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Handgeschriebene Zeilen erzählen vom harten Künstlerleben

karen gerig am Freitag den 5. August 2011

Frühes Gemälde von Alexej Jawlensky in der Ausstellung im Kunstmuseum. (Foto Mischa Christen)

Briefe können ganze Lebensgeschichten erzählen. Wer im Katalog zur Ausstellung «Künstlerfreundschaften» des Kunstmuseums Basel schmökert, wird spätestens beim Briefwechsel zwischen dem Basler Kunstsammler Karl Im Obersteg und Alexej von Jawlensky hängenbleiben. Vor allem aus den Briefen des russischen Künstlers ist ablesbar, wie schwierig die Zeiten zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg für Künstler waren. Was man dort lesen kann, geht teilweise sehr nahe – ein interessantes und rührendes Zeitdokument.

1919 lernt Karl Im Obersteg den russischen Künstler Alexej von Jawlensky in Ascona kennen. Aus der dort gemeinsam verbrachten Zeit entwickelt sich eine Freundschaft, die bis zum Tod Jawlenskys hält. Im Obersteg erwirbt immer wieder Bilder des Russen. 162 Originalbriefe, Durchschläge, Postkarten und Telegramme sind aus dem Briefwechsel zwischen den beiden erhalten, im Katalog sind 77 davon transkribiert, beginnend mit einem Brief Jawlenskys vom Mai 1921: «Kürzlich war ich 2 Tagen bei Ihnen und es war wie eine Minute, eine reizende Minute und ich bin nur Ihnen dankbar dafür, Ihrer feine Seele. Ich werde nie vergessen, diese Tage, bei Ihnen, in Basel.»

In der Korrespondenz zwischen Künstler und Sammler geht es um die Kunst, aber vor allem auch um das Leben. So schreibt der in Wiesbaden lebende Jawlensky etwa im Januar 1923 an «Kio», wie er Karl Im Obersteg nennt: «Der einzige Trost dieser Sache, dass Andre (der Sohn, Anm. d. Red.) ein ganz grossen Erfolg hatte, aber durch den katastrofalen Sturz der Mark, wurde der sonst gute Verdienst auf ein Minimum entwertet. Es ist grausig in solchen Zeiten zu leben.» Und beinahe zwei Jahre später: «Wir arbeiten und kämpfen. Der Kampf nimmt aber viel zu viel Zeit von der Kunst.» Im November 1925 hat sich die Situation für den Künstler nicht verbessert: «Ach wie möchte ich zu Ihnen kommen wie voriges Jahr! (…) Aber, leider, es ist unmöglich jetzt. Alle diese Jahre habe ich immer ganz gut meine Bilder verkauft und darum konnte ich mich erlauben nach der Schweiz zu fahren. Deutschland hat jetzt so wenig Geld, dass die Kunst ist zu grosser Luxus, und man kauft überhaupt nichts.»

Brief Jawlenskys an Marianne Im Obersteg, die er liebevoll Duschka nennt.

Wie aus den Briefen hervorgeht, hilft Kio in der Folge Jawlensky, einige Bilder zu verkaufen. Immer wieder auch springt er in finanziellen Fragen für ihn in die Bresche. «Ich schulde Ihnen so viel Geld, aber ich hoffe, dass, Sie mich nicht gleich ins Gefängniss werfen werden», schreibt Jawlensky vor einem Basel-Besuch im September 1935.

Anfang der Dreissiger Jahre war Jawlensky an Arthritis deformans erkrankt, einer degenerativen Erkrankung der Gelenke. Erstmals im Dezember 1932 schreibt Jawlensky darüber: «Mein Lieber Freund Kio! Ich kann kaum die Feder halten: Meine Finger sind beinah steif.» Im September 1933 dann: «(…) und bin jetzt noch meistens im Bett. Ich habe immer so viel, so viel Schmerzen und jede, sogar kleine, Bewegung, macht mir so weh. (…) Ich liege und im Fenster sehe ich den hellblauen Himmel und weisse Wolken und meine Gedanken tragen mich weit weit, zu meiner Jugend, und machen meine Seele fröhlich und auch traurig.»

