunding stolze 90’000 Euro zusammengeschaufelt (wir berichteten). Seit heute ist das neue Album der Biancas also frei. Genauer: zur freien Verfügung für alle – erhältlich als Gratis-Download auf der Homepage der Band.

Und am Freitagabend, 29. November, wird «Digger» im Rossstall der Kaserne Basel getauft. Wir haben Frontmann Elia Rediger kurz vor der Rückkehr ans Rheinknie im Tourbus erreicht und mit ihm via Mail ein kleines aber feines Interview geführt.

Ab sofort im Umlauf: «Digger» von The bianca Story.

Ab sofort im Umlauf: «Digger» von The bianca Story.

Elia Rediger, was machst du gerade?
Ich sitze in dem schaukelnden Tourbus, auf dem Weg von Wiesbaden nach Basel! Mein Sitznachbar schläft (Anmerkung aus dem Off: unser neuer Gitarrist Jonas Wolf) und erholt sich von den Solos!

Wie ist die Tournee angelaufen? Gibts erste Höhe- oder Tiefpunkte zu vermelden?
Köln und Wiesbaden gestern waren ein wilder Auftakt mit vielen bekannten Gesichtern im Publikum! Das freut uns immer riesig! Und die neuen Songs von der Platte rutschen schon ziemlich gut Live…wohl auch, weil sie auf Tour geschrieben wurden. Ein Tiefpunkt war die Polizeikontrolle gestern in Köln, wir waren im Bus nicht alle angeschnallt. Aber Anna war dann ziemlich scharmant und schenkte ihnen eine CD…

Warum habt ihr Erfolg in Deutschland?
Weil wir mittlerweile ein sehr tolles und treues Publikum haben und sehr gerne live spielen.

Eure selbstbewusste Attitüde, der Wille zum Erfolg und die kompromisslose Art, alles auf die Karte Musik zu setzen ist ziemlich unschweizerisch, oder?
Wirklich? Ich fühl mich ziemlich schweizerisch…jodle auch gerne mal ab und zu. Aber die Band hält mich da zurück. Nun, das mit der Karte Musik hat sich ja auch erst entwickelt! Das passiert nicht über Nacht. Da wächst man rein!

Warum dieses Himmelfahrskommando?
Falsche Kompromisse sind wie lauwarmer Kaffee auf einer Autobahnraststätte.

Welcher Song auf dem neuen Album macht Dich besonders stolz?
Eine äusserst internationale Frage! Stolz scheint mir ja das Gegenteil von schweizerisch, um dir nochmals den Schweizer unter die Nase zu reiben! Meine Favoriten sind die Schweizer Songs wie «Glück Macht Einsam» und «You Sir».

Was war der schwierigste Moment während der Album-Produktion?
Ich glaube wir standen ziemlich unter Druck. Weil wir wenig Zeit hatten, war der Plan ziemlich streng geplant. Wahrscheinlich war das aber schlussendlich sogar hilfreich für die Songs!

Welches Tier wäre euer aktuelles Album, wenn ihr es im Zolli präsentieren müsstet?
Ein Maulwurfpfau! Gut im Graben, und versehen mit einem Glanz.

Du warst in Basel quasi ein Vorreiter des Bart-Hypes. Wäre es nicht an der Zeit, dass Du ihn nun als einer der Ersten wieder abwirfst?
Und mit den Haaren ein Kissen stopfen? Why not! Jetzt auf die kalten Wintertage… Aber mal ehrlich, mein Kopfschmuck geht ja doch hauptsächlich mich was an. Und ja, der Bart ist nicht angeklebt.

Das Konzept von Lady Gagas neuem Album «Artpop» hat sie ja eigentlich bei euch abgekupfert. Zieht ihr eine Klage in Betracht?
Ja, wir haben unsere Anwälte schon auf pickett! Wir warten nur noch, bis sie was Falsches sagt! Aber sie verhält sich ziemlich schlau!

Ihr habt schon in den legendären Londoner Abbye-Road-Studios aufgenommen, spielt in Deutschland in ausverkauften Häusern und werdet mit Tim Renner von einer der schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Musikbusiness gemanagt. Was würde euch wirklich noch aus den Socken hauen? Der ultimative Traum?
Der ultimative Traum? Ich würde gerne mit David Byrne mit einem Ghetto Blaster auf der Schulter durch den Jardin du Luxembourg spazieren… Ja, ich weiss unsere Chronik liest sich ziemlich süffig, aber ich glaube, wir stehen noch am Anfang von einem langen gemeinsamen Weg! Ich glaube, wir haben noch viele tolle Sachen vor uns! Zum Beispiel freue ich mich auf den Auftritt an der Deutsche Oper in Berlin mit der Platte «Digger» im nächsten Frühling.

Album: The bianca Story, Digger (Motor, 2013). Free Download.
Live: Fr. 29. November 2013, Rossstall, Kaserne Basel. Weitere Tourdaten.

Strassenrap mal anders

Joel Gernet am Donnerstag den 28. November 2013

Er rappt gerne über Rap, verwendet HipHop-Puristen-Wörter wie «real» und seine Beats klingen, als hätte er sie den US-Raplegenden von A Tribe Called Quest geklaut. Oder von den Roots. Klingt altbacken? Ist es aber nicht! Denn Kuzco gehört zum Frischesten, was Basler Rap momentan zu bieten hat. Sein erstes Album (download hier) enthält ein dutzend Songs, deren Qualität für ein Gratis-Release unverschämt gut ist.

