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Freie Sicht auf die Stars

Fabian Kern am Mittwoch den 18. September 2013

«Paranoia» läuft ab 19.9. im Rex.

«Paranoia» läuft ab 19. September im Capitol, im Küchlin und im Rex.

Erinnert sich jemand an den roten Knopf? Den roten Knopf am Ende von «Flucht aus L.A.» mit Kurt Russell als «Snake» Plissken? Das B-Movie mit hohem Trash-Faktor ist eigentlich nicht der Erinnerung wert, die Schluss-Pointe allerdings hat durchaus seinen Reiz: Mit dem Drücken des besagten Knopfs wird die Menschheit in die Steinzeit zurückgeworfen – kein Internet, kein Strom mehr. Nur Dunkelheit. Eine Light-Version dieses Knopfs, nämlich jenen zur Zerstörung des allgegenwärtigen Mobilfunknetzes, wünscht sich wohl auch Liam Hemsworth alias Adam Cassidy in «Paranoia». Zumindest in der Mitte des Thrillers um den skrupellosen Machtkampf in der Hightech-Branche, als er dem engmaschigen Überwachungsnetz seiner mächtigen Feinde nicht entschlüpfen kann.

Adam (l.) wird auf seine Rolle vorbereitet. (Bilder: Rialto)

Adam (l.) wird auf seine Rolle vorbereitet. (Rialto)

Zu Beginn hat der findige Telekom-Entwickler nur eines im Kopf: den sozialen Aufstieg, den Sprung vom verhassten Brooklyn über den East River in die Upper Class nach Manhatten. Das grosse Geld lockt nach einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen. Als Schlüssel zum Tresor soll Nicolas Wyatt (Gary Oldman) beziehungsweise dessen Firma Wyatt Corporation dienen. Cassidy fällt mit der Präsentation eines neuen Tools zwar gnadenlos durch und verliert seinen ohnehin schlecht bezahlten Job. Doch er erhält von Wyatt eine zweite Chance. Nicht aus reiner Menschenliebe, sondern aus eiskalter Berechnung. Denn der Unternehmer hat Cassidy in der Hand. Nach einer durchzechten Nacht auf Kosten der Firma hat das Nachwuchstalent die Wahl zwischen Gefängnis und Industriespionage, mit deren fürstlicher Entlöhnung er nicht nur seinen kranken Vater durchfüttern, sondern sich auch in der Cüpli-Gesellschaft bewegen könnte. Eine einfache Wahl.

Emma hat Adams Herz erobert.

Emma hat Adams Herz erobert.

So weit, so schlecht für unseren Helden. Das nächste Problem folgt aber auf dem Fuss. Die Firma, bei der Cassidy als Maulwurf agieren soll, heisst Eikon und gehört Wyatts früherem Partner und jetzigem Erzfeind Jock Goddard (Harrison Ford). Das an sich wäre noch kein Problem. Dass die unbekannte Schöne, in die sich Cassidy gerade eben Hals über Kopf verliebt hat, Emma Jennings (Amber Heard) heisst und Goddards Tochter ist, allerdings schon. Cassidy hat je länger je mehr mit seinem Gewissen zu kämpfen, muss aber feststellen, dass ein Aussteigen nicht akzeptiert ist. Zwischen den Fronten von Wyatt, Goddard und dem FBI muss er um Leben und Freiheit kämpfen.

Erzfeinde: Jock Goddard und Nicolas Wyatt.

Erzfeinde: Jock Goddard und Nicolas Wyatt.

«Paranoia» bietet nichts Neues. Leitthemen sind zwei altbekannte: erstens die Kritik an der Big-Brother-Gesellschaft und zweitens der Preis für den Verkauf der eigenen Prinzipien. Da ist die Auflösung absehbar. Den roten Knopf findet Cassidy übrigens nicht. Dafür – oh Wunder – seine eigenen Werte wieder. Umso besser fürs Publikum. Wenn einen die Story nicht zu sehr fordert, kann man sich besser auf das wirklich Reizvolle des Films konzentrieren: das Personal. Männer ergötzen sich an Amber Heard, Frauen an Liam Hemsworth, Cineasten am Abnützungskampf der beiden älteren Semester Gary Oldman und Harrison Ford. Ist doch auch etwas.

«Paranoia» läuft ab 19. September 2013 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 19. September: Jobs, Riddick, L’inconnu du lac, Ernest & Clementine.

Gestatten: Maxim Charkow, Mordkommission Zürich

Fabian Kern am Montag den 16. September 2013

BuchcoverEine Kirche in der Adventszeit – das klingt besinnlich. Eine nackte Leiche in der Zürcher Liebfrauenkirche während der Adventszeit ist aber ganz und gar nicht besinnlich, sondern vielmehr entsetzlich. Das ist schlecht für das Opfer, aber gut für den Schweizer Krimileser, denn er lernt einen nicht ganz neuen Ermittler nochmals neu kennen: Vorhang auf für Maxim Charkow, einen im Bünderland aufgewachsenen Halbrussen. Den Chefermittler der Mordkommission Zürich hat Autor Marcus Richmann zwar bereits 2009 eingeführt, «Die Augen der Toten» ist dem breiten Schweizer Krimipublikum aber nicht aufgefallen. Charkow trifft der neuste Fall zum denkbar unglücklichsten Zeitpunkt, denn er hat mit seinem Privatleben schon genug Sorgen. Seine hoffnungsvolle Beziehung steht auf wackligen Beinen, nachdem seine Freundin schon nach wenigen Monaten auf einer Paartherapie besteht.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Tatort Mord: Die Liebfrauenkirche in Zürich.

