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Namedropping nach der ART

Ewa Hess am Mittwoch den 21. Juni 2017

Bei den Preisen, die mittlerweile für gute Kunst bezahlt werden, könnte man die Aufregung um die ART für übertrieben halten – einkaufen können dort die meisten Normalsterblichen nicht. Aber: Die Messe, das ist ja nicht Kunsthandel allein! Nein, die Messe in Basel schliesst vor allem die vorsommerliche Kunstaufregung mit einem grossen Branchenpalaver ab. Wenn Art ist, dann sind Venedig, Documenta, Skulpturenprojekte (selten alle drei im gleichen Jahr, aber 2017 war es so) vorbei, und man hat sich viel zu erzählen.

Man pilgert durch die Liste, durch die Hauptmesse, durch die Ausstelllungen in Basel, trifft Kunst, trifft Menschen und macht sich ein Bild. Darum, liebe Leserinnen und Leser von Private View, will ich heute ein bisschen Namedropping betreiben. Folgen Sie mir, einfach nur so quer durch die Messe.

Ein stolzer Japaner: Yusaku Maezawa postet seinen neunstelligen Einkauf. (via Instagram)

Basquiat

Einen Monat vor der Messe wurde Jean-Michel Basquiat zum teuersten US-Künstler und deklassierte damit Andy Warhol nach vielen Jahren der Marktführung. Der japanische Milliardär Yusaku Maezawa (sein Geld stammt aus dem E-Business, woher denn sonst) kaufte das Bild ohne Namen für 110,5 Millionen Dollar an einer Sotheby’s-Auktion. Seinen obsessiven Kauf macht er kurz darauf auf seinem Instagram-Account publik. Natürlich war Basquiat danach ein Dauerthema auf der Messe. Weil die Galerie Acquavella den ihren für «nur» 20 Mio. verkauft hat (also ist der Basquiat-Markt doch erst im achtstelligen, und noch nicht im neunstelligen Bereich?). Weil mit Basquiat aufs Mal zwei Minderheiten gewürdigt werden: Sein Vater stammt aus Haiti, seine Mutter aus Puerto Rico. Nicht nur schwarz, sondern auch Latinx! (Das Latinx ist kein Tippfehler, sondern die neue geschlechtsneutrale Bezeichnung für einen Latino oder eine Latina).

Basquiats Zeichnung mit einer Schweizer Speisekarte, Künstler mit Bruno Bischofberger in St. Moritz, dazwischen Brooke Bartlett (courtesy Bischofberger collection)

Mir hat einer an der Messe gefehlt, der sehr viel über Basquiat erzählen könnte: Bruno Bischofberger! Der legendäre Galerist nimmt schon seit Jahren nicht mehr teil, er war gemeinsam mit Andy Warhol einer der Förderer des Strassenkünstlers und kannte ihn sehr gut. Vor sieben Jahren, als die Fondation Beyeler ihre famose Basquiat-Retrospektive zeigte, sass ich mucksmäuschenstill in Bischofbergers von Ettore Sottsass erbautem Privathaus hoch über dem Zürichsee und hörte den Erzählungen zu (zum Beispiel wie Basquiat in die Schweiz kam und Bratwürste zeichnete, nachzulesen hier). In Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf könnten viele unschätzbare Basquiats bewundert werden, und nicht nur diese (open by appointment only).

Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf, erbaut von seiner Tochter Nina (Baier-Bischofberger). Bilder: Galerie BB

Fischer

Die Skulptur «The Kiss» des Schweizer Schwergewichts Urs Fischer war der erklärte Publikumsliebling der Messe. Kein Wunder – da durfte jeder ran. Die Rodin-Replik aus Plastilin konnte «weitergearbeitet« werden. Eigentlich erstaunlich, dass die Eingriffe nicht besonders einschneidend waren – offensichtlich reichte der Mut bei den meisten höchstens zu einem tiefen Fingerdruck. Diese Methode der Mitarbeit des Kollektivs hat der Künstler schon früher angewandt, indem er etwa seine Künstlerkollegen bat, an einer Skulptur aus Plastilin mitzuformen, und die so entstandene Vorlage später in Bronze goss.

