Beiträge mit dem Schlagwort ‘Wolfgang Tillmans’

Tillmans’ Offenbarungen

Ewa Hess am Mittwoch den 13. September 2017

Es gibt einen Saal in der Ausstellung von Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler, der mich verblüfft hat. Da sieht man Bilder von offenen Kopiergeräten, aus welchen ein mystisches Licht nach aussen dringt. Im gleichen Saal sieht man auch ein Bild von einem rot und rosa aufglühenden Himmel – interessante Inszenierung. Ich schaute mir diese Saalinstallation kurz vor dem Artist Talk mit Tillmans in Riehen an. In diesem Saal erschienen Kopierer, diese allzu prosaischen Geräte, fast wie Boten einer anderen Welt.

Was: Artist Talk mit Wolfgang Tillmans, organisiert von Fondation Beyeler und UBS
Wann: 7. September 2017
Wo: Fondation Beyeler in Riehen (Die Ausstellung dauert nur noch bis 1. Oktober – don’t miss)

Übersinnliche (und sehr sinnliche) Kleidungsstücke: Wolfgang Tillmans, «Faltenwurf, shiny», 2001, und «Sportflecken», 1996, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne (Fotos: Maureen Paley, London, David Zwirner, New York)

Und wie das manchmal einfach so, ohne Vorwarnung, passiert, haben diese Kopiererbilder meinen Blick auf das Werk des deutschen Fotokünstlers in eine ganz neue Bahn gelenkt. Ich dachte nämlich bisher an Tillmans als an einen vor allem sozial interessierten Fotografen. Und sah seine Werke als Erzählungen, Geschichten von Menschen und ihren Lebenszusammenhängen. Auch die abstrakten kann man so lesen! Als Spuren des Lebens.

Doch die Kopierer und auch die ganze Anordnung der Ausstellung in Riehen zeigten in eine etwas andere Richtung. Als ob es nicht nur um die Menschen und ihre Welt darin ginge, sondern um etwas mehr. Um was? Vielleicht um eine unsichtbare Aura (Walter Benjamin sprach von einer solchen). Mystiker aller Couleur ahnten eine «Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit» (auch der grosse britische Kunstdeuter John Berger).

Wolfgang Tillmans, dachte ich im Zug auf der Heimreise, ein Mystiker des technologischen Zeitalters? Ein Anti-Benjamin?

Wolfgang Tillmans, «Kopierer», e, 2010, und «Kopierer», a, 2010 (Photo courtesy Tillmans and Fondation Beyeler)

Wir erinnern uns, Walter Benjamin, der deutsche Philosoph im Pariser Exil, schrieb seinen berühmten Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» 1935, da war Faschismus in seiner Heimat so weit erstarkt, dass die visionären Köpfe einen nahenden Krieg für unausweichlich hielten. Benjamin hat in dem Aufsatz die technische Reproduzierbarkeit der Kunstwerke mit dem Aufkommen einer neuen Zeit zusammengedacht.

Die Kernaussage geht dahin (aber ich weiss, den Aufsatz kann man endlos deuten), dass unter den Bedingungen der technischen Produktion von Kunst (also in der Fotografie und im Film) die Aura des Kunstwerks «zertrümmert» werde. Dadurch komme es zu einer Emanzipation der Kunst, die aus ihrer kultischen (oder religiösen) Rolle befreit werde, die ja sowieso nur dienend war. Sie, die Kunst, erleide dadurch zwar einen Prestigeverlust, könne aber fortan für praktische Funktionen wie z. B. die Dokumentation der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der modernen Massen verwendet werden. Der Nachteil dabei: sie wird manipulierbar (siehe die faschistische Ästhetisierung der Politik).

Artist Talks ist ein Programm der Fondation Beyeler und von UBS. Wolfgang Tillmans im Gespräch mit Kuratorin Theodora Vischer. (Foto: Matthias Willi)

Und nun sass ich im unteren Saal der Fondation Beyeler dem grossen, ruhig sprechenden und klar formulierenden Deutschen gegenüber, der von seiner Kuratorin sanft befragt wurde. Von meinem Erlebnis in der Ausstellung oben sensibilisiert, sah und hörte ich auch hier lauter Hinweise auf diese neue Sicht. Tillmans sprach etwa vom «Wunder der fotomechanischen Medien». Keine reproduzierende Klappertechnik klang da heraus, wir waren mitten in einer durchaus kultischen Metaphorik.

Und als ob das des Numinosen nicht genug wäre, doppelte der Künstler nach, mit der während des Fotoprozesses stattfindenden «Verwandlung» – weil das Bild im «richtigen» fotografischen Prozess wie aus dem Nichts auf dem chemisch vorbehandelten Träger erscheint. Ich dachte über die übersinnlich strahlenden Kopierer, über die barocken Faltenwürfe der hundskommunen T-Shirts nach, und auch daran, dass mit dem Wort Verwandlung wir schon ganz nah an der Transsubstantion der katholischen Messe waren, in der sich ja Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu verwandeln.

