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Treibstoff – Die Kritiker – Rezension Sigille

chris faber am Samstag den 3. September 2011

Ausgewählte Kritiken der  Treibstoff-Kritikerplattform:

GSCHPÜRMI, ZÄHL MICH!

Von Michaela Friemel

Das Performancekollektiv IDK, Diekekskrise, eröffnete gestern die Treibstoff Theatertage in Basel mit ihrem Stück „Sigille. Ein esoterischer Trip“. Dem Thema ausliefern wollte sich das Trio, und steckte damit die Latte vielleicht zu hoch. Ausgeliefert war ohne Frage das Publikum, allerdings weniger dem Thema, als dem Indianersalbei, der den Raum beräucherte. Lachen durfte es hingegen viel.

Punk Nummer eins trägt einen schwarzen Hut, darunter ein Palästinensertuch, ein Stofffetzen um die Hüfte und, das sieht man natürlich nur in den ersten Reihen: unter der Strumpf- eine Unterhose mit Sternlein. Sie zu zählen schafft man nicht, auch dann nicht, wenn sich der – wir nennen ihn von nun an – Strumpfhosenmann auf seinem Trip vor dem Publikum tanzend verrenkt. Punk Nummer zwei trägt Brille, zu kurz geratene Engelsflügeli und viel Pink. Sie sucht alle Tugenden dieser und anderer Welten und einen Mann. Wir nennen sie die Engelsfrau. Punk Nummer drei besteht aus Afroperücke, Übergewand und Pluderhosen. Seinen Namen kann man sich merken: Er heisst Fredi Om. Der vierte Punk, der Kapuzenmann, ist vor allem eins: sehr verborgen. Man sieht zwar sein Kinn, das Gesicht jedoch nicht, er ist von Kopf bis zu den Knöcheln verhüllt.

Sich Verbergen …

IDK, Diekekskrise, abgeleitet von Identitätskrise, das ist ein Schauspielkollektiv – Theaterpunks, wie sie sich nennen. In ihrem Projekt an den Treibstoff Theatertagen in Basel widmen sie sich dem Esoterikboom. Wie Filmprojektionen von Miro Widmer während der Performance zeigen, bewegten sie sich dazu auch im öffentlichen Raum. Sie riefen echte Wahrsagerinnen an, trommelten an der Tattoo selbst fleissig mit, und aktivierten eine Sigille, ein magisches Schutzzeichen.

„Nur, indem man sich selbst den Themen ausliefert, stösst man auf ihren Kern“, so die Ankündigung des Kollektivs. Dieser Anspruch ist hoch. Er zielt auf die Frage, was sich hinter dem esoterischen Firlefanz befindet, was die Triebfedern für Lach-Yoga, Kabbala und Wahrsagerei sein könnten. Sich ausliefern, das bedeutet mehr, als auf der Bühne zu frotzeln und das Publikum, oder zumindest Teile des Publikums, in Lachekstase zu versetzen. So bleibt das Spiel an diesem Abend oft aufgesetzt und wirkt sonderbar leer, die Tänzchen, die Faxen, die Umarmungen. Was symptomatisch ist für den Esoterikmarkt, spiegelt sich im Stück: Der Umgang mit den grossen Fragen des Wohin und Woher und Wozu und des Geliebtwerdenwollens bleibt meist oberflächlich und blind. Blind, wie die Reaktion der TV- Wahrsagerin auf die verzweifelte Bemerkung der ihr unbekannten Engelsfrau am Telefon: „Ich finde keinen Mann.“ – „Mein, Gott, wie ist das möglich, Sie sind doch eine so junge und hübsche Frau!“ Die unsinnigen Ratschläge der Wahrsagerin, die dann folgen, lösen viele Lacher aus. Und doch schwingt hier mehr mit als nur Gelächter über all diejenigen, die sich einräuchern und auf esoterischem Weg nach Antworten suchen. Wer kennt das nicht: Hören zu wollen, wie alles am Ende für einen gut kommt.

… oder sich dem Thema ausliefern

Unterhaltsam und belustigend ist das Thema Esoterik offensichtlich rasch. Sonderbar sind dann immer die anderen, sie lassen sich nachahmen und parodieren, diejenigen, die für den Weltfrieden beten, und sich in Ekstase lachen. Das Potential, tatsächlich zu berühren, hat das Stück jedoch immer dann, wenn die Grenzen aufbrechen zwischen Publikum, Schauspielerinnen und Esoterikern. Wenn die Schauspieler im Song über Lebenshilfen auch das Gründen einer Theatergruppe nennen, tut sich ein Raum auf, den zu betreten spannend wäre, viel zu schnell aber ziehen sie weiter, zurück an die Oberfläche.

Doch darunter finden sich immer wieder berührende Bilder: Etwa, wenn sich Fredi Om, gespielt von Lou Bihler, vor Lachen schüttelt, und das gespielte Lachen plötzlich eine seltsame Eigendynamik entwickelt, so dass sich der Körper vor Lachen noch schüttelt, während das Gesicht längst woanders ist. Oder in der Peinlichkeit, die entsteht durch zu viel Nähe, wenn Philippe Graff als Strumpfhosenmann einen fremden Mann im Publikum umarmt. Oder der Moment, als Rula Badeen als Engelsfrau im Einkaufswagen sitzt und mitten in Petflaschen ein Lied singt über das Leben, und man sich fragt, was mit ihr geschieht, mit uns, wenn wir sterben. Wer wird uns recyceln?

Am Ende setzt sich Wulf Winkelmüller, nun nicht mehr als Kapuzenmann, ans Klavier. Die Punks stehen dahinter ohne Perücken, unverkleidet, und singen gemeinsam: „Weisst du wie viel Sternlein stehen?“ Da wird etwas sichtbar vom Kern, nach dem das Trio fragt, weil bei allem Firlefanz hinter jedem Punk, jedem Schauspieler, jeder Esoterikerin, jeder Zuschauerin, hinter jeder Verkleidung, hinter jedem Verbergen, doch immer auch die Sehnsucht steht, erkannt zu werden oder – wie es ihm Lied so schön heisst: geliebt zu sein, einzigartig und gezählt wie die Mücklein, Wolken und Sternlein.

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