Damit ist der Ton in «Engelschatten» schon gegeben. Es menschelt sehr in Marcus Richmanns Krimi, was einen sofort in die Geschichte hineinzieht. Charkows junge Assistenten sind nicht im Reinen miteinander, und in Charkows Beziehungskiste mischt sich dessen beste Freundin, die Pathologin Francine ein. Da ist der Tote in der Kirche schon fast zweitrangig. Aber auch da finden sich spannende Ansätze, denn der Ermordete ist Russe und eine grosse Nummer im Rotlicht-Milieu. Ist die Tat also religiös motiviert? Oder steckt jemand aus der katholischen Kirche mit drin? Charkows russische Wurzeln bringen ihn zunächst schnell voran. Als aber während der Ermittlungen noch weitere Menschen ums Leben kommen, führen die Spuren schon bald in Richtung einer in der Schweiz nicht ganz unbekannten Sekte…

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Hat selbst Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Gern wäre man während der ganzen 376 Seiten so nahe an den Schicksalen der Protagonisten geblieben, wie zu Beginn. Der Rache-Krimi gewinnt aber zusehends an Fahrt und einen realen Bezug hinzu. Mit dem Link zu den Sonnentemplern, die durch einen Massenselbstmord im Jahr 1994 im Kanton Freiburg eine dunkle Marke in der Schweizer Geschichte setzten, vermischt Richmann geschickt Realität und Fiktion. Auch wenn das Ende etwas abrupt und konventionell ausfällt, macht «Engelschatten» Lust auf mehr. Mehr von der persönlichen Lebensgeschichte des interessanten Ermittlers Maxim Charkow. Für all jene, die «Die Augen der Toten» noch nicht gelesen haben, die Gelegenheit, das nachzuholen. Für alle anderen heisst es: Warten.

Marcus Richmann: Engelschatten. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag. Messkirch, 2013. 376 Seiten, Fr. 17.90.

Wer sich für Maxim Charkows ersten Fall interessiert, hier eine Lesung aus «Die Augen der Toten» von Marcus Richmann:

Strassenkunst im Konsumtempel

Joel Gernet am Freitag den 13. September 2013

Von Brasiliens Favelas ins Basler Stücki Shopping: Die Streetart-Werke von Zezão passen nicht in den Kleinhüninger Konsumtempel, könnte man meinen. Doch der Spagat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Gosse und Galerie, passt zum Graffiti-Pionier aus São Paolo.

Vor wenigen Wochen musste Zezão auf Samtpfoten durch die unterirdischen Abwasserkanäle von Kassel schleichen, um beim Malen nicht die Aufmerksamkeit von Passanten und Polizei auf sich zu ziehen. In Basel geht der brasilianische Streetart-Künstler weniger diskret zu Werk: Im Brasilea-Atelier wird lautstark gebohrt und gehämmert. Es gilt, die letzten Werke für seine Solo-Ausstellung zusammenzubasteln und, natürlich, anzumalen.

Zezao_Creenshot7Während der 43-Jährige in den Favelas seiner Heimatstadt São Paolo vom Bettgestell über Autowracks bis hin zu abgefuckten Mauern fast alles lackiert, was ihm vor die Dose kommt, schustert er sich im Kleinhüninger Rheinhafen seine Unterlage selber zusammen.

Die Holz- und Metallabfälle stammen von der Schrottfirma vis-à-vis. Und weil die Recycling-Leinwand nach dem Zusammenschrauben noch zu unspektakulär aussieht, wird sie mit einer Hitzepistole behandelt, bis sie so schwarz ist wie die Vergangenheit des brasilianischen Streetart-Stars.

Aufgewachsen am Rand von São Paolos Favelas unter prekären familiären Verhältnissen und ohne abgeschlossene Ausbildung, zog sich der junge Zezão in den urbanen Untergrund zurück, um über das Malen zu sich zu finden. «Er ist im wahrsten Sinn abgetaucht», sagt Daniel Faust, Brasilea-Direktor und Kurator der Ausstellung. «Das Malen war sein Yoga.» Von Abwasserkanälen und Brückenpfeilern gings Stück für Stück zurück ins Tageslicht und – nach zwanzig Schaffensjahren – ins Rampenlicht. «In Brasilien ist Zezão ein Superstar», findet Faust.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Zezão vor dem Brasilea-Gebäude im Rheinhafen.

Das Kennzeichen des brasilianischen Graffiti-Pioniers: die blaue Krakelschrift, abgeleitet aus dem Wort vício – Sucht. «Ich benutze dieses Himmelblau, weil es im Dunkeln so schön leuchtet», sagt Zezão. São Paolo sei eine hässliche Stadt, deren System er als junger Sprayer zerstören wollte. «Aber irgendwann realisierte ich: Ich mache meine Bilder, um sie zu verschönern.»

Inzwischen sind seine blauen Hinterlassenschaften in aller Welt zu sehen – in Galerien oder unter Brücken. So auch am Wiesenufer in Kleinhüningen, wo Zezão bei seinem Brasilea-Debut 2010 ein Wasserzeichen setzte. Dass das Bild immer noch steht, verwundert ihn genauso wie der Hinweis, dass es wenige hundert Meter rheinaufwärts ein Favela-Dorf gibt. «Really?!», sagt er irritiert und lässt sich die verrückte Geschichte der Kunst-Baracken erklären.

Wie Tadashi Kawamata mit seinem Favela Café an der Art Basel pendelt auch Zezão zwischen Selbstverwirklichung, Sozialkritik, Kunst und Kommerz. Der Brasilianer unterscheidet zwischen «Graffiti» und «Fine Art», die bei ihm letztlich zwei Seiten der selben Medaille markieren. Einerseits sagt der Sprayer, der auch mit 43 Jahren noch gerne in Abwasserkanälen und Abrissruinen unterwegs ist: «Ich will meine Kunst mit den armen Leuten teilen». Andererseits versucht er mit seinem einzigartigen Talent ein angenehmes Leben zu bestreiten. «Ich versuche meine Energie vom Graffiti-Kontext in diese Umgebung zu transformieren», erklärt Zezão während er sich im Brasilea-Atelier umblickt.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

Über den Favelas: Ein Zezão in São Paolo.