Urs Fischers interaktive Skulptur «The Kiss» bei Sadie Cole’s HQ. (Bild: ewh)

Einige haben sich unoriginellerweise zu Obszönitäten hingewagt. Man fragte sich, wer so eine bearbeitete Skulptur denn kaufen würde – irgendwie sah sie nicht so appetitlich aus. Doch es stellte sich heraus, dass die ART-Kopie nach der Messe zerstört wurde, und die beiden Käufer (denn die Skulptur durfte man zwei Mal kaufen, was auch geschah, zu je 500’000 Dollar) bekommen eine jungfräuliche Version. Man stellt sich vor, dass sie diese dann an einem geselligen Abend ihren Gästen zur Verfügung stellen …

“Der Kuss” am Schluss der Messe, s. dazu Kommentarspalte. Bild: Rolf Bismarck

Karma

Den schnittigsten Auftritt an der Art Unlimited hatten drei Frauen: die beiden Galeristinnen Karolina Dankow und Marina Olsen von der Zürich-Los Angeles-Galerie Karma International sowie die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, die zum Galerieprogramm gehört. Zu sehen war Fleurys Ami-Schlitten (ein 1967 Buick), ihr eigenes Auto, mit dem sie manchen Kilometer zurückgelegt hat und den sie nur mit leicht blutendem Herz (aber was macht frau nicht alles für die Kunst) in eine Installation umgewandelt hat.

 

Sylvie Fleurys «Skylark» und der Rücken einer ihrer Galeristinnen. (Bild: ewh)

 

Die pfiffige Genferin Fleury hat es wie immer geschafft, mit lockerer Geste kühne Weiblichkeit, Stil und raumgreifenden Anspruch miteinander zu verbinden. Karolina und Marina (die beiden Teile von Kar-Ma) machten nicht weniger stilvoll die Honneurs. Vor dem Auto lag ein Rouge-Döschen, im Auto war eine elegante Szene mit Foulard und Zeitschrift arrangiert: Hollywood-like! Es passt, dass die Wipkinger Galerie Karma International einen erfolgreichen Ableger in Beverly Hills unterhält.

 

Karolina Dankow (links aussen), Marina Olsen (ganz rechts) und das Stillleben in Fleurys Buick. (Bild: ewh)

Der interkontinentale Spagat zahlt sich aus – auch in der aktuellen Ausstellung in Wipkingen, wo mit Flannery Silva und ihrem «Sugaring off» eine 27-jährige Künstlerin von der Westküste einen so souveränen und lustigen Auftritt hinlegt, dass man nur staunen kann. Worum es darin geht? Natürlich um Frauenfantasien! Zu Karma übrigens gibt es Breaking News (das muss man sich jetzt blinkend vorstellen). Nach der Messe wurde bekannt, dass Karma nun neu den Nachlass von Meret Oppenheim betreut! Das passt im allerschönsten Sinne.

Gupta

Was mir besonders gefiel, war der sympathisch moderne Umgang mit den Genderrollen, der sich in der Unlimited-Halle zeigte. Während die Frauen Gas gaben, kochte Subodh Gupta, der grosse Inder, in seinem Pfannenhäuschen ein so leckeres Süppchen (eher einen Curry), dass allen Messebesuchern der Speichel im Munde zusammenlief. Leider muss man berichten, dass man am langen Tisch selten einen Platz fand. Nun ja, Gupta kochte ja auch nicht die ganze Zeit selbst. Dennoch berichten jene, die sich einen Platz ergattert haben, dass das Essen wirklich gut schmeckte. Was an den Messen ja nicht immer der Fall ist.

Subodh Gupta kocht, das «Pfannenhäuschen» von aussen. Eigentlich heisst das Werk «Cooking the World». (Courtesy Galleria Continua und Hauser & Wirth)

