Beiträge mit dem Schlagwort ‘Valentin Carron’

We are family

Ewa Hess am Dienstag den 10. November 2015

Liebe Leserinnen und Leser, wir wollen hier bestimmt nicht zu einer biografisch gefärbten Interpretation der Kunst aufrufen. Doch es gibt sie, die Herzlinien im Werk von Künstlerinnen und Künstlern. Wer wollte wichtige Einflüsse über Generationsgrenzen hinweg verneinen? Lebenslange Allianzen ausser Acht lassen? Wahlverwandtschaften negieren?

An Fragen wie diese dachte ich im Haus Konstruktiv, in dem drei ganz verschiedene Ausstellungen zurzeit so viel Interessantes bieten, dass man den Wunsch in sich aufkeimen spürt, sie kämen nacheinander ins Programm und nicht alle aufs Mal.

Installation von Latifa Echakhch im Haus Konstruktiv

Installation von Latifa Echakhch im Haus Konstruktiv.

Da haben wir doch einerseits die (einem Preisgeld verdankte) Installation der in Marokko geborenen, in Martigny lebenden Latifa Echakhch. Eine rätselhafte junge Künstlerin, zwischen Abstraktion und Poetik pendelnd. Die im Haus Konstruktiv gefeierte Auszeichnung ist bei weitem nicht ihr erster Preis. Vor zwei Jahren hat sie mit «Goodbye Horses» im Kunsthaus Zürich schon eine verträumte, verlassene, an Zirkus erinnernde Kulisse installiert, die Rätsel aufgab. Ihr aktueller Rummelplatz im Haus K ist kraftvoller, alptraumhafter, mit grossen, fast bedrohlichen Pappfiguren, die eine emotionale Teilnahme ebenso erzwingen wie verweigern.

Worauf ich aber mit der Familie hinaus will – Latifa lebt ja im Wallis. M und M – Marokko und Martigny, das klingt zunächst einmal nach: gar nicht verwandt. Darum, als ich vor drei Jahren den Schweizer Künstler Valentin Carron in Martigny besuchte – er bereitete sich damals auf seinen Auftritt im Schweizer Pavillon der Biennale Venedig vor – fragte ich ihn nach seiner kulturellen Verwandtschaft mit Latifa Echakhch.

Valentin Carron, seine Installation «The Great Turn into...»

Valentin Carron, seine Installation «The Great Turn into…».

Die beiden sind nämlich ein Paar, auch Eltern, und teilen sich in Martigny ein Atelier. Zu meinem Erstaunen gab mir damals Carron eine Antwort. Der sonst äusserst auf Diskretion bedachte Künstler konnte nicht umhin, mich auf eine Parallele hinzuweisen, die auf der Hand lag. Frau Echakhchs Eltern kommen zwar aus Nordafrika, doch bereits dreijährig kam die Künstlerin mit ihren Eltern, die dort Arbeit fanden, nach Frankreich. Folglich wuchs sie in Aix-les-Bains auf, einem halb industriell, halb touristisch geprägten Ort in den Savoyer Voralpen.

Latifa Echakhch und ihre Installation «Jasmin» von 2012

Latifa Echakhch und ihre Installation «Jasmin» von 2012.

Ich habe damals in meinem Porträt über Carron («Martigny mon Amour») versucht zu zeigen, wie sehr die spröde Sensibilität dieses Künstlers mit der spezifischen Verfasstheit von Martigny zusammenhängt, einem eigentlich nicht so malerischen Ort inmitten majestätischer Landschaft. Und hier sehe ich auch die Verzahnung der biografischen und der künstlerischen Identität bei Echakhch. Auch ihr Werk wirkt ein bisschen wie eine Ausgrabung, wie eine Spur des seltsamen Geschehens, das wir Aktualität nennen, wahrgenommen von wenig verstehenden kommenden Generationen in einer diffusen Zukunft. Carron und Echakhch sind für mich grossartige Vertreter der Generation um die 40, schmerzhaft auf Ehrlichkeit bedachte Suchende im Transitland zwischen dem (allzu?) sorglosen Nachkriegswohlstand und der chaotischen Hypermoderne.

Etel Adnan und eines ihrer malerischen Werke im Haus Konstruktiv

Etel Adnan und eines ihrer malerischen Werke im Haus Konstruktiv.

Um wie viel ganzheitlicher wirkt dagegen das Engagement der 90-jährigen Etel Adnan, der eine weitere Ausstellung im ehemaligen EWZ-Gebäude an der Sihl gewidmet ist. Auch Adnan ist eine Wanderin zwischen den Kulturen und den Identitäten. Geboren wurde sie 1925 in Beirut, ihre Mutter war eine christliche Griechin aus Smyrna, ihr Vater ein syrischer General der osmanischen Armee. Nachdem die Weltkarte in der Folge des Ersten Weltkriegs neu geformt wurde, wuchs Etel im Libanon auf, sie sprach Griechisch und Türkisch zu Hause, Arabisch auf der Strasse und Französisch in der Schule. Beflügelt von der romantischen Tradition von Rimbaud, Baudelaire and Rilke, schrieb sie mit 20 ihre ersten Gedichte und bekam ein Stipendium an der Sorbonne.