«Wegen meiner rauhen Strassenkunst meinen viele, ich sei ein harter Typ – dabei bin ich sehr emotional», sagt er und lacht. Die Worte sprudeln aus seinem Mund wie die Bilder aus seinem Handgelenk. «Dein Leben ist ein Kunstwerk, du kannst selber entscheiden, was du damit machst.» Seine Kollegen in Brasilien meinen immer noch, er relaxe in Europa, schildert Zezão. «Aber bin kein Tourist, sondern muss arbeiten!» Vor Ausstellungen wie der Solo-Show in Basel heisst das: 18 Stunden pro Tag planen, basteln und malen. «Ich bin müde – und gleichzeitig glücklich.»

Basel ist nur eine Station auf Zezãos zweimonatiger Europa-Tour. Er kommt von einer Gruppenausstellung in der namhaften Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Und vom Rheinknie aus geht es demnächst ein paar Kilometer den Bach runter nach Köln ans Urban Art Festival CityLeaks, wo er mit Szene-Grössen wie Aryz, Cope2 oder Satone Häuser bis unters Dach bemalen wird.

Zuerst wird aber in der Brasilea-Galerie im Stücki Shopping eine der wenigen Solo-Ausstellungen von Zezão zelebriert. Der unkonventionelle Ort kam vor etwa einem Jahr ins Spiel, als Center Manager Jan Tanner auf Brasilea-Direktor Daniel Faust zukam und ihm eine leere Ladenfläche zu sehr guten Konditionen anbot. Ab Samstag wird deshalb im Stücki Zezãos Leben der Kontraste gezeigt: Zwischen dem Müll der Favelas und dem Glanz der Stadtzentren, ein Tanz zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Licht und Schatten, Oberfläche und Untergrund. Dies übrigens an einem Ort, an dem einst die alte Stückfärberei stand. Eine Farbfabrik, die nach ihrer Stilllegung in den 80er-Jahren zu einem pulsierenden Treffpunkt der noch jungen Basler HipHop-Szene wurde. Natürlich blieben die Wände damals nicht lange grau. Mit Blick auf Zezãos Solo-Show könnte man also auch sagen: Graffiti is coming home.

Zezão – Soloshow. 14. September bis 30. November 2013. Brasilea Galerie, 1. OG Stücki Shopping Basel, Hochbergerstrasse 70. Offen Samstag von 11 Uhr bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung. Vernissage: Sa. 14. September ab 12 Uhr. Hier der PDF-Katalog zur Ausstellung als Free-Download.

Zeitgleich findet in der Stiftung Brasilea an der Westquaistrasse 39 im Rheinhafen bis am 7. November eine 10-Jahr-Retrospektive der vergangenen 42 Ausstellungen statt.

Zurücklehnen mit Bruce Willis & Co.

Fabian Kern am Mittwoch den 11. September 2013

«RED 2» läuft ab12. September im Pathé Küchlin.

«RED 2» läuft ab 12.9. im Pathé Küchlin.

Bruce Willis mag nicht mehr töten. Er will lieber heimwerken. Was gut auch auf die Karriere des Schauspielers passen könnte, ist in diesem Fall ganz Fiktion. Während sich Willis im wahren Leben seine Rollen aussuchen kann, ist ihm das als Frank Moses in «RED 2» nicht vergönnt. Sein alter paranoider Partner Marvin Gobbs (John Malkovich) und seine nach Abenteuer lechzende junge Freundin Sarah  (Mary-Louise Parker) sorgen gemeinsam mit einer Handvoll Feinden des Ex-CIA-Agenten dafür, dass Frank das Rentnerleben hinausschieben und sich wieder mit der Rettung der Welt beschäftigen muss. Denn diese schwebt in akuter Gefahr, weil eine Superbombe namens «Nightshade» das Gleichgewicht der Welt bedroht. Iranis, Russen, Briten und Amerikaner jagen der vom genialen englischen Wissenschaftler Edward Bailey (Anthony Hopkins) entwickelten Waffe nach, um den Dritten Weltkrieg wahlweise auszulösen oder zu verhindern.

Reizvoll: Katja (Catherine Zeta-Jones). (Bilder: Ascot-Elite)

Reizvoll: Russin Katja (Catherine Zeta-Jones). (Bilder: Ascot-Elite)

Abgebrüht: Victoria (Helen Mirren).

Abgebrüht: Britin Victoria (Helen Mirren).

Wie jede Fortsetzung bietet auch «RED 2» mehr als der Vorgänger aus dem Jahr 2010: mehr Schauplätze – die Handlung jagt von den USA über Hong Kong, Paris und London bis nach Moskau –, mehr Handlungsstränge und neue Gesichter. Mit Catherine Zeta-Jones als russisches Agentenbiest, dessen Reizen Frank nichts entgegenzusetzen hat, Routinier Hopkins als weltfremder Waffenentwickler und dem koreanischen Martial-Arts-Spezialist Byung Hun Lee als Auftragskiller kommen mehr Figuren ins Spiel. Dass die vielen neuen Zutaten die Erfolgssuppe nicht versalzen, dafür sorgt die Stammbesetzung. Herausragend ist einmal mehr Helen Mirren als Victoria. Die wandelbare Britin agiert mit einer Souveränität und Leidenschaft, als hätte sie in ihrer langen Karriere ausschliesslich Actionfilme gedreht. Sie beweist, dass man auch mit 63 Jahren für Sex-Appeal noch nicht zu alt ist und ist sich nicht zu schade, ganz nebenbei ihre Rolle als «Queen» zu parodieren.

