Beiträge mit dem Schlagwort ‘Thomas Sauter’

Fliegt, Schmetterlinge!

Ewa Hess am Dienstag den 9. September 2014

Leute! Von Zürich nach Rapperswil, das ist doch keine Distanz! Zwischen der West Bronx und Brighton Beach in New York etwa liegt eine höhere Anzahl Kilometer, von der Dichte des Verkehrs schon gar nicht zu reden. Dafür ist es ein Hauch von Williamsburg, was man in Rappi in der letzten Zeit wahrnimmt. Williamsburg, also jenem New Yorker Quartier, in dem sich Studenten und Welterfinder tummeln. Hier wie dort schnuppert man «the shape of things to come».

Wann: Samstag, 6. September 2014
Wo: Rapperswil, Alte Fabrik
Was: Gruppenausstellung junger Szene: «Courting Aporia», bis 26.10.

Allein schon die Alte Fabrik ist ein Ort mit cooler Vergangenheit. Es ist die alte Fabrikationsstätte der Firma Geberit, also hier wurden bis 1962 die Spülkästen für Klos hergestellt. Ich weiss, mein Vorschlag kommt zu spät, aber etwas mit Klo im Namen wäre auch nett gewesen. Zum Beispiel «Loo factory»? Vielleicht zu britisch. Aber ich erinnere daran, dass Maurizio Cattelans Kultzeitschrift «Toiletpaper» heisst. Jedenfalls, 1988 hatte Jörg Gebert, der Enkel des Geberit-Gründers, die Idee, in dem stillgelegten Fabrikgebäude ein Kulturzentrum einzurichten. Dann gründete die Familie Gebert die Gebert-Stiftung für Kultur. Und dann hat Stiftungspräsidentin Christa Gebert 2006 den Kurator ins Leben gerufen,  eine Spielwiese für Jungkuratoren.

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Altefrabrik in Rapperswil

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Alte Fabrik in Rapperswil SG.

Mit Fredi Fischli und Niels Olsen sind zurzeit zwei mit viel Punch am Ball. Sie haben bisher Anregung für die Zukunft in der Vergangenheit gesucht und sich mit dem Kuratoren-Altmeister Bob Nickas zusammengetan (Giovanni Pontano berichtete für Private View hier). Doch jetzt wagen sie den direkten Schritt in die Zukunft. Und machen Platz für eine Generation, die so jung ist, dass die beiden Jungtürken Fischli/Olsen ihnen gegenüber fast schon onkelhaft auftreten dürfen. «Mikrogeneration» nennt das Fischli, weil die Generationen in unserer hyperbeschleunigten Gegenwart so schnell aufeinander folgen. Zwei, fünf Jahre später und schwups, alles ist anders.

Den Blick von aussen liefert die New Yorkerin Lola Kramer, zwar selbst eine Angehörige der aufstrebenden Generation 20+, doch in Zürich wie eine Forscherin im unbekannten Land unterwegs. Sie hat eine dichte Szene von coolen Offspaces geortet und aus ihrem Programm die riesige Ausstellung husch, husch zusammengestellt, wunderbar unprätentiös.

Kuraotrin Lola Kramer wird vom Künstler Mayo in der Kunst unterwiesen, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen

Künstler Mayo unterweist Kuratorin Lola Kramer in der Kunst, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen.

Als Lola vor wenigen Monaten nach Zürich kam, wohnte sie in der Wohnung von Pamela Rosenkrantz, die uns im kommenden Jahr an der Biennale in Venedig vertreten wird. Und sie war von der Zürcher Szene so begeistert, dass sie sofort eine Ausstellung in der besagten Wohnung veranstaltet hat. Die hiess «How do you solve a problem like Maria». Ich weiss nicht, ob Sie sich an den Film «The Sound of Music» erinnern mögen? Und die kleine ungehorsame Nonne, die alle zum Lachen brachte? Das war Maria. Eine Träumerin und ein Wildfang, und die Nonnen sangen über sie diesen sentimentalen Ohrwurm. Ach.