Weder spontan noch gestellt: Wolfgang Tillmans, Lutz & Alex on beach, 1992

Tatsächlich, wenn man Wolfgang Tillmans so vor sich sieht, kräftig gebaut, mit Turnschuhen und seinem grossen, lachbereiten Mund, dann hat man manchmal Mühe, ihn mit der Behutsamkeit seiner Bilder zusammenzudenken. Im Gespräch mit Frau Vischer kam aber so deutlich wie selten zutage, wie suchend  Tillmans’ Schaffen ist. Stets sich selbst, seinen Objekten und seiner Kamera misstrauend, tastet er sich vorsichtig an Bilder heran, die weder spontan noch beabsichtigt sein sollen.

Bei Porträts, sagte er einmal im Verlauf des Gesprächs, würde er versuchen «die Kamera wegzurechnen». Distanznahme als ein Weg zur höheren Erkenntnis. Da war er wieder, der Anti-Benjamin. Hat doch der Pariser Flüchtling von damals gerade in der «eindringenden» Art der Kamera den Unterschied zu der ruhigen Distanziertheit der früheren Porträt-Maler gesehen.

Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler. (Foto: Matthias Willi)

Den Fotografien Wolfgang Tillmans kommt von vielen Menschen eine fast schon familiäre Zuneigung entgegen. Was zeichnet aber seine Bilder eigentlich aus? Er ist keiner, der einen ausgeprägten «Stil» hätte. Er fotografiert alles und wechselt souverän zwischen gänzlich abstrakten und sehr konkreten Motiven ab.

«Der Kunstwille ist der grösste Feind des Künstlers», sagt er mit seiner ruhigen Stimme während des Talks und horcht diesen Worten kurz nach. Der Künster ist  also ein Werkzeug einer höherer Macht? Hinter Tillmans  ist seine «Concorde»-Serie an die Wand gepinnt. Das Flugzeug erscheint auf diesen nicht ganz scharfen Blättern wie ein Besucher aus einer anderen Welt am Himmel – und verschwindet. Auch so eine Tillmans-Offenbarung.

Bedrohte Schönheit: Tillmans’ Bild «Ostgut-Freischwimmer» left, 2004

Zum ersten Mal wird mir in dieser Ausstellung und in diesem Talk klar, was dem modernen Fotografen Tillmans mit seinen manchmal atemberaubend schönen und manchmal irritierend chaotischen Bildern gelingt: Er schenkt dem technisch Reproduzierten die Aura des Kunstwerks wieder.

Für diese Interpretation spricht auch die Art, wie er seine Fotografien ausstellt. Mal solide gerahmt, mal als ungeschütztes Blatt an der Wand zitternd. Er habe so viel Respekt vor dem Blatt, gesteht er im Gespräch. Die Schönheit komme bedroht nun mal besser zur Geltung. Doch die Reinheit überlebe in einem Rahmen besser (falls ich mich richtig erinnere, ist sein Wort nicht «Reinheit», sondern «Purheit»).

«Concorde» 1997

Die Concorde-Serie, längst ausverkauft, habe er nie wiederauflegen wollen. Er erzählt die Geschichte ihrer «Verwaschenheit» – er habe aus Spargründen die Fotoflüssigkeiten so lange gebraucht, bis sie ganz erschöpft waren. Die Concorde-Bilder wurden mit solchen «müden» Flüssigkeiten entwickelt, sodass die Schwarztöne lila erschienen.

Dann trägt Tillmans seinen eigenen Text zur Serie vor: Concorde sei ein «supermoderner Anachronismus und ein Bild für den Wunsch, Zeit und Entfernung durch Technologie zu überwinden». Er sagt nicht «den vergeblichen Wunsch», doch dieses Adjektiv schwingt im Satz mit. Sage ich doch, die Benjamin’sche Aura. Wie heisst das im Aufsatz genau? «Einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.» Sie ist wieder da.

Schneeweisse Männerhälse

Blog-Redaktion am Mittwoch den 22. Februar 2017

Unsere London-Korrespondentin Brigitte Ulmer über die grossen Ausstellungen von Wolfgang Tillmans und David Hockney. Zwischen dem «postmodernen Flaneur» (Tillmans) und der «kanonisierten Glückspille» (Hockney) gibt es erstaunlicherweise Ähnlichkeiten. Wobei beide Bezeichnungen durchaus liebevoll gemeint sind! Aber lesen Sie selbst.

Von Brigitte Ulmer

Was: Wolfgang Tillmans: 2017. Tate Modern. Bis 11. Juni, David Hockney, Tate Britain. Bis 29. Mai.

