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Riesengrosse Mauerblümchen

Joel Gernet am Freitag den 2. Dezember 2011


Und er will es nicht begreifen! Geduldig erklärt Stefan Winterle, Kurator der Streetart-Ausstellung «Wallflowers», einem älteren Männlein, warum er die Gesichter der wenige Meter entfernt arbeitenden Künstler in der Carhartt Gallery Weil am Rhein (D) nicht fotografieren darf. Graffiti! Nachtarbeit! Doch der altgediente Lokaljournalist will partout nicht begreifen, dass sich viele dieser fleissig malenden Männer mit ihren Arbeiten lange Zeit in der Illegalität bewegten. Einige von ihnen ziehen noch immer Nachts um die Häuser, sind alles andere als Unschuldslämmer. Auch, dass die Werke erst kurz vor der Vernissage vor Ort entstehen, verblüfft den Oldie gewaltig.

Doch genau das gehört zum Konzept der Ausstellung, die am Samstag in der Carhartt Gallery beim Rheincenter ihre Pforten öffnet. «Bei der Vernissage wird es noch nach Farbe riechen», sagt Winterle grinsend. Kurz vor dem grossen Tag ist der Ausstellungsmacher zufrieden, dass alles nach Zeitplan verläuft. Funk- und HipHop-Musik hallt durch die Galerie über dem Carhartt-Outlet und in den Ausstellungsboxen wird gesprayt, gemalt und geschnippelt. «Wallflower» heisst die Ausstellung, für die man neun europäische und einen amerikanischen Künstler verpflichtet hat. Alle sind sie auf das Gestalten grosser Gemäuer spezialisiert. Keine Atelier-Künstler, sondern Beton-affine Jungs von der Strasse, welche mit ihren Werken Farbe ins urbane Grau bringen – ähnlich einem Mauerblümchen.

Soeben angekommen: Sozyone (Esp).

Wie Winterle berichtet, habe sich bei den vergangenen Ausstellungen gezeigt, dass die grossflächigen, vor Ort entstandenen Bilder sehr positiv aufgenommen werden. Deshalb habe man «Wallflower» auf dieses Konzept ausgerichtet – auch wenn sperrige Bilder nicht unbedingt förderlich sind für den Verkauf. «Ein zwei auf zwei Meter grosses Bild kaufen die wenigsten Leute», ist sich Winterle bewusst. Dafür Wirken die Werke um so eindrucksvoller – sie wurden alle weit über die vorgesehenen vier Quadratmeter hinaus auf die Wand gekleckert. Oft bis unter die Decke.

«Eigentlich sind wir ein Zwischending zwischen Galerie und Museum», erklärt Kevin Reinhart, Verantwortlicher des Carhartt-Outlets, «es geht vor allem darum, die Kunst zu unterstützen und den Artists einen freundschaftlichen Rundumservice zu bieten». Dass man sich in Weil am Rhein auf das künstlerische Konzept und die Gastfreundschaft fokussieren kann, ermöglicht Carhartt-Europachef Edwin Faeh, der die Galerie grosszügig unterstützt. So ist auch diesmal ein ansehliches Künstler-Lineup zusammengekommen.

«Uns ist wichtig, dass wir heuer genauso stark aufgestellt sind, wie während der alljährlichen Ausstellungsserie Public Provocations», betont Winterle und erklärt, dass rund die Hälfte der anwesenden Artisten bereits einmal an der Art Miami Basel gewesen ist (der hippe Kunst-Grossevent öffnete gestern seine Pforten). Dass ein Teil der Künstler trotz der glitzernden Konkurrenz ans Rheinknie gekommen ist, wertet Winterle als Erfolg. In der Tat hat sich die Carhartt Gallery seit der Eröffnung im Jahr 2006 einen Namen als erstklassiger Ausstellungsort urbaner Kunst gemacht. «Mich wundert, wie schnell die Zusagen der Künstler kamen», meint Winterle dennoch in Anbetracht der vollen Terminkalender der «Wallflower»-Teilnehmer – einige jetten seit Monaten um die Welt. Dass Weil am Rhein über einen so guten Ruf verfügt, verdankt man in Winterles Augen der Vorarbeit von Sigi von Koeding alias Dare, welcher die Carhartt Gallery bis Anfang 2010 aufgebaut, geleitet und etabliert hatte.

Wall-flow-RS: Das Plakat von Ripo (NY).

«Wallflower» ist die erste offizielle Winter-Ausstellung in der Carhartt Gallery seit der Neuorientierung nach dem Tod der Basler Graffiti-Legende. Anders als bei der «Public Provocations»-Reihe mit ihren gleichbleibenden, graphischen Plakatmotiven gibt es diesmal ein eigenes Plakat. «Ich gehe gerne nach Montreux – deshalb habe ich jetzt auch einen Künstler dafür angefragt», erklärt Winterle in Anlehnung an die kunstvoll gestalteten Plakate des berühmten Jazzfestivals. «Wenn man schon Künstler im Haus hat, muss man doch keine Graphiker anstellen.» Gestaltet wurde das Plakat vom New Yorker Ripo, der in Weil zusammen mit neun europäischen Künstlern – darunter Sweetuno aus Basel – ausstellt.

Trotz der grossen Wandblumen: Auch wer zuhause nur über kleinere Freiflächen und über ein kleines Portemonnaie verfügt, kann sich in der Carhartt Gallery mit Kunst eindecken. Eine grosse Auswahl an kleinere und billigeren Bildern gibt es in der Siebdruck-Sektion, welche nach der grossen Nachfrage bei der «Public Provocations III» vergrössert wurde. Dort gibt es gedruckte und gerahmte Kleinauflagen zu kaufen, die mit 50 bis 150 Euro pro Werk auch für schulpflichtige Streetart- und Graffiti-Liebhaber erschwinglich sind. Und obendrauf gibts bei der Vernissage am Samstag Freibier und Sound, frisch serviert vom DJ. «Wir haben ein Vierteljahr lang organisiert, da darf mans auch knallen lassen», findet Winterle.

PS: Wer sich am Samstagabend, 3. Dezember, mit urbaner Kunst beschäftigen will, kann das in der «Your!Gallery» bei der 36er-Busstation auf dem Dreispitz. Dort heisst kann ab 21 Uhr unter dem Motto «Take My Shit With You» mit einem Drink in der Hand Kunst betrachtet werden. Und ab ca. 1 Uhr nachts können die gezeigten Werke dann – wie an der OpenArt – mitgenommen werden. Gratis!

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