Wolkenfänger, Mondanhalter, junge Schmetterlinge, die gerade ausgeschlüpft sind: Das sind auch diese Jungen, die gerade in Rappi ausstellen. «Courting Aporia» nennt Lola diese Schau. Weil Aporia der lateinische Name eines Schmetterlings ist (des Baum-Weisslings, wenn Sie es genau wissen wollen). Aber auch weil Aporie als philosophischer Begriff (laut Duden) folgendes bedeutet: «Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen, da Widersprüche vorhanden sind, die in der Sache selbst oder in den zu ihrer Klärung gebrauchten Begriffen liegen».  Die Welt kann der Generation, die gerade neu dazukommt, schon manchmal wie ein verdammtes Rätsel vorkommen.

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina vor ihrem Objekt «Untitled»

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», das Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina neben ihrem Objekt «Untitled»

Diese hier gezeigte Kunst, ein Rundgang zeigt es, ist eine erste These. Noch fragil, manchmal auch unausgegoren, wenn auch schon manchmal von einer stupenden formalen Sicherheit wie etwa die Tuch-Bilder von Thomas Sauter. Der Churer, von dem wir auch schon berichtet haben, ist mit 30 Jahren schon etwas älter als die meisten hier und konnte mit seinen virtuosen Objekten aus gespannten Tüchern bereits internationale Anerkennung erobern. Er gehört zum Umkreis des Offspace Plymouth Rock, dessen Betreiber Mitchell Anderson auch selber ein Künstler ist. Sein Objekt ist eine gestickte Inschrift, die aber von der Rückseite her präsentiert wird. Schon wieder so ein  Rätsel. «Good luck», ruft mir der Künstler ironisch zu, als er sieht, dass ich vor dem Werk die Stirn in Denkfalten lege.

Künstler, Kuratoren, sie sind alle ein bisschen alles. Das ist typisch für diese Generation, die genug vom künstlerischen Ego-Trip hat und verschworene Communitys bildet. Offspaces Up State, Muda Muramuri oder Taylor Macklin sind hier vertreten. Und es gibt nicht wenige Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa die «singenden Abfallkübel», eine effektvolle Soundinstallation von Marc Hunziker, Tim Eicke, Mayo & Friends sowie Rafal Skoczek. Werke tauschen, einander unterstützen, gemeinsam Installationen entwerfen – das ist das Credo der Youngster.

Es ist eine Generation, die sich Sorgen um die Welt macht – wie Marc Asekhame, der mit seinem Netzbild «Nana Benz» den Export von in Holland hergestellten Stoffen der Firma Vlisco nach Westafrika thematisiert. Auch ein Zinnobjekt von Tina Braegger, das an die wahrsagenden Figürchen erinnert, die man am Sylvester ins kalte Wasser giesst, wirkt unbehaglich. Ist es ein Püppchen oder ein Mutant? Die junge Künstlerin,   eine der interessanteren Figuren ihrer Generation, lächelt ihrer kleinen Tochter zu. Die Verantwortung ereilt diese jungen Schmetterlinge schneller, als sie es seinerzeit bei den Wohlstandskindern der Seventies tat.

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Adressen

*ALTEFABRIK
Klaus-Gebert-Strasse 5
CH-8640 Rapperswil-Jona

Up State
Flüelastrasse 54, 8047 Zürich
Up-State on www.facebook.com

mudamuramuri
Badenerstrasse 415, 1. Floor
newsletter@mudamuramuri.ch
www.mudamuramuri.ch

Taylor Macklin
Mühlezelgstrasse 24, 8047 Zürich
www.taylormacklin.com

In Rufdistanz zum Löwenbräu

Ewa Hess am Sonntag den 27. April 2014
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Ein Blick in die Ausstellung von Thomas Sauter bei Karma International