Ruf

Ebenfalls beliebt: Die Kunst-Doppelgänger von Rob Pruitt. Zugegeben, das von der New Yorker Galerie Gavin Brown ausgebreitete Werk «Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes» roch stark nach einem Insiderwitz. Aber hey, wo kann man noch Insiderwitze machen, wenn nicht an dem weltgrössten Branchentreff? Die sind doch bekanntlich die lustigsten. Der Künstler hat die ganze Sache mit den Doppelgängern sozusagen in umgekehrte Richtung durchexerziert. Für die im breiten Publikum weniger bekannten, dafür in der Kunstwelt sehr vertrauten Gesichter von Kuratoren und Künstlern suchte Pruitt Entsprechungen in der Welt der Mainstream-Celebritys. Es waren ganz viele! Eine ganze Koje voll, von der Decke bis zum Boden. Ich suchte nach Schweizern und fand natürlich Sam Keller (Beyeler, Art Basel), den Unlimited-Kurator Gianni Jetzer, den Serpentine-Unermüdlichen Hans Ulrich Obrist sowie Beatrix Ruf, ehemals Kunsthalle Zürich, jetzt Stedelijk Amsterdam. Beatrix Ruf alias Liza Minelli, das hat etwas, finden Sie nicht auch??? Hingegen den Schauspieler neben HUO kann ich nicht knacken, obwohl mir das Gesicht etwas sagt … Ich komme einfach nicht darauf … Helfen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Weitere Schweizer – siehe unten.

«Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes», Ausschnitte, 2017          Bild: ewh

 

Sam Keller = Dr. Evil (Mike Myers)

 

Art-Basel-Direktor Marc Spiegler = Drogenbaron El Chapo

 

Unlimited-Kurator Gianni Jetzer = Schauspieler Colin Farrell

 

Künstler Urs Fischer = Schauspieler Michael Madsen

 

 

Leo, der Kunstfreund

Ewa Hess am Dienstag den 8. März 2016

Jetzt hat er auch noch die goldene Statuette. Aber, meine Damen und Herren, auch wenn der Oscar bestimmt eine sehr begehrte Skulptur für den Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio war – das Schmuckstück seiner Kunstsammlung wird nicht der Goldmann werden. Denn Leo hat im Laufe der Jahre einen echten Schatz an wirklich hochkarätigen Werken zusammengetragen, der sich in jeder Hinsicht sehen lässt. Um seinen Triumph auf der Oscar-Bühne zu würdigen, wollen wir mal die Stationen seiner Sammeltätigkeit hier kurz zusammentragen. Rückblickend lässt sich jedenfalls sagen: Chapeau, Mr. DiCaprio. Mutige, intelligente Entscheide, gutes Netzwerk und ein sicheres Auge!

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals

Zweimal Leonardo: Elizabeth Peyton malte den Hollywoodbeau mehrmals. Das Bild rechts gehört der Emanuel-Hoffmann-Stiftung in Basel («Swan», 1998), das links wurde an Leonardos Charity-Auktion 2013 für eine Million Dollar verkauft.

Die Sammlung: Man sieht ihn an Kunstmessen und an Auktionen, immer low-key mit Jeans und einem tief ins Gesicht gezogenen Baseball-Käppi. Man hört da und dort von seinen Käufen. Und man weiss: Zwischen Pablo Picasso, Jean-Michel Basquiat, Frank Stella, Takashi Murakami und Robert Crumb verfügt LDC über einen Kunstgeschmack, der in die Breite geht und von Qualitätsbewusstsein zeugt. Auch Werke des Shootingstars Oscar Murillo oder des schrägen Surrealisten Salvador Dalí gehören zu seiner Sammlung. Er selbst wurde mehrmals von der 52-jährigen, hoch angesehenen amerikanischen Porträtmalerin Elizabeth Peyton gemalt, eins der Porträts verkaufte sich für eine Million Dollar an der von ihm 2013 organisierten Charity-Auktion (sie hiess «The 11th Hour Sale») zugunsten seiner Umweltstiftung.

Inspirierte seine Eltern zum Namen Leonardo: der Da Vinci

Inspirierte seine Eltern zum Namen: Leonardo da Vinci.

Sein Name Leonardo fiel seinen Eltern übrigens bei einem Besuch in Florenz ein, wie er der «Wall Street Journal»-Kunstreporterin Kelly Crow mal erzählte, als sie ein Gemälde von Leonardo da Vinci sahen. Im gleichen Interview verriet der Schauspieler auch, dass sein Vater mit einer Gruppe von Avantgardezeichnern in Los Angeles befreundet war, zu der auch Robert Williams und Robert Crumb («Fritz the Cat») gehörten. Sodass der kleine Leonardo bereits in den 70er- und 80er-Jahren den Geist der künstlerischen Avantgarde bei gemeinsamen Besuchen in Ateliers und Buchhandlungen mit seinem Vater einsog.