Hans Ulrich Obrist hat ihm bereits 1995 eine Schau in der Serpentine Gallery ausgerichtet, Mendes Bürgi in der Kunsthalle Zürich im selben Jahr, da war Wolfgang Tillmans gerade 27-jährig, erst seit zwei Jahren einer Kunstschule im eher exotischen Bournemouth (UK) entsprungen, also kaum trocken hinter den Ohren und vor allem als Fotograf für die Kult-Postille «i-D» bekannt. Darin hielt er die Subkulturen zwischen Berlin und London fest. Fast forward 22 Jahre, und wir stehen in der monumentalen Retrospektive mit dem kurzen Titel «2017», und Chris Dercon, ehemaliger Direktor der Tate Modern und jetzt designierter Volksbühnen-Direktor in Berlin, flitzt durch die Säle und nennt Tillmans «Renaissance-Künstler des 21. Jahrhunderts». Im Mai kommt der moderne Leonardo übrigens in die Fondation Beyeler.

Der Künstler und sein Kurator: Ex-Tate-Chef Chris Dercon, Wolfgang Tillmans (ganz rechts). Alle Fotos: B. Ulmer

Von Über-Kuratoren seit Jahren hofiert, ist Tillmans in London dieser Tage erst recht everybody’s darling. Eigentlich ähnlich wie David Hockney, die kanonisierte Glückspille im Künstlerformat, die gerade 80 Jahre alt gewordene Legende (doch davon später). Dass Wolfgang Tillmans, 48 Jahre alt, ehemaliger Clubber, festes Mitglied der Subkulturen Berlins und Londons, Turner-Prize-Träger des Jahres 2000, offensichtlich auch bereits kanonisiert ist, mag erstaunen. Oder auch nicht.

Denn eigentlich hat Tillmans diese Kanonisierung, die laute Reklame, die für ihn gemacht wird, gar nicht nötig. Eigentlich ist sein Werk selbsterklärend. Es ist sehr zugänglich, und benötigt nicht viel kritischen Überbau. Auf den ersten Blick funktioniert seine Schau nämlich ein bisschen wie eine Instagram-Bild-Lawine. Es purzeln Bilder von gewaltiger Schönheit auf die Netzhaut, bei denen man sofort aufs Herzchen drücken wollte, und dann wieder Bilder von bombastischer Banalität, die seltsamerweise – aufgepumpt ins Grossformat – ihre eigene Allüre entfalten.

«Young Man, Jeddah», 2012, «Astro Crusto», 2012, «Collum», 2011 (v.l.): Bilder von betörender Schönheit …

Ein Hummer, über den eine gefrässige Fliege läuft. Die Seitenansicht eines Halses, mit Muskeln, Haaransatz und einem Drei-Viertel-Ohr. Ein schäumender Wasserfall, irgendwo (Iguazú, Argentinien). Man will hineinspringen wie in ein Schaumbad, man will den Hummer betasten, und auch dieser schneeweisse Männerhals, aus dessen Nacken der Beginn eines Bürstenschnitts ersichtlich ist, entfaltet eine ungeheure Sinnlichkeit.

… und von raffinierter Banalität: «Studio Still Life», 2014.

Mir erscheint Tillmans eher wie ein postmoderner Flaneur, der durch die globalisierte Welt streift, und ihr abzulesen versucht, was mit ihr gerade passiert. Die Bilder von Auto-Scheinwerfern: aggressiv wie der neoliberale Kapitalismus. Szenen aus illegalen Clubs: letzte Freiheitszonen in einer ökonomisierten Welt. Die Kamera ist seine Wünschelrute, die da ausschlägt, wo er Aufzeichnungswürdiges findet. Subjektive Weltsichten, Mikro und Makro hart aneinandergeschnitten, Natur und Künstlichkeit, Schönheit und Banalität. Porträts, Strassenszenen, Interieurs, Landschaften, er zieht alle Register.

Der Künstler und seine Klassiker: Tillmans im Porträt von Solve Sundsbo, Tillmans Werk «Outer Ear», 2012, rechts: «Anders pulling splinter from his foot», 2004.

Ein junger Mann in einem brombeerfarbenen Kaftan in Jeddah, der sich an ein gleichfarbiges Auto lehnt. Eine friedliche Marktszene in Äthiopien. Junge Chinesen beim Brettspiel auf den Strassen Shanghais. Port-au-Prince aus der Vogelperspektive. Unkraut, das aus Steinplatten spriesst. Intime Momente zwischen Freunden.

Und immer richtet er die Linse auch auf den Bildproduktions-Prozess. Aufnahmen aus seinem Studio. Ein in seine Einzelteile auseinandergenommenes Photokopiergerät. Mal gross-, mal kleinformatig zu einem Potpourri zusammengestellt, die Wände buchstäblich bis in die Ränder und Ecken vollgehängt – allein die Hängung zeigt, dass Tillmans Hierarchien ausradieren will. Die Kakophonie der Eindrücke lassen sich in fünf Adjektiven zusammenfassen: Ehrlich. Empathisch. Entgrenzend. Egalitär. Ästhetisch.

«Paper Drop Prinzessinnenstrasse», 2014.