Jawlenskys bereits prekäre finanzielle Lage verschlechtert sich noch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und dem durch sie verhängten Ausstellungsverbot. Während die Künstler des «deutschen Expressionismus», dem inzwischen auch Jawlensky zugeordnet wird, in Deutschland mehr und mehr verfemt wurden, steigt das Interesse an dieser Stilrichtung in der Schweiz.

Jedoch: In Wiesbaden leidet Jawlensky, an Geldnot und an seiner Krankheit. Seine Gliedmassen versteifen sich zusehends, zum Schluss muss er den Pinsel an seinen Händen festbinden, um noch malen zu können. Marianne Im Obersteg schickt dem Künstler immer wieder Päckchen mit Esswaren und Zigaretten: «Und jetzt habe ich wieder Cigaretten bekommen. Ich schäme mich, wirklich, dass ich Ihnen solche Sorge bringe, dass ich Sie belässtige mit diesen Cigaretten», schreibt Jawlensky ihr im November 1933.

Als Marianne Im Obersteg 1936 stirbt, bedeutet dies nicht nur für ihren Mann Karl, sondern auch für Jawlensky einen herben Schlag. Er schreibt an Kio: «Marianne ist tot. So unerwartet für mich. Meine Seele weint und leidet, leidet. Meine zärtlichsten Gedanken sind jetzt bei Ihnen, Kio.» In der Folge des Todes seiner Frau zieht Karl Im Obersteg sich mehr und mehr zurück. Noch im Dezember 1937 schreibt er an Jawlensky: «Sie sagen, ich lebe noch in Ihrem Herzen. Ich glaubte ich sei von allen Menschen vergessen. Seitdem Maja mich verlassen musste werde ich je länger je mehr menschenscheu und – fremd. Dann streicht man in Gedanken seine alten Freunde langsam ab und wandelt zuletzt als lebender Leichnam im Schatten.» Jawlensky hat er aber nicht vergessen, er wollte ihm was schicken zu Weihnachten, doch «die Grenzen sind aber so verschlossen, dass alles unmöglich wird».

Selbstporträt von Jawlensky.

Ebenfalls im Jahr 1937 werden in deutschen Museen 72 Gemälde Jawlenskys durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt. Jawlenskys Schaffen haftet nun das Etikett «entartete Kunst» an. Aus diesem Grund ist es für Karl Im Obersteg auch nur schlecht möglich, eine geplante Ausstellung mit Jawlenskys Werken in Basel durchzuführen. Er begründet dies in einem Brief vom Februar 1939 so: «Obwohl die Leute über «entartete Kunst» ihre persönlichen freien Ansichten haben, so ist es eben heute doch schwer, deutsche Kunst dieser Art zu verkaufen.»

Im Oktober desselben Jahres richtet Jawlensky eine Bitte an Kio: «Mein abgemergelter Körper braucht Butter, Fleisch kann ich nicht essen. Wenn es geht und wenn es möglich ist, können Sie mir einige Monate monatl. ein Pfund Butter schicken? Ich möchte gerne bezahlen, aber Sie wissen, man kann nicht Geld senden. Dazu kann aber vielleicht dienen eine grosse oder kl. Landschaft.» Im November erhält Jawlensky ein erstes Butterpaket, bis März 1940 schickt Karl Im Obersteg in einem Abstand von zehn Tagen regelmässig eines. Dann wird es ihm verboten, da nun die Ausfuhr für kleine Postsendungen von Privaten in der Schweiz an Private im Ausland untersagt war.

Im März 1941 wird Karl Im Obersteg in einem Brief von Elisabeth Kümmel über den Tod Jawlenskys unterrichtet. Er starb 77-jährig, krank und verarmt, in Wiesbaden.

Die Ausstellung «Künstlerfreundschaften» ist im Kunstmuseum Basel zu sehen bis zum 16. Oktober.

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