Simone Fattal und Etel Adnan

Simone Fattal und Etel Adnan.

Dann kamen die 50er-Jahre mit den algerischen Kriegen, und angewidert von der französischen Kolonialarroganz siedelte Adnan nach Kalifornien über. Auch dort ereilte sie ein kriegerischer Konflikt, Proteste gegen den Vietnamkrieg und soziale Ungerechtigkeit bilden den Hintergrund ihrer in den USA entstandenen Werke. Dann ging es zurück nach Beirut, wo sie eine französische Zeitschrift gründete («Al Safa») und ihre berühmteste literarische Figur erfand (oder der Wirklichkeit nachempfand), eine syrische Emigrantin namens Marie Rose, die im Zusammenhang mit ihrem Engagement für palästinensische Flüchtlinge von den rechten christlichen Milizen gekidnappt und ermordet wurde, angeblich für den Verrat an ihrer Religion. Dann lebte Adnan wieder sehr lange in Kalifornien, und jetzt ist sie wieder in Paris zu Hause, im ehemaligen Haus von Albert Camus.

Und fast die ganze Zeit war und ist Simone Fattal bei ihr, eine Künstlerin mit ähnlich verwinkelter Vita – geboren 1942 in Damaskus, Studium der Philosophie in Beirut und Paris. Die beiden Frauen haben gemeinsam, als Paar, den geschichtlichen und geografischen Strapazen die Stirn geboten, sich ihre Freiheitsliebe, Souveränität und – sogar! – ihren Idealismus bewahrt. Beide erfahren sie jetzt, in ihren späten Jahren, wie so manche ihrer Generationsgenossinnen eine Intensivierung des Interesses an ihrer Arbeit.

Ein Blick in die Ausstellung von Simone Fattal bei Karma International

Ein Blick in die Ausstellung von Simone Fattal bei Karma International.

Und – glückliches Zürich! – wie es der Zufall (oder die Absicht) so will, hat Simone Fattal auch gerade eine Ausstellung hier, nämlich bei der Galerie Karma International in Wipkingen. Die schlichte abstrakte Malerei von Etel Adnan und die archaischen Keramikskulpturen von Simone Fattal sollte man unbedingt am gleichen Tag ansehen, auch wenn man dafür die Stadt durchqueren muss (ist ja nicht weit, das ist ja auch das Gute an Zürich). Die gleiche heitere, unverbogene Menschlichkeit in beiden Lebenswerken! Vernünftiger Massstab, traditionelles Material, nachvollziehbare Emblematik. Kein Wunder, sind die Enkelgenerationen so wild nach diesen älteren Damen, deren kreative Kraft und das seelische Rüstzeug, trotz biografischen Rissen, in einer solid und menschlich zusammengefügten Welt zu gründen scheinen.

Atelier Hächler in Lenzburg, ein Blick von oben

Atelier von Peter Hächler in Lenzburg, ein Blick von oben.

Die letzte Familiengeschichte betrifft die Schweiz. Eine Schweiz, wie man sie gerne sieht und gerne für verloren erklärt. Ein nüchternes Land mit einer tief verwurzelten Liebe zu Struktur und Material, modern von innen heraus und abseits jeder Mode künstlerisch brillant. Ich spreche von der dritten Schau im Haus Konstruktiv: Peter Hächler (1922–1999). Peter Hächler, der in seinem heimatlichen Lenzburg ein wunderbares skulpturales Werk schuf, dem nicht die Weltbühne beschieden war, das aber innerhalb der Schweizer Kunstgenealogie eine wichtige Rolle einnimmt. Nicht zuletzt dank der – wieder – biografischen Weiterschreibung dessen in der Arbeit seiner Tochter Gabrielle Hächler, die gemeinsam mit ihrem Partner Andreas Fuhrimann wichtige Akzente in der Schweizer, und nicht nur Schweizer, Architektur setzt.

Skulpturale Bauten von Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann: Zielturm am Rotsee, Haus Presenhuber in Vnà

Skulpturale Bauten von Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann: Zielturm am Rotsee, Haus Presenhuber in Vnà.

Das Museum zählt Peter Hächler «zu den renommiertesten und formalästhetisch radikalsten Bildhauern der Schweiz», das ist bestimmt nicht übertrieben. Ein Blick in das im Haus Konstruktiv nachgebaute Atelier des Künstlers liefert einen überwältigend wirksamen Beweis dieser Behauptung. Man erkennt die fast wissenschaftlich beflissene, und doch kreativ verspielte Arbeit, die hier stattfand: einige wenige Grundmodule wurden unendlich variiert, der Rautenwürfel, der Rhomboeder, drei- oder vierseitige Prismen fügen sich spielerisch zu verblüffenden Organismen, die Wegbegleiter scherzhaft «Hächleroide» nannten. Von Hächler stammen viele Werke im öffentlichen Raum in der ganzen Schweiz, und er entwarf auch ganze Arealgestaltungen wie beim Kantonsspital Aarau (zusammen mit Ernst Häusermann und Charles Moser), beim Berufsbildungszentrum in Weinfelden (mit Charles Moser) oder bei der Gewerbeschule Lenzburg. Im Buch «Was ein Haus in sich selbst verankert» über die Arbeit des Architekturbüros Fuhrimann/Hächler wird sehr schön beschrieben, wie das vom Vater Hächler (gemeinsam mit Pierre Zoelly) gebaute Atelier-Haus in Lenzburg das räumliche Vorstellungsvermögen der Tochter Gabrielle prägte. In der Tat wirken die berühmtesten Bauten des Duos wie etwa das Künstlerhaus am Uetliberg, das Haus Presenhuber in Vnà oder der Zielturm des Ruderverbands am Rotsee sehr skulptural.

