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Wer hat den Basler Gauguin gekauft?

Ewa Hess am Dienstag den 10. Februar 2015

Er hätte gerne auf den zusätzlichen Werbeeffekt für die Gauguin-Schau verzichtet, gestand mir Fondation-Beyeler-Chef Sam Keller, ihm wäre es viel lieber, wenn das bisher im Kunsthaus ausgestellte Werk «Nafea faa ipoipo» in Basel bliebe. Während sich die Vernissagengäste vor dem Bild  scharten, vielleicht zum letzten Mal in Basel, war der soeben bekannt gewordene Verkauf (der Staechelin-Familientrust veräusserte es für angeblich 300 Millionen) natürlich das Thema unter den anwesenden Insidern (Herr Staechelin mit Frau und Sohn war übrigens auch da). Hier schon mal fünf Antworten auf die drängenden Fragen.

Noch in Basel: «Nafea faa ipoipo» in der Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler

Noch in Basel: «Nafea faa ipoipo» in der Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler

Frage 1: Warum verkauft der Sammler ausgerechnet sein Spitzenwerk?
Kein Zweifel, Gauguins Mädchen sind das beste und wertvollste Werk der staechelinschen Sammlung, es könnte eigentlich nur von Van Goghs «Jardin de Daubigny» unter gewissen Umständen konkurrenziert werden (das Bild mit der Katze, über dessen Authentizität viel spekuliert wurde – eine andere Version befindet sich in der geheimnisumwitterten Hiroshima-Sammlung). Die anderen Manets, Monets, Degas, Cézannes etc. sind natürlich auch äusserst wertvoll (einige wichtige sind unten aufgelistet: *), aber doch in einer anderen Kategorie. Es spricht einiges dagegen, ausgerechnet das Spitzenwerk zu verkaufen, also das Aushängeschild, nach dem die Bedeutung des ganzen Konvoluts beurteilt wird. Die Antwort gibt indirekt Rudolf Staechelin selber im Interview, das er der «Basler Zeitung» gab. Er sagt, er wolle von der gegenwärtigen Hausse des Kunstmarkts profitieren, denn wer weiss, wie lange die noch andauern wird. Diese Hausse ist eine Tatsache. Auch eine Tatsache ist, dass ausgerechnet in einer um viele Milliardäre reicher gewordenen Welt ausserordentliche Spitzenwerke einen ganz besonderen Marktwert haben. Denn teure Kunst leisten sich heute viele. Darum sind Ausnahme-Meisterwerke, die aus dem Werk eines einzelnen Malers herausstechen und als Ausdruck einer bestimmten Epoche legendär geworden sind, die allerheissesten Trophäen in einem heissen Umfeld. Die sich obendrein nur ganz wenige weltweit leisten können – diese dafür umso lieber.

* Van Gogh: «Tête d’une vieille femme», «Les harengs saurs», «Le jardin de Daubigny». Corot: «Olevano la Serpentera». Hodler: «La malade», «La morte», «Le Mont Blanc aus nuages roses». Pissarro: «La carrière, Pontoise», «Le sentier du village», «Vue de la Seine». Cézanne: «La maison de Docteur Gachet», «Verre et pommes». Picasso: «Arlequin au loup». Degas: «Femme à sa toilette». Manet: «Tête de femme». Monet: «Temps calme, Pourville» und noch ein Gauguin: «Paysage aux toits rouges».

Private View

Kunstkennerin mit unbeschränkten Mitteln: Sheikha Al Mayassa Al Thani (hier mit Robert de Niro). Foto: AFP

Frage 2: Wer ist der geheimnisumwitterte Käufer?
Vielleicht sollte es heissen: Käuferin. Denn vieles deutet darauf hin, dass das Bild nach Katar ging. Was heissen würde, dass der Kauf eine Entscheidung der Schwester des amtierenden Emirs von Katar, Sheikha Al Mayassa Al Thani war. Wenn es um grosse Gesten und raffiniertes Kennertum geht, ist sie die amtierende Königin der Kunstwelt – zumal sie über einen Ankaufsetat von jährlich einer Milliarde Dollar verfügt. Die erst 32-Jährige ist zwar keine Kunsthistorikerin – sie hat Literatur und Politikwissenschaften an der Duke University in den USA studiert –, doch ihre Kunstgeschichte kennt sie aus dem Effeff. Sie wurde als Besucherin schon manches Mal in Basel gesichtet. Für ihr künftiges Museum, in dem die arabische Kunst vor dem Hintergrund der westlichen Spitzenwerke umso heller leuchten soll, könnte dieser wunderbare Gauguin genau richtig sein. Schliesslich spricht das Bild Bände über das Verhältnis zwischen einer alten naturnahen Kultur und der verführerischen, aber auch etwas traurig machenden westlichen Moderne. Ich halte Abu Dhabi für den weniger wahrscheinlichen Anwärter auf den Spitzen-Gauguin. Denn die dortigen Museen entstehen als Joint Ventures mit Louvre und Guggenheim, und die haben eigene Sammlungen. Natürlich kauft Abu Dhabi auch eigene millionenteure Werke, bisher aber doch nicht in dieser Preisklasse.