Ratlos: Frank, Han und Marvin haben die Superbombe Nightshade gefunden.

Das Setting ist nicht gerade bahnbrechend neu. Man fühlt sich vielmehr zurückversetzt in die James-Bond-Filme aus der Zeit des Kalten Kriegs – mit dem Unterschied, dass nun die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht mehr so klar gezogen werden können. Keine Frage diesbezüglich stellt man bei der altbekannten Seniorentruppe. Frank, Marvin und Victoria sind nach wie vor um den Weltfrieden besorgt, wenn auch mit unzimperlichen Methoden. Das Titel-Trio – RED steht für «retired, extremely dangerous», den Pensionsstatus von Spitzen-Agenten – harmoniert wieder glänzend. Den drei Altmeistern beim schwarzhumorigen Spiel zuzuschauen macht Spass und lohnt allein den Gang ins Kino. Es ist wie auf Besuch bei guten Bekannten: Man fühlt sich einfach wohl.

«RED 2» läuft ab 12. September 2013 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 12. September: What Maisie Knew, The Congress, What Moves You, Hier und jetzt, La cage dorée, Gloria, Da geht noch was, Portugal, mon amour, Annelie, Die Alpen – unsere Berge von oben.

Oops, Emmerich did it again!

Fabian Kern am Mittwoch den 4. September 2013

«White House Down» läuft ab dem 5.9. im Capitol, Eldorado und im Küchlin.

«White House Down» läuft ab dem 5.9. im Capitol, im Eldorado und im Küchlin.

Warum gehe ich ins Kino? Um mich zu unterhalten. Klar, Zerstreuung, schlechtes Wetter oder das Prickeln, wenn es dunkel wird im Saal können ebenfalls Motive sein. Aber der Antrieb ist es, gut unterhalten zu werden – und zwar nach meinen Erwartungen. Gehe ich in eine Komödie, will ich lachen können, in einem Drama soll es ernst sein und ein Actionfilm muss krachen. Am angenehmsten ist es, wenn man kritisch eingestellt ist und dann positiv überrascht wird. So geschehen bei «White House Down». Verantwortlich dafür ist in erster Linie Antoine Fuqua. Der Regisseur ist zwar an diesem Film komplett unbeteiligt, hat aber mit seinem enttäuschenden, weil grimmigen und vor Patriotismus triefenden «Olympus Has Fallen» vor knapp drei Monaten die Erwartungshaltung ziemlich gedrückt. Denn wer hätte schon erwartet, dass Roland Emmerich, Regisseur von «Independance Day», bei einem Actionfilm, in dem das Weisse Haus angegriffen wird, weniger pathetisch ist als der hoch gelobte Macher von «Training Day»?

Master of Disaster: Roland Emmerich. (Bild: Keystone)

Master of Disaster: Roland Emmerich. (Bild: Keystone)

Den Übernamen «Master of Disaster» hat sich Emmerich redlich verdient. Nach dem Blockbuster-Erfolg von «Independance Day» spezialisierte sich der Schwabe auf die schamlose Zerstörung amerikanischer Grossstädte, glitt aber mit «Godzilla», «The Day After Tomorrow» und zuletzt «2012» zunehmend ins Lächerliche ab. Vielleicht hat er sich deshalb dazu entschlossen, wieder einmal das US-Heiligtum schlechthin zu demolieren: das Weisse Haus. Und das tut keiner so lustvoll wie Emmerich. Explosive Action, ein starkes Helden-Duo, ein glaubwürdiger Bösewicht und gut getimte coole Sprüche – «White House Down» bietet alles, was Popcorn-Kino ausmacht. Doch nicht nur im Ergebnis unterscheidet sich der Deutsche vom auf den ersten Blick so ähnlichen «Olympus Has Fallen». Fuquas Präsident war weiss (Aaron Eckhart) Emmerichs ist – politisch korrekt – schwarz (Jamie Foxx), die jeweiligen Backups entsprechend umgekehrt. Und der Held ist – im Gegensatz zum Schotten Gerard Butler in «Olympus Has Fallen» – mit Channing Tatum ein Amerikaner. So viel Patriotismus muss es dann schon sein.

Präsident Sawyer und Cale

Starkes Duo: John Cale (rechts) und Präsident James Sawyer. (Bild: Sony Pictures)

Mit diesem Helden erweist Emmerich dem Kult-Streifen «Die Hard» seine Referenz. Der vom Secret Service abgelehnte John Cale (Tatum) ist wie Bruce Willis in seiner Kultrolle als John McClane ein einfacher Polizist und nachlässiger Vater, der durch Zufall in ein Terroristen-Szenario gerät. Eben noch auf einer Sightseeing-Tour im Weissen Haus findet sich Cale schon bald im weissen Unterhemd – dem McClane-Markenzeichen – an der Seite des Präsidenten und schiesst auf alles, was sich bewegt. Und das mit einer ziemlichen Wut im Bauch, denn seine elfjährige Tochter ist in der Gewalt der ruchlosen Verbrecher, die dem liberalen Staatsoberhaupt ans Leder und einmal mehr einen Atomkrieg auslösen wollen. Doch was der rechtsradikale Sturmtrupp, vom verbitterten Secret-Service-Chef (souverän: James Woods) angeheuert, eigentlich im Schilde führt, ist zweitrangig. Die Übeltäter sind böse, und die Bösen müssen weg. Der Reihe nach und auf möglichst spektakuläre Weise. Das weiss Emmerich und treibt die Handlung entsprechend befriedigend voran. Gespickt mit viel passendem Humor – der Präsident gewöhnt sich das Rauchen ab und trägt AirJordans – und Twists, die nicht unvorhersehbar sind, aber der Story zusätzlich Drive geben.

