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«Wachstum ist leider absolut nicht kontrollierbar»

karen gerig am Freitag den 20. Mai 2011

Sabine Schaschl. (Foto H. Muchenberger)

Heute Abend um 19 Uhr eröffnet im Kunsthaus Baselland die neue Ausstellung mit dem Titel «Über die Metapher des Wachstums». Wir haben uns mit Direktorin Sabine Schaschl über die Ausstellung und das Wachstum im Allgemeinen unterhalten.

Über welche Art von Wachstum sprechen wir?
Sabine Schaschl: Wenn wir heute von Wachstum reden, dann haben wir meist verschiedene Begriffe im Kopf. Das eine ist ein Wachsen, wie wir es aus dem Alltag kennen – also zum Beispiel die Pflanzen, die wachsen, der Wald, der wächst, die Kinder, die wachsen. Die biologische Seite des Wachstums sozusagen. Wir verwenden den Begriff aber auch im übertragenen Sinne. Wir wollen beispielsweise ein permanentes Wirtschaftswachstum finden. Am liebsten hätten wir auch, dass die natürlichen Ressourcen ständig nachwachsen. Wachsen heisst jedoch zwar von Klein auf Gross, doch es gibt den Alterungsprozess, irgendwann stirbt die Pflanze ab, stirbt leider auch der Mensch. Das sind die Seiten, die man nicht so gerne hat. Auch bezüglich des Wachstums auf einer Ressourcenseite möchte man nicht von einem Vergehen oder gar von Tod sprechen, sondern man möchte, dass es immer und immer weiter geht und am besten noch progressiv ansteigt.

Wachstum ist also im Grunde etwas Positives, aber es gibt auch negative Seiten?
Genau, das war auch der Ausgangspunkt für die Ausstellung. Das Wachsen ist natürlich apriori etwas sehr Positives, bei genauerer Betrachtung aber kommen wir sehr schnell drauf, dass ein grenzenloses Wachstum für alle schädlich ist. Man spricht ja heute nicht umsonst auch von einer Wachstumsskepsis. Es gibt verschiedene Bewegungen, die ein kontrolliertes Wachstum verlangen, bei Ressourcen etwa oder auch im Bereich der Nahrungsmittel. Wie schafft man beispielsweise einen Anstieg an Nahrungsmittelproduktion und verursacht keinen Schaden bei der Produktion? Hier stösst man auf die negativen Seiten des Wachstums.

Wie setzen die Künstler dies um?
Auf sehr unterschiedliche Weise. Einige gehen sozialkritisch mit diesem Wachstumsphänomen um, andere sind vielleicht mehr metaphorisch zugange. Der dänische Künstler Tue Greenfort zeigt bei uns eine kleine, unscheinbare Skulptur, bestehend aus einem Kilo geschmolzenen Pet-Flaschen. Wenn man seine Überlegungen zur Arbeit liest, so erfährt man, dass es zur Herstellung einer 1-Liter-Petflasche 17 Liter Wasser braucht und zudem diverse Schadstoffe produziert werden. Das ist eine durchwegs sehr kritische Position zum Thema Wachstum. Mark Boulos synchronisierte Doppelprojektion mit dem Titel « All that is solid melts into air» könnte man dokumentarisch nennen. Er stellt sehr überzeugend gegenüber, wie Ölfirmen, die sich im Nigerdelta angesiedelt haben, der Bevölkerung die Lebensgrundlage zerstört und gleichzeitig an der Börse in Chicago Rohöl gehandelt wird. Man kann in dieser Arbeit wunderbar und auf gleichzeitig erschreckende Weise die Produktionsbedingungen bis hin zur Wertsteigerung verfolgen.

Es gibt in der Ausstellung auch Arbeiten, die vor Ort weiterwachsen – ist Wachstum eigentlich kontrollierbar?
Wachstum ist leider absolut nicht kontrollierbar. Wir haben das selber in der Ausstellungsvorbereitungsphase miterleben müssen. In einer Arbeit von Michel Blazy wächst Badeschaum aus einer Mülltonne – und wächst und wächst. Zumindest sollte es so sein, aber es gibt immer diverse Parameter, die von vornherein nicht kalkulierbar sind, in diesem Falle, wie die Klimabedingungen sind oder welcher Badeschaum verwendet wird etc. Nur der Schaum, der schnell genug wächst, erzeugt auch eine schöne Form, wodurch er als Kunstwerk natürlich umso überzeugender wirkt.

Wenn man eine Ausstellung zum Thema Wachstum konzipiert, kommt man dann nicht schnell vom hundertsten ins Tausendste und steht vor einem Berg von Arbeiten, die infrage kämen? Wie trifft man da eine Auswahl?
Das Thema ist in der Tat sehr breit. Es gibt allerdings gar nicht so viele Arbeiten, die mit Wachstum zu tun haben. Es gibt viele, die auf einer rein visuellen Ebene schnell damit in Verbindung gebracht werden können. Klar könnte ein Maler sagen, meine Farben wuchern über den Bildrand hinaus, aber darum geht es eigentlich nicht. Das ist dann doch etwas zu banal. Wir haben schon versucht, uns zwischen den Polen Biologie und Gesellschaftskritik zu bewegen. Doch es sollte eine Ausgewogenheit da sein zwischen diesen Ansätzen, das war uns wichtig.

Die Ausstellung wächst quasi über das Kunsthaus hinaus, es sind eigentlich drei Ausstellungen, zusammen mit dem Kunstverein Hannover und dem Frankfurter Kunstverein. Was verpassen die Basler, wenn sie nicht in den Norden fahren?
In den anderen Häusern hat es vielleicht ein paar Arbeiten mehr. Die beiden deutschen Häuser haben etwa mehr Wert gelegt darauf, deutsche Künstler zu zeigen, während wir uns mehr auf die Schweizer konzentriert haben. Im Grunde aber geht es um das gleiche Thema und wir haben alle dieselben Schwerpunkte gesetzt.

Und ausserdem: Das Kunsthaus Baselland soll zwar nicht wachsen, aber in einigen Jahren auf das Dreispitzareal umziehen. Noch immer allerdings fehlen dazu die Gelder und die politischen Grundlagen. Sabine Schaschl dazu: «In Liestal schweigt man.» Wir warten also weiter auf diesbezügliche News, während kommende Woche das Haus für elektronische Künste, das dereinst mit dem Kunsthaus zusammen den Neubau beziehen soll, seine Eröffnung im Provisorium feiert.

Die Ausstellung «Über die Metapher des Wachstums» läuft bis zum 10. Juli. Und für alle die, die nicht in den Norden fahren können und trotzdem was über die anderen Ausstellungen erfahren wollen, gibt es einen Katalog, der alle Künstler vereinigt.

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