Selbst während der Dreharbeiten zu "The Revenant" (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangt) lässt es sich Leo nicht nehmen, Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen

Selbst während der Dreharbeiten zu «The Revenant» (mit Bart und ungepflegten Locken, welche die Rolle verlangte) lässt es sich Leo nicht nehmen, die Art Basel Miami Beach 2014 zu besuchen. (Fotos: E. Liu)

Der jüngste Kauf: Jean-Pierre Roys «Nachlass». Niemand soll sagen, Leonardo würde auf Nummer sicher kaufen. An der gestern zu Ende gegangenen Armory-Kunstmesse in New York (bzw. an ihrer innovativeren Satellitenmesse Pulse) schlägt der frisch gekrönte Oscarpreisträger zu. Er kauft ein Werk von Jean-Pierre Roy, einem 42-jährigen Künstler aus Brooklyn, vertreten von der dänischen Galerie Poulsen. Das ist ein smarter Move – der gebürtige Kalifornier Roy, noch nicht sehr bekannt, doch bereits in namhaften Sammlungen vertreten (etwa bei Zabludowicz in London), ist auch Lehrer an der New Yorker Art Academy und somit ein Beeinflusser künftiger Generationen. Seine postapokalyptischen Gemälde sind starke figurative Tableaus an der Schnittstelle zwischen Malerei und expressiver Street-Art. Zudem ist der Kauf Leonardos ein leidenschaftliches Zeichen des Gefallens – er sah das Werk von jemandem auf Instagram gepostet, griff zum Telefon und sicherte es sich, bevor er die Messe besuchen konnte. Thematisch liegt es ebenfalls ganz auf der Linie des Sammlers, indem es im Titel («Nachlass», auf Deutsch, was in Amerika immer irgendwie existenziell klingt) und in der Bildsymbolik (ausgetrocknete Erde, gelbe, vielleicht giftige Dämpfe, ein menschlicher Riese, der unter dem Gewicht eines geometrisch-technoiden Gebildes zusammenzubrechen scheint) Elemente einer nahenden Umweltkatastrophe trägt. Ein Thema, für das sich DiCaprio öffentlich engagiert. Alles richtig gemacht bei diesem Kauf, Mr. DiC.

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roys «Nachlass»

Auf Instagram gesichtet, per Telefon gekauft: Leonardo DiCaprios jüngste Erwerbung, Jean-Pierre Roy, «Nachlass».

Die Abstraktion. Auch wenn man von einem Hobbykunstliebhaber erwarten würde, dass er der klaren Symbolik den Vorzug gibt, weiss Leonardo die Schönheit des Abstrakten zu schätzen. Er hat etwa tolle Werke von Frank Stella, erst letztes Jahr kaufte er bei der Galerie Marianne Boesky ein schönes Werk, «Double Gray Scramble» von 1973. Zudem sind die Werke, die er kauft, nicht irgendeine Position im Werk des jeweiligen Künstlers. Boesky etwa brachte zur Messe jüngere und populäre Stahlskulpturen Stellas. DiCaprio entschied sich aber für das frühe geometrische Werk, das durch starke Farben und minimalistische Formgebung auffällt.

 

Letztes Jahr an der Art Basel Miami beach für eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, Double Gray Scramble (1973)

Letztes Jahr an der Art Basel Miami Beach für fast eine Million Dollar gekauft: Frank Stella, «Double Gray Scramble» (1973).

Die Authentizität. Beraten von seinen Freunden, etwa den Grosshändlern Nahmad oder Mugrabi, kauft der «Great Gatsby»-Darsteller immer ganz Spezielles. Man weiss zum Beispiel, dass er an der letztjährigen Art Basel in Basel bei der Zürcher Galerie Gmurzynska die Zeichnung «Fillette» von Picasso bewundert und vielleicht auch gekauft hat, ein ungewöhnliches Werk von hoher Ausdruckskraft. Der Latino-Künstler Oscar Murillo, von einigen für eine Eintagsfliege des Kunstmarkts gehalten, muss auf DiCaprio mit seiner expressiven malerischen Geste Eindruck gemacht haben. Die Spekulation von «Vanity Fair» könnte stimmen, dass Murillos  Zeichnung «Untitled – Drawings off the Wall», die an der Phillips-Auktion «Under the Influence»  2014 den Rekordpreis von 401’000 Dollar erzielte, an DiCaprio ging. Der Kauf würde zu seiner Vorliebe für «besessene» Werke gut passen.

