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Mit dem Kind ins Theater: Freude oder Qual?

karen gerig am Montag den 27. Dezember 2010

Der berufliche Besuch einer Theatervorstellung für Kinder stürzt die Kulturjournalistin immer wieder mal in ein kleineres Dilemma. Grund dafür ist die Frage, nach welchen Kriterien man derlei Theaterstücke beurteilen soll – denn, sind wir ehrlich, mit den Vorstellungen, wie sie uns auf den grossen Bühnen der Welt geboten werden, haben Theaterstücke für Kinder meist wenig gemeinsam. Was also tun? Die Vorstellungen ganz ignorieren, wie es diverse Feuilletons und Kulturteile von Zeitungen inzwischen tun? Sie an grossen Vorbildern messen? Oder gar Kinder die Rezensionen verfassen lassen?

Kindertheater locken unbestreitbar die Massen. Tickets für Vorstellungen im Theater Arlecchino etwa oder im Fauteuil sind in Basel ein begehrtes Gut. Und der Applaus ist den Schauspielern immer sicher. Aber ist das ein Gütesiegel?

Heidi am Basler Schauspielhaus. (Foto Judith Schlosser, Theater Basel)

Im Moment wird der Unterschied zwischen grossen und kleinen Bühnen für den regelmässigen Kindertheaterbesucher besonders augenfällig. Das Schauspielhaus inszeniert diesen Winter Johanna Spyris «Heidi» als Familienstück – perfektes Bühnenbild, professionelle Schauspieler und echte Geisslein inklusive. Da können kleinere Häuser nicht mithalten. Oder?

Der bald sechsjährigen Tochter ist das ausgeklügelte Heidi-Bühnenbild egal. Soll sich der Holzberg doch zum Hüttendach wandeln. Sie will gleich am Anfang wissen, wann denn die Geisslein endlich kommen. Und warum die Tante Dete mitten im Publikum steht und nicht aufhört zu reden. Wann es denn endlich richtig losgehe. Und später vielleicht noch, ob der Schnee echt ist, der von der Decke fällt. Gefallen tuts ihr aber trotzdem.

Das Arlecchino zeigt über die Festtage den «Froschkönig». Mit klitzekleinem Budget. In einer einfachen, aber einfallsreichen Inszenierung, die manchmal mehr Klamauk ist als Theater, mag der Erwachsene vielleicht denken. Doch mit viel Liebe und Freude am Spiel aufgeführt, das wirkt ansteckend. Die Kinder auf ihren Holzbänken jauchzen und singen mit.

Der «Froschkönig», inszeniert vom Ensemble des Tamalan-Theaters, im Theater Arlecchino.

Ist das «Heidi» denn nun wertvoller als der Froschkönig? Oder als das «Tapfere Schneiderlein», das im Fauteil aktuell sein Unwesen treibt? Wichtig ist doch, dass unsere Kinder ins Theater gehen. Das Arlecchino wurde für sein Engagement für die Kleinen deshalb auch schon mit dem Schappo-Preis ausgezeichnet. Zurecht. Denn vergessen wir nicht: Wer dort auf, hinter und neben der Bühne steht, tut das, ohne eine Gage zu erhalten. Nur die leuchtenden Kinderaugen vor der Bühne winken als Lohn.

Im Praxistest zeigt sich zudem, dass das Theater Basel von den kleinen Theatern noch lernen kann. Das «Heidi» nämlich dauert stolze 110 Minuten. Am Stück, ohne Pause, von 3 Uhr nachmittags bis 10 vor 5. Um vier fängt der Bauch des Jungen links an zu knurren. Und alle drei Minuten frägt er danach seinen Vater, wann denn nun endlich Pause sei und er sein Zvieri essen könne. Auch das Mädchen rechts ist plötzlich überfordert und muss draussen beruhigt werden.

Es scheint, als müssten die theatererprobten Erwachsenen im Kindertheater ihre Ansprüche etwas zurückschrauben. Das sollte man gerne tun. Spass haben kann man überall. Und die Kulturjournalistin sollte weiter ein Auge zudrücken, wenns etwa um die Qualität der schauspielerischen Leistungen geht. Und auf die Tochter hören, die regelmässig sagt: «Super wars!». Und sich beim Rausgehen schon aufs nächste Mal freut.

Der «Froschkönig» im Arlecchino läuft noch bis 31.12. täglich um 14.30 Uhr, zusätzlich vom 29. bis 31.12. um 11 Uhr.
«Heidi» läuft im Schauspielhaus noch am 30.12. um 17.45 Uhr, am 2.1. um 15 Uhr, am 16.1. um 16 Uhr und am 17.1. um 11 Uhr.

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6 Kommentare zu “Mit dem Kind ins Theater: Freude oder Qual?”

  1. marvin_m sagt:

    Kann dies nur bestätigen. Gutes Beispiel aus dem Stadttheater Biel, die Kinderoper “Eisenfrass”. Kleines Ensemble, 2 Musiker, klitzekleine Bühne, für Kinder lustige Aufführungspraxis, für Eltern erträglich und zum Teil sogar schmunzelentlockend, Dauer inkl. Pause 75 Minuten, die wie im Flug vorüber gingen und einen begeisterten 4.5 jährigen Sohn. Nicht pompös, aber kindgerecht und ein richtiger Spass! Übrigens, “Eisenfrass” geht auf Tournee, wenn Sie nicht nach Biel gehen wollen/können.

  2. fux sagt:

    “…und alle drei Minuten danach FRÄGT er seinen Vater…”! Halt zuviel Arlecchino geguckt, der liebe Autor.

  3. jabbek sagt:

    Theater war schon immer zweischneidig. Die Elitären und Intelektuellen sind stolz, elitäre und intellektuelle Kunst zu verstehen, während das Volkstheater sein Publikum direkt erreicht. Aber es bleibt die Hoffnung, dass die Tochter der Autorin eines Tages die schauspielerische Leistung einer “hochklassigen” Inszenierung auch ohne Langeweile und Magengrummeln erkennt.

  4. Michael Wirz sagt:

    “Wie beurteilt man ein Theaterstück für Kinder?” ??? Ganz einfach: Fragt doch einfach die Kinder!

  5. Andreas K. Heyne sagt:

    Für “Kultur mit Kindern” kann es kein einheitliches Rezept geben, denn Kinder sind ebenso individuell verschieden wie Erwachsene. Manche gehen gerne ins Theater, auch in Konzerte oder Museen, andere langweilen sich nur – das muss man ausprobieren und respektieren. Allerdings ist es eine Illusion zu glauben, dass sich Vorlieben und Abneigungen im Lauf der Jahre ändern – sie tun es selten und sind ziemlich erziehungsresistent.