Das Weisse Haus versinkt einmal mehr im Schutt.

Das Weisse Haus versinkt einmal mehr im Schutt. (Bild: Sony Pictures)

In einer Zeit, in der Actionfilme immer auch intelligent und vielschichtig sein sollen, ist ein Streifen wie «White House Down» erfrischend unverkrampft und erinnert an die grossen Sommer-Blockbuster der Neunziger Jahre. Die Protagonisten nehmen sich nicht allzu ernst, dafür gegenseitig auf die Schippe. Das Duo Tatum/Foxx funktioniert wie ein altes Ehepaar und macht richtig Laune. Kurzum: Mehr erwarte ich nicht von einem Actionfilm. Aber wissen Sie was? Am besten, Sie vergessen das Gelesene gleich wieder. Es gibt schliesslich nichts Schöneres, als sich im Kino positiv überraschen zu lassen.

«White House Down» läuft ab 5. September 2013 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Eldorado und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 5. September: Lovely Louise, Vijay and I, La cage dorée, An Episode in the Life of an Iron Picker.

Die unglaubliche Reise in einem verrückten Camper

Fabian Kern am Mittwoch den 28. August 2013

Filmplakat

«We’re the Millers» läuft ab 29. August im Capitol, Rex und Pathé Küchlin.

Eigentlich gibt es keinen Grund, warum der Kinofilm «We’re the Millers» lustig sein sollte. Zwar wird der Plot mit Jason Sudeikis von einem echten Komödianten (Saturday Night Live) getragen, aber schon beim Namen Jennifer Aniston zweifelt man, ob das nicht wieder eine dieser 0815-Komödien ist, mit denen sich zwar langweilige Abende totschlagen lassen, die einem aber nicht mehr als ein müdes Lächeln abringen. Dazu dieser Plot: Ein Gras-Dealer Ende dreissig, der nicht erwachsen werden will, muss Marihuana aus Mexiko in die USA schmuggeln, um bei seinem Boss die Schulden zu begleichen. Schnarch. Dazu seine zündende Idee: Er stellt sich aus drei Losern in seiner Nachbarschaft eine Bünzli-Familie par excellence zusammen, um das Dope in formvollendeter auffällig-unauffälliger Tarnung in einem Riesencamper über den Zoll zu bringen. Bitte.

Familienausflug nach Mexiko: die Millers. (Bilder: Warner Bros.)

Heiterer Familienausflug nach Mexiko: die Millers. (Bilder: Warner Bros.)

Doch damit nicht genug. Die hirnrissige Geschichte, dass eine Ansammlung von Verlierern einem mexikanischen Drogenkartell zwei Tonnen Gras klauen kann, lassen wir mal aussen vor. Denn schon der Humor – in einer Komödie nicht ganz unerheblich – ist diskutabel. Gags gibt es zuhauf, oft zielen diese aber unter die Gürtellinie. Sexual- und Fäkalhumor sind spätestens seit den Machwerken der Farrelly-Brüder («Dumb & Dumber», «There’s Something About Mary») out. Zu allem Übel zielt die Story offensichtlich nur auf eines ab: die Läuterung des chronischen Junggesellen und Kindskopfs David (Sudeikis). Ob er wohl mit der ungeliebten Nachbarin und Stripperin im Ruhestand Rose (Aniston) schliesslich zusammenkommt? Na? Wie oft haben wir das schon gesehen? Ausserdem hat der nervige «Sohn» Kenny (Will Poulter) akutes Nerd-Potenzial und die gemeinsame Nacht mit einer echten Camping-Familie das Zeug zum Fremdschämen.

David und der mexikanische Goliath.

David und der mexikanische Goliath.

Also: Es gibt keinen Grund, warum das alles lustig sein soll. Erstaunlicherweise ist «We’re the Millers» aber genau das: lustig. Und wie. Sie fragen warum? Die Frage ist berechtigt. Regisseur Rawson Marshall Thurber, dessen bisher bekanntestes Werk den politisch korrekten Titel «DodgeBall – voll auf die Nüsse» trägt, hat die richtige Mischung aus Klamauk und Action, Blödeln und Unterhaltung gefunden. Der Cast ist sichtlich gut aufgelegt, und man verzeiht ihm auch jene Geschmacklosigkeiten, die nun wirklich zu weit gehen – wie Davids Vorschlag, Kenny soll einem schwulen mexikanischen Polizisten mittels Oralverkehr bestechen. Das Erfolgsgeheimnis aber ist wohl die Tatsache, dass niemand sich oder den Film zu ernst nimmt. Man versucht nicht, um jeden Preis lustig zu sein, sondern ist es einfach. Und das trotz eines absurden Plots. Faszinierend.

«We’re the Millers» läuft ab 29. August 2013 in den Basler Kinos Capitol, Rex und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 29. August: Feuchtgebiete, Planes, R.I.P.D., The Look of Love, Halb so wild, The Mortal Instruments: City of Bones, To the Wonder.

Basler Battle-Rapper schlagen sich wacker

Joel Gernet am Dienstag den 27. August 2013
Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Die Rapper am Swiss Video Battle Turnier (Swiss VBT) schlagen sich noch immer die Köpfe ein – und das ist gut so. Schliesslich ist die Kunst der gepflegten Beleidigung eine wichtige Diziplin des Rap. Solange sich die Kontrahenten ausschliesslich verbal und mit dem nötigen Respekt auf den Deckel geben, kann das für Gladiatoren und Zuschauer nur ein Gewinn sein.

Das haben auch die Macher des Swiss VBT gewusst, als die ihren audiovisuellen Rapwettbewerb ins Leben gerufen haben. Das Resultat: Viele Teilnehmer, packende Zweikämpfe und hochstehende Videoclips. Inzwischen laufen die Halbfinals der zweiten Staffel und die Nordwestschweizer Rapper schlagen sich noch immer wacker.