Pablo Picasso, «Fillette», 1939-40 (Foto: gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled - Drawings off the Wall». 2011 (Foto: phillips.com)

Pablo Picasso, «Fillette», 1939–40 (Foto: Gmurzynska.com), Oscar Murillo, «Untitled – Drawings off the Wall», 2011 (Foto: Phillips.com).

Freundschaften mit Künstlern. Wie jeder echte Sammler, pflegt DiCaprio lebenslangen Kontakt mit gewissen von ihm geschätzten Künstlern. Den amerikanischen Tiermaler Walton Ford, 56, hat er beim Besuch einer Ausstellung in Berlin entdeckt und suchte über die Galerie Paul Kasmin in New York den Kontakt zu ihm. Seither besucht der Sammler den Künstler des öfteren in seinem Atelier. Er lässt sich auch gerne vor seinen Werken fotografieren. Waltons Gemälde von Tigern verkaufte DiCaprio sehr erfolgreich an seiner Auktion der 11ten Stunde und er stellt ihn gerne seinen Millionärsfreunden vor. Erst kürzlich (Oktober 2015) hat er an einer New Yorker Auktion (sie fand zu Gunsten von gefährdeten Schildkröten statt) gemeinsam mit dem Deputy Chairman von Christie’s, Loic Gouzer, ein Werk Waltons für eine halbe Million Dollar erstanden. An der Auktion im Bowery-Hotel nahmen übrigens auch Ted Danson, Richard Branson, Patti Smith, Naomi Watts, Liev Schreiber, und Robert Kennedy Jr. teil. Indem DiCaprio vor all diesen illustren Augen das grosse Aquarell seines Freundes für einen Rekordpreis erstand, tat er ebenfalls etwas für das Ansehen des Malers in der Well-Doing-Super-Rich-Community. DiCaprio kam zum Event laut «New York Post» mit seinem üblichen Käppi, einer elektronischen Vapo-Zigarette und machte «funny faces», als der Auktionator erklärte, das Werk gehe an «den Mann mit Baseballmütze».

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Paciific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier

Im Uhrzeigersinn: Das Werk «Tigerin» von Walton Ford, sein Aquarell «Pacific Theatre», Di Caprio bei seiner Auktion der «11th Hour» und beim Besuch in Fords Atelier (Fotos: wsj.online, Christie’s)

Wie man also sieht, ist Leo nicht nur ein unerschrockener Bär-Bekämpfer, sondern auch ein ernstzunehmender Freund der Künste mit einem guten Gespür für kommende Trends. Das Online-Magazin Artnetnews zählt ihn übrigens zu den «20 innovativsten Sammlern» weltweit. Der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Andreas Gursky gehören übrigens ebenfalls zu Leos erklärten Lieblingen. Das nur so, als Tipp, falls Sie im Zweifel sein sollten, wohin mit den überzähligen Millionen.

Brenn, Bruno, brenn!

Ewa Hess am Dienstag den 12. Januar 2016

Liebe Leserinnen und Leser, ich komme auf die Eröffnung der neuen Galerie von Vito Schnabel in St. Moritz zurück. Was ist über diese doch schon geschrieben worden! Von wegen High Snobiety macht Party nicht Kunst. Stimmt aber nicht. Die Vernissage hat mich in Sachen Kunst durchaus erleuchtet. Wie könnte es auch anders sein? Über allem schwebte die Präsenz von Bruno Bischofberger – der exemplarisch vorführt, was eine unbedingte Hingabe an Kunst überhaupt bedeuten kann.

Was: Vernissage der Ausstellung von Sterling Ruby und Urs Fischer in der Galerie Vito Schnabel.
Wo: St. Moritz, Via Maistra 37
Wann: Vernissage 28.12.2015, Urs Fischer bis 31.1., Sterling Ruby bis 27.3.