So weit, so gut. Die Schau schlägt aber auch wirklich Volten, und zwar da, wo sich Tillmans der realen Welt entzieht. Wo er die Bedingungen der Bildherstellung erforscht, in der Dunkelkammer zum Beispiel. Oder wo er dem Realen eine wundersame Abstraktion herauslöst, ohne sie in Kälte erstarren zu lassen. Die «Paper Drops» zum Beispiel: schlicht und einfach zu einer Tropfenform gerolltes Fotopapier, das zur rätselhaften Eleganz gerinnt. Oder die «Freischwimmer»: Wirbel und Ströme in Flüssigkeit. Alles scheint ineinanderzuzerfliessen. Oder die «Silvers»: Fotopapier durch den Entwickler prozessiert, mit auf Silber basierenden Chemikalien und Pilzen dem Licht ausgesetzt. Bilder von berückender Schönheit.

Wolfgang Tillmans Anti-Brexit-Poster.

Es gibt aber auch den Politaktivisten Tillmans (in England hat er sich mit seiner Anti-Brexit-Poster-Kampagne auf die Politbühne gehievt), und bei allem optischen Power spürt man oft auch eine politische, zeitkritische Unterströmung: Da, wo betörende Landschafts- und Meerbilder auf die Fotos von Flughafen-Sicherheitskontrollen stossen. Da, wo ein russisches Gay-Paar abgelichtet ist oder die Überreste eines Flüchtlingskahns aus Lampedusa.

Port-au-Prince 2010, Flughafendetail, Ausstellungsansicht mit Magazinfotografie.

Sie sprechen von Angst, von Aus- und von Abgrenzung, nicht von Freiheit. Oder in der raumfüllenden Installation «The Truth Study Center»: In simplen Sperrholzvitrinen sind Zeitungsausschnitte, Kopien von Pressebildern, E-Mails und Diagramme ausgelegt, die von Anti-Bush-Demonstrationen, Drogenkriegen, Terrorangst, Studien aus der Hirnforschung berichten. Was ist wahr, was sind Fake-News? Tillmans hat sich diese Frage schon 2005 gestellt. Angst und Schönheit, Grenzen und Entgrenzung, Aktivismus und Weltflucht: Doch, doch, die Ausstellung passt sehr gut zu diesen Zeiten, da wir alle zwischen dem Trump-Dauererregungs-Syndrom und der Flucht ins Schöne hin- und herpendeln.

Fotograf der Fotografen: Besucher in der Tillmans-Schau.

Wahrscheinlich ergeht es andern wie mir: Als ich, mit dem Tillmans-Weltblick geeicht, durch die Gegend laufe, fallen mir plötzlich ganz viele Tillmans-Sujets auf. Die Bushaltestelle mit zwei Küssenden mit Herzballonen an der Hand (es war gerade Valentinstag). Das Unkraut zwischen den Pflastersteinen. Der Haaransatz am Hinterkopf eines vor mir sitzenden Passagiers im Bus.

Weniger erwartet hätte ich das allerdings in der aktuellen Blockbuster-Schau des zweiten everybody’s darling der Londoner Kunstwelt. Gemeint ist der König der britischen Malerei, David Hockney. Seine Schau hat es ja sogar in die Nachrichten in die Schweizer «Tagesschau» gebracht.

 

Hockneys Kalifornien-Apotheose: «Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)», 1972. (Courtesy Tate)

Man braucht dazu nur die Themse flussaufwärts zu fahren, zur Mutter-Galerie Tate Britain. Ein bombastisches Fest des Lichts, der Lebens- und vor allem der Schaulust empfängt einen da: «A Bigger Splash», das Bild wirkt wie ein riesiger Schnappschuss mit der Kamera; das abstrahierte Bild der Rasensprenkler – Alltagsszenen im kalifornischen Neverland, mit dem Sehnsuchtsblick des working-class-boy aus Englands armem Norden festgehalten.

Träume des Jungen aus dem Norden: «A Bigger Splash», 1967, «A Lawn Being Sprinkled», 1967, «Domestic Scene, Los Angeles», 1963.

Auch bei ihm immer wieder der Blick nach innen – häusliche Szenen der Intimität, wie die zwei Männer unter der Dusche, Dandys im Schlafzimmer –, Porträts von Freunden und der Eltern. Was es heisst, schon in den 60er-Jahren intime Momente der Gayszene auf Leinwand zu bannen und die eigene Komplizenschaft offen zu zeigen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dass sich Hockney immer vom Medium Fotografie inspirieren liess, ist offensichtlich. Der empathische Blick auf die Gay Culture, das Zelebrieren der persönlichen Freiheit, das verbindet den Altmeister mit Tillmans.

Und bekanntlich ist das Private ja auch politisch.

«Henry Geldzahler and Christopher Scott», 1969.