Misandope in Action.

Misandope in Action.

Mit Mad Ced und Misandope stellt Basel zwei der vier verbliebenen Silben-Söldnern. Insgesamt 32 Teilnehmer waren es beim Start der Vorrunde im April, darunter über ein Dutzend aus der Region Basel (wir berichteten). Viele von ihnen mussten sich in den folgenden Runden allerdings gegenseitig «kannibalisieren». Mit Sherry-Ou und Bone haben es zwei weitere Rapper aus der Region bis in die Viertelfinals geschafft – wo sie gegen die die Basler Halfinalisten Mad Ced und Misandope ausschieden. Immerhin: Vier der letzten acht Video-Battle-Rapper kamen aus der Region. Und die Chance auf einen Basler Sieg ist mit zwei Bebbi in den Halbfinals immer noch sehr gut.

Doch der Weg in den Final wird steinig: Mad Ced, Gewinner der Vorrunde, trifft auf den Zürcher Titelverteidiger Jones Burnout. Und Misandope bekommt es mit dem Luzerner Sympathieträger Visu zu tun. Alle vier haben inzwischen ihre Hinrunde vorgelegt. Mit einer Mischung aus Ironie, Humor und gnadenlosen Punchlines wird hier von allen Halbfinalisten allerhand Unterhaltsames geboten: Mad Ced macht sich über die clowneske Gestik und die markante Mundform von Jones Burnout lustig, dieser wiederum lässt an der Frisur des Baslers kein gutes Haar; Misandope lästert über den «Bünzlirap» von Schulbub Visu während der Innerschweizer im IKEA-Parkhaus Witze über Misandopes markante Ohrringe reisst. Wer die besten Punchlines auf Lager hat, kann jeder selber entscheiden: Hier die vier Begegnungen…

Mad Ced vs. Jones Burnout

Jones Burnout vs. Mad Ced

Misandope vs. Visu

Visu vs. Misandope

Die Hinrunden können noch bis am 31. August bewertet werden. Danach folgt die Rückrunde, in der die Battle-Rapper jeweils über den Hinrunden-Beat des Gegners spitten müssen. Für Unterhaltung ist also weiterhin gesorgt. Die Bewertung der Begegnungen erfolgt zu 80 Prozent durch ein Jury-Urteil (Song, Video, Gesamteindruck), den Rest macht das Publikums-Voting aus. Der Final-Showdown beginnt Ende September. Im Oktober wird der Video-Battle-King gekrönt. Dass der Sieger dann aus Basel kommt, ist nicht unrealistisch. Man wird es an dieser Stelle erfahren.

Wer die Basler VBT-Teilnehmer live erleben möchte, kann das diesen Samstag ab 23.20 Uhr auf dem Barfüsserplatz in Basel. Dort wird im Rahmen des Jugendkulturfestivals das 83-minütige Monsterprojekt «1 City 1 Song» live präsentiert – mit über 140 Rappern aus Basel und Umgebung. Hier die soeben eingetroffene Kurzdoku dazu…

Knallige Bilder zu düsteren Texten

Joel Gernet am Donnerstag den 22. August 2013

Laszive Damen, bewaffnet mit Spritzen, leicht bekleidetet und stark geschminkt. Gefesselte Körper, die unter Wasser treiben. Masken, Feuer, Rauch und mittendrin Rapper Tiz. Es sind skurrile Bilder, die uns der Basler im Vorab-Video seines ersten Albums serviert. Gesellschaftliche Abgründe, die durch überzeichnete, knallige Bilder mit einem Augenzwinkern kontrastiert werden. Der Beat mit seinen trockenen Drums und den obskuren Streicher-Samples unterstreicht die düstere Grundstimmung der Raps.

«Mir sinn Kinder, sinn verspielt und vielfältig.
Wärde erscht mit dr Zyt still und zwiespältig.
D Gsellschaft mit ihrem Leischtigsdruck
hett vo unsere Träum scho die meiste gschluckt.»

Die Zeilen aus der ersten Strophe des Songs bringen dessen Vibe auf den Punkt. Es ist der Titeltrack «Verloreni Kinder» des gleichnamigen Albums, das Ende Jahr erscheinen soll. Wenn man Tiz über seinen Erstling reden hört, dürfte es auf der CD im ähnlichen Stil weitergehen. Auf seinem Debut beschäftigt sich der 29-Jährige mit den Schattenseiten seines bewegten Lebens, geprägt von familiären Schicksalsschlägen, Schulden und dem Fall durch die Maschen der behördentlichen Auffangnetze.

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Inzwischen hat Tiz Tritt gefasst und steht mitten im Leben. Ein guter Zeitpunkt, um auf Albumlänge mit dem Geschehenen abzuschliessen und ein neues Kapital aufzuschlagen. Die ersten Mosaiksteine des kommenden Albums hat Tiz vor über zehn Jahren zurechtgelegt. Auf seinem Weg wird der Basler begleitet von Beatproduzent Simsalabim, der für die Soundunterlagen auf «Verloreni Kinder» verantwortlich ist – abgesehen von zwei Tom-Keenig-Beats. Die Scratches liefert DJ Ill-Stylez.

Dass Tiz sein aufsehenerregendes Video bereits jetzt – gut ein Vierteljahr vor der geplanten Veröffentlichung – lanciert, ist kein Zufall: Wie bei vielen aus Eigeninitiative entstandenen Musikprojekten, fehlt auch hier das Geld zur standesgemässen Realisation. Zusammen mit einem Privatkonzert im Birds Eye Jazzclub am vergangenen Sonntag markiert das Video deshalb den Startschuss zur letzten Produktionsphase – in der man auf der Crowdfunding-Plattform WeMakeIt das nötige Geld für den letzten Schliff generieren will.