Beitrag von Giovanni Pontano

Zwei der spannendsten – wenn nicht die spannendsten – jungen Galerien in Zürich haben vor zwei Wochen bzw. letzten Freitagabend nahe des Löwenbräu-Areals mit neuen Schauen eröffnet: erst Karma International in Wipkingen mit Thomas Sauter, einem jungen Schweizer Maler, der eine Art Pattern Paintings schafft. Der erste Blick sagt, dass da einer aus der 50-er oder 60-er-Jahre Schule kommt, Action-Painting in Reinkultur. Aber da ist ein ganz eigener Umgang mit Mustern, die man etwa in der U-Bahn auf Sitzpolstern findet, da wo heute wirklich High and Low zusammen findet. Und seltsam ästhetisch sind die Werke, einzeln und erst richtig in Serie. Jedenfalls habe ich eine Art Camouflage Painting von Sauter erworben, wunderbar eigen und doch voller Zitate. Andy Warhol und Alighiero Boetti lassen grüssen. An der Vernissage selbst war die aktuelle Szene fast vollständig vertreten und danach gab’s Pizza im High and Low Lokal an der nahegelegenen Limmat. Ganz Pattern eben.

Und am vergangenen Freitag hat Galerie Raeber von Stenglin an der Pfingstweidstrasse nachgezogen und die erste Schau der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Jill Magid vorgestellt. Die Künstlerin selbst führt erst ihr Baby im Hof spazieren und dann ganz selbstbewusst mit haufenweise Erklärungen durch die Ausstellung. Schon im letzten Sommer hat sie an der ArtBasel im tollen outdoor-Programm mit dem Namen «Parcours» eine Brunnenskulptur von Luis Barragàn gebaut (Achtung appropriation art!); – nun schlägt sie den Bogen weiter zu Josef Albers und dessen «Homage to the square». Albers bewunderte Barragàn, beide waren sie Meister der Farbe, und Jill Magid verehrt sie beide. Also wieder: Zitate über Zitate und dennoch eigenständige neue Werke, mit Sorgfalt, Genauigkeit und einer grossen Portion Nonchalance präsentiert, ganz jung und frisch, nur die Preise sind schon sehr arriviert; – doch halt, wir schreiben primär über Kunstgenuss, erst in zweiter Linie über den Kunstmarkt. Das Publikum: Sie erraten es, junge Szene, Künstler und Insider. Ein Anlass in einer der letzten alten Industriebrachen im Quartier, den man um des Inhalts willen besucht und nicht, um sich bei einem Cüpli darüber zu unterhalten, ob der Zürcher Hafenkran Kunst ist oder eben doch nicht (ich meine nein).

Was ich neben diesem Einblick in zwei Einzelschauen sagen möchte: In Rufdistanz zum im letzten Jahr eröffneten noch einmal grösseren und schickeren Löwenbräu besteht eine ganz eigenständige Galerienszene mit einem erstklassigen jungen Programm. Schon ganz schön arriviert, selbstbewusst, aber nicht abgehoben, sorgfältig kuratiert und mit Künstlern, die sich (auch) auf internationalem Parkett zu bewegen wissen. Es kommt mir der Gedanke, dass es den Galerien sogar gut tut, die Rufdistanz, so wie sie ist, aufrecht zu erhalten. Und uns auch.

Karma International, Hönggerstrasse 40, im Einkaufscenter Wipkingen, 8037 Zürich
Raebervonstenglin, Pfingstweidstrasse 23 / Welti-Furrer Areal, 8005 Zürich

Jill Magid, Homage to a Square, After Josef Albers, 2014, Photo: Paul McGeiver | Barragan House living room, Photo: Alberto Moreno

Jill Magid, Homage to a Square, After Josef Albers, 2014, Photo: Paul McGeiver | Barragan House living room, Photo: Alberto Moreno