Kunst rüstet auf

Ewa Hess am Mittwoch den 16. November 2016

Die Wahl, diese Wahl, liebe Leserinnen und Leser von Private View, konnte die Kunstwelt nicht anders als mitten ins Gesicht treffen. Kaum hat im Kalender das Datumfensterchen auf den 9. November, also 11/9 gewechselt (als eine zufällige Gegenformel zu 9/11), machte sich auf den Social Media die Betroffenheit breit.

Der deutsche Fotokünstler Wolfgang Tillmans verbreitete das Bild der Freiheitsstatue in Tränen, Tania Bruguera verzierte die Karte der USA mit einem schwarzen Band. Es kamen viele weitere dazu – und alle diese Zeichen liefen auf die eiskalte Erwartung hinaus, welche den Fans der Fernsehserie «Game of Thrones» bekannt vorkommen wird: «Winter is coming.» Der Winter kommt, zieht euch warm an, der Kulturkrieg hat angefangen.

Kommt der Kultur-Winter? Bange Erwartungen begleiten die Überraschungswahl in den USA

Kommt der Kulturwinter? Bange Erwartungen begleiten die Überraschungswahl in den USA. Bild: Game of Thrones/Cantrous via youtube

Ob das wirklich so schlimm wie erwartet kommt, wird man noch sehen. Einfach wird es allerdings nicht, denn bestimmt gehört die Kunstgemeinschaft zu jener Schicht der Bevölkerung, die neuerdings als «Elite» bezeichnet wird, ein Wort, das einen despektierlichen Beiklang bekommen hat. Nach einer neuen Auslegung gehören die Milliardäre ja nicht zur Elite, sondern zum Volk. Das heisst, sofern sie nicht in ihrer Vermessenheit die Welt retten wollen. Sondern einen gesunde Egoismus an den Tag legen.

Nun, um gute Beziehungen zu den Milliardären wäre die Kunst eigentlich nicht verlegen. Diejenigen, die Gegenwartskunst sammeln, gehören allerdings meistens zu der weltrettenden Sorte. Denn obwohl die Kunstgemeinschaft ebenso heterogen ist wie jede andere Gruppe, sind ihr querbeet zwei Werte heilig: Empathie und Inklusion. Die Gegenwartskunst ist ja aus den extremen Sensibilitäten der verschiedenen europäischen und amerikanischen Avantgardebewegungen gewachsen. Das Mitgefühl für alles Menschliche ist ihr darum ein Grundwert. Sie zieht auch stets die Differenz der Ähnlichkeit vor, die Solidarität der Ausgrenzung.

Demgegenüber steht nun die Fremdenhassrhetorik Donald Trumps, sein sexistischer und autoritärer Habitus. Die hässliche Wahlkampagne hat viele geopolitische Fronten in den USA aufgerissen, die auch einen Ausblick auf die kommende Präsidentschaft erlauben. Es wird in Trumps Regierungszeit bestimmt um mexikanische Einwanderer gehen, um Islam als Religion, um aufmüpfige Minoritäten, um den protektionistischen Umgang mit der amerikanischen Wirtschaft.

 

Gee Vauchers weinende Freiheitsstatue wurde zum Symbol der Betroffenheit der Künstler auf den Social Media, Sara Levys Porträt «Bloody Trump» sorgte schon im vorfeld der Wahlen für eine Kontroverse (dreweatts, widewalls)

Gee Vauchers weinende Freiheitsstatue (von 2006) wurde zum Symbol der gegenwärtigen Betroffenheit der Künstler auf den Social Media, Sara Levys Porträt «Bloody Trump» sorgte schon im Vorfeld der Wahlen für eine Kontroverse (dreweatts, widewalls).

Zu Kultur hat sich der gewählte Präsident noch nicht geäussert. Aber Hand auf Herz, was hat die Kunst von diesem Paradigmenwechsel zu erwarten? Man erinnert sich noch gut an die Zeit, als New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani dem Brooklyn Museum befehlen wollte, Chris Ofilis Werk «The Holy Virgin Mary» aus einer Ausstellung zu entfernen, weil er den Gebrauch von Elefantenkot darin als «krank» empfand. Das Museum hat damals widerstanden, mit Giuliani als Justizminister (mit einer solchen Nominierung wird gerechnet) könnte ein solcher Streit bald anders enden.

Auch soll der neu gewählte Präsident vor den Künstlern seines Landes wenig Respekt hegen. Er soll sie für «elitistisch und pseudo» halten, wie der Journalist Richard Johnson vom Portal Page Six kolportiert. Im Verlauf des Wahlkampfs wurde die Performance-Künstlerin Marina Abramovic vom Trump-Lager des Satanismus verdächtigt. Die Renoirs, die sowohl in Melania Trumps Büro wie im goldgeschmückten Flugzeug ihres Gatten hängen, werden allgemein für Reproduktionen gehalten. Donald Trump würde lieber in Immobilien investieren, da gäbe es einen besseren Return on Investment, verriet vor einem Jahr die «Vanity Fair» in einem Porträt.

Mitgefühl und Experimentierlust: Shirin Neshats «Women of Allah», Chris Ofilis «The Holy virgin Mary».