Rudolf Staechelin vor Van Goghs «Le Jardin de Daubigny»

Ruedi Staechelin vor Van Goghs «Le Jardin de Daubigny»

Frage 3: Wird der Rest der Staechelin-Sammlung verkauft?
Die Mächtigen des Kunstmarkts zittern bereits, dass das ganze Staechelin-Konvolut verkauft wird, was zu einer enormen Erschütterung führen würde. Die Werke würden den Markt überfluten. Die Auktionshäuser würden lange keine Werke von dieser Qualität mehr bekommen. Die Provisionsbestimmungen der Auktionshäuser (Sothebys nimmt 25 Prozent) sind hart, private Verkäufe dieser Grössenordnung könnten eine brutale Konkurrenz bedeuten. Doch: Dass gerade ein Spitzenwerk veräussert wird, könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Rest nicht zum Verkauf steht. Was Staechelin auch so sagt (wobei, wie man weiss, der Trust sich jederzeit anders entscheiden könnte).

Frage 4: Wenn die Sammlung nicht verkauft wird, wo wird sie eine neue Bleibe finden?
In Zürich sicher nicht. Mit der fest versprochenen Bührle-Sammlung hat das Kunsthaus bessere Karten im Spiel. Es wäre schlecht beraten, mit dem mittlerweile als Trouble-Maker verschrienen Staechelin-Familientrust gemeinsame Sache zu machen. Aber bestimmt sind auch die verbleibenden Werke ein ganz besonderer Leckerbissen für ein weniger gut dotiertes Museum. Nur, im Interesse der Besitzer wäre gerade ein bedeutendes Haus besser. Je bekannter das Haus, in dem die Sammlung präsentiert wird, desto höher später ihr Marktwert. Darum kann Familie Staechelin sich beim Kunstmuseum Basel ruhig bedanken. Wer weiss, ob der hohe Verkaufspreis auch erzielt worden wäre, wäre die Sammlung nicht jahrzehntelang in einem der ersten Häuser Europas ausgestellt gewesen. Man muss wohl abwarten, wer an die Spitze des Kunstmuseums Basel kommt. Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen, die Findungskommission müsste in nicht allzu langer Zukunft ihre Wahl bekanntgeben. Vielleicht kann sich der/die Neue mit den Staechelins doch noch einigen. Ansonsten gibt es nicht wenige US-Museen, die interessiert wären. Schliesslich war die Sammlung schon mal in Texas – als der Besitzer sie aus Protest gegen die Einführung des Unidroit-Kulturgüterschutzrechts dorthin verfrachtete. Und wenn meine Fantasie mit mir durchgeht, sehe ich die gerade angekündigte Dépendance der Fondation Beyeler als ein mögliches Domizil vor meinem geistigen Auge. Das Renommee der Fondation ist riesig. Was aber heisst, dass sie auch Bedingungen stellen kann. Und die könnten hart ausfallen, denn:

Der Monet-Giacometti-Saal der Fondation Beyeler. Ihr Renomee ist riesig

Der Monet-Giacometti-Saal der Fondation Beyeler. Ihr Renomee ist riesig

Frage 5: Muss die ganze Sache mit Dauerleihgaben auf eine neue gesetzliche Grundlage gestellt werden?
Ganz sicher. Denn selten ist der Unterschied zwischen einer Dauerleihgabe und einem Geschenk deutlicher vorgeführt worden. Dabei machen doch die Museen die ganze Arbeit, die man nicht sieht: Konservierung, Aufarbeitung, Vermittlung. Und wenn es hart auf hart kommt, fragt niemand nach ihrer Meinung zum bevorstehenden Deal. Die Schweiz kennt Beispiele einer vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen Besitzern und den Museen. Es gab aber auch schon Knatsch. Erinnert sei an den Fall Hermann Gerlinger in Bern oder an die Auseinandersetzung zwischen Baron Thyssen-Bornemisza und der Stadt Lugano, die mit dem Abzug der früher in der Villa Favorita untergebrachten Sammlung nach Madrid endete. Das Kunstmuseum Basel, das jetzt etwas verdutzt aus der Wäsche guckt, war auch schon der Gewinner eines Wettbewerbs um die Gunst einer Stiftung, nämlich im Fall der Sammlung Im Obersteg, die jahrelang vom Berner Kunstmuseum gehegt und gepflegt wurde und dann doch nach Basel kam. Ich könnte mir auch eine Lösung nach dem Beispiel der Nationalbank vorstellen: An den besten Standorten bekommen Stiftungen eine Art Negativzins aufgebrummt. Und müssen auch verbindlich die Laufzeit ihres Darlehens verhandeln.