Das feierliche Skulptur-Anzünden (Frau Bischofberger verbrennt sich die Hand, wahrscheinlich wegen der Foto!) Foto: fotoswisspress/Cattaneo

Das feierliche Skulptur-Anzünden. Bruno Bischofberger hinter der Figur seiner Frau, Christine Bischofberger rechts, Vito Schnabel schaut zu.  Foto: fotoswisspress/Cattaneo

Wir hier in der Schweiz sind mit dem Werk von Urs Fischer bestens vertraut, hat doch die Galeristin Eva Presenhuber den Künstler von ganz früh her vertreten. Im Kunsthaus Glarus haben wir die ersten verblüffenden Installationen des jungen Tausendsassa erlebt, und auch das Kunsthaus Zürich hat sehr früh mit einer grossen Schau von Fischer dessen Fähigkeit unter Beweis gestellt, grosse Räume mit einer sicheren Geste zu beherrschen.

Urs Fischers Augen «Strontium» und «Rubidium», Heidi Klum mischt sich still unter Vernissagengäste

Urs Fischers Werke «Strontium» (l.) und «Rubidium» (r.) , Heidi Klum mischt sich still unter die Vernissagegäste (Mitte). Foto: Hess

Gut, die brennenden Kerzenskulpturen, die Freunde des Künstlers abbilden, sind nichts Neues. Aber dadurch, dass Schnabel und Fischer mit einer solchen brennenden Skulptur Bruno Bischofberger und seine Frau Christine (die Yoyo genannt wird) ehren, machen sie alles richtig. Verdienter könnte eine solche Ehrerbietung nicht sein.

Seine erste Galerie in Zürich hat Bischofberger 1963 eröffnet, und schon wenige Jahre danach hat er hierzulande den amerikanischen Pop vorgestellt. Er zeigte Werke von Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Tom Wesselmann. Er hat etwa Warhol den grossen Sammlern vorgestellt, zum Beispiel Philippe Niarchos oder Peter Brant. Bischofberger und Brant waren die finanzielle Kraft hinter Warhols «Interview». Mit Warhol verband Bischofberger eine Art Symbiose, er hat den Künstler in vielem beraten, auch wenn es um die Ausgestaltung seiner Werke ging. Er hatte auch das Erstkaufrecht, von dem er – wenn man an seine immense Warhol-Sammlung denkt – offensichtlich oft Gebrauch machte. Vielen Künstlern in der Folge (etwa Jean-Michel Basquiat oder Vitos Vater Julian Schnabel) war er Freund, Berater, Ermutiger. Sie gingen bei ihm ein und aus, sein und Yoyos Haus war ihnen Heimat. Künstler wurden Paten von Bischofberger-Kinder, Warhol von Magnus, Jean Tinguely von Nina, die heute Architektin ist und das neue Privatmuseum von Bischofberger in Männerdorf erbaut hat.

Links: Archivfoto aus St. Moritz, Jean-Michel Basquiat (links) mit Burno Bischofberger (rechts) und einer Dame, Rechts: Die Polaroidfotos, welche Warhol machte, um ein Porträt von Yoyo Bischofberger in den 80-er Jahren zu malen

Links: Archivfoto aus St. Moritz, Jean-Michel Basquiat (links) mit Bruno Bischofberger (rechts) und einer Dame, Rechts: Die Polaroidfotos machte Warhol in den 80-er Jahren, um ein Porträt von Yoyo Bischofberger zu malen

Geboren in Appenzell, hat Bischofberger an der Uni Zürich über die Schweizer Volkskunst dissertiert — die er bis heute sammelt. Sein tiefes Verständnis für Zeitgenössische Kunst, die doch etwas Anarchisches und Ursprüngliches hat, ist in meinen Augen mit seiner frühen Begeisterung für die mythischen Volksbräuche in den Bergen verwandt.

Kein Wunder also, dass Bischofberger als einer der Ersten eine Galerie in St. Moritz eröffnete. Wenn also der Winterkurort jetzt zu einem veritablen Kraftort der Kunst erstarkt, wie man es dieses Jahr deutlich sehen konnte, hat er dies auch dem grossen BB zu verdanken. Insofern ist es eine hundertprozentig richtige Geste von Vito Schnabel, den Paten der Kunst in seiner ersten Ausstellung zu inszenieren. Der übrigens gut auch sein eigener Pate sein könnte, denn Vater Julian Schnabel war ein Künstler der Galerie und ein oft gesehener Gast und im Haus der Bischofbergers, so dass der junge Schnabel von klein auf den Galeristen kannte und – wie er mir sagte, sehr bewunderte.