Mitgefühl und Experimentierlust, die heiligen Werte der Kunst: Shirin Neshats «Women of Allah», Chris Ofilis «The Holy Virgin Mary». (interartive, saatchi)

Eine Konfrontation mit dem neuen Polit-Establishment könnte für die Erfolg gewohnte Kunstszene also zu Blessuren führen. Und das ist vielleicht ganz gut so. Denn kritische Kultur hat oft eine Rolle in der Geschichte gespielt, wenn es darum ging, autoritäre Macht herauszufordern. Nur: Diese Kraft schien der westlichen Kunst in der letzten Zeit zu fehlen.

Das stellt unter anderem auch der New Yorker Kritiker Nato Thompson fest, in seinem erstaunlich aktuellem Buch «Culture as Weapon», soeben im Verlag Melville House erschienen. Darin beschreibt der künstlerische Leiter der sehr aktiven Nonprofit-Organisation Creative Time, wie die Kulturproduktion seit den frühen 1900er-Jahren langsam den Künstlern abhandenkam und zur Domäne von Public Relations, Werbung und Marketing wurde. Seither ist Kultur vor allem ein Mittel, um den Profit zu mehren und die Unzufriedenheit zu bemänteln.

Die Gegenwartskunst kann sich selbst durchaus vorwerfen, sich mit diesem Status quo blendend arrangiert zu haben. Wenn ihr heute angekreidet wird, sie sei zur überteuerten Spekulationsware verkommen, hat das schon eine gewisse Richtigkeit, egal, wie ehrlich jeder einzelne Künstler um seine Aussage zu ringen vermag. Höchste Zeit also, die Waffe Kunst wieder selbst in die Hand zu nehmen und sie als ein Werkzeug des gesellschaftlichen Fortschritts einzusetzen.

Aktivistische Kunst und Street Art mischen sich in die Politik ein.

Aktivistische Kunst und Street-Art mischen sich in die Politik ein. (massmediaandeducation, Banksy)

Die anstehende Trump-Präsidentschaft könnte dabei als ein wirksamer «wake-up call» fungieren. Kalte Zeiten sind nicht selten ein Ansporn zur kulturellen Erneuerung. Wir erinnern uns an den Prägnanzsprung in der britischen Kunst in den Thatcher-Jahren. Grossartig wütend wendeten sich die Young British Artists damals gegen soziale Ungerechtigkeiten aller Art – in einer eiskalten Lagerhalle im Norden Londons. Der Name dieser Ausstellung, «Frieze», passt zu Winter, doch ironischerweise trägt jetzt eine kommerzielle Messe den Namen. Schade, denn Worte und Bilder, die einer inneren Notwendigkeit und nicht einem Gewinnstreben entspringen, werden einfach besser gehört und gesehen.

Erwartungsgemäss wird der Run auf die teuren Blue Chips der Gegenwartskunst anhalten – denn die Zeiten bleiben unsicher und die Kunst ist ein passabler Geldanker. Es liegt also an den Künstlern selber, aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herauszutreten und die Saat der Toleranz, der Experimentierlust und fragiler Menschlichkeit in die Welt zu tragen. Und bitte, Ohio, Michigan und Pennsylvania dabei nicht vergessen!

Man nimmts mit Humor: Wir werden es überstrählen! Ein Artwork der Gemeinschaft @libertymaniacs.com

Man nimmts mit Humor: Wir werden es überkämmen! Ein Artwork der Gemeinschaft @libertymaniacs.com

 

«No english, no english!»

Blog-Redaktion am Mittwoch den 12. Oktober 2016

Die Frieze Art Fair in London, heuer im 13. Jahr, war immer die widerborstigere, intellektuelle Schwester der Art Basel (meine These). Erstens, weil die Engländer unter alles, was sie sagen oder tun, einen doppelten Boden legen – somit auch unter das Treiben am Kunstmarkt.

Und zweitens, weil die Messe aus dem Schoss von Kunstmenschen stammt, den Uni-Oxford-gebildeten Gründern des Kunstmagazins «Frieze» (nämlich den 2014 zurückgetretenen Amanda Sharp und Matthew Slotover), und nicht von Businessmenschen. Die Kunsties hoben das Messeformat mit ambitiösen Auftragsprojekten auf ein neues Level. Sie verleihen ihr «Edgyness».

Auch eine Neuauflage: Portia Munsons «Pink Project: Table» (1994/2016) an der diesjährigen Frieze in London. Munson zeigte das Werk zum ersten Mal 1994 an der legendären «Bad Girls»-Ausstellung. Foto: Andy Rain (Reuters)

Auch eine Neuauflage: Portia Munsons «Pink Project: Table» (1994/2016) an der diesjährigen Frieze in London. Munson zeigte das Werk zum ersten Mal 1994 an der legendären «Bad Girls»-Ausstellung. Foto: Andy Rain (Reuters)

Was: Kunstmessen Frieze und Frieze Masters
Wo: Regent’s Park, London
Wann: 6. bis 9. Oktober 2016

Frieze London: Sammler in Sneakers, Urs Fischers (mitte) und Picasso bei Helly Nahmad

Frieze London: Sammler in Sneakers, Urs Fischers verstörende Porträts (Mitte) und Picasso bei Helly Nahmad.

