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Wenn Kartonröhren und ein Stück Stoff plötzlich das Zuhause sind

karen gerig am Donnerstag den 28. Juli 2011

Turnhalle mit Trennwänden von Shigeru Ban in Sendai.

Erdbeben, Bürgerkriege, Überschwemmungen, Erdrutsche, Tsunamis, atomare Katastrophen – dank weltumspannender Medien sind wir immer schnell informiert, wenn es irgendwo auf dem Erdball brennt. Wir leiden mit den Menschen, die von den Unglücken betroffen sind. Und gehen bald wieder zur Tagesordnung über. Bis die nächste Katastrophe kommt.

Im März diesen Jahres liess uns Japan konstant durch die Nachrichten zappen. Erdbeben, Überschwemmung, AKW-Unglück. Fünf Monate nur ist es her, und wir denken kaum mehr daran. Norwegen ist uns im Moment viel näher. In Japan aber leben noch immer tausende Menschen in Notunterkünften. Wochen-, monatelang liegen sie in Turnhallen Matte an Matte. Diesen Menschen ein Minimum an Privatsphäre zu bieten, das hat sich Shigeru Ban zur Aufgabe gemacht. Zusammen mit dem Voluntary Architects Network VAN hat der japanische Architekt Trennwände aus Kartonröhren und Stoffvorhängen kreiert, die vor Ort schnell und unkompliziert aufgebaut werden können. Der Kunst Raum Riehen bietet nun einen Einblick in das Schaffen von «BAN + VAN».

Aufbau von Zelten aus Kartonröhren und Planen nach dem Erdbeben in Haiti 2010.

Shigeru Ban setzt sich bereits seit längerer Zeit mit den optimalen Behausungen für Katastrophenopfer auseinander. 1999 in Flüchtlingslagern in Ruanda kamen erstmals von ihm geschaffene Zelte aus Kartonröhren und UN-Planen zum Einsatz. Sie sollten die Flüchtlinge vor Sonne, Wind und Regen schützen, gleichzeitig aber nicht zuviel Komfort bieten – schliesslich sollen Notunterkünfte die darin Untergebrachten nicht so sehr verwöhnen, dass sie nicht wieder zurückkehren oder weiterziehen möchten.

Ban geht bei seinen Behausungen auf die jeweiligen Begebenheiten ein. Nach dem Erdbeben in Kobe (1995) schuf er Blockhäuser, die auf Bierkisten standen, die Wände aus leeren Kartonröhren, das Dach aus einer Plane gefertigt. Dieselben Häuser wurden in Indien im Jahr 2001 genutzt, allerdings mit einem Schilf- und Bambusdach versehen. In der Türkei waren zwei Jahre zuvor nach dem Erdbeben bei Izmit die Kartonröhren mit geshreddertem Papier gefüllt worden, zur Wärmeisolation.

Tun mit Zweck

Shigeru Ban wollte einst nicht nur Häuser für reiche Menschen bauen oder Konzerthallen oder Museen, genauso wenig wie er Jurist oder Arzt werden wollte, weil er dann immer nur schlechte Nachrichten überbringen müsste. Sein Tun sollte einen Zweck haben. Wenn er heute aus Containern Übergangsbehausungen baut für jene Menschen, die zurück wollen in ihre zerstörtes Dorf und dort eine erste Unterkunft brauchen, dann nicht nur, weil sie einfach stapelbar sind, sondern auch deshalb, weil diese Container später an einen anderen Ort transportiert werden könnten, um dort erneut ihren Zweck zu erfüllen.

Modell der stapelbaren Containerhäuser – ein Projekt, mit dem Ban soeben einen Wettbewerb für temporäre Häuser für die Opfer der Katastrophe in Japan gewann.

Auch das Bauen mit Papier ist für Ban nichts Neues, der Japaner gilt als Vorreiter der sogenannten «Paper Architecture». Die Kartonröhren verwendete er ursprünglich als Ersatz für die klassische Säule. Papier hat in der japanischen Tradition seine ganz spezielle Bedeutung. Bei der Konstruktion von Notunterkünften kommt ihm jedoch eine ganz lapidare zu: Es ist günstig in der Produktion und problemlos zu entsorgen. Die ökologischen Seiten sind für Ban wichtig, wenn er auch laut eigener Aussage «zufällig darauf kam», diese Materialien auch in seinen Hausentwürfen zu bevorzugen.

Die von ihm entworfenen Notunterkünfte sind ausserdem äusserst einfach zusammenzubauen. Der Aufbau geschieht immer unter Beteiligung der Menschen vor Ort. Diese zu involvieren sieht der Architekt als ebenso wichtig an wie den Umstand, dass überhaupt ein Architekt an der Planung solch temporärer Unterkünfte beteiligt ist. Gerade bei Zelten etwa denkt der nicht ausgebildete Mensch wahrscheinlich kaum daran, eine Ablaufrinne für das Regenwasser um das Zelt herum zu ziehen.

Die Riehener Ausstellung, die in nur knapp einem Monat zustande kam, zeigt solche wesentlichen Kleinigkeiten, auch wenn sie aus Platzgründen auf vieles verzichten muss. Doch gerade bei einigen dieser Kleinigkeiten gerät man möglicherweise ins Grübeln und wird auch im Tram auf dem Nachhauseweg noch Weiterdenken. Und hoffentlich auch noch Monate danach.

Vernissage der Ausstellung «Ban + Van» im Kunst Raum Riehen ist am Freitag, 29. Juli, um 19 Uhr. Die Ausstellung läuft vom 30. Juli bis zum 4. September.

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