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Die Stühle des Grauens

karen gerig am Montag den 9. Mai 2011

Medienmitteilungen sind meist eine trockene Angelegenheit und lösen bei uns Redaktoren kaum Reaktionen aus. Anders war es am Montagmorgen mit der Mitteilung der Girsberger Seating. Diese teilte uns erfreut mit, dass sie die Bestuhlung der Kleinen Bühne im Theater Basel saniert hätten. Spontane Reaktion darauf: «Oh Nein!» Denn wohl jeder, der diese über dreissig Jahre alten, lederbespannten Sitzgelegenheiten kennt, wünschte sich wohl statt Sanierung einen kompletten Austausch der Bestuhlung.

Erfüllen vielleicht ästhetische, aber keine ergonomischen Wünsche: Die Klappsitze der Kleinen Bühne im Theater Basel.

Dieselben Ledersitze finden sich auch im kult.kino atelier 2. Dort wurden sie mit Nackenstützen versehen, und am Eingang gibts dazu ein Sitzkissen – damit man die Filme, die nicht selten Überlänge haben, auch ohne Rückenschaden übersteht. Im Theater Basel gibts weder das eine noch das andere.

Die Metallrahmen der 458 Klappsitze im Theater wurden nun also mit «4 mm starkem Kernleder» neu bespannt und die Spannfedern ersetzt. Diese Sanierung war vom Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) des Kantons Basel-Stadt in Auftrag gegeben worden. Der Entscheid dazu fiel, weil die Bestuhlung platzsparend und kompakt sei. Ein Ersatz hätte, so die Begründung, zwangsläufig die Anzahl der Sitzplätze reduziert. Zum anderen habe sich die Sanierung «aus ästhetischen, ökonomischen und ökologischen Erwägungen» empfohlen. Es überrascht nicht, dass das Wort ergonomisch in dieser Liste nicht aufscheint. Und wir wagen zu behaupten: Müsste man beim BVD auf solchen Stühlen sitzen – sie würden sicher nicht annähernd dreissig Jahre überdauern.

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8 Kommentare zu “Die Stühle des Grauens”

  1. Kaspar Tanner sagt:

    Die gleiche Geschichte wie mit den neuen Schulstühlen Basels. Wer auch immer diese Stühle gekauft hat: Entweder ist er Rollstuhlfahrer und nicht (mehr) auf fremde, bequeme Stühle angewiesen, oder er hat eine fette Provision einkassiert.
    Ich bin ja nicht gegen den Service Public. Aber solche Dinge passieren überall dort, wo Kundenorientierung ein Fremdwort ist. SOLCHE Staatsstellen kann man ersatzlos streichen. Die direkt Betroffenen hätten für einen Bruchteil des Geldes Stühle gefunden, auf denen man sogar über 15 Minuten sitzen kann…

    • Schorsch sagt:

      Und genau dieses Problem muss der Wähler lösen, indem er in Zukunft nur noch die Politiker wählt, die auch fähig und gewillt sind mit Steuergeld verantwortungsbewusst umzugehen.

      • Stephan Knüppel sagt:

        An was erkennt man einen fähigen und verantwortungsbewussten Politiker?

        • Kaspar Tanner sagt:

          ..ich weiss nicht genau, woran man einen fähigen und verantwortungsbewussten Politiker kennt. Was ich aber weiss, ist dass man möglichst viel Verantwortung nach unten delegieren muss. Die Front weiss eher, wo der Schuh drückt als die Etappe. Und da sie die Fehlentscheide schnell zu spüren bekommt, sind ihre Entscheide auch sehr pragmatisch.
          Man hätte bei der Theaterbestuhlung unter anderem auf die Platzanweiserinnen hören sollen – diese kriegen den Groll der Theaterbesucher als Erste mit. Aber das Theaterpersonal hat natürlich keinen Dr.-Titel, und Erfahrung und gesunden Menschenverstand kriegt man erst nach 8-12 Semestern Uni. Ich weiss.

  2. Albrecht Sieber sagt:

    Das mit den fehlenden Kissen stimmt nicht: Es liegen welche bereit und helfen ganz gut über die Runden. Leider sind es wohl nur gerade ein Dutzend und sie sind schnell weg – aus begreiflichen Gründen…

  3. Rita sagt:

    Ich nehme jeweils mein eigenes Kissen im Rucksack mit. Ansonsten ist es ja nicht auszuhalten. Und schade für den Bühnenautor, wenn das Publikum während des Stücks nur an seinen Hintern denkt….

  4. Renato Lappert sagt:

    Tja, wir haben schon wirklich grauenerregende Probleme hier. Denn diese Stühle des Grauens sehen etwa 0,00000001 Promille der regionalen Wohnbevölkerung.

    Sicherlich sind die Stühle des Grauens nicht an den Auslastungszahlen des Grauens schuld. Sondern die oft wenig gekonnten Vorstellungen. Diese reissen einen leider selten aus den Stühlen des Grauens. Immer der gleiche Gedanken-Mainstream des Grauens. Ich weiss es, denn ich kenne diese Stühle des Grauens auch vom Sitzen. Immerhin riechen sie gut, nach frischem Leder, die Stühle, meine ich.