1097267_415141861928650_1440032534_oDas neue Video illustriert dabei auf ansehnliche Weise, was den Hörer erwartet. Abgedreht wurde der Kurzfilm innerhalb von zwei chaotischen Tagen – ohne jegliches Budget und mit viel Improvisation. In Anbetracht der Umstände kommt der Clip ziemlich amtlich daher. Verantwortlich dafür sind das Organisationstalent von Tiz’ Freundin Robyn Benz und der Enthusiasmus der beiden Filmer Lionel Wirz und Samuel Scherrer aus dem Hause Akt3.

Mit dem Vorab-Video zu «Verloreni Kinder» hat Tiz quasi über Nacht ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Ob und wann der 29-Jährige Rapper den Schlusspunkt unter sein bewegtes Albumprojekt setzen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Vom Rapper zum Bünzli

Joel Gernet am Donnerstag den 15. August 2013

Die Schweizer Streetrap-Ikone Griot heisst jetzt wieder Mory – und ist Komiker: Mit seinem Allschwiler Kumpel Djibril bildet der Binninger das Comedy-Tagteam «Zwei Bünzlis». Wir haben uns mit den beiden im Video-Interview über Latrinen-Geschäfte, Gesellschaftskritik und einen Bünzli namens Eric Weber unterhalten.


Grossmäuler unter sich: Djibril und Mory erklären, warum sie Bünzlis sind.

Wenn Mory redet, ist man sich nie ganz sicher, was grösser ist – seine Klappe oder sein Bizeps. Ausser er ist mit Kumpel Djibril unterwegs, dann plappern sie sich ihre Lippen wund. So auch am Grossbasler Rheinufer, wo wir uns treffen, um über ihr Podcast-Projekt «Zwei Bünzlis» zu reden. Noch bevor die Kamera läuft, übertreffen sich die beiden mit Anekdoten zu Muhammad Ali, dessen Name auf Morys Muskelshirt prangt. «Ali macht das gleiche wie wir: Er hat eine riesige Klappe, ist eigentlich als Boxer bekannt, aber sobald man ihn ein Mikrophon hinhält, gehts los – sensationell!», schwärmt Djibril.

Seit Anfang Jahr stellen die Zwei Bünzlis ihre Dialoge in unregelmässigen Abständen ins Internet. Ins Auge stechen coole Comic-Bilder statt Fotos. Auf die Ohren gibts nach einer hämischen Warnung an die Hörer ein Brett von einem Intro, bei dem Kuhglocken und Handörgeli plötzlich von einem basslastigen Dubstep-Beat weggeblasen werden. Dicke Post!

Zwei Bünzlis: Griot und Djibril.

Ganz klar: Der Reiz der selbsternannten «Neo-Bünzlis» besteht vor allem auch darin, dass die beiden «afroeidgenössischen Euroafrikaner» so gar nicht dem gängigen Spiesser-Klischee entsprechen. «Wenn man uns betrachtet, sieht das zuerst gar nicht nach Bünzli aus», erklärt Mory. Aufmerksamkeit durch Irritation heisst hier das Konzept. Und Djibril ergänzt: «Schweizer sind pünktlich, zuverlässig und seriös, das ist eigentlich etwas Tolles – doch die Schweizer machen mit dem Wort Bünzli etwas Negatives daraus.» Djibril und Mory jedenfalls sind stolz darauf, Bünzlis zu sein. Und ähnlich wie afroamerikanische Rapper das negativ behaftete Wort «Neger» zu dessen Gegenteil konvertiert haben haben, verwenden die beiden Schweizer mit Wurzeln in Guinea und Mali nun den – zugegeben wesentlich weniger problematischen – Bünzli-Begriff im positiven Sinn um.

Auch die beiden Bünzli haben sich in ihrer vorletzten Episode eingehend mit dem N-Wort und dessen Verwendung beschäftigt. Comedy als Gesellschaftskritik – noch offensichtlicher zeigt sich dies bei der eben veröffentlichten sechsten Episode, in der Djbril und Mory zum zweiten Mal den Basler Rechtspopulisten Eric Weber auf die Schippe nehmen. «Wir machen zwar gerne Spässe über ihn, aber man darf nicht vergessen: Weber ist ein Rassist – das muss man im Hinterkopf behalten», stellt Djibril klar. Natürlich kommen bei den Afro-Bünzlis auch Macho-Gehabe und Sprüche unter der Gürtellinie nicht zu kurz. Wenn sich Djibril und Mory über Latrinen-Geschäfte bei der Arbeit philosophieren, überkommt den Hörer ein Gemisch aus Faszination und Ekel, wie man es von anderen Feuchtgebieten her kennt.

Begonnen hat das Bünzli-Gehabe nach Morys Rücktritt als Solo-Rapper im Jahr 2010. War früher Djibril an Griots Konzerten als Stand-Up-Comedian mit dabei, heftete sich der Rapper nun an die Versen seines Kumpels. Vom Rapper zum Komiker – insbesondere bei Griot ist das ein bemerkenswerter Schritt, hat der Binninger in den vergangenen rund 15 Jahren doch das Schweizer Subgenre Streetrap wesentlich mitgeprägt, einige sagen sogar: begründet. Für viele ist Griot noch heute ein Vorzeigebeispiel, wenn von Schweizer Rap mit Gangster-Attitüde die Rede ist. «In meinen Raps war immer schon viel Humor, nur hat das niemand verstanden – im Podcast kommt diese Seite nun mehr hervor», findet Mory lachend, um kurz darauf mit einem Augenzwinkern klarzustellen: «Ich lache nur, weil ich fröhlich bin, nicht, weil ich lustig bin – sonst meinen die Leute noch, ich sei sympathisch.»

