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Die lange Suche nach frischem Blut

karen gerig am Mittwoch den 20. Juli 2011

Im Projektraum M54 werden jedes Jahr die neuen Mitglieder der visarte ausgestellt. Auffällig: Es sind kaum junge Künstler darunter. (Foto Daniel Desborough)

Der Berufsverband visuelle Kunst «visarte» hat ein Nachwuchsproblem. Seit Jahren fällt auf, dass an den Präsentationsausstellungen der neuen Mitglieder erstens sehr wenige Positionen vorhanden und zweitens junge Künstler kaum darunter zu finden sind. Woran das liegen mag, kann man nur mutmassen. «Um das Image der visarte steht es leider nicht zum besten», sagt Enrico Luisoni, Präsident der visarte Region Basel. Er hat recht: «Altbacken», «zu wenig innovativ» oder «langweilig» sind Wörter, die eigentlich immer fallen, wenn man Kunstschaffende zur Visarte befragt. Selbst solche, die Mitglied sind, wünschten sich mehr Engagement – eine bessere Nutzung des angeschlossenen Ausstellungsraumes Projektraum M54 an der Mörsbergerstrasse etwa, oder auch vermehrte Kunstevents.

Zu letzterem bräuchte es aber vor allem eines: Geld. Und das fehlt an allen Ecken und Enden. Auch, weil Mitglieder und damit Mitgliederbeiträge fehlen, von denen die visarte hauptsächlich lebt. Aber auch, weil der Projektraum M54 als vermeintlich dem Berufsverband gehörende Institution keine Unterstützung erhält – der Betrieb kann nur dank Vermietungen und Beiträgen der Fördermitglieder und «Freunde des Projektraums M54» aufrecht erhalten werden. Vor allem aber ist die bereits erwähnte Überalterung verantwortlich für das sprichwörtlich «altbackene» Image. Mit Neuerungen will man nun mehr frisches Blut in die Institution bringen. «Wir wollen wieder ernstgenommen werden», sagt Luisoni.

2001 war die visarte aus der 1866 unter anderem von Ferdinand Hodler gegründeten GSMBA (Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten) hervorgegangen. 18 regionale Gruppen und rund 3000 Mitglieder zählt sie schweizweit, in der Region Basel sind es zirka 270. Die Aufnahmebedingungen sind anspruchsvoll: Neben einer abgeschlossenen Ausbildung als Künstler muss eine kontinuierliche und professionelle Tätigkeit nachgewiesen werden. Wer weniger als 50 Prozent seiner Arbeitszeit in die Kunst investiert, hat keine Chance.

Gerade junge Künstler aber können diese Anforderungen kaum erfüllen. Deshalb nützt auch die Werbung wenig, die die visarte Region Basel an der Hochschule für Gestaltung regelmässig macht. Auch andere Verbandsgruppen spüren dies. Seit kurzem gibt es deshalb die «Newcomermitgliedschaft». Um diese zu erhalten, muss man erst einen Teil der Aufnahmekriterien erfüllen. Allerdings müssen die Newcomer innert drei Jahren nach ihrer Aufnahme den Nachweis über die Erfüllung der Aktivmitgliederkriterien erbringen. Ein Newcomer kann überdies noch nicht von denselben Leistungen des Verbands profitieren wie ein Aktivmitglied. Die Sozialleistungen sind aber nicht der Hauptgrund, weshalb Kunstschaffende bei der visarte Mitglied werden wollen. Es geht auch um Solidarität und darum, unter ihresgleichen gut aufgehoben zu sein.

Während ein Newcomer jährlich 60 Franken bezahlt, kostet die volle Mitgliedschaft 240 Franken. «Wir mussten die Mitgliederbeiträge kürzlich anpassen», erklärt Luisoni. «Die alten Beiträge reichten nicht einmal, um unsere Grundkosten zu decken.» Noch immer aber muss gespart werden, auch wenn die meiste Arbeit der Verbandsleute ehrenamtlich geschieht. Die Zentrale in Zürich zog deshalb kürzlich in eine kostengünstigere Lokalitäten um.

Ausgegeben wird das Geld, das auch durch Solidaritätsbeiträge der Mitglieder bei Ankäufen oder Aufträgen durch die öffentliche Hand und Institutionen geäufnet wird, hauptsächlich für die Leistungen, welche die visarte für die Künstler erbringt: Für den Unterstützungsfonds etwa, für Atelier- oder Transportversicherungen, für eine Rechtsberatung, für die Taggeldkasse, oder neu auch für eine individuelle Pensionskassenlösung, für welche die Visarte mit den Pensionskassen «Musik & Bildung» und «Cast» (für Schweizer Bühnenschaffende) zusammenarbeitet. Diese Möglichkeit werde zwar noch nicht allzu rege genutzt, doch das liege hauptsächlich daran, dass das Projekt noch sehr jung sei, betont Eva-Maria Würth, Mitglied des Zentralvorstands der Visarte Schweiz. Die beiden Partnerpensionskassen würden aber regelmässig Anfragen von Kunstschaffenden erhalten, die sich beraten lassen. «Ab einem gewissen Alter macht aber das Einrichten einer Pensionskasse auch keinen Sinn mehr», sagt Würth. Der Aufbau einer 3. Säule sei da empfehlenswerter.

Dass man es überhaupt geschafft hat, endlich eine Pensionskasse einzurichten, freut Luisoni: «Es war lange überfällig.» Hier ortet nicht nur er auch ein Versagen der Politik, die zwar die Sozialbedingungen für Selbstständige stetig verbessert, die Kunstschaffenden aber ebenso stetig aussen vorlässt. «Hier hat die Visarte eines ihrer Haupteinsatzgebiete – im Lobbying für die Sache der Kunstschaffenden, im Bundeshaus genauso wie auch bei den einzelnen Kantonsregierungen», sagt Luisoni. Doch auch für diese Werbung tut eine Imagekampagne Not, ist es doch eher die Suisseculture, der Dachverband der professionellen Kunstschaffenden, die bei den Politikern zumindest auf nationaler Ebene bekannt und deshalb relevanter ist als die Visarte.

Die politische Frage, was den Künstler in der Gesellschaft ausmache, stelle sich immer von Neuem, auch weil das Berufsbild sich laufend ändert, sagt Enrico Luisoni. Dass die visarte sich diesem Wandel anpasst, war schon lange nötig. Dazu gehört auch die vermehrte Öffnung nach aussen. Ende Mai hat der Zentralvorstand beschlossen, dass Regionalsektionen nun selber auf Künstlersuche gehen können. Bis anhin lag die Auswahl der Mitglieder in der Hand der Zentrale in Zürich, was auch Luisoni kritisierte. «Das alte System machte  wenig Sinn, denn wir in der Region kennen die hiesige Kunstszene und die Kunstschaffenden am besten», sagt Luisoni. «Es gibt zudem viele Quereinsteiger, die auch ohne Diplom auf professioneller Basis gute Kunst machen», erklärt er weiter. «Diese ganz auszuschliessen, empfinde ich als falsch.»

Mit dieser Erkenntnis macht man zumindest schon einen Schritt in die richtige Richtung, und auf Papier klingen die strukturellen Neuerungen ansprechend. Ob sie aber den erwünschten Erfolg und damit mehr Mitglieder und Geld (ein-)bringen werden, muss sich erst noch zeigen.

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