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Varoufakis in Rage

Ewa Hess am Dienstag den 6. Oktober 2015

Er sprach als Letzter und enttäuschte nicht: Der griechische Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis hat in Moskau verbal um sich geschossen. «Ihr Künstler und Kulturschaffende», sagte er zum Publikum der 6. Moskauer Biennale, «solltet von den Mächtigen eurer Länder gefürchtet sein. Falls ihr das nicht seid, macht ihr euren Job einfach nur – lausig.»

Was: 6. Moscow Biennale of Contemporary Art
Wann: 22. September bis 1. Oktober 2015
Wo: Ausstellungspark VDNKh (Exhibition of Achievements of the People’s Economy) in Moskau

Die Moskauer Biennale, muss man wissen, ist unter den Biennalen dieser Welt das Aschenputtel. Das heisst, noch geht sie in Küchenschürze und putzt die Klinken, könnte aber schon morgen die Prinzessin sein. Denn auch wenn die Veranstaltung gegenwärtig weder über Ressourcen noch über Einfluss in Putins Imperium verfügt, so ist sie doch immerhin die wichtigste Kunstbiennale in Moskau – der exotischen Schönen unter Europas Kapitalen. Die erst noch in Sachen zeitgenössische Kunst beinahe jungfräulich vor sich hin schlummert (bis auf Dascha Schukowas neues Museum «Garage», über das ich vor wenigen Monaten hier berichtet habe).

Als ich im Juni am Rande der Garage-Eröffnung in Moskau ein vertrautes Gespräch mit Joseph Backstein führte, dem Chef der Biennale, war nicht einmal die Durchführung der Veranstaltung sicher. Backstein, so etwas wie das Moskauer Urgestein in Sachen zeitgenössische Kunst (er leitete das ICA Moscow in den 1990er-Jahren), klagte über Unsicherheiten – finanziell und politisch. Doch offensichtlich haben Backstein sowie die westlichen Co-Kuratoren Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schafhausen aus der Not eine Tugend gemacht, denn die Biennale fand statt, und zwar nicht als eine teure Installation, sondern als ein spontan organisiertes 10-tägiges Think-in (das ist so etwas wie ein Sit-in, nur dass man dabei fest nachdenkt).

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«Ihr habt euren Job lausig gemacht»: Giannis Varoufakis liest den Künstlern in Moskau die Leviten. Screenshot: ORT

Das Highlight kam am Schluss – die Rede des charismatischen Euro-Rebellen Varoufakis am Sonntag. Sie wurde auf dem staatseigenen, im Ausland tätigen Sender Russia Today live übertragen – denn seit der Grieche den Bad Boy auf dem europäischen Polit- und Finanzparkett gegeben hat, wird er von der Putin-Administration gehätschelt. Wohl nach dem Motto: Wir mögen alle, die jene ärgern, die uns ärgern.

Varoufakis, dem eine künstlerische Grandezza nie abgesprochen werden konnte, biss in seinem Vortrag heftig in die Hand, die ihn füttert und beleidigte gezielt die Veranstalter. Er erklärte die Kunst in Europa für scheintot und griff die Kuratoren an, die ihn nach Moskau eingeladen hatten. Die Musik, die Kunst, sogar das Theater, führte er aus, litten unter der Dominanz des Marktes. Die sich auch darin äussere, dass postmodernistische Kuratoren – wohlverstanden gesponsert aus den Taschen der Grossfinanz (der Sponsor der Biennale ist eine baltische Bank) – Ökonomen als Redner an Kunstanlässe einlüden. Also ihn.

Haben sie ihren Job lausig gemacht? Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schaffhausen, die Kuratoren der Moskau-Biennale

Haben sie ihren Job lausig gemacht? Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schafhausen, die Co-Kuratoren der Moskau-Biennale. Foto: PD

Ökonomen, klagte der Ex-Finanzminister, regieren die Welt. Und den Ökonomen wurde beigebracht, dass Kunst in jeder ihrer Ausprägung nur eine Verzierung der wichtigen Welt sei. Und da unter der Dominanz des Marktes nur die Tauschkraft des Objekts, nicht sein ideeller Wert, zähle, ist die Kunst zum Rohstoff geworden, zu einer Art Reservoir für «spielerisches Querdenken». Als eine «Commodity» wird sie von geschäftstüchtigen Auktionatoren und Galeristen verwaltet, von den selbstherrlichen Kuratoren ins Unverständliche postmodernisiert, von den bürokratischen Förderinstitutionen aller Art gleichgeschaltet und gesäubert.

Viertklassiges Design von einem drittklassigem Designer: fiktive Brückenbögen auf der Euro-Note

«Viertklassiges Design von einem drittklassigen Künstler»: Fiktive Brückenbögen auf der Euronote.

Dabei sei sie ein wichtiges Instrument der Welterkenntnis. Hier einige von Varoufakis’ Beispielen für die Kunst als Indikator der politischen Verhältnisse: Die Kunst von Picasso war besser als diejenige von den Künstlern, die das Franco-Regime unterstützte. Und die Musik der Sandinisten  besser als diejenige der Contras. Beethovens 9. sei besser gewesen als die preussischen Hymnen der Zeit – auch wenn des Komponisten Begeisterung für Napoleon später einen Schiffbruch erlitt.

Vor allem aber zeige das Design der Euronote, dass Europa nicht korrekt zusammengewachsen sei. Die gemeinsamen Banknoten zierten weder Akropolis noch Kolosseum noch der Kölner Dom, sondern von einem viertklassigen Grafiker entworfene fiktive Bogenbrücken – weil man sich nicht darauf einigen konnte, was gezeigt werden sollte.

Kitsch oder Kunst? Für Varoufakis eine wichtige Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Bild die Skulptur «Arbeiter und Kolchoz-Frau», Zuckerbäckerstil der VDNKh-Pavillons, Mosfilm-Logo

Kitsch oder Kunst? Für Varoufakis ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Gut und Böse. Im Bild die Skulptur «Arbeiter und Kolchos-Frau», Zuckerbäckerstil der VDNKh-Pavillons, Mosfilm-Logo. Bild: PD

Man muss auch noch wissen, dass das Ganze auf dem Gelände von VDNKh stattfand, dem sowjetischen Ausstellungspark mit den Pavillons der Republiken, wo der sowjetische Architekturkitsch noch in seiner ungesäuberten Pracht zu besichtigen ist, inklusive des Kosmos-Pavillons mit Rakete davor und der goldenen Skulptur des Kolchos-Paares mit Hammer und Sichel in der erhobenen Hand, die man als Logo der sowjetischen Filme kennt.

«Es braucht keine Gulags mehr», redete sich Varoufakis in Rage, «Subversion der Kunst wird neuerdings an der Börse gehandelt! Eurokraten, Kuratoren und Auktionshäuser haben die Künstler besser als jeder Polizist zum Schweigen gebracht.»

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Und plötzlich schnitten sie ihm das Wort ab: Varoufakis redet sich in Rage.

Und dann geschah es: Gerade als der Grieche der Welt erklären wollte, mit welchen politischen Mitteln man «die dunkle Seite der Macht» neutralisieren könnte, um die subversive Kunst zu retten, schnitt ihm die Live-Aufzeichnung von Russia Today das Wort ab, die weiteren Worte des Redners gingen unter.

Gemessen an seinem eigenen Massstab, muss er seinen Job verdammt gut gemacht haben.