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«…sonst würde mein Leben wohl im Gefängnis enden»

Luca Bruno am Mittwoch den 6. Juni 2012

Hier ein kurzer Reminder, woher man Sébastien Tellier kennen könnte: Da wäre zum Beispiel sein Album «Sexuality», welches höchstpersönlich von einer Hälfte von Daft Punk produziert wurde. Oder einer der besten Eurovision Song Contest-Auftritte der letzten Jahre. Oder halt dieser eine fantastische Popsong… den die meisten wiederum nur als Hintergrundgedudel zu McDreamy’s glatter Haut wahrgenommen haben.

Die unergründlichen Wege des Sébastien T. führen ihn heute Mittwoch (6. Juni 2012) nun auch in den Hinterhof, wo er sein erstes Gastspiel in unserer Stadt geben wird. Aus diesem Anlass haben wir uns mit Tellier über sein aktuelles Album «My God Is Blue», sowie die damit zusammenhängenden Fragen nach Spiritualität und Freiheit unterhalten…

Ihr neustes Studioalbum «My God Is Blue» ist wie bereits ihre vorherigen Alben ein Konzeptalbum geworden. Was kommt bei ihnen zuerst: Das Konzept oder die Musik?
Sébastien Tellier: Am Anfang steht immer das Konzept. Das wundervolle an der Musik ist, dass sie ein riesengrosses Spielfeld ist, welches einem praktisch unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Setze ich mich einfach so vor ein Keyboard oder einen Computer, kann ich mich nie entscheiden, welche Art Musik ich machen möchte: Disco? Reggae? Rock? Ich bin darauf angewiesen, dass ich mich vor dem Schreibprozess auf ein bestimmtes Subjekt, das spätere Thema des Albums, festlege, damit ich ein festes Ziel, einen Endpunkt habe, auf welchen ich mich während des Schreibens fokussieren kann.

Sie suchen sich gerne weiträumige Themen aus: Sexualität, Politik, Familie, Spiritualität…
Genau. Dabei gehe ich meine Themen jeweils mit einem rein musikalischen Hintergrund an. Ich bin kein Experte, was die jeweiligen Themen meiner Konzepte angeht. So kenne ich mich nicht wirklich in politischen Fragen aus oder habe ein ziemlich chaotisches Verhältnis zu meiner Familie. Für «My God Is Blue» habe ich mir den «Spiritual Way of Life» als Thema ausgesucht, obwohl ich vor der Entstehung des Albums davon ebenfalls kaum eine Ahnung hatte. Zwar lege ich mich vor der Entstehung eines Albums auf ein bestimmtes Thema fest, dechiffrieren kann ich es in der Regel jedoch erst während des eigentlichen Erschaffungsprozesses.

Wie haben sie das Thema für «My God Is Blue» gefunden?
Ich erinnere mich an diese grossartige Nacht, in welcher ich einen Zaubertrank getrunken habe und einen erleuchtenden Traum hatte, in welchem alles in Blau erschien. Die ganze Inspiration für mein aktuelles Album ist auf diesen einen, fantastischen Traum zurückzuführen.

Im Video zu «Pépito Bleu» erscheinen sie als blaue Lichtgestalt. Ist der «blaue Gott», von welchem auf ihrem Album ständig die Rede ist, also in Wirklichkeit Sébastien Tellier?
Nein, der blaue Gott bin nicht ich. Gleichzeitig zur Veröffentlichung des Albums habe ich die «Alliance Bleue» ins Leben gerufen. In dieser Gemeinschaft, darf sich jeder seinen eigenen Gott aussuchen. Das kann eine Meerjungfrau sein, ein Engel, irgendeine Form von Fantasiewesen… Bei mir fiel ebendiese Wahl auf den «Blauen Gott», aufgrund meines vorher erwähnten Traums.

Sie haben die «Alliance Bleue» angesprochen. Ist das Ihre eigene, persönliche Glaubengemeinschaft?
Nein. Die «Alliance Bleue» habe ich gegründet, weil ich mich noch wohler auf der Welt fühlen möchte. Ich möchte mich in der Mitte von Leuten befinden, die mir ähnlich sind. Durch die «Alliance Bleue» sollen diese Leute zueinander finden. Auf vergangenen Touren habe ich mich ab und zu ein bisschen alleine gefühlt, mittlerweile nicht mehr.

Können sie auf ihren Konzerten also neue Anhänger für ihre «Alliance Bleue» gewinnen?
Meine eigenen Alben – und dazu gehören nicht nur die eigentliche Musik, sondern auch das Albumcover, sowie Pressefotos und -texte – werden niemals ausreichen, um jemanden verführen zu können. Im Promotext zu «My God Is Blue» spreche ich davon, dass sich die Leute nicht auf das Album, sondern auf meine Message konzentrieren sollen. Damit meine ich, dass sie über Noten und Akkorde hinwegschauen und sich stattdessen viel mehr auf die Seele des Musikers, also mich, achten sollen.
So sind meine Konzerte die einzige Möglichkeit, den wahren, ungefilterten Sébastien Tellier kennenzulernen. Dort auf der Bühne, da sieht man mein wahres Ich. Ein Künstler braucht die Bühne, damit die Leute sehen, dass du echt bist. Ohne Konzerte ist es einem Künstler nicht möglich, eine echte Verbindung zwischen Rezipient und Sender herzustellen.

Dann ist die sexuelle Bildmetaphorik, welche sie in ihren Videos gerne verwenden, also todernst gemeint?
Eine meiner Hauptbotschaften ist «Vergesst nie, dass das Leben die Quelle des Genusses sein kann. Nutzt und geniesst eure Freiheit!». Das ist zugegeben eine sehr simple Botschaft, aber trotzdem vergisst man immer wieder, die eigene Freiheit auszukosten. Ich strebe ständig nach Freiheit und möchte den Hörer meiner Musik daran erinnern, das gleiche zu tun.
Selbstverständlich kann ich in meinem Privatleben nicht die gleiche Person sein, die ich auf der Bühne und in meinen Videos und Fotos bin, sonst würde mein Leben wohl im Gefängnis enden. Aber ich kann versichern, dass meine Bühnenperson exakt derjenigen Person entspricht, die ich tief in meinem Herzen bin.

Sébastien Tellier: Diesen Mittwochabend (6. Juni 2012) Live im Hinterhof. Doors: 20:o0h. Konzert: 21:30h.

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Ein Kommentar zu “«…sonst würde mein Leben wohl im Gefängnis enden»”

  1. -- sagt:

    hallo, sebastien tellier war schon vor 3 jahren in basel.. just to know.