Wer ist authentischer: Rapper Griot oder Komiker Mory? So siehts der Protagonist…

Im echten Leben sind Djibril Traoré und Mory Konde gemäss eigenen Angaben übrigens «IT Psychologe» und «Bodyflüsterer». Dass es ihr Audio-Geblödel eines Tages auch in Bewegtbild gibt, schliessen sie ebenso wenig aus wie Bühnenauftritte. Zuerst gilt es aber, den noch jungen Podcast voranzutreiben – dazu wären eine verbesserte Tonqualität und eine zeitliche Straffung der Episoden nicht die schlechteste Idee. Weiter gehts auf jeden Fall, denn wenn die beiden Kumpel aufeinandertreffen, sitzt das Mundwerk lockerer als der Büstenhalter von Topless-DJane Micaela Schäfer.

Captain Jack Sparrow im Wilden Westen

Fabian Kern am Mittwoch den 7. August 2013

Filmplakat

«Lone Ranger» läuft ab 8. August im Capitol und im Pathé Küchlin.

Es gibt wenige Rollen, die das Image eines Schauspielers derart geprägt haben wie jene von Jack Sparrow. Johnny Depp hat den stets angetrunkenen, ungepflegten, egoistischen, aber dennoch charmanten Piratenkapitän nicht gespielt – er ist Jack Sparrow. Und auch wenn der fünfte Teil von Pirates of the Carribbean angekündigt ist, die Reihe hat sich langsam totgelaufen. Deshalb müssen neue Geschichten her und eine neue Rolle für Johnny Depp, denn der Mann ist ein Publikumsmagnet sondergleichen.

Nun ist Johnny Depp Tonto, der Indianer. Mit ihm ist die ganze «Pirates»-Produktionscrew um Jerry Bruckheimer von der Karibik in den Wilden Westen des Jahres 1869 umgesiedelt. Regisseur Gore Verbinski rührt wieder gross an, diesmal erzählt er die Legende des maskierten Helden «Lone Ranger». Dieses Abenteuer hat als Hörspiel das amerikanische Radiopublikum ab 1933 fast 20 Jahre lang in seinen Bann gezogen. Auch darin kam Tonto vor. Analog zur «Pirates»-Reihe spielt Depp auch hier nur den Sidekick des Helden, ohne den aber gar nichts laufen würde. Denn erst der schräge Indianer mit der toten Krähe auf dem Kopf hilft dem Lone Ranger erst auf die Sprünge.

Tonto und das Geisterpferd

Schau mir in die Augen, Kleines! Tonto und das Geisterpferd. (Bilder: Disney)

Tonto und John

Kannst du mich mal kratzen? Tonto und John.

Ohne Tonto hätte John Reid (Armie Hammer) in der texanischen Wüste als weibischer Staatsanwalt sein Ende gefunden. Weil er aber vom weissen «Geisterpferd» aus der niedergemetzelten Truppe von Aufrechten um seinen Bruder und Sheriff Dan (James Badge Dale) auserwählt und ins Leben zurückgeholt wird, hat Tonto keine andere Wahl, als aus dem weichen Juristen einen hartgesottenen Westernheld zu formen. John will Rache am ruchlosen Mörder Butch Cavendish (William Fichtner). Sein Plus ist, dass dieser ihn für tot hält, weshalb Tonto John mit einer schwarzen Maske ausstattet. Ganz nebenbei kommt das ungleiche Duo dem skrupellosen Eisenbahn-Unternehmer Latham Cole (Tom Wilkinson) auf die Schliche, der einen Krieg gegen die Indianer anzetteln möchte, um ein direktes Gleis nach San Francisco bauen zu können. Was Tonto seinem Partner aber vorenthält, ist, dass er noch ganz eigene Rachepläne verfolgt, die ihren Ursprung tief in seiner traurigen Vergangenheit haben und nicht ganz kompatibel sind mit den hehren Absichten des Lone Ranger.

John Reid

Mein Name ist Ranger, Lone Ranger.

Die epische Geschichte füllt die Kinoleinwand voll und ganz aus. Verbinski nutzt die ganze Bandbreite an Elementen, die ein Sommer-Blockbuster braucht. Action, schwarzer Humor, starke Figuren und ein Schuss Romantik machen «Lone Ranger» zu einem mitreissenden Abenteuer, bei dem aber im Gegensatz zu den «Pirates»-Filmen auch ernste Zwischentöne Platz finden. Wiederum drückt Depp mit seinem unvergleichlichen Spiel dem Film seinen Stempel auf. Er schafft die Verwandlung zum Indianer absolut mühelos. Zu beachten gilt es aber auch Armie Hammer, der dem breiten Publikum noch nicht bekannt sein dürfte. Der knapp 27-Jährige glänzte bisher erst als Nebendarsteller in «The Social Network» und an der Seite von Leonardo Di Caprio in Clint Eastwoods «J. Edgar». Nach seinem fulminanten Auftritt in «Lone Ranger» wird er wohl einige Angebote für weitere Hauptrollen bekommen.

Tonto

Hat jemand den Zugführer gesehen?

Bisher ist «Lone Ranger» aber erstaunlicherweise das Sorgenkind der Disney Studios. Ausgerechnet in den USA fiel der Streifen bisher komplett durch und spielte erst knappe 87 Millionen Dollar ein – bei Produktionskosten von 215 Millionen ein Disaster. Deshalb ruhen die Hoffnungen auf dem europäischen Publikum. Es wäre gelacht, wenn das rasante Abenteuer nicht noch in die schwarzen Zahlen käme, denn wer Johnny Depp mag und mit Western etwas anfangen kann, für den ist «Lone Ranger» Pflichtprogramm.

«Lone Ranger» läuft ab 8. August 2013 in den Basler Kinos Capiton und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 8. August: Trance, Shadow Dancer, Cloclo.