Zurich Contemporary Weekend: Wer, wo, warum

Ewa Hess am Donnerstag den 19. Juni 2014

Das Weekend vor der Art (dieses Jahr also der 14. & 15. Juni) wird traditionellerweise in Zürich gefeiert. Folgen Sie «Private View» auf dem Trek durch Anlässe und Galerien.

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron

Galerie Eva Presenhuber: Blicke in die Ausstellung von Valentin Carron (das schwingende Röckchen gehört Michelle Nicol)

Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die Ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall, ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (das Kar von Karma), Giovanni Carmine (Kunsthalle St. Gallen) mit Designer Scipio Schneider, Marina Olsen (das Ma von Karma) mit

In der Ausstellung von Pamela Rosenkranz in der Galerie Karma International: (im Uhrzeigersinn) die ausstellende Künstlerin Pamela Rosenkranz (in Blau, sie wird den Schweizer Pavillon an der kommenden Venedig-Biennale bespielen) mit Piper Marshall (mit Kepi), ehemals Kuratorin des Swiss Institute in New York, gegenwärtig bei der Galerie Mary Boone in NY, Galeristin Karolina Dankow (mit Dose, das Kar von Karma), Designer Scipio Schneider (mit Bier) und Giovanni Carmine (mit Bart, Kunsthalle St. Gallen), Marina Olsen (in zu Rosenkranzs Bildern passendem Rosa, das Ma von Karma) mit der Kuratorin Julia Moritz (zuständig für Theorie und Vermittlung an der Kunsthalle Zürich)

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) und der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Patrick Frey und Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli

Galerien Zürich West: (Uhrzeigersinn) Etienne Lullin vor einem Werk Dieter Roths in seiner Galerie Lullin + Ferrari, Kunsthistorikerin Laurence Frey mit Sohn Niki in der Ausstellung von Carron bei Eva Presenhuber, Peter Kilchmann mit seiner Künstlerin Erika Verzutti (in der Mitte) vor einem Werk Verzuttis und mit der Präsidentin der Eidgenössischen Kunstkommission Nadia Schneider Willen, Chefin des Kunsthauses Aarau Madeleine Schuppli (in malerischer Bluse)  und Verleger Patrick Frey vor den Töfflis Carrons

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss, Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam szymczyk, Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt

Vernissagenparty bei Karma International in Wipkingen: Galerist Oskar Weiss (mit eingehängter Brille), Künstler Stefan Burger und Lola Kremer, Documenta-Chef Adam Szymczyk (im weissem Hemd), Parkett-Herausgeberin Jacqueline Burckhardt (rosa Bluse)

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder, Galeristin Eva Presenhuber

Zurich Art Dinner im Restaurant LaSalle: Festredner und Stadtrat Filippo Leutenegger, Galerist Jean-Claude Freymont-Gut, Migrosmuseum-Direktorin Heike Munder und Kurator Raphael Gygax, Galeristin Eva Presenhuber (mit erhobener Hand) spricht mit der Künstlerin Monica Bonvicini (Palmenbluse)

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Art-Basel-Chef Marc Spiegler, Swiss-Institute-NY-Präsidentin Fabienne Abrecht, Sammlerin Gitti Hug, Künstler Ugo Rondinone (mit Bart) und Sammler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet mit Kurator Daniel Baumann und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobliiar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler

Zurich Art Dinner: Kunstmuseum-Winterthur-Chef Dieter Schwarz und Gattin Beatrice, Galeristenpaar Melanie und Damian Grieder am Tisch mit Kurator Kenny Schachter, Swiss-Institute-NY-Chef Simon Castet (blauer Veston) mit Kurator Daniel Baumann (mit Brille) und der New Yorker Journalistin Linda Yablonsky, Dorothea Strauss (ehemals Haus Konstruktiv, jetzt Mobiliar) mit Mobiliar-CEO Markus Hongler, hinter ihr stehend Kurator Christoph Doswald

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique» kurz bevor sie in die Luft fliegt

Art-in-the-Park-Lunch im Baur Au Lac: Art-in-the Park-Gründerin und Baur-Au-Lac-Hausherrin Gigi Kracht mit Yves-Klein-Witwe Rotraut, Werber Dominique von Matt, «Sculpture aérostatique», kurz bevor sie in die Luft fliegt