Relaxte Beats, getränkt von Jazz Samples treffen auf einen Flow, der so locker und unverkrampft daherkommt wie Snoop Dogg bei einem Amsterdam-Aufenthalt. Komplettiert wird das Gesamtbild von astreiner Reimtechnik und der authentischen Attitüde eines jungen Mannes, der sich je nach Laune als selbstironischer Angeber, lockerer Frauenheld oder leidender Zweifler inszeniert.

Milchstroossetournee: Kuzcos Debut enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch.

Milchstroossetournee: Das Album hat trotz den drei Beat-Produzenten (Audio Dope, Kuzco, Zois) musikalisch einen roten Faden.

Man könnte das Debut des 22-Jährigen auch mit «Die Freuden und Leiden des jungen Kuzco» betiteln. Stattdessen hat der Basler sein Baby, das am Sonntag das Licht der Welt erblickt hat, auf den Namen «Milchstroossetournee» getauft. Der Titel hat nichts mit kosmischen Kräften oder Erich von Däniken zu tun, er umschreibt viel eher die Dimension von Kuzcos musikalischen Ambitionen. Die Welt ist nicht genug, deshalb macht sich der kleine Prinz des Basler Rap auf, die ganze Milchstrasse zu erobern. Streetrap mal anders – Milchstrassenrap sozusagen.

Inhaltlich umfasst Kuzcos Kosmos die Freuden und Sorgen, die man Anfang 20 halt so hat: Die Jugend neigt sich dem Ende zu, der Ernst des Lebens hat noch nicht begonnen. Orientierungslosigkeit, Feiern, Festen, Liebeskummer – und natürlich eine Flut von Rap-Punchlines und Metaphern wie auf dem Song «Long Live Kuzco Pt. II»…

«Mi Kopf isch wie e Musik-Enzyklopädie.
Und ich scheiss uf jede Trend denn jede Trend isch mol verbyy.
HipHop und ych isch wie Romeo und Julia.
Ich mein, lueg mi aa: In dr Schwizer Szene bin ych e Unikat.»

Dass Kuzco sein erstes Album verschenkt, ergibt Sinn. Geht es ihm momentan doch vor allem darum, so viele Hörer wie möglich zu finden – und möglichst viele Konzerte zu spielen. Das Rapgame ist – wie alle Unterhaltungssparten – ein Kampf um Aufmerksamkeit und mit seinem Debut hat Kuzco gute Karten, tatsächlich auch wahrgenommen zu werden. Das zeigt sich auch in ersten Reaktionen wie jener vom Berner Tommy Vercetti, einer der Schweizer Rapper der Stunde (Stichwort «Glanton Gang»), der «Milchstroossetournee» auf Facebook anpreist. Dass Kuzco ausserhalb von Basel auf Wohlwollen stösst, ist ein gutes Zeichen. Viel zu vielen Basler Rapper gelingt es nämlich kaum, über die Region hinaus Gehör zu finden.

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Anbiedern will sich der Musikstudent aber nicht. Kuzco möchte weder sich noch seinen Sound verbiegen für Hits und Clicks, das betont er immer wieder. Und das wird auch dem Namen seines Basler Musikkollektivs ersichtlich – «Anti Radio» ist die Devise. Ein Mittelfinger an den Mainstream. Aber Zeiten und Geschmäcker ändern sich und im Rap scheinen sich in Anbetracht der grassierenden Kommerzialisierung in Richtung Kaugummipop à la Nicki Minaj viele Hörer wieder auf die organisch-jazzigen Anfänge des Genres zu besinnen. Womit wir wieder bei Kuzco wären. Wenn er so weitermacht, könnte er mit seiner sympathischen Art nämlich genau dort landen: Im Mainstream und in den Radios. Ohne sich zu verbiegen notabene. Man würde es ihm und den Hörern wünschen.

Bevor es soweit ist, wird aber die «Milchstroossetournee» in Angriff genommen: Diesen Samstag, 30. November, gibt es im Kleinbasler SUD vor dem Beatnuts-Konzert eine kurze Kostprobe. Und am 7. Dezember eröffnet Kuzco das Konzert des Solothurner Rappers Manillio in der Kaserne Basel – zum ersten Mal mit Live-Band im Rücken. Daneben ist Kuzco zudem als Keyboarder mit Ira May – die zu recht hochgelobte «Amy Winehouse aus Sissach» – oder dem Basler Reggae-Sänger Tom Swift unterwegs. Auf Tournee ist der 22-Jährige also so oder so. Jetzt muss er nur noch die Milchstrasse erobern. Das Buffet ist jedenfalls angerichtet, wie den letzten Zeilen von Kuzcos Album zu entnehmen ist: «Das isch erst dr Warm-Up, das isch mi Apéro. Uf mir ligge grossi Hoffnige, han ych mir sage loh».

Der Korrektheit halber sei hier erwähnt, dass der Blog-Autor an einem Album-Song mitgewirkt hat.

– Kuzco, Milchstroossetournee (Anti Audio 2013). Free Download.
– Live: Sa. 30. November, Opening für die Beatnuts (USA), u.a. mit Kalmoo (BS) und Panadox (SO); Afterparty: DJ Philister (TNN, BS), D.Double (2LC, BL), DJ Tray (BS), Giddla (TNN, BS); SUD Basel.
– Live: Samstag, 7. Dezember, Kaserne Basel. Opening für Manillio.