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Entwicklungshilfe aus dem Nordwesten

Joel Gernet am Donnerstag den 24. Januar 2013

Frisch in Umlauf: Das Video «Entwickligshilf» zum gleichnamigen Album wurde komplett von Jakebeatz (PW-Records) realisiert. Er war auch für Mix und Mastering des Albums zuständig.

Mit ihrem frisch erschienenen Kollabo-Album wollen die Basler Rapper Chilz (29) und Kush (25) mit Rückendeckung des Beatproduzenten M-Skills (35) der Schweizer Rapszene «Entwickligshilf» leisten. Die Ausgangslage dabei ist in etwa folgende: Ein zu grosser Teil des Schweizer Rap ist schlecht, langweilig und degeneriert. Der eigene Sound ist das Gegenmittel – eine ziemlich verbreitete Haltung unter Rappern. Es gibt wohl keine Musiker-Spezies, die sich in vergleichbarem Mass selber zerfleischt – und überhöht. Auch darin liegt der Reiz roher Rapkost wie sie uns Chilz und Kush hier vorsetzen.

Und das Dargebotene schmeckt. Insbesondere die Raps der beiden K.W.A.T.Mitglieder überzeugen über weite Strecken. Und zwischendurch sorgen Exploits wie das Doubletime-Schnellfeuer von Chilz auf «Micro Check» oder Kushs kranker Solo-Song «Niemols mied» für Entzückung und die richtige Würze. Der Beat zum eben genannten Track gehört zu den Highlights des Albums. Hier hat Produzent M-Skills ein Flickwerk an Sound-Samples zu einem wunderbar schleppenden, stimmungsvoll-verpeilten Mosaik zusammengesetzt. Die perfekte Unterlage für Kushs rustikale Raps. Genial auch, wie M-Skills – diesmal in Funktion des DJs – mit der Stimme des Rappers spielt und scratcht. Ein Stil-Element, das auf dem Album immer wieder eingesetzt wird und das viel zum Hörgenuss beiträgt. Man hat das schöne Gefühl, die Hand des DJs schwebe ständig über der rotierenden Platte, immer parat zum funky Eingriff. Dass dieses Album auch in streng limtierter Auflage auf Vinyl erscheint, ist nichts als konsequent.

Prost: Chilz on Stage.

Ohnehin wird dem DJ auf dieser Platte viel Platz eingeräumt. Nicht nur in Form von Scratch-Breaks, sondern auch mit einem eigenen Track. Auf «The World Needs More Skills» kann M-Skills zwei Minuten lang seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen, ohne, dass ihm Chilz und Kush dreinreden.

Die Durchschlagskraft und den Biss, die der 35-Jährige hier an den Tag legt, vermisse ich bei seinen Beats leider zu oft. Sie sind in ihrer reduzierten, Sample-basierten Machart und ihrem düsterem Vibe zwar ansprechend gestrickt, auf Dauer fehlen aber die Abwechslung und der Druck. Zu oft rollt der Beat-Loop auch im Refrain – sofern die Rapper überhaupt einen geschrieben haben – unbeirrt weiter. Umso positiver wirken die Beat-Wechsel, die M-Skills bei Songs wie «Frooge im Kopf» oder «d’Stross» eingebaut hat.

Die beiden Tracks repräsentieren das Album thematisch eigentlich ziemlich gut. Während auf «d’Stross» Stadtgeschichten mit düsteren Hausfassaden und vom Leben gezeichneten Menschen erzählt werden, beeindruckt «Frooge im Kopf» mit zum Teil ziemlich persönlichen Zeilen von Chilz und Kush. Es ist einer der stärksten Songs auf «Entwickligshilf». Zum Kopfnicken und Grinsen animiert «BFP». Ein Stück über die alten Zeiten, in denen die beiden Rapper in einer gemeinsamen WG beim Burgfelderplatz die Nachbarn in den Wahnsinn trieben – und Grünzeug unter die Leute brachten. Auf «Was?» beweist Chilz zudem, dass er auch auf Französisch hervorragend reimen kann.

Gegen das Ende des Albums folgen zwei inhaltlich starke Songs: Auf «So isch s Läbe» spricht Kush hilflosen Menschen Trost aus und Chilz die erzählt die Story einer Lady vom Land, die in die Stadt zieht und dort abstürzt. Und in «Dr letschti Daag» schildern die beiden eindrücklich, was sie in ihren letzten Stunden machen würden – hier irritiert leider der Refrain mit der vom Vocoder verfremdeten Stimme etwas. Geschmackssache.

Kush an der Plattentaufe seines Debutalbums «Karisma».

Auf «For My People» wird Freunden gehuldigt über einen Beat, der mit seiner Heiterkeit auffällt auf diesem Album. Damit das Ganze kein zu versöhnliches Ende nimmt, packen Chilz und Kush auf «Tsch’zämme» ein letztes mal Kampfansagen aus. Schliesslich geht es hier ja darum, der restlichen Schweizer Rapszene Entwicklungshilfe zu leisten. Dies gelingt den Rappern nicht immer, aber über weite Strecken.

Die CD beweist jedenfalls, dass man Chilz und Kush besser im Auge behält. Schliesslich arbeiten beide zur Zeit an einem Solo-Album. Eine gute Perspektive in Anbetracht des vielversprechenden Solo-Debuts von Kush (2011) und den unglaublichen Fortschritten, die Chilz in den letzten Jahren gemacht hat. Zwei weitere Ladungen Entwicklungshilfe werden der Szene jedenfalls nicht schaden.

Erhältlich ist «Entwickligshilf» von Chilz, Kush & M-Skills in den Basler HipHop-Geschäften 4Elements (Gerbergässlein) und Ace Records (Steinentorstrasse). Neben der CD gibt es eine auf 100 Stück limitierte Auflage auf Vinyl.

Entwicklungshelfer: Kush, M-Skills und Chilz.

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Ein Kommentar zu “Entwicklungshilfe aus dem Nordwesten”