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Wenn Räume Geschichten erzählen

karen gerig am Freitag den 23. September 2011

Szene aus Bettina Grossenbachers Film «Mikado».

«Bitte gehen Sie auf der rechten Seite rein!», ruft mir Bettina Grossenbacher nach, als ich im Kunsthaus Baselland in Richtung ihrer Ausstellung «Leaking roof» laufe. Sie befindet sich in den Kabinetträumen, eine kurze Treppe hinauf, und verfügt eigentlich über zwei Eingänge – einen links und einen rechts, wobei der rechte der üblichere der beiden ist. Beginne ich rechts, dann folge ich der Dramaturgie, die sich die Künstlerin für ihre Ausstellung überlegt hat, wie sie mir später erklärt.

Im ersten Raum wird man bereits mit dem Hauptwerk dieser Schau konfrontiert. «Mikado», die jüngste Videoinstallation der aus Thun stammenden und seit bald 30 Jahren in Basel lebenden Künstlerin, feiert hier ihre Schweizer Uraufführung. Eine junge Frau streift darin durch ein Haus, dessen Zimmer gefüllt sind mit Gegenständen aus einer anderen Zeit. Sie scheint sich an etwas zu erinnern, doch ist es auch möglich, dass man sich täuscht. Das Motiv ihres Herumstreifens bleibt offen, ebenso wie die Bedeutung ihrer Beziehung zu einem erwachsenen Mann, der im Laufe des Films auftaucht und mit ihr in Dialog tritt.

Sie habe anderthalb Jahre lang an diesem Film gearbeitet, erzählt Bettina Grossenbacher. Am Anfang habe das zufällige Auffinden des Hauses gestanden – ein Einfamilienhaus am Bodensee, dessen Mobiliar nur wenige Gegenstände aus der heutigen Zeit aufwies. «Ich war sofort fasziniert», sagt Grossenbacher. «Das geht in meiner Arbeit oft so: Ich stosse auf etwas, dann entwickle ich daraus eine Geschichte.» Immer wieder geht es um Räume, schon seit längerem in ihrer Arbeit. Seien es Kinosäle oder Hotelzimmer – die Geschichten, die Bettina Grossenbacher dazu erzählt, werden oft begleitet von der Geschichte, die den Räumen selbst innewohnt. Umgekehrt ist es auch so, dass die Künstlerin durch die in Untertiteln erzählten Geschichten literarische Räume eröffnet.

«Mein Interesse für den Raum stammt aus dem Theater», sagt Grossenbacher. Dort hat sie ihre Wurzeln. Wegen dem (Jungen) Theater kam sie 1983 auch nach Basel. Nach einigen Jahren habe sie gemerkt, dass sie Stücke lieber erarbeite als spiele. Sie adaptierte ihr Wissen an ein neues Medium und schrieb sich für die Videofachklasse an der Schule für Gestaltung ein.

«Ich gehe oft von Fotografien aus», erzählt sie. Dann werden Details wichtig, haptisch-akustische Merkmale beispielsweise – dass das Bettzeug in «Mikado» schön raschelt etwa, wenn sich die Protagonistin darin bettet. In der Videoarbeit «16°12’N/22°51’W» ist der Ton von rauschenden Wellen bedeutungsvoll, der den Betrachter im Verlauf von Minuten erst einlullt und dann aufzuwühlen beginnt. Dabei suggeriert das Bild des gestrandeten und verrosteten Schiffes auf den Kapverdischen Inseln Ruhe und Beschaulichkeit – ein Eindruck, der nicht nur durch das unerbittliche Meeresrauschen, sondern auch durch die in den Untertiteln erzählte Geschichte einer Schlägerei an Bord gebrochen wird.

Ein «Böses Haus».

«Brüche sind mir sehr wichtig», sagt Grossenbacher. «Ein Werk soll überraschen.» Das tut auch die Fotoserie «Haus Nr. 13», bestehend aus neun Leuchtkästen mit Dias einer stattlichen, leeren Altbauwohnung. Die Wendung, die durch die Untertitel Schritt für Schritt herbeigeführt wird, soll hier nicht verraten werden.

«Ich arbeite oft am Computer», erzählt Grossenbacher. Die Produktion der Filme – die Vorbereitung, Finanzierung, das Drehbuchschreiben, Drehen und die Nachbearbeitung – nimmt oft Monate in Anspruch. Im letzten Raum des Kunsthauses Baselland zeigt sie noch eine andere Art von Produktion: Raumgrosse Fine Art Prints von Behausungen wurden auf die Wände appliziert, dann wurde die Umgebung weggeschnitten. Jedes Wandbild trägt den Titel «Böses Haus». Welche Geschichten es dazu gibt, sagt die Künstlerin nicht; die Besucher erfinden sie selber. Was sie aus dieser Ausstellung mit nach Hause nehmen, ist ein inspirierendes Unbehagen, aber auch ein Sehnen, das nicht verortbar ist.

> Die Ausstellung «Leaking Roof» ist noch bis zum 13. November zu sehen.

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