Die Skulptur und die Realität: Bischofbergers mit ihrem wächsernen Konterfei, die Hand mit dem Eiswürfel

Die Skulptur und die Realität: die Hand von Christine Bischofberger in Wachs (l.) und in echt mit dem Eiswürfel (r.), Bruno Bischofberger lächelt seinem Konterfei zu (Mitte), Julian Schnabel mit Hut. Foto: Hess

Bischofberger hat das Gaudi um «seine» Skulpturenkerze («Bruno & Yoyo») an der Eröffnung sichtlich genossen. Er war etwas lädiert, darum sass er mitsamt seinen Krücken nahe an der Skulptur und lächelte glückselig, so dass man beinahe meinte, auch über seinem Gesicht würde ein schimmernder Regenbogenschein liegen. Urs Fischer hat die Skulptur des Ehepaars in einen solchen getaucht – wohl eine Anspielung an die in alle Arten von Regenbogen verliebte Pop Art. Frau Yoyo passierte ein Missgeschick – sie hat sich beim feierlichen Anzünden ihres Mannes die Hand verbrannt. Sie gab allen darauf ein kaltes Händchen zum Gruss, in der sie einen Eiswürfel schmelzen liess, um die Verbrennung zu lindern.

Die neuen Bilder von Fischer – dick mit pastoser Farbe übermalten und danach wieder fotografisch wiedergegebenen Augen – konnten dem kleinen Raum jene Intensität verleihen, die der Künstler immer sucht. Sie behaupteten sich auch inmitten des grossen Vernissagegedränges. Das Schauen und das Malen – zwei komplementäre Akte, die jedem menschlichen Wesen tief vertraut sind, zu einer starken Chiffre verdichtet – Urs Fischer at his very own.

Sterling Rubys Werk «Stove» vor dem Hotel Kulm (M.), Vito Schnabel mit seinem Künstler Ruby (l.), Der Galerist fotografiert die Installation seines Künstlers (r.)

Vito Schnabel mit seinem Künstler Sterling Ruby (l.), Rubys Werk «Stove» vor dem Hotel Kulm, der Galerist fotografiert hingebungsvoll die Installation seines Künstlers (r.)  Fotos: FSP/Cattaneo, Hess

Sterling Ruby, 42, ein amerikanischer Shooting Star aus Pasadena, hat auf eine ähnliche Feldherren-Art mit seinen Öfen («Stoves») vor dem Hotel Kulm den Vogel abgeschossen (Disclaimer für Tierschützer: das ist nur eine Redewendung!). Zwei grobe Gesellen sind diese, gleichzeitig Skulpturen und brauchbare Holzöfen, aus Eisen in Form gegossen und mit hohen Kaminen ausgestattet. Darin brannte an der Vernissage ein Feuer – gleichzeitig bedrohlich wie wärmend, weckten diese schwarzen Ungetüme archaische Gefühle inmitten der Bergwelt. Man konnte glatt all die Luxushotels rundum vergessen.

Bob Colacello und This Brunner, Vito Schnabel und Heidi Klum Foto: Hess, FSP/Cattaneo

Vanity-Fair-Autor Bob Colacello und der Zürcher Kinopionier This Brunner, Vito Schnabel und Heidi Klum Foto: Hess, FSP/Cattaneo

Im Vorfeld der Vernissage gab es viel Klatsch über die Braut des Galeristen, Heidi Klum, sie war auch da, aber nicht nur. Auch viele andere interessante Gäste kamen, solche, die kraft ihres Geistes aus der Masse hervorstechen. Etwa der Vanity-Fair-Autor Bob Colacello, dem die gegenwärtige Präsidentschafts-Kampagne in den USA das Republikanersein vermiest – er schämt sich für einen der Kandidaten. Do I need to say more? Oder der Choreograf William Forsythe, dessen Tochter Sara die Galerie leitet. Die Schauspielerin Maria Furtwängler kam etwas später und Urs Fischer war da, auch wenn er sich – wie so oft – nicht unter die Vernissagegäste mischte. Ich kann ihn gut verstehen – die Rolle des Künstlers an der eigenen Vernissage ist immer etwas heikel. Was sollen denn die Gäste anderes als ihn loben? Jedenfalls: ich hätte, und zwar nicht nur aus Höflichkeit.

Sterling Rubys «Stoves» vor der grandiosen Bergkulisse

Sterling Rubys «Stoves» vor der grandiosen Bergkulisse. Foto: FSP/Cattaneo