Aus der Anfangszeit bleibt mir in Erinnerung, wie ich in einer von Kultdesigner Peter Saville geführten Gruppe durch die Messekojen gelenkt wurde, als wären wir eine Vögele-Reisegruppe. Ästhetik-Guru Saville steuerte zielsicher Galeristen an und befragte die Verblüfften nach dem Einfluss ihres Outfits auf die Geschäfte. Ein anderes Mal versuchte Christian Jankowski eine 65-Meter-Superjacht mit einem Aufschlagpreis von 10 Millionen Pfund, wenn sie mit einem Kunstzertifikat erworben wurde, an den Mann zu bringen. (Der Versuch misslang; so blöd sind Supersammler nicht.)

Dieses Jahr drang Subversives noch  stärker durch die Ritzen der goldenen Kunstmarktkulissen. Das heisst, wenn man sich die Musse für die «Projects» (dieses Jahr kuratiert von Migros-Museum-Mann Raphael Gygax) und Live-Performances nehmen konnte – und nicht wie der Sammler in seinen kanarienfarbigen Sneakers auf der Pirsch nach käuflicher Kunst von Stand zu Stand hetzte.

kreativität der Klo-Ladys: Toiletteninstallation von Julie Verhoeven (links und Mitte), virtuelle Realität von Jon Rafman

Kreativität der Klo-Ladys: Toiletteninstallation von Julie Verhoeven (links und Mitte), virtuelle Realität von Jon Rafman.

Im inneren Eingangsbereich und im Gartencafé bemerkte ich deshalb dunkelhäutige «Verkäufer», die auf einem Tüchlein auf dem Boden gefälschte Louis-Vuitton-Taschen feilboten, eine Aktion des britisch-norwegischen Duos Ali Eisa und Sebastian Lloyd Rees. «No english, no english» antwortete mir einer der Verkäufer auf meine scherzhafte Frage, ob so ein Stück zu kaufen sei.

Das bunte Treiben setzte sich fort in den Toiletten, die Julie Verhoeven in eine durchgeknallte Bühne der sonst übersehenen, aber offenbar genauso kreativen Toilettenaufseherinnen umgemünzt hat – samt formschönen Stoffnachbildungen von Exkrementen, fantasievollen Tampon-Arrangements und bunten WC-Papierrollen. Ist nicht jeder ein Künstler, also auch die Toilettenaufseherin der Frieze? Der Parcours durch die Gegenwelt der Kunstmesse kulminierte in Sibylle Bergs und Claus Richters dystopischem Theater «Wonderland Ave»: In einer modularen Wohnbox sah und hörte man roboterhafte Maschinen sprechen, die die Kontrolle über Menschen gewonnen haben. Spitzenmässige Performance.

Algorithmen und Roboter beherrschen den Menschen in der dystopischen Vision von Sybille Berg & Claus Richter, «Wonderland Ave», 2016 /links und Mitte), Eichard Billinghams Familienfotos

Algorithmen und Roboter beherrschen den Menschen in der dystopischen
Vision von Sibylle Berg & Claus Richter, «Wonderland Ave», 2016 (links und Mitte), Richard Billinghams Familienfotos.

Die digitale Welt hatte einen auch an den Kojen im Griff. Am Stand der Seventeen Gallery konnte man sich auf einer aus Metallelementen geformten Schlange niederlassen und sich eines dieser seltsam unförmigen Brillengestelle ins Gesicht setzen. Es stellte sich als Oculus Rift Headset von Amazon heraus, und es entführte in das rätselhafte Paralleluniversum des Kanadiers Jon Rafman.

Nicht weit davon war eine Art Go-go-Tanz-Plattform postiert, wo sich ein junger, bärtiger und sehr gut gebauter Mann im glänzend-silbernen Höschen vielversprechend vor dem Publikum produzierte. Allerdings nicht körperlich, sondern verbal: Der ägyptische Künstler Mahmoud Khaled rang sichtlich verzweifelt um Erklärungen, was die «neue Kunst von heute» in einer zunehmend gewaltdurchtränkten Gegenwart denn eigentlich sei.

Was ist Kunst? Was ist Kunst in Zeiten der Gewalt? ... fragt der ägytische Künstler hier. Mahmoud Khaled, Untitled (Go-go Dancing Platform) Speak, 2016, vor dem Eingan steht eine lange Besucherschlange

«Was ist Kunst? Was ist Kunst in Zeiten der Gewalt?», fragt der ägyptische Künstler hier. Mahmoud Khaled, Untitled (Go-go Dancing Platform) Speaks, 2016, vor dem Eingang der Messe steht eine lange Besucherschlange (rechts).

Bei Krisen empfiehlt sich bekanntlich ein Blick in die Vergangenheit, und so ist es kaum erstaunlich, dass seit einiger Zeit die Kunst der 60er- bis 90er-Jahre wieder evaluiert wird. Dazu kuratierte Nicolas Trembley eine Spezialsektion mit elf Galerien, die wegweisende Ausstellungen aus den 90er-Jahren wieder inszenierten. Das funktionierte wie in einer Zeitmaschine, und unversehens fand man sich in der ersten Soloshow von Wolfgang Tillmans in der Galerie Bucholz & Buchholz aus dem Jahr 1993 wieder, in der intime Bilder von Freunden auf Beifälligkeiten und unscheinbare Alltagsbilder stiessen; oder vor den Fotografien des desolaten Elternhauses des britischen Fotografen Richard Billingham bei Anthony Reynolds.

«The Nineties» – ach! Was waren das noch für Zeiten, als sich Künstler, ohne Superstudios und Superproduktionen, an der Realität rieben und in den Privatwohnungen ihrer Galeristen ausstellten!

9.Blick zurück in Nostalgie in der Spezialsektion «The Nineties», kuratiert von Nicholas Trembley: Wiederinszenierung von Wolfgang Tillmans Solo-Show aus dem Jahr 1993 (links), Tillmans im Talk, Tate-direktor Serota im Gespräch mit florian Berktold von Hauser & Wirth

Blick zurück in der Spezialsektion «The Nineties», kuratiert von Nicolas Trembley: Wiederinszenierung von Wolfgang Tillmans Soloshow aus dem Jahr 1993 (links), Tillmans im Talk (Mitte), Tate-Direktor Serota im Gespräch mit Florian Berktold von Hauser & Wirth.

Aber bekanntlich gehts bei Kunst auch um Transzendenz, und dafür bot die Parallelmesse Frieze Masters, eine eklektische Schatzkammer voller Preziosen von der Antike bis in die Gegenwart, Hand.

In das Angebot, das von Kunst vom Spätneolithikum über römische Marmorskulpturen bis zu megalomanen Picasso-Werken (bei Helly Nahmad) und James Rosenquist (Thaddaeus Ropac) und Sigmar Polke (Zwirner) reicht, fügten sich die Latex-Abzüge von Innenräumen der wiederentdeckten Schweizerin Heidi Bucher (bei Jean-Claude Freymond-Guth, neuerdings aus Basel) erstaunlich gut. Auffallend viele Kabinette und Wunderkammern begegneten mir, schon seit geraumer Zeit der Flavour of the Season. Tiepolo neben Georg Baselitz, William Blake neben Mariano Fortuny, Lucien Freud neben Goya und Ingres – das sprüht Funken!

Jäger und Sammler an der Frieze Masters: Am Stand von Hauser & wirth unter einem Arrangement von Werken von Francis Picabia bei Hauser & Wirth & Moretti

Jäger und Sammler an der Frieze Masters: Am Stand von Hauser & Wirth & Moretti unter einem Arrangement von Werken von Francis Picabia.

Bei Hauser & Wirth, der den Stand (zusammen mit Altmeister-Händler Moretti) in die Form eines Sammlerapartments goss, hingen florentinische Meister neben Picabia, Picasso neben Dieter Roth, Marlene Dumas neben Alexander Calder. Gemessen am Besucheransturm am VIP-Tag war der Stand ein Grosserfolg, und man sah Nicholas Serota, das Über-Ego der Tate, mit Florian Berktold smalltalken, derweil sich auf dem Sofa unter einem schönen Arrangement von Francis-Picabia-Werken Sammler wie der deutsche Flick-Erbe Christian «Mick» Flick ausruhten.

Der «wilde» Hauser & Wirth-Stand mit Skulpturen von Louise bourgeois, Hans Josephsohn und Paul McCarthy

Der «wilde» Hauser-&-Wirth-Stand mit Skulpturen von Louise Bourgeois, Hans Josephsohn und Paul McCarthy.

In witziger Entsprechung zum edlen Sammlersalon übrigens liess die global arbeitende Schweizer Galerie an der zeitgenössischen Frieze den Stand in die Messie-Höhle eines imaginären Künstlers verwandeln. Leere Bierflaschen neben millionenschweren Skulpturen von Louise Bourgeois und Paul McCarthy, an die Wand gepinnt Postkarten von Queen Elizabeth und Prince Charles neben Gemälden von Christopher Orr. Dazwischen standen dicht an dicht potenzielle Käufer.

Die Atmosphäre glich der eines Schlussverkaufs.

DSC_897700* Gastautorin Brigitte Ulmer lebt als freischaffende Kunst- und Kulturjournalistin in London und Zürich. Für die «Bilanz» berichtet sie über Kunst und verantwortet das jährliche Künstlerrating. Für Private View berichtet sie fortan regelmässig aus London. (Bild